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JHK 2011

Inhaltsverzeichnis

JHK 2011

Im Schatten seiner Frau. Das Schicksal des Moskauer Politemigranten Valentin Hahne

Andreas Herbst

2008 veröffentlichte der Historiker Werner Reutter eine biografische Skizze über jene Frau, in deren politischen Schatten Valentin Hahne zeitlebens stand.1 Margarete Hahne, geborene Lux, gehörte vor 1933 zu den wenigen Frauen, die in der männerdominierten KPD Führungsaufgaben übernahmen. Auf dem XII. Parteitag der KPD im Juni 1929 war die Breslauer Funktionärin in das ZK aufgenommen worden. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten flüchtete sie und kämpfte von der Tschechoslowakei, später von Frankreich aus gegen das NS-Regime.2 In einem im Frühjahr 2010 geführten Gespräch mit Susanne Pfenner, der neunzigjährigen Tochter von Margarete und Valentin Hahne, wurde ich von ihr auf das bisher unbekannte Schicksal ihres Vaters aufmerksam gemacht, über das hier berichtet werden soll.3 Der am 9. Februar 1892 in Breslau als Sohn eines Zigarrenmachers geborene Valentin Hahne absolvierte nach der Volksschule eine kaufmännische Ausbildung, lernte Englisch und arbeitete für ein amerikanisches Versicherungsbüro. Schon als Kind kam er mit der revolutionären Bewegung in Berührung, über seinen Vater schrieb er, dass dieser sich mit Stolz als »Pionier des Sozialismus« bezeichnet habe. Zusammen mit seinem Bruder sammelte Valentin Hahne Steine für das Breslauer Gewerkschaftshaus und erhielt als Auszeichnung ein Buch der legendären Kämpferin der Pariser Kommune Luise Michel.4 Zunächst im Handlungsgehilfenverein, später im Zentralverband der Angestellten organisiert, gehörte er seit 1910 der SPD an und warf sich bei Kriegsausbruch der nationalistischen Welle entgegen. Am ersten Tag der Mobilmachung blieb er beim Singen des Deutschlandliedes im Breslauer Restaurant »Pariser Garten« demonstrativ sitzen und wurde von der kriegsbegeisterten Menge beschimpft und aus dem Lokal geworfen. Im November 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, nahm er bis 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Als aktiver Kriegsgegner leistete er antimilitaristische Arbeit, agitierte unter den Soldaten und wurde bereits 1915 wegen des Vorwurfs der Selbstverstümmelung vor ein Kriegsgericht gestellt. Valentin Hahne hatte sich den rechten Zeigefinger abgeschossen. Mangels Beweisen wurde er nicht verurteilt und kam als felddienstuntauglich in die Einheit nach Brest-Litowsk. Hier setzte er seine Antikriegsarbeit fort, gehörte während der Novemberrevolution dem Soldatenrat an und wurde Mitglied der USPD. Im Februar 1919 schloss er sich der gerade gegründeten KPD an und arbeitete bei der Zeitung Kommunist in Breslau. Margarete Lux, die er in Brest-Litowsk kennengelernt hatte und die er für die Antikriegsarbeit gewann, wurde seine Lebensgefährtin. Am 12. September 1919 heirateten sie, im Februar 1920 wurde die gemeinsame Tochter Susanne geboren. In den nachrevolutionären Kämpfen im Januar 1919, den oberschlesischen Aufständen sowie beim Kapp-Putsch 1920 stand Valentin Hahne immer an vorderster Front. Zusammen mit Werner Hirsch5 befand er sich von Juni bis August 1919 in »Schutzhaft« auf der Festung Glatz. Nach eigener Aussage entging er bei der Abwehr des Kapp-Putsches in Breslau im Frühjahr 1920 dem Tod durch Flucht. Damals wurden zwölf Kommunisten in Breslau ermordet.6 Als Angestellter eines Vermittlungsbüros für Wohnungen hatte er, so schrieb er, ausreichend Zeit, für den Apparat der KPD-Bezirksleitung Schlesien vornehmlich im Bereich von Agitation und Propaganda zu arbeiten. Er war u. a. Agitpropleiter im Unterbezirk Breslau Süd und half beim technischen Aufbau der Breslauer Sektion der politischen Hilfsorganisation »Rote Hilfe Deutschlands« (RHD) und anderer KPD-naher Organisationen. Hahne war aber nicht nur technischer Angestellter. In einem 1936 in Moskau verfassten Lebenslauf über die innerparteilichen Auseinandersetzungen berichtet er: »1927 begannen die Kämpfe mit den Brandleristen, wir hatten mit Hausen, Gläser etc. heftige Auseinandersetzungen, mitunter sogar blutige. Dabei ging auch meine Freundschaft mit einem Betriebsrat eines großen Metallbetriebs in die Brüche. Mit dem ich 1 ½ Jahre lang eine illegale Betriebszeitung in unserer Wohnung herstellte, für die 500 Mark Belohnung ausgesetzt waren. Unsere Wohnung war überhaupt Sammelpunkt für alles mögliche: illegale Versammlungen, Theater- und Gesangsübungen u. unvorsichtigerweise auch Zufluchtsort für pol. Flüchtlinge, ganz besonders zur Zeit als Grete die R. H. Schlesiens leitete und den R.F.M.B.«7 Margarete Hahne gehörte in Schlesien zu den bekanntesten Frauen der KPD. Sie war 1926 Mitbegründerin des »Rote Frauen und Mädchenbundes« (RFMB) und stand dem Bund in Schlesien vor. Seit 1928 gehörte sie der Bezirksleitung (BL) der KPD an und leitete die Frauenarbeit. Im gleichen Jahr kandidierte sie für den Preußischen Landtag, wurde jedoch nicht gewählt, dafür kam sie in die Stadtverordnetenversammlung von Breslau. Im Sommer 1929 übersiedelte die Familie nach Berlin. Margarete Hahne war im Juni 1929 in das ZK der KPD gewählt worden und arbeitete zunächst als Reichssekretärin bei der »Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen« (ARSO). Valentin Hahne begann als technischer Angestellter im Apparat des ZK. Von nun an war er verantwortlich für die dekorative Ausgestaltung des Karl-Liebknecht-Hauses sowie großer KPD-Veranstaltungen u. a. im Lustgarten, im Sportpalast, in der Versammlungsstätte »Neue Welt« im Berliner Bezirk Neukölln, den Sophiensälen im Handwerkervereinshaus, im Saalbau und in den Sälen am Märchenbrunnen im Bezirk Friedrichshain. In Funktionärskreisen war er unter dem Namen »Maler-Willy« als Haus- und Versammlungsdekorateur des ZK und der BL Berlin-Brandenburg bekannt und arbeitete u. a. eng mit dem Grafiker Max Keilson8 zusammen, der für die gesamte Bildpropaganda der Partei verantwortlich war. Gleich zu Beginn seiner Berliner Zeit unterstützte Hahne Ewald Blau (d. i. Karl Thoma, d. A.) im Berliner Unterbezirk Nordost beim Wahlkampf für die Stadt- und Bezirksverordnetenwahlen vom Herbst 1929.9 Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten zogen die Hahnes von Reinickendorf nach Prenzlauer Berg, in die Czarnikauer Straße 14. Margarete Hahnes Arbeitsplatz, die Geschäftsstelle der ARSO, befand sich im Gebäude des Reichstages. So wurde sie unmittelbar nach dem Reichstagsbrand von der politischen Polizei verfolgt. Da sie zu dem Zeitpunkt gerade für die KPD Wahlkampf in Eschwege und Nordhausen machte, entging sie jedoch der drohenden Festnahme. In den folgenden Wochen und Monaten lebte sie unter falschem Namen und hielt sich u. a. im Rheinland auf. Am 13. September 1933 entdeckte die Gestapo ihre neue Wohnung in der Czarnikauer Straße. Susanne Pfenner erinnerte sich 1963: »Doch im September 1933 stand eines Tages die Gestapo vor der Tür. Meine Mutter war nicht zu Hause. Mein Vater und ich waren gerade dabei, illegale Flugblätter auf einer Matrize abzuziehen. Alles wurde sofort beschlagnahmt und die Wohnung durchsucht. Ich konnte währenddessen heimlich entwischen und paßte meine Mutter an der S-Bahn ab, um sie zu warnen.«10 Nacheinander emigrierten die Hahnes im September 1933 in die Tschechoslowakei. Hier trennten sich ihre Wege dann endgültig. Margarete Hahne wurde als Funktionärin des ZK unter dem Decknamen Herta Hilbert Mitarbeiterin im Grenzapparat der KPD und versuchte Verbindungen zu Textilbetrieben in Sachsen, Thüringen und Nordbayern herzustellen. Sie reiste einige Male illegal nach Deutschland und organisierte Kurierdienste und Materialtransporte. Ab Anfang 1936 setzte sie diese Tätigkeit von Asch und Eger aus fort. Erst 1940 fand die Gestapo heraus, dass sich hinter dem Namen Herta Hilbert Margarete Hahne verbarg und nicht, wie sie lange annahm, die ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete Maria Blum.11 Dies geht aus einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 16. September 1940 hervor: »Bei der angeblichen Herta Hilbert handelt es sich in Wirklichkeit um die Stenotypistin und Kommunistin Margarete Hahne, geb. Lux, 21. 7. 98 Dresden [gemeint ist Breslau, d. A.] Diese hat bei ihrer illegalen Arbeit die Decknamen ›Hanna‹, ›Tante Hannchen‹, ›Grete‹ und ›Gertrud‹ geführt.«12 Auch Valentin Hahne setzte seine Arbeit gegen das NS-Regime fort. Vom tschechischen Reichenberg aus organisierte er die Herstellung und Verbreitung antifaschistischen Propagandamaterials, wie der Flugschrift Das rote Dorf. Am 23. April 1934 wurde er durch die dortige Polizei festgenommen und zu sechs Monaten schwerem Kerker verurteilt. Einer Ausweisung nach Österreich entzog er sich allerdings durch seine Flucht aus der Haft nach Prag. Dort lebte er unter dem Namen Willi Lux. Von Kladno aus setzte er die antifaschistische Arbeit gegen das NS-Regime fort, wurde 1935 erneut verhaftet, jedoch konnte er nach acht Monaten Untersuchungshaft in Prag und einem Hungerstreik die Entlassung erwirken. Der erneut drohenden Ausweisung kam die Einreisegenehmigung in die Sowjetunion zuvor. Am 22. November 1935 traf Valentin Hahne in Moskau schwer magen- und nervenkrank ein. Hier sah er seine Tochter Susanne wieder, die bereits seit Frühjahr 1934 in der Sowjetunion lebte und dort die Schule besuchte. Als Politemigrant von der »Internationalen Roten Hilfe« (IRH, russisch: MOPR) anerkannt, weilte er von Ende 1935 bis Februar 1936 zur Kur auf der Krim. Anschließend fand er Arbeit als Dekorateur in der Verlagsanstalt ausländischer Arbeiter. Aus den überlieferten Dokumenten seiner Moskauer Kominternakte geht hervor, dass er sich sehr um die Einreise seiner Frau bemühte und auch um sein eigenes Verbleiben in Moskau kämpfte. Wiederholt schrieb er an die Führung der deutschen Sektion beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI). In einem Schreiben Hahnes vom 21. November 1935 heißt es: »Am 20. Oktober waren es bereits zwei Jahre, daß ich mich von meiner Frau verabschiedete. Ihr werdet es deshalb verstehen können, daß mein Wunsch, endlich wieder einmal meine Frau zu sehen, nicht allzu unbescheiden ist.«13 In einem persönlichen Brief an Wilhelm Pieck vom Dezember 1935 schilderte er ihm seine Situation und bat diesen, sich bei der MOPR dafür einzusetzen, dass er die ihm versprochene Stelle beim Klub der Ausländischen Arbeiter in Moskau annehmen könne und nicht aus Moskau ausgewiesen werde. Die Leitung der deutschen Sektion beim EKKI holte diverse Einschätzungen und Charakteristiken von einstigen Weggefährten Hahnes aus seiner Berliner Zeit ein, die sehr unterschiedlich ausfielen. Für einige war Hahne lediglich der Dekorateur des ZK, der nur durch seine bekannte Frau Zutritt ins Karl-Liebknecht-Haus erhalten hatte. Andere glaubten sich nicht mehr an ihn erinnern zu müssen.14 Eine Einreise Margarete Hahnes wurde zunächst abgelehnt, da sie angeblich als Kader für die illegale Arbeit gegen das NS-Regime von der Tschechoslowakei aus gebraucht werde. Im September 1936 wurde überlegt, ob Valentin Hahne in die Tschechoslowakei ausreisen sollte, da, so Grete Wilde,15 Referentin in der Kaderabteilung der deutschen Sektion beim EKKI, Margarete Hahne keine Einreise in die Sowjetunion bekomme. Hahne selbst, so Grete Wilde weiter, sei auf keinen Fall so gefährdet, dass er in der Sowjetunion bleiben müsse. Am 19. März 1937 informierte der Referent der Kaderabteilung der deutschen Sektion Albert Müller (d. i. Georg Brückmann, d. A.)16 darüber, dass die deutsche Vertretung beim EKKI die Einreise von Margarete Hahne bei der MOPR beantragt habe und führte u. a. aus: »Mit dem Gen. Walter Ulbricht und dem Gen. Degen [d. i. Hermann Nuding, d. A.]17 habe ich über Hahne, G. [Grete] gesprochen, sie können nichts negatives im Gegenteil nur gutes sagen. Sie befürworten die Einreise.«18 Was letztlich den Ausschlag gegeben hat, dass es nicht zu einer Einreise von Margarete Hahne in die Sowjetunion kam, konnte nicht geklärt werden. Dass die Eheleute aber fest davon ausgingen, belegt ein Brief Margarete Hahnes an ihren Mann vom 22. März 1937. Hier schreibt sie: »Jedenfalls stelle ich mich auf die Reise ein, werde schon meine Sachen alle in Ordnung bringen, damit ich, wenn es soweit ist, abrutschen kann. Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie mir zumute ist. Ich zittere direkt und kann gar nichts richtiges anpacken, so groß ist die Freude.«19 Valentin Hahne muss irgendwann festgestellt haben, dass die Einreise seiner Frau immer unwahrscheinlicher wurde. Hinzu kam, dass die Angst, in das Räderwerk der Verhaftungen zu geraten, unter den Emigranten immer stärker wurde. Im Juni 1937 stellte er den Antrag, nach Spanien zu reisen. Er schreibt: »Ich habe den Wunsch, recht schnell nach Spanien zu kommen, um praktisch meine proletarische Pflicht zu erfüllen. Bin Motorradfahrer, ehemaliger Kriegsteilnehmer von 1914–1918 mit 98er Gewehr ausgebildet u. glaube, dass es mir trotz meiner Jahre (45) nicht allzu schwer fallen wird, den heutigen Anforderungen an einen Frontsoldaten nachzukommen.«20 Margarete Hahne hingegen reiste 1938 zunächst nach Kopenhagen, dann nach Frankreich, wo sie weiter im Auftrag der Pariser KPD-Leitung arbeitete. Sie lernte in Paris den kommunistischen Emigranten Karl Kauschke21 kennen und stieß zum Kreis um Willi Münzenberg.22 Nach dessen Ausschluss aus der KPD ging auch Margarete Hahne immer mehr auf Distanz zur offiziellen KPD-Politik. Als sie wenige Tage nach dem Hitler-Stalin-Pakt zusammen mit ehemaligen KPD-Reichstagsabgeordneten und andere Funktionären einen »Offenen Brief« gegen diesen Pakt in der Münzenberg’schen Zeitschrift Zukunft unterschrieb, unternahm die KPD-Leitung in Paris den Versuch, Margarete Hahnes Anerkennung als politischer Flüchtling zu vereiteln.23 Bei Ausbruch des Krieges verhaftet, kam sie für zwei Monate in das Gefängnis von Versailles. Von 1940 bis 1943 hielt man sie im Lager Gurs in Südfrankreich fest, wo ihr mitgeteilt wurde, dass sie aus der KPD ausgeschlossen worden sei. Von 1943 bis 1945 war sie in Yenne interniert. Die Situation für den in Moskau lebenden Valentin Hahne wurde derweil immer schwieriger. In einer Kurzinformation von Dietrich (d. i. Paul Jäkel, d. A.)24 vom 16. Januar 1938 hieß es über ihn: »Die Sowjetbürgerschaft November 1935 und das zweite Mal im August 1936 beantragt. Die Aufenthaltsgenehmigung ist bis 11.1. 38 gelaufen. Zurzeit läuft die Verlängerung. Wirtschaftlich geht es ihm nicht gut. Er lernt zur Zeit Dreher im Betrieb »Krasni Proletari« und verdient monatlich 115 Rubel. Wohnung hat er keine, zurzeit in Notquartier […] Er war monatelang ohne Unterstützung und ohne Arbeit und hat keine Kleidung […] Mitglied der Partei seit Februar 1919. Beiträge bezahlt bis Dez. 1937. Er spricht ziemlich perfekt englisch und kann perfekt Stenographie und Schreibmaschine. Im Sommer 1937 hat er bereits ein Gesuch bei der Partei eingereicht, um in Spanien aktiv beim Kampf gegen den Faschismus teilzunehmen. Er hat den größten Wunsch, sofort nach Spanien abzufahren. Beziehungen nach dem Ausland, nach Deutschland sowie Beziehungen zu Verhafteten hat er keine.«25 Zuletzt arbeitete Hahne als Gehilfe der Rohrlegerbrigade in der Moskauer Leninbibliothek, bevor ihn am 21. Februar 1938 früh um 2.00 Uhr das NKWD verhaftete. Wie viele andere deutsche Emigranten wurde er der Spionage für Deutschland bezichtigt. Einige Zeit saß er im Taganka-Gefängnis, dann im Butyrki-Gefängnis und wurde unter anderem von Walter Dittbender belastet.26 Hahne berichtete später, dass Dittbender bei der Gegenüberstellung am 17. November 1938 kaum noch zu erkennen war, so sehr war er misshandelt worden. Einer kleinen Mitteilung aus Hahnes Kaderakte zufolge sei sein Betragen im Gefängnis sehr gut gewesen und außerdem habe der Genosse Bettin (d. i. Otto Bettien, d. A.) berichtet, dass Hahne und Bloch (d. i. Arnold Klein, d. A.) unschuldig seien. Anfang Januar 1940 wurde Hahnes Verfahren eingestellt und seine Ausweisung nach Deutschland verfügt. Am 24. Januar 1940 in Brest-Litowsk den deutschen Behörden übergeben, gelangte er über die Stationen Biala und Lublin nach Berlin. Beim ersten Verhör am 2. Februar 1940 in Lublin machte Hahne lediglich Aussagen zu seiner Person und wurde dann nach Berlin überführt. Am 30. März 1940 schilderte er gegenüber der Gestapo ausführlich seinen Lebensweg, berichtete über die Flucht aus Deutschland und den Aufenthalt in der Tschechoslowakei. Detalliert äußerte er sich über seine Situation in Moskau vor und nach der Verhaftung.27 Im Ergebnis dieser umfassenden Aussagen wurde er am 1. April 1940 mit Auflagen aus der Haft entlassen und fand wenig später Arbeit als Buchhalter bei der »Rothenburger Lebensversicherung«. Später als Bürovorsteher tätig, versetzte man ihn ab September 1943 als Buchhalter zur Handelsgesellschaft Ost, die dann nach Steinschönau (Sudeten) verlagert wurde. Den drängenden Nachfragen der Gestapo nach dem Verbleib seiner Frau entzog er sich dadurch, dass er sich offiziell von ihr scheiden ließ und am 23. September 1944 die Ehe mit Martha Dehmel einging. Durch sein schweres Magen- und Nierenleiden gezeichnet, erlebte er das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus in Steinschönau und kehrte im Juni 1945 nach Berlin zurück. Im April 1946 stellte er den Antrag auf Anerkennung als »Opfer des Faschismus«. Er verschwieg nicht, dass er in der Sowjetunion verhaftet wurde, im Gegenteil er schrieb: »Ebenso wie die anderen Genossen wurde ich wegen § 58 angeklagt. Zu einem Prozeß ist es nicht gekommen, immer nur Untersuchungen. Anfang Januar 1940 wurde mir mitgeteilt, daß das Spionageverfahren gegen mich eingestellt sei, ich aber nach Deutschland ausgewiesen werde. Auf meine Frage, ob dies die Anerkennung für 19 Jahre revolutionäre Tätigkeit sei, wurde mir achselzuckend geantwortet: Çto delat´ – Es ist, wie es ist.«28 Die freiwillige Erwähnung seiner Festnahme durch das NKWD und der anschließenden Auslieferung nach Nazi-Deutschland sowie Denunziationen aus dem Verwandtenkreis Hahnes verschleppten die Bearbeitung des Antrages auf Anerkennung als »Opfer des Faschismus«. Der Weddinger Bezirksausschuss »Opfer des Faschismus« sah sich nicht imstande, die Anerkennung auszusprechen und leitete den Antrag schließlich dem Hauptausschuss zu. Dieser wandte sich an Sepp Miller29 vom SED-Zentralsekretariat und bat um eine eingehende Überprüfung des Falles. Während dieser verstarb Valentin Hahne am 17. März 1947 in Berlin. In einer Mitteilung der Abteilung Personalpolitik des Zentralsekretariats der SED vom 13. Mai 1947 an den OdF-Hauptausschuss hieß es lakonisch: »Wie wir bei Überprüfung der Angelegenheit erfahren haben, ist der Obengenannte inzwischen gestorben. Damit dürfte sich eine weitere Nachprüfung erübrigen.« Valentin Hahnes erste Frau Margarete, in deren Schatten er immer gestanden hatte, konnte erst durch Vermittlung französischer Gewerkschafter Anfang 1946 nach Deutschland zurückkehren. Karl Kauschke hingegen, den sie in der Emigration kennengelernt hatte und mit dem sie später zusammenlebte, wurde wie sie in Frankreich interniert und im Juni 1943 der Gestapo übergeben. Nach seiner Entlassung aus der Haft wurde er im März 1944 als Schweißer zur Firma Arado in Potsdam-Babelsberg dienstverpflichtet. Unmittelbar nach Kriegsende von der sowjetischen Besatzungsmacht in Potsdam als Dezernent für Post, Telegrafie und Verkehr eingesetzt, wurde er aber bereits am 29. Mai 1945 vom NKWD verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis 1952 saß er in verschiedenen sowjetischen Internierungslagern, zuletzt im Zuchthaus Waldheim. Im Oktober 1952 wurde er entlassen, kehrte nach Potsdam zurück, um einen Monat später nach West-Berlin zu flüchten. Margarete Hahne, die zunächst in Berlin-Köpenick im »Kaufhaus des Ostens« arbeitete, war aus Protest gegen die Inhaftierung ihres zweiten Mannes nicht der SED beigetreten. Ende 1948 zog sie nach Berlin-Wedding und schloss sich 1951 der SPD an. Politisch trat sie nicht mehr hervor, war aber noch fürsorgerisch tätig. Margarete Hahne, seit 1958 offiziell verheiratete Kauschke, starb am 3. September 1973 in West-Berlin, Karl Kauschke nur zwei Monate später am 11. November 1973. 1 Siehe Werner Reutter: Kauschke, Margarete Luise Berta (gesch. Hahne, geb. Lux (1898–1973). Proletarische Sozialpolitikerin, in: Siegfried Mielke (Hg.): Gewerkschafterinnen im NS-Staat. Verfolgung, Widerstand, Emigration, Essen 2008, S. 203–208. 2 Siehe Entschädigungsakte 11745 von Margarete Kauschke beim Landesverwaltungsamt Berlin. 3 Ich danke Frau Susanne Pfenner/Berlin für das ausführliche Gespräch sowie Alexander Vatlin/Moskau, Wladislaw Hedeler/Berlin, Wilhelm Mensing/Bonn sowie den Mitarbeitern der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Petra Behrens und Rainer Sandvoß für ihre Hilfe bei den Recherchen sowie sachdienlichen Hinweisen. 4 Siehe Lebenslauf von Valentin Hahne vom 4. Juni 1936 in: Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), 495-205-1505, Bl. 1, Kaderakte Valentin Hahne. 5 Zur Biografie von Werner Hirsch siehe Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2. Aufl. Berlin 2008, S. 378–380. 6 Siehe Erwin Könnemann/Hans-Joachim Krusch: Aktionseinheit contra Kapp-Putsch, Berlin [Ost] 1972, S. 420 und Erwin Könnemann/Gerhard Schulze (Hg.): Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente, München 2002, S. 805. 7 Lebenslauf von Valentin Hahne (Anm. 4), 495-205-1505 Bl. 2. 8 Zur Biografie von Max Keilson siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 438 f. 9 Zur Biografie von Ewald Blau (d. i. Karl Thoma, d. A.), siehe ebd., S. 119 f. 10 Bericht von Susanne Pfenner an das Entschädigungsamt Berlin vom 7. November 1963. 11 Zur Biografie von Maria Blum siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 123 f. 12 Siehe Reutter: Kauschke, Margarete (Anm. 1), S. 206; Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisa-tionen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch) NJ 9619, Bl. 44. 13 RGASP, 495-205-1505, Bl. 25. 14 So z. B. der Genosse Arden (d. i. Artur Golke, d. A.) in einer Mitteilung vom 22. Juni 1936, in: RGASP, 495-205-1505, Bl. 14. 15 Zur Biografie von Grete Wilde siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 1024 f. 16 Zur Biografie von Georg Brückmann siehe ebd., S. 152. 17 Zur Biografie von Hermann Nuding siehe ebd., S. 644 f. 18 RGASP, 495-205-1505, Bl. 48. 19 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 52. 20 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 64. 21 Zur Biografie von Karl Kauschke siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 339 f. und Lebenslauf Karl Kauschkes vom 7. September 1953 in der Entschädigungsakte Karl Kausche, Nr. 2102205, Landesverwaltungsamt Berlin. 22 Zur Biografie von Willi Münzenberg siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 622–624. 23 In der Freiheitsfront für die Einheitspartei, in: Zukunft vom 28. August 1939 (Abschrift des Briefes im Nachlass von Wilhelm Pieck, SAPMO-BArch, NL 36/515, Bl. 251-259). 24 Zur Biografie von Paul Jäkel siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 409 f. 25 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 37. 26 Zur Biografie von Walter Dittbender siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 189 f. 27 Siehe Verhörprotokolle von Valentin Hahne vom 2. Februar und 30. März 1940, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes: PAAA R 104555. (Ich danke Wilhelm Mensing/Bonn für die Überlassung dieser Protokolle.) 28 Landesarchiv Berlin, C. Rep. 118-012 Nr. 15068 OdF-Antrag und Lebenslauf vom 25. März 1946. 29 Zur Biografie von Sepp Miller siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 605.

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Antikommunismus und Russenfeindschaft vor und nach 1945: Die Romane der Bestsellerautoren Edwin Erich Dwinger und Heinz G. Konsalik

Georg Wurzer

Dieses Buch enthält Aufzeichnungen aus den Jahren 1915 bis 1918. Es berichtet weder von Schlachten noch von Heldentaten, sondern von der andern Seite: von den ›Hinterhöfen‹ des Krieges – auf denen ohne Frontbericht gestorben wurde.1 Edwin Erich Dwinger Dieses Buch soll kein Aufruf sein. Keine Anklage und kein Mahnmal. Es soll nicht Hass zwischen den Völkern säen und Zwietracht in die Herzen. Es soll keine alten Wunden aufreißen und keine neuen Wunden schlagen. Es soll nichts sein als ein Hohelied der Menschlichkeit – der Roman vom einsamen, gläubigen, hoffenden, duldenden Menschen.2 Heinz G. Konsalik Dies sind die Mottos, die die Schriftsteller Edwin Erich Dwinger und Heinz G. Konsalik ihren Kriegsgefangenenromanen voranstellen, mit denen sie jeweils den Durchbruch auf dem Buchmarkt erzielten. Es fällt die verblüffende Übereinstimmung auf, vor allem die gemeinsame pazifistische Semantik.3 Doch zwischen den Erscheinungsdaten der beiden Bücher liegen fast dreißig Jahre, darunter die zwölf Jahre des Dritten Reiches. In diesem Aufsatz soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Maße sich die von den beiden Autoren behandelten Inhalte unterscheiden oder übereinstimmen. Es geht um Kontinuitäten oder Brüche in den Einstellungen, Erwartungen und populären Stereotypen der beiden Autoren und ihre Rezeption durch das Publikum. Über die Geltung und Reichweite dieser Stereotype besteht in der Literatur keine Einigkeit. Der russische Emigrant Lev Kopelev ging von ihrer Kontinuität aus: »Bis heute bestehen die uralten, aber aktuell aufgefrischten Vorstellungen von dem europafremden Nationalcharakter, von der geheimnisvollen oder auch berüchtigten ›russischen Seele‹, die, reich an krassesten Widersprüchen, den einen als liebens- und bewundernswert, den anderen als abstoßend und gefährlich erscheint.«4 Der Historiker Karl Schlögel betont in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Mai 1998 mit dem »Vergessen« Dwingers in der Bundesrepublik wohl eher Diskontinuitäten. Dwinger habe in der Bundesrepublik nicht mehr an seine alten Erfolge anknüpfen können, weil in der Ära des Wirtschaftswunders seine Themen an Aktualität verloren hätten.5 War also Konsalik, der eine ähnliche Thematik wie Dwinger behandelte und Mitte der Fünfzigerjahre seine ersten Erfolge verbuchen konnte, »moderner« als Dwinger, und finden sich bei Konsalik andere Urteile und Eindrücke von Russland? Haben die Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur und des Krieges im Osten, der über die Völker der Sowjetunion unsägliches Leid brachte, zu einer Revision von Werthaltungen geführt? Zur Klärung dieser Fragen sollen die Hauptwerke der beiden Bestsellerautoren einem inhaltlichen Vergleich unterzogen werden. Geprüft wird dies an zwei inhaltlichen Aspekten: dem Antikommunismus und der Russenfeindschaft. Ein solcher Vergleich ist möglich, da Dwinger die Romane Die Armee hinter Stacheldraht und Zwischen Weiß und Rot noch vor dem Dritten Reich publizierte, und sie daher nicht als explizite Nazi-Propagandawerke bezeichnet werden können. Konsalik wiederum legte mit Der Arzt von Stalingrad schon früh sein – auch heute noch viel gelesenes – Hauptwerk vor. Auch seine später erfolgreichsten Romane wie Das Herz der 6. Armee (1964), Liebesnächte in der Taiga (1966) oder Frauenbataillon (1981) haben Russland zum Gegenstand. Das Zielpublikum beider Autoren war identisch: Eine literarisch anspruchslose Massenleserschaft, auch wenn Dwinger durch seine prätentiöse Darbietung zeitgenössischer Russlanddeutungen intellektueller wirkt. Bei einer ersten Lektüre fällt auf, dass bei Dwinger, der tatsächlich in Sibirien im Lager war, die Schilderung der Kriegsgefangenschaft weitaus realistischer anmutet als bei Konsalik, der nicht aus eigener Erfahrung berichten kann. Letzterer hebt an vielen Stellen6 die aufopferungsvolle Kameradschaft unter den Gefangenen hervor, sein auf einem lebenden Vorbild beruhender Protagonist Dr. Böhler in Der Arzt von Stalingrad, wird als ein makelloser Engel dargestellt.7 Demgegenüber beschreibt Dwinger anschaulich und zutreffend die wachsende Gereiztheit unter den Gefangenen, die mit der Dauer der Internierung stetig zunimmt und sich zu einem Kampf ums Dasein entwickelt. 8 Die Frage, wodurch die Autoren ihr Millionenpublikum begeisterten – Dwinger hatte eine Gesamtauflage von zwei Millionen verkaufter Exemplare, während Konsalik auf eine fast unvorstellbare Zahl von über hundert Millionen kam –, ob durch die Reproduktion gängiger Stereotype, die Authentizität, den Plot, die sexuellen Elemente, kann hier nicht beantwortet werden. Es kann aber vorausgesetzt werden, dass ihre Ansichten über Russland und seine Bevölkerung denen ihrer Leserschaft nicht deutlich zuwiderliefen. I. Begriffsbestimmungen Wenn im Weiteren die Denkhaltungen Antikommunismus und Russenfeindschaft definiert werden sollen, so ist zuvor festzuhalten, dass die beiden in Deutschland seit ihrem Entstehen eine enge Kombination eingingen. Unter Antikommunismus soll hier eine Grundhaltung verstanden werden, die sich sowohl gegen die Theorie des Marxismus-Leninismus und ihre wirklichen und vermeintlichen Anhänger in der Opposition, als auch gegen die Herrschaftspraxis in den real existierenden sozialistischen Ländern richtet. Dabei folge ich der Definition von Johannes Heesch, ausgeführt in einem Buch von Gesine Schwan, nach der sich eine Antihaltung gegen das Wesen eines Phänomens richtet, während eine Kritik nur einzelne Aspekte infrage stellt.9 Gesine Schwan entwickelt an gleicher Stelle selbst folgende Kriterien: Sie unterscheidet vier Richtungen: 1. Antikommunismus der sozialdemokratischen Linken, der sich zentral gegen die Kumulation der politischen Macht in den Händen der kommunistischen Partei richte und im Bekenntnis zur liberalen Demokratie gegen die kommunistische Einparteidiktatur gründe, 2. der liberale Antikommunismus, der eine Parteinahme nicht nur für den politischen, sondern auch für den ökonomischen Liberalismus beinhalte, 3. der bürgerliche Antikommunismus nach der Oktoberrevolution 1917, der sich als Antwort auf die Vernichtung des Bürgertums im Osten formierte und eine existentielle und auch eine klassenspezifisch antiegalitäre Dimension im weiteren Spektrum des Bürgertums begründete. »Bei hohen Militärs, aber auch in breiteren Volksschichten traten als weitere wichtige Elemente des Antikommunismus eine Geringschätzung der Russen und vor allem […] ein markanter Antisemitismus hervor.«10 Dieser, 4., rechtskonservativ nationalistische Antibolschewismus habe den Boden für den rassistisch zugespitzten Antibolschewismus der Nationalsozialisten bereitet. Jener Rassismus komme zum Ausdruck in der Furcht vor den einerseits »minderwertigen«, andererseits zugleich barbarisch bedrohlichen Russen und im Vernichtungswillen gegenüber den Juden.11 Unter Russenfeindschaft wird in diesem Beitrag eine Kombination von negativen Stereotypen wie Grausamkeit, »Asiatentum«, Trunksucht, Dummheit und Indolenz verstanden, die eine lange Tradition haben,12 und von denen nicht nur von russischer Seite behauptet wird, dass sie bis in die Gegenwart fortwirken.13 II. Edwin Erich Dwinger und Heinz G. Konsalik – Parallelen und Unterschiede Dwinger wurde noch vor der Jahrhundertwende im Kaiserreich geboren, während Konsaliks Geburt in die Zeit der Weimarer Republik fällt. Dwinger veröffentlichte die Trilogie Die deutsche Passion über seine Gefangenschaftserlebnisse kurz vor dem Jahr 1933. Sie enthält keine explizite pronazistische Propaganda, auch wenn ihr protofaschistischer Charakter deutlich zutage tritt. Deshalb erzielten seine Werke im Dritten Reich ihre größten Verkaufserfolge. Heute werden sie nur noch von rechtsgerichteten Verlagen veröffentlicht. Konsaliks Bücher hingegen erfreuen sich seit Ende der Fünfzigerjahre bis heute fast ungebrochener Beliebtheit. Auch die Werke zu Krieg und Gefangenschaft in der Sowjetunion wie Der Arzt von Stalingrad oder Das Herz der 6. Armee erleben ständige Neuauflagen. Dennoch lassen sich auch Parallelen zwischen den Autoren ziehen: Beide haben sich unwahre Legenden um ihre Abstammung angeeignet. So behauptet Konsalik, der als Heinz Günther geboren wurde, von einem alten sächsischen Rittergeschlecht abzustammen.14 Dem widersprechen alle zugänglichen Unterlagen.15 Dwinger verdankte seine Akzeptanz als Russlandspezialist vor 1945 im Wesentlichen seiner angeblich russischstämmigen Mutter; diese Behauptung konnte mittlerweile als Mär entlarvt werden.16 Auch in anderen Punkten nehmen es die beiden Bestsellerautoren mit der Wahrheit nicht so genau. Schon über sein Geburtsjahr machte Konsalik selbst unterschiedliche Angaben.17 Dass die Gefangenschaftserlebnisse Dwingers, die den Kern seines Werkes bilden, in ihrer stark ausgeschmückten Form größtenteils nicht dem Erlebten entsprechen, sondern eher Fiktion sind, dafür konnte der Verfasser dieses Aufsatzes im Verlauf langjähriger Forschungen zwingende Beweise finden.18 Konsalik war im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter im Osten tätig und wurde angeblich an der Rollbahn Orscha-Smolensk schwer verwundet. Beide Autoren beschäftigen sich geradezu obsessiv mit dem »Osten«. Konsalik nahm für sich eine »ostische Seele« in Anspruch,19 in vielen seiner Werke steht Russland im Mittelpunkt. Dwinger wiederum geriet am 14. Juni 1915 in der Schlacht um Mitau (Livland/heutiges Lettland) in russische Gefangenschaft.20 Angeblich war er bereits während seiner ersten Tage an der Front lebensgefährlich am Oberschenkel verwundet worden. Nur wenige seiner über dreißig Romane haben Russland nicht zum Gegenstand. Auch in ihrer Arbeitsweise als Schriftsteller lassen sich Parallelen ziehen: Beide waren Vielschreiber21 und beide verwendeten Auslassungspunkte am Ende von Sätzen, eine Technik der Suggestion. Die Unterschiede zwischen ihnen sind jedoch nicht zu übersehen: So wurde Dwinger bis 1945 von der offiziellen Literaturszene hofiert und mit positiven Rezensionen überschüttet. Nach 1945 konnte er allerdings nicht mehr an seine alten Erfolge anknüpfen, auch wenn er eifrig weiter publizierte. Im Vergleich mit Konsalik soll überprüft werden, worin die Ursache dafür lag. War die Leserschaft kritischer geworden oder nur der Autor kompromittiert? Konsalik selbst betrachtete sich als »Volksschriftsteller« und hätte sich nach eigenen Angaben gefragt, was er falsch gemacht habe, wenn er eine positive Kritik beispielsweise in der elitären FAZ erhalten hätte.22 III. Antikommunismus Dem Antikommunismus Dwingers, der sich im Laufe der Zeit zu einer wahren Besessenheit steigerte, steht Konsalik kaum nach. Bereits in Dwingers Frühwerk Das große Grab erscheinen die Bolschewiki als raubende und vergewaltigende Mörderbande. Die Bolschewiki seien »Sklaven ihrer Lüste und Gieren«.23 Diese Wertung hält er auch in Die Armee hinter Stacheldraht aufrecht.24 Seine eigentliche Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus in seinem Frühwerk findet allerdings in Zwischen Weiß und Rot statt.25 In diesem Werk beschreibt Dwinger seine (fiktiven) Erlebnisse als Offizier der Weißen Armee im Russischen Bürgerkrieg. Seine Ansichten über den Bolschewismus legt er dabei meist einem Väterchen Luka genannten ehemaligen Mönch in den Mund. Dessen Aussagen entsprechen durchaus dem Geist der Zeit: Der Kommunismus sowjetischer Prägung als Angriff auf die Zivilisation, das Ideelle und das Abendland. Zugleich als Aufstand der Massen und als Dienst an der Maschine.26 Der Ich-Erzähler äußert aber Verständnis für die roten Positionen. So reflektiert er an einer Stelle: »Ich sehe nicht klar. Ich weiß nicht, wer recht hat – rot oder weiß.«27 Zum Abschied wünscht er den russischen Kommunisten, dass ihr Streben nach einer gerechten Welt ohne Ausbeutung erfolgreich sein möge.28 Bei Konsalik erscheint der Kommunismus als eine Krankheit, von dem sich die Menschen mühsam kurieren. Dem Kommissar Wadislaw Kuwakino in Der Arzt von Stalingrad gelingt dies. Einst ein strammer Bolschewik, der die Gefangenen quälte, bittet er schließlich, geläutert nachdem ihm ein deutscher Arzt ein Auge ausgeschlagen hat, beim Politbüro in Moskau um seine Entlassung.29 Leutnant Markow, einem überzeugten Bolschewiken (und scharfen Deutschenhasser, was Konsalik synonym verwendet) im gleichen Lager, glückt dies nicht. Folglich wird er als moralisch minderwertig charakterisiert.30 In Das Herz der 6. Armee wenden sich die positiv geschilderten Russinnen und Russen schließlich der lange verpönten Religion zu.31 In diesem Werk erzählt Konsalik aber auch eine Geschichte, welche die ganze Perfidität der Bolschewiki illustrieren soll. Partisanen nehmen einen deutschen Soldaten gefangen und benutzen ihn, um eine deutsche Nachschubkolonne in einen Hinterhalt zu locken. »Zum Dank« liquidiert der Leutnant der Partisaneneinheit den Deutschen.32 Die Prozesse, die 1948 in den sowjetischen Lagern gegen Kriegsverbrecher geführt wurden, schildert Konsalik in Der Arzt von Stalingrad ganz, wie es dem unter ehemaligen Landsern auch heute kolportierten Klischee entspricht: Man sei zum Tode verurteilt worden, weil man eine Kartoffel vom Acker genommen habe. So wird ein junger Unteroffizier zur Höchststrafe verurteilt: »Durch die Pflege der Waffen und Geräte haben Sie maßgeblich dazu beigetragen, dass ihre Truppe in Russland Menschen töten konnte.«33 Ein Oberfeldwebel, im Zivilberuf Milchviehzüchter in Bayern, trifft das gleiche Schicksal: »Sie sind hiermit zum Tode verurteilt, weil sie durch ihren Nachschub ermöglichten, dass die Deutschen alle Mittel in die Hand bekamen, Russland zu zerstören.«34 Konsaliks Antikommunismus ist weniger mit dem von Dwinger in Die Armee hinter Stacheldraht und Zwischen Weiß und Rot zu vergleichen, als vielmehr mit jenem in der Propagandaschrift Wiedersehen mit Sowjetrussland. Hier berichtet Dwinger ganz im nationalsozialistischen Stil von seiner Teilnahme am Überfall auf die Sowjetunion und spricht sich für eine Ausrottung der Träger des Bolschewismus aus: Es bleibe nichts übrig, als die Komsomolzen völlig zu vernichten. Das sei ein harter Schluss für jemanden, der das Volk einst geliebt habe. Doch sei ein solches Vorgehen im höchsten Sinne gerecht. Die Russen hätten ihre Oberschicht vernichtet, die nordisch durchblutet war und folglich kulturell staatstragend wirken konnte. Der Rest sei bewusst mongolisch infiltriert worden, ihm sei »durch diese Bastardisierung kaltherzig eine Stoßkraft« verliehen worden, die »dschingiskhanisch« alles vor sich niederwalze. »Ob es die Tataren, ob es Peter, ob es Stalin war: Dies Volk ist für das Joch geboren, wohl sollte es ein menschenwürdiges erhalten, gleichzeitig aber auch eines, das die Welt künftig vor den Gefahren bewahrt, die immer schon in seinem Wesen schlummerten.«35 Den Krieg mit Sowjetrussland vorzubereiten, das deutsche Volk von seiner Unausweichlichkeit zu überzeugen, bezeichnet Dwinger 1942 als den »Sinn meines ganzen schöpferischen Lebenswerkes«.36 Legt man an dieser Stelle die von Gesine Schwan vorgeschlagenen Typisierungen zugrunde, so kann man sowohl in Dwingers, als auch in Konsaliks Schriften einen Antikommunismus erkennen, der für das Bürgertum nach der Oktoberrevolution 1917 typisch war. In dem Frühwerk Dwingers fehlt der für den Nationalsozialismus charakteristische antisemitische Vernichtungswille, auch wenn der Autor, wie neue Funde belegen, ein notorischer Antisemit war.37 In Konsaliks Werk Der Arzt von Stalingrad gibt es eine antisemitische Tendenz dahingehend, dass der jüdische Dolmetscher im Gefangenenlager als Feigling und Duckmäuser dargestellt wird. Konsalik stellt Jakob Aaron Utschomi folgendermaßen vor: »Hinter Piotr Markow schob sich eine schmächtige Gestalt vorbei und baute sich vor dem Tisch auf […] Der Mann trug eine abzeichenlose Uniform, sein fettes, schwarzes Haar glänzte matt.« 38 Über sein Verhalten während der Prozesse erfährt man: »Jakob Aaron Utschomi drückte sich in einer Ecke herum …«39 So kann Konsalik gewiss kein »exterminatorischer« Antisemitismus unterstellt werden, sein Judenbild zeigt aber deutliche Züge eines Klischees. Dies lässt folgenden Schluss zu: Die Autoren unterscheiden sich nicht dahingehend, dass bei Konsalik eine kritische Reflexion des Antikommunismus feststellbar ist. Auch kann man nicht sagen, dass Konsalik nahtlos an den Antibolschewismus von 1932 angeknüpft hat. Er war Zeitgenosse des Dritten Reiches und blieb von ihm, zumindest in dieser Hinsicht, nicht unbeeinflusst. IV. Russenfeindschaft Grundsätzlich wird »der Russe« bei Konsalik weit menschlicher und vielschichtiger dargestellt als bei Dwinger, bei dem zahlreiche sehr schlechte und nur wenige sehr gute Russen (meist in Person von Russinnen) auftauchen. Dwinger ist Anhänger eines manichäischen Weltbildes, in dem es nur wenige Zwischentöne gibt. Dies führt zu einem wichtigen Aspekt des Russlandbildes der beiden Autoren: der Darstellung der russischen Frau, die hier beispielhaft für das ganze Spektrum von Stereotypen stehen soll. Über das Frauenbild bei Konsalik hat Susanne Anneliese Schimetta 1984 eine Dissertation vorgelegt.40 Alle Frauengestalten in den Hauptrollen bei Konsalik fänden, gleichgültig welches Leben sie führen, welchen Beruf sie ausüben, erst durch die Liebe zu ihrer wahren Bestimmung und zu echtem Glück. Sie machten fast ausnahmslos eine Wandlung durch, die sie zu einem »richtigen« Frausein bringe und damit zu einem sinnerfüllten Leben. »Richtiges« Frausein bedeute bei Konsalik, so Schimetta, zu einem Mann zu gehören, den man über alles liebe, für ihn da zu sein, anschmiegsam, schutzbedürftig und zärtlich zu sein.41 Dem gegenüber stünden schlechte Frauen, die von ihren Trieben abhängig seien. Doch auch sie tragen die Sehnsucht nach Liebe in sich und enden in der Regel tragisch. Konsaliks Frauenfiguren seien dabei immer wie ein Wunder der Natur, nicht zu klein, nicht zu groß, schlank, zierlich, mit langen Beinen, ausdrucksvollen Augen in einem ebenmäßigen Gesicht, seidenweichen Haaren, klarer Stimme und runden, festen Brüsten.42 Hier wird allerdings darüber hinaus die Auffassung vertreten, dass der festgestellte frauenverachtende Grundzug bei Konsalik mit einer antirussischen Tendenz verbunden ist, die Schimetta nicht herausgearbeitet hat. Eine wiederkehrende Figur in Konsaliks Russlandromanen, die bereits in Der Arzt von Stalingrad anzutreffen ist, ist die der nymphomanen russischen Lagerärztin oder -kommissarin, die die Männer hasst und sie quält, ungeachtet, ob es sich dabei um russische Strafgefangene oder deutsche Kriegsgefangene handelt. In Der Arzt von Stalingrad ist dies die Lagerärztin Alexandra Kasalinskaja. Konsalik schildert ihr Äußeres folgendermaßen: »Ihre erdbraune Uniformjacke war über der Brust geöffnet und ließ die rote Bluse, die sie darunter trug, sehen. Die langen, schwarzbraunen Haare hingen ihr auf die Schultern und die breiten Schulterstücke.«43 Ihre Reaktion auf die Vergewaltigung durch den gefangenen Arzt von Sellnow ist die, dass sie süchtig nach seinen Brutalitäten und Beschimpfungen wird. Ihr russischer Kollege äußert sich dazu so: »Alexandra ist wie eine rassige Stute. Wenn ein Mann sie ansieht, kann er gar nicht anders als sie nehmen.«44 Als der von ihr geliebte Gefangene in die Heimat zurückkehrt, verfällt sie dem Wahnsinn. In Heiß wie der Steppenwind kehrt diese Gestalt beinahe identisch als Lagerärztin Dussowa wieder, auch sie wird vergewaltigt und verfällt dem Vergewaltiger.45 Gerade das Motiv der Liebe für den Vergewaltiger zeigt ein antirussisches Stereotyp Konsaliks von der wilden Natur der Russen, die überwältigt werden will. Dwingers Beschreibung der russischen Frauen in Die Armee hinter Stacheldraht hebt sich stark von seiner Abscheu erregenden Darstellung vieler Männer ab. Russische Frauen sind bei Dwinger entweder makellose Engel oder Prostituierte. Als dem Helden des Romans an der Front von einem Bauernmädchen etwas zu trinken gereicht wird, fantasiert der Held: »Irgendein Gutes, Weiches hat mich angerührt, hat neue Kraft in meinen Leib gegossen. Ich werde sie in meiner Sterbestunde vor mir sehen …«46 Im Lazarett erregen die Schwestern, die ihn aufopferungsvoll pflegen, seine sexuellen Fantasien. Eine, die sich besonders um ihn bemüht, nimmt er nach dem Beschluss zur lebensrettenden Amputation so wahr: »Ich sehe sie mit brennenden Augen an. Ihr weißer Mantel zieht sich straff über ihre Brust. Ihre Knie runden sich in ovalen Bögen durch ihren Rock. Ihre Hände sehen aus, als hätten sie das Paradies zu verschenken. Alles, was ich ergrübelt, was mein junges Leben und meine Sehnsucht will, sitzt plötzlich wie ein Zeichen Gottes, in ihrem Körper zur Gestalt geworden, greifbar vor mir.«47 Bei Konsalik ist das pornografische Moment weit stärker ausgeprägt als bei Dwinger. Er befördert ein Stereotyp, das schon sehr alt ist und in den Erlebnisberichten ehemaliger Gefangener des Ersten Weltkrieges in Russland häufig wiederkehrt: Die angeblich leichte sinnliche Erregbarkeit der russischen Frau.48 So fühlte sich auch der ehemalige Gefangene Spiegelburg bemüßigt auszuführen: »Die Russin zwingt stärker das Gefühl zum Mann, als die Germanin. Weich und schmiegsam in ihrem Sinnenleben, ersahen diese Slawinnen im Anfang des Krieges auch im Feind in erster Linie das Geschlechtswesen, zu dem sie sich hingezogen spürten.«49 Ein anderes klassisches antirussisches Stereotyp ist das der Kennzeichnung der Russen als Asiaten, man denke an den berühmten Ausspruch von Voltaire, man müsse den Russen nur kratzen, um den Tataren zu sehen.50 Dwinger schreibt wiederum relativ zurückhaltend in Die Armee hinter Stacheldraht über das »Asiatentum« der Russen. Der grausame Lagerkommandant von Tockoe ist für ihn der »gekalkte Asiat«.51 Sehr deutlich wird er wiederum in Wiedersehen mit Sowjetrussland. Hier beschreibt er sein Zusamentreffen mit gefangenen Sowjets und schildert, wie er dabei einerseits einen vertrauten Geruch von altem Leder, säuerlichem Brot und starkem Tabak verspürt, »… ganz wie es sich für einen echten Russen gehört – aber gleichzeitig spürte ich auch etwas Neues darin […] Ich kann es nur mit einem Wildgeruch bezeichnen, mit jener strengen Ausdünstung der Wildnis, die man in ähnlicher Weise auch bei Zigeunern trifft, die ich aber stets besonders bei Mongolen festgestellt [habe] […] Ich hatte mich nicht getäuscht, denn als ich mich ein wenig kühler umsah […]: das waren ja gar keine Russen mehr, wie ich sie doch so gut gekannt hatte […] Was mich hier irgendwie böse schielend umstand, das war ja ein ausgemergeltes Völkergemisch, das man nur mit dem Worte mickrig bezeichnen konnte, ein bis dahin für mein Empfinden auf den Russen unanwendbarer Ausdruck! Gott im Himmel, dachte ich erschrocken, ist diese Umwandlung bereits so weit gegangen, dass sie geradezu die biologische Substanz ergriffen [hat]?«52 Auch Konsalik charakterisiert in Der Arzt von Stalingrad den besonders abstoßenden Professor Pawlowitsch, der für seine medizinische Reputation über Leichen geht, wiederholt als Asiaten.53 Er schreibt über dessen Augen: »Der Fanatismus eines heidnischen Priesters stand darin.«54 Die Kennzeichnung als Asiaten ist für beide Autoren eine Chiffre für viele weitere den Russen zugeschriebene Untugenden: mangelnde Reinlichkeit, Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit zu lernen, Primitivität, Verschlagenheit, Verlogenheit und vor allem Grausamkeit. V. Fazit Die Ergebnisse des Vergleichs machen deutlich, dass tatsächlich, sowohl was den Antikommunismus, als auch was die antirussischen Stereotype anbelangt, kein Fortschritt im Sinne einer größeren Seriosität bei Konsalik gegenüber Dwinger festzustellen ist. Der Grund für Dwingers Misserfolg nach dem Zweiten Weltkrieg liegt mithin nicht an einer kritischen Reflexion seiner Darstellung durch die breite Leserschaft, die für beide Autoren aus der unteren Mittelschicht und der Unterschicht stammte und die Bücher häufig aus kommerziellen Leihbüchereien bezog. Wie wenig sich Konsalik mit den Schrecken der NS-Herrschaft in Russland auseinandergesetzt hat, zeigt seine Darstellung zweier SS-Ärzte in einem Straflager für Kriegsgefangene in Der Arzt von Stalingrad. Diese geben zu, in Orscha und Minsk Versuche mit Bazillen und Cholerabakterien an Menschen durchgeführt zu haben. Sie werden gleichwohl als moralisch integer geschildert und pflegen den erkrankten Arzt von Sellnow aufopfernd. Sogar ein gewisses Verständnis für die beiden Ärzte durch den Autor ist spürbar.55 Somit wird auch in diesem Artikel die in der Forschung häufig vertretene Meinung bestätigt, dass im Deutschland der frühen Adenauerzeit mehrheitlich keine Revision tradierter Vorurteile der NS-Zeit gegenüber dem Kommunismus und dem russischen Volk stattgefunden hat. 1 Edwin Erich Dwinger: Die Armee hinter Stacheldraht, Jena 1929 (zitiert nach der Ausgabe 201-220 Tau-send, Jena 1941), S. 6. 2 Heinz G. Konsalik: Der Arzt von Stalingrad, 20. Aufl. Bayreuth 2006 (Erstausgabe 1956), S. 6. 3 Beide sind stark von dem programmatischen Vorsatz in Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, Berlin 1928, beeinflusst, der zumindest im Falle Dwingers als direkte Vorlage diente. Dwinger war von dem Verleger Eugen Diederichs ausdrücklich beauftragt worden, ein Gegenstück zu Remarques Kassenschlager für die Ostfront zu verfassen; siehe Axel Walter Claesges: Edwin Erich Dwinger. Ein Leben in Tagebüchern, Phil. Diss., Ann Arbor, Michigan 1969 (Mikrofilmausgabe), S. 4 f.; zu Konsalik siehe Matthias Harder: Erfahrung Krieg. Zur Darstellung des Zweiten Weltkrieges in den Romanen von Heinz G. Konsalik, Würzburg 1999, S. 64, Anm. 1. 4 Lev Kopelev: Fremdenbilder in Geschichte und Gegenwart, in: Mechthild Keller (Hg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht 9.–17. Jahrhundert (= West-östliche Spiegelungen, Reihe A, Bd. 1), München 1985, S. 11–34, hier S. 33. 5 Siehe Karl Schlögel: Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft. Russland als Projektionsfläche deutscher Träume und Alpträume im zwanzigsten Jahrhundert. Die Romane von Edwin Erich Dwinger, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Mai 1998, S. 44. 6 Siehe z. B. Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 7–17, 21–26, 28, 31–35; ders.: Das Herz der 6. Armee, Taschenbuchausgabe München 2008 (Erstausgabe 1964), S. 14–16, 40–43, 47 f., 71–74. 7 Ebenso der Dr. Portner in: Konsalik: Das Herz (Anm. 6). Siehe auch die Darstellung des Dr. Bockhorn in: Dwinger: Die Armee (Anm. 1). 8 Siehe z. B. Dwinger: ebd., S. 175 f., 188. 9 Siehe Johannes Heesch: Antikommunismus, Pro-Amerikanismus und Amerikakritik im politischen Denken von Helmut Schmidt, in: Gesine Schwan: Antikommunismus und Antiamerikanismus und Wandel nach 1945, Baden-Baden 1999, S. 220–247, hier S. 221. 10 Ebd., S. 37. 11 Siehe ebd., S. 35–41. 12 Siehe die einzelnen Bände des Projekts von Lev Kopelev: West-östliche Spiegelungen. Russen und Russland aus deutscher Sicht, Reihe A, 5 Bd., München 1985–1999. Allerdings zeigen diverse Beiträge auch eine starke prorussische Tradition in konservativen Kreisen vor 1917 und eine kritiklose Russlandschwärmerei von Vertretern verschiedener Richtungen zu allen Zeiten auf. 13 Es gibt zahlreiche Literatur zu deutsch-russischen »Bildern«. Siehe zuletzt Dietrich Beyrau: Mortal Embrace. Germans and (Soviet) Russians in the First Half of the 20th Century, in: Kritika 10 (2009), H. 3, S. 423–439. Zum Fortwirken solcher Bilder in der Gegenwart siehe Berndt Bleckmann: Der Westen, die Medien und das Feindbild im Osten, in: www.russland.ru/analysen/morenews.php?iditem=168, ges. am 18. November 2010; die psychologische Argumentation des Autors überzeugt, aber in politischen Tagesfragen, speziell der westlichen Berichterstattung über den Georgienkonflikt, wird stark polemisiert. 14 Siehe Rudolf Riedler: Gespräch mit dem Autor Heinz G. Konsalik, in: Heinz G. Konsalik: Heinz G. Konsalik. Leben und Werk eines Bestseller-Autors, 4. aktualisierte und erweiterte Aufl. München 1989, S. 16–28, hier S. 16. 15 Siehe Harder: Erfahrung Krieg (Anm. 3), S. 35 f. 16 Hierzu steht eine Veröffentlichung von Hartwig Molzow mit einer Vielzahl von Hinweisen bevor, dass die Mutter, Emilie Michlo, polnische Vorfahren hatte. Der Verfasser dankt Herrn Molzow für diesen Hinweis. 17 Der Autor behauptete in seinen Erfolgsjahren allgemein, er sei 1921 geboren, korrekt ist aber der 28. Mai 1923, siehe Harder: Erfahrung Krieg (Anm. 3), S. 31. 18 In absehbarer Zeit soll eine umfangreiche Biografie zu Dwinger vorgelegt werden. Dieser kehrte nicht erst 1921 nach haarsträubenden Abenteuern aus der Gefangenschaft nach Deutschland zurück, sondern schon im Januar 1918 als Austauschinvalider; siehe dazu die im Heimatmuseum Seeg, dem langjährigen Wohnort Dwingers, aufbewahrte Entlassungsurkunde aus der Gefangenschaft (in russischer Sprache). Diesen Befund stützt auch die Tatsache, dass sich im Nachlass des Sohnes Norwin Dwinger eine Reihe von unveröffentlichten Manuskripten mit der Ortsangabe und Jahreszahl Hannover 1918 findet. 19 Siehe Roger Anderegg: Der Berufs-Russe, in: Konsalik: Heinz G. Konsalik: Leben und Werk (Anm. 14), S. 49–59, hier S. 49. 20 Siehe Heimatmuseum Seeg, Entlassungsurkunde (Anm. 18). 21 Die Bibliografie von Konsaliks Werken in Harders Buch Erfahrung Krieg (Anm. 3) zählt 257 Veröffentlichungen, während Dwinger immerhin über 30 Romane publizierte. 22 Siehe Riedler: Gespräch (Anm. 14), S. 22. Der polnische Germanist Włodzimierz Bialik (Die gewöhnliche Trivialität. Zu Sekundär-Botschaften und zur Ideologie der En-passant-Aussagen in Heinz Günther Konsaliks später Romanproduktion (= Posener Beiträge zur Germanistik, Bd. 5), Frankfurt a. M. u. a. 2005) hat allerdings nachgewiesen, dass Konsalik durchaus auf die Kritik reagieren und sie vermeiden wollte. Bialik spürt aber das subtile Fortwirken der nationalen Stereotype bei Konsalik auf. Dwinger hingegen zeigte sich gegenüber den schweren Vorwürfen nach 1945 uneinsichtig und schrieb monoton im alten Duktus weiter. So rezensierte Charlotte Reinke sein Werk Wenn die Dämme brechen (Frankfurt a. M. 1950) über die Vertreibung der Ostpreußen 1945 unter dem Titel »Dammbruch des Geschmackes«, in: Die Literatur vom 15. Juni 1952, S. 8. 23 Edwin Erich Dwinger: Das große Grab, Berlin-Schöneberg 1920, S. 225. 24 Siehe ders.: Die Armee (Anm. 1), S. 240–242. 25 Ders.: Zwischen Weiß und Rot, Jena 1930. 26 Väterchen Luka legt seine Ansichten häufig vor Propaganda-Versammlungen der »weißen« Bewegung dar. So führt er aus: »Nicht die Gleichheit des Besitzes aller Erdendinge, die Gleichheit des Geistigen ist unser Feind!« (Dwinger: Zwischen (Anm. 25), S. 101). Dem Individualismus des Geistesmenschen stehe der Kollektivismus entgegen, »der Mechanismus, der Amerikanismus, Konstruktivismus, kurz der Massenmensch!« (ebd., S. 101). Die Bolschewisten machten sich daran, »eine ungeheure asiatisch-bolschewistische Festung zu schaffen«. Die Alternative hieße wieder: »Christentum oder Hunnentum – Abendland oder Morgenland« (ebd., S. 192). Aber: »Der Mensch hält es nicht lange aus, dem Tier gleichgesetzt zu werden – und was ist Materialismus anderes als tierisches Dasein, tierisches Leben?« (ebd., S. 249, siehe auch ebd., S. 404 f.). Es wird ein angeblicher Ausspruch Lenins zitiert: »Und wenn von unserm Volk neunzig Prozent dabei zugrunde gehen, wird eben dem Rest das Paradies erschaffen sein!« (ebd., S. 413). 27 Dwinger: Zwischen (Anm. 25), S. 243. 28 Siehe ebd., S. 487 f. In der Ausgabe von 1943 fehlt dieser Absatz. 29 Siehe Konsalik: Der Arzt von Stalingrad (Anm. 2), S. 224. 30 Siehe ebd., S. 330. 31 Siehe Konsalik: Das Herz (Anm. 6), S. 204, 280–282, 383. 32 Siehe ebd., S. 145 f., 169–175. 33 Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 299. 34 Ebd., S. 300. 35 Dwinger: Wiedersehen mit Sowjetrussland, Jena 1942 , S. 230. 36 Ebd., S. 40. 37 Siehe in erster Linie das in dem von der Forschergruppe um Raphael Dwinger (dem Enkel Dwingers) und Tobias Ginsburg gesicherten Nachlass enthaltene Manuskript Das war Theresienstadt, in dem Dwinger kaum auf das jüdische Leid dort Bezug nimmt, sondern von der Vergewaltigung deutscher Frauen durch jüdisch-tschechische Bolschewiken in der Nachkriegszeit berichtet. Das Manuskript entstand 1947. 38 Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 19. 39 Ebd., S. 298. 40 Siehe Susanne Anneliese Schimetta: Konsumromane. Das Bild der Frau in den Romanen von Heinz G. Konsalik, und wie diese Romane von Frauen gelesen werden, Diss. [maschin.], Salzburg 1984. 41 Siehe ebd., S. 150. 42 Siehe ebd., S. 151–153. 43 Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 11. 44 Ebd., S. 108. 45 Siehe Heinz G. Konsalik: Heiß wie der Steppenwind, Langenfeld 2009 (Erstausgabe Bayreuth 1971), S. 147. In Liebesnächte in der Taiga ist Ludmilla Barakowa politische Kommissarin im Holzlager Kalinin II. Sie wird von einem Arbeitsgenossen so beschrieben: »Ihr habt uns eine Teufelin herübergeschickt. Das haben wir nicht verdient. Ein strenger Mann kann wie die Hölle sein. Aber eine mächtige Frau, das ist, wie wenn man im Hintern des Teufels wohnt.« (Heinz G. Konsalik: Liebesnächte in der Taiga, Lichtenberg 1966, S. 38). Allerdings ist die Heldin hier nicht nymphoman und wird nicht vergewaltigt. Nachdem sie ihren Mann geheiratet hat, einen Deutschen in CIA-Diensten, wird sie als nur noch zärtlich und anschmiegsam beschrieben. Dass eine vergewaltigte Russin sich in den Vergewaltiger verliebt, siehe auch in: Heinz G. Konsalik: Frauenbataillon, Bayreuth 1981, hier zitiert nach der Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart o.J., S. 267. 46 Dwinger: Die Armee (Anm. 1), S. 16. 47 Ebd., S. 48. 48 Siehe Georg Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2005, S. 319–323. 49 H. Spiegelburg: Russische Frauen und deutsche Offiziersgefangene, in: Chr[istian] Beck (Hg.): Die Frau und die Kriegsgefangenen. Die fremdländischen Frauen und die deutschen Kriegsgefangenen, Nürnberg 1919, 2 Halbbände, Bd. 1, S. 54–60, hier S. 54. 50 Siehe hierzu Beyrau: Mortal Embrace (Anm. 13), S. 428. Er zitiert den revisionistischen Hauptprotagonisten im Historikerstreit, Ernst Nolte, demzufolge der Holocaust eine asiatische Tat als Antwort auf eine andere asiatischen Typs war: den Gulag. Siehe auch das Vorwort des von Gerd Koenen und Lev Kopelev herausgegebenen fünften Bandes der Reihe A des Projekts West-östliche Spiegelungen: Deutschland und die Russische Revolution 1917–1924, München 1998, S. 11. In dem gleichen Band weist Jürgen Zarusky nach, dass auch in der deutschen Sozialdemokratie spätestens ab 1922 wieder an alte Deutungsmuster der Herrschaft im Osten als asiatisch angeknüpft wurde; siehe Jürgen Zarusky: Vom Zarismus zum Bolschewismus. Die deutsche Sozialdemokratie und der »asiatische Despotismus«, in: ebd. S. 99–133. 51 Dwinger: Die Armee (Anm. 1), S. 96. 52 Dwinger: Wiedersehen (Anm. 35), S. 56 f.; im gleichen Sinne ebd., S. 74. 53 Siehe Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 186, 245, 304. Siehe auch Konsalik: Das Herz (Anm. 6), S. 307. In Das Herz der 6. Armee ist aber ein anderes Stereotyp des russischen Menschen prominent: Die Charakterisierung als einfältige, gutmütige Kinder (z. B. ebd., S. 9–14, 25–29, 57–61). 54 Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 187. 55 So lässt er einen der beiden sagen: »Wir haben Cholerabazillen verpflanzt, um einen schnellen Wirkstoff gegen die Cholera zu finden! Opfer muss die Wissenschaft bringen […] Wir hätten Tausende nach Abschluss der Forschung retten können.«, Konsalik: Der Arzt (Anm. 2), S. 227.

JHK 2011

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

VOL. XVII (2011), NO 24. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Center for Research on Contemporary History (ZZF), Potsdam, The Mannheim Centre for European Social Research (MZES), University of Mannheim. ISSN Y503-1060 ISSN 1862-698X (for the Online Edition) Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Mannheim/Cologne/Potsdam. Junior Editor: Gleb J. Albert, Bielefeld (gleb.albert@uni-bielefeld.de). Editorial Board/Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris) Khosrow.Shakeri@ehess.fr, Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Mathieu Denis, Montréal, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) dattagupta_s@rediffmail.com, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) jeifets@gmail.com, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Kostis Karpozilos (Athens) karpoz@yahoo.com, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic (Belgrade) todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Manfred Mugrauer (Wien) Manfred.mugrauer@reflex.at, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Jérémie Tamiatto (Paris) jeremietamiatto@gmail.com, Carola Tischler (Berlin) CarolaTischler@aol.com, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Frank Wolff (Bielefeld) wolff@bundism.net, Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) rolf.woersd@gmx.de Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek †, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am Neuen Markt 1, 14467 Potsdam, Germany. Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone/Fax: 0049 / (0)221-42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de/bernhard.bayerlein@mzes.uni-mannheim.de/bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: http://newsletter.icsap.eu Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter TABLE OF CONTENTS I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items. • H-HOAC. • London Socialist Historians Group Newsletter. • Aktuelles aus der DDR-Forschung. • Georgian Archival Bulletin. • ICCEES Newsletter. • NewsNet. • Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen. • Mitteilungen des FABGAB. • Estudos sobre o Comunismo. II. News on Archives, Holdings and Institutions. • New Declassifications in Russian Archives 2010. • APRF Plans Release of Documents. • HOPE Project. • Marx & Philosophy Review of Books. • Afrikanische Archive der sozialen Bewegungen. • Russian Archival Publications. • Archives of Messali Hadj. • Zeitzeugenportal 1989/90. • AAASS Renamed. • Veröffentlichungsreihe des DHI. • Warlam-Schalamow-Werkausgabe. • PdAS im Schweizerischen Sozialarchiv. • Library and Papers of Ernest Mandel. • Bibliography of the ITF. III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress. • Udo Grashoff, Leipzig: Verrat und Verräter im kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime 1933 bis 1945. Habilitationsprojekt. • Matthias Neumann, Norwich: »Thinking Globally« – Internationalism and Workers’ Identity. A Comparison of Workers in Liverpool, Hamburg and St Petersburg/Petrograd/Leningrad, 1910–1925. Research project. • Ralf Hoffrogge, Potsdam: Werner Scholem. A Political Biography (1895–1940). PhD Project. • Aleksei J. Suslov/Konstantin N. Morozov, Kazan’/Moscow: Neopopulism and Neopopulist Parties in Twentieth Century Russia: A Bibliography. • Memorial, St Petersburg: The Virtual Gulag Museum. Internet-Project. • Bundesstiftung Aufarbeitung, Berlin: Erinnerungsorte an die kommunistischen Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts. IV. Materials and Studies. V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews. V.1 Reviews. V.2 Presentations and Announcements. • Juliette Cadiot/Dominique Arel/Larissa Zakharova (eds.): Cacophonies d’empire. Le gouvernement des langues dans l’Empire russe et en Union soviétique, Paris, CNRS Editions, 2010. 368 p. ISBN 978-2-2710-7031-9. • Oleg Chlevnjuk: Chozjain. Stalin i utverždenie stalinskoj diktatury [Master of the House. Stalin and the Establishment of the Stalinist Dictatorship], Moskva, ROSSPEN, 2010. 478 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1314-7. • Romain Ducoulombier: Camarades. La Naissance du Parti Communiste en France. Préface de Marc Lazar, Paris, Perrin, 2010. 430 p. ISBN 978-2-2620-3416-0. • Narihiko Ito/Annelies Laschitza/Ottokar Luban (eds.): Rosa Luxemburg. Ökonomische und historisch-politische Aspekte ihres Werkes. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Tokio, April 2007, und Berlin, Januar 2009, Berlin, Dietz, 2010. 236 p. ISBN 978-3-3200-2233-4. • Gerd Koenen: Was war der Kommunismus?, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2010. 143 p. (FRIAS Rote Reihe. 2). ISBN 978-3-5253-2301-4. • Grigorij G. Kosač: Kommunisty Bližnego Vostoka v SSSR [Middle East Communists in the USSR]. 1920–1930-e gody, Moskva, RGGU, 2009. 268 p. ISBN 978-5-7281-1004-0. • Aleksandr Livšin: Nastroenija i političeskie e˙mocii v Sovetskoj Rossii [Morale and Political Emotions in Soviet Russia]. 1917–1932 gg., Moskva, ROSSPEN, 2010. 344 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1358-1. • Vladimir G. Mosolov: IME˙L. Citadel’ partijnoj ortodoksii. Iz istorii Instituta marksizma-leninizma pri CK KPSS [IMEL. Fortress of Party Orthodoxy. The History of the Institute of Marxism-Leninism at the CC of the CPSU]. 1921-1956, Moskva, Novyj chronograf, 2010. 600 p. ISBN 978-5-94881-104-8. • Jürgen Mothes: Lateinamerika und der »Generalstab« der Weltrevolution. Zur Lateinamerika-Politik der Komintern. Herausgegeben von Klaus Meschkat, Berlin, Dietz, 2010. 304 p. (Geschichte des Kommunismus und des Linkssozialismus. 14). ISBN 978-3-3200-2235-8. • Serge Wolikow: L’Internationale Communiste. 1919–1943. Le Komintern ou le rêve déchu du parti mondial de la révolution, Paris, Les Editions de l’Atelier, 2010. 288 p. ISBN 978-2-7082-4131-2. V.3 Books Sent in for Review. VI. Meetings and Conferences concerning Communist Studies 2010–2011. • Past Meetings and Conferences 2010. • Forthcoming Meetings and Conferences 2011. VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2010. VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies. VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2010. VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. IX. Internet Resources. Websites relevant for Communist Studies. X. Communism in Culture, Art and Media. • In the Name of Stalin: Russian Radio Programme on Stalinism Discontinued. • Selective Exhibitions on the History of Communism, 2010–2011. • David King Collection – Anthology Published. • Three Web Portals about the Surrealist Movement. • Detsembrikuumus – Film on the Estonian »December Uprising« • Film: Boxhagener Platz, Deutschland 2010. XI. Discussions, Debates, Historical Controversies. • Gedenkbuch für deutsche Stalinopfer: Ermittlungen gegen russischen Historiker. XII. Miscellanea. • Nachruf: Moshe Lewin (Vilnius 1921 – Paris 2010). Editorial Note: This paper version of The International Newsletter of Communist Studies includes only the information-related sections, saving all thematical contributions (essays, reviews) as well as the international bibliographies (books and articles) for the online edition, available in 2011 at www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/or www.newsletter.icsap.en. SECTION I.THE NEWSLETTER OF THE NEWSLETTERS:COMMUNIST STUDIES NEWSLETTERS AND WEB SERVICES – NEW ISSUES. SELECTED ITEMS. H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, US. » www.h-net.org/~hoac This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. London Socialist Historians Group Newsletter. London Socialist Historians Group, London, U.K. » http://londonsocialisthistorians.blogspot.com N° 38, January 2010: Keith Flett on the Noughties: Making our history count • Work in Progress: Ian Birchall on writing Tony Cliff’s Biography • British Library Exhibition: Points of View • Report on LSHG activity. N° 38, April 2010: Keith Flett: Old Corruption – and the New • Book Review: Dave Chapple, Grasshoppers, Stonkers and Straight Eights – George Massey and the Bristol Post Office workers 1930–1976 • Book Review: Robert Service, Trotsky. A Biography • Resources: The People’s History Museum • Sources: Archives of the Far Left. N° 39, July 2010: Keith Flett: Our Martyred Dead • Tim Evans: »A dim spectre of revolution hung over Britain«. Llanelli 1911. The Great Unrest in a Welsh Town • Book Review: Hitch-22. A Memoir by Christopher Hitchens. N° 40, Autumn 2010: New Government: Time again to demand. A continuing supply of history • Book review: Tony Barnsley, Breaking Their Chains. Mary Macarthur and the Chainmakers’ Strike • More on 1911 and the Great Unrest in a Welsh Town • Tony Judt: 1948–2010. In place of an obituary. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Georgian Archival Bulletin, Tbilisi, Georgia. » http://archive.security.gov.ge/en N° 8, January 2010: Biographies of the Catholicos-Patriarches of All Georgia • Photo Montage • 1212 Churches Closed within a Year in Georgia • Anti-religious Campaign in Racha • The Atheists’ Union • Russian Boots and the Georgian Church • The Struggle against the Church • Memorandum of Ambrosi Khelaia, the Patriarch of All Georgia • Letter by Lavrentii Beria in Reply to a Well-Known Memorandum of Ambrosi Khelaia • Archimandrite Pemen Dashniani’s Case • The Executed • Letters by Kalistrate Tsintsadze • Documents Important for the History of the Georgian Church • The Impingements of Church Property Rights • Zviad Gamsakhurdia’s Letter to Comrade Eduard Shevarnadze. N° 9, July 2010: May of 1922 in Georgia • Simon Bagration-Mukhraneli – »The Eagle« • Photo Archive • One Person Out of Fifteen … • Executed • The Verdicts of Religious Figures Arrested in 1924 • Imereti Uprising in 1924 • Map Depicting the Uprising of 1924 • Religious Figures and the August 1924 Uprising in Kakheti • Appeal of the Menshevik Party Concerning May 26 • The Trial of Konstantine Andronikashvili • The March 9 Massacre – Decoded Telegrams • Stalin and »Giorgi Saakadze« • 9 April • Petre Bagration-Gruzinsky’s Poems. International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany. » www.iccees.org/newsletter.html The newsletter features news on current developments, events and publications in the field of Central and East European Studies. Two issues (N° 65/January and N° 66/June) have been released in 2010. Each issue features the following rubrics: From the Executive Committee • Forthcoming Conferences • Publications • Fellowships, Prizes and Grants • Miscellaneous. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information about the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • Publications • Library and the Internet News • Publications • Index of Advertizers • Calendar. 2010/1, January: William Chase Taubman: Personality and Political Leadership. The Case for Psychologically-Informed Biography • William Adams, Jr.: Roy D. Laird’s Lost Essay. Totalitarianism Revisited. 2010/2, March: Benjamin Rifkin: The Imperative to Collaborate in Area Studies. Implications of the 2007 MLA Report on Foreign Language Education • Theodore R. Weeks: »Western Civilization« and Russian/»Eastern European« History • John Schillinger: The CCPCR Fall 2009 Enrollment in Russian Report. It’s Not a Clear Upward Trend, But ... • Ethan S. Burger: Making Slavic Studies Timely and Relevant (Again). 2010/3, June: Scott W. Palmer: Academic Publishing in the Digital Age • Janice T. Pilch: Copyright Guidelines for Scholars and Educators in Slavic, East European, and Eurasian Studies • Patricia Kennedy Grimsted: A New Home for ArcheoBiblioBase? The Premier English-Language Directory and Reference Bibliography for Russian Archives and Manuscript Repositories • Adrian Erlinger: Job Hunting in Tough Times. 2010/4, August: Kristen R. Ghodsee & Laura A. Henry: Redefining The Common Good After Communism: Beyond Ideology • Richard M. Robin: Independent Language Learners And Web-Based Materials. 2010/5, October: Igor Fedyukin: Russian Academic Diaspora in Humanities and Social Sciences: A Scarce Resource • Mark Trotter: Post-secondary support for pre-college Russian: Challenges and Opportunities. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2010/1, März: Peter Goller: Rudolf Hilferding (1877–1941). Ein »marxistischer Revolutionär« auf dem Weg zum Reformismus? Zu 100 Jahre »Finanzkapital« (1910) • Gerhard Oberkofler: Masken zweier Wiener Biedermänner • Ulrike Jenni: Alfred Hrdlickas politische und antifaschistische Denkmäler • Irma Schwager: Zum zehnten Todestag von Margarete Schütte-Lihotzky • Buchrezensionen: Georg Tidl: Von der Gestapo gehetzt. Auf der Flucht durch Norwegens Fjorde. Das Tagebuch des Kommunisten Hans Laab (Willi Weinert) • Lisl Rizy/Willi Weinert: Österreichische Remigration aus der Sowjetunion. Ein Beitrag zur Opferdiskussion (Peter Goller). 2010/2, Juni: Hans Hautmann: Die KPÖ im Parlament • Gerhard Oberkofler: Asylrecht als Menschenrecht. Eine Forderung des sozialistischen Juristen Christian Broda • Irma Schwager 90 Jahre (Hans Hautmann/Walther Leeb) • Rezension: Robert Steigerwald: So steht es nicht im Geschichtsbuch. Aufsätze zu sozialistischer und bürgerlicher Politik. Vermischte Schriften in drei Bänden, Bd. 3 (Alexander Dinböck). 2010/3, September: Hans Hautmann: Der »Kommunisten-Putsch« 1950. Entstehung und Funktion einer Geschichtslegende • Manfred Mugrauer: »Soldat der gerechten Sache«. Zum 100. Geburtstag der kommunistischen Widerstandskämpferin Hedy Urach • Gerhard Oberkofler: Wissen mit revolutionärem Gewissen. Zum 100. Geburtstag von Engelbert Broda • Berichte: »Tribüne oder Politikfeld?« (Alexander Dinböck) • Datenbank zu sowjetischen Kriegstoten in Österreich (Martin Krenn). 2010/4, Dezember: Manfred Mugrauer: Ernst Busch in Wien • Peter Goller: Lenin: Revolutionäre Kritik mit Friedrich Engels’ »Anti-Dühring« (Anwendung im Kampf gegen Reformismus, Opportunismus und kleinbürgerlichen Sozialismus) • Lutz Holzinger: Kurzer »Sommer« der Selbstorganisation. Über den Arbeitskreis österreichischer Literaturproduzenten • »Ich habe nie aufgehört, Österreich zu lieben …« Interview mit Alfredo Bauer (Martin Krenn) • Rezensionen: Luciano Canfora: August 1914. Oder: Macht man Krieg wegen eines Attentats? (Simon Loidl) • Lisa Rettl/Peter Pirker: »Ich war mit Freuden dabei.« Der KZ-Arzt Sigbert Ramsauer. Eine österreichische Geschichte (Hans Hautmann) • Fritz Propst: Abschied am Westbahnhof. Young Austria. Ein Heldenepos vertriebener Kinder (Christoph Kepplinger). Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 37, März 2010: Bibliothek des Instituts für soziale Bewegungen • Bestandszugänge in der SAPMO-BArch • Archiv der Universität Potsdam • Findhilfsmittel von Archiven der neuen Bundesländer und Berlins • Deutsche Fragen im Politbüro der KPdSU(B) • 45. Konferenz der ITH • 40. Tagung der IALHI • Geschäftsbericht für das Vereinsjahr 2009 • Rede von Feliks Tych im Deutschen Bundestag • Loccumer Initiative Kritischer Wissenschaftler • Personalia • Vorträge • Buchbesprechungen. N° 38, September 2010: Bestandszugänge in der SAPMO-BArch • Bibliothek der FES (Bonn) übernimmt Bibliothek des Karl-Marx-Hauses (Trier) • Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf«, Potsdam-Babelsberg • Nachlass von Wolfgang Abendroth im IISG • 20. Sitzung des Kuratoriums der SAPMO-BArch • Protokoll der 19. Jahresversammlung des Förderkreises • Thüringische Archive als Quellen zur Geschichte der Arbeiterbewegung • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Personalia • Vorträge • Buchbesprechungen. Estudos sobre o Comunismo: Notas, Artigos, Investigações sobre o Comunismo, os Movimentos Radicais e a Oposição. Editor: José Pacheco Pereira, Lisbon, Portugal. » http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com This Newsletter Blog is an experimental version as a result of the fusion of José Pacheco Pereira’s Biography of Álvaro Cunhal and »Estudos sobre o Comunismo« (Versão2) (see: http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt). The blog contains the following categories: • Arquivos, Bibliotecas, Fundos. • Bibliografia. • Biografia de Álvaro Cunhal. • Biografias/Vidas. • Censura. • Colóquios, conferências, debates. • Estudos. • Estudos locais. • Extrema-esquerda – História. • Fontes. • Guerra colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo. • Iconografia. • Movimento comunista internacional. • Museus. • Notas. • Notas de investigação. • Organizações – PCP. • Publicações especializadas. • Recensões críticas. • Repressão. • Revista Estudos sobre o Comunismo. • Vários. Contributions to: jppereira@gmail.com No new items have been posted since August 2009. SECTION II. NEWS ON ARCHIVES, HOLDINGS AND INSTITUTIONS. New Declassifications in Russian Archives 2010. Volume 11 (2010) of the declassification bulletin issued by Russia’s Federal Archival Agency gives an overview of a multitude of declassified files in Russian state archives. The following declassifications might be of interest for studies on communism: • The Archive of the President of the Russian Federation (APRF) has declassified selected files on CPSU policy concerning youth organisations, social security, dwelling policy, culture and the arts, sports, and military issues. The overall chronology ranges from 1919 to 1965. • The Russian State Archive of Contemporary History (RGANI) has declassified inter alia materials on: the connection of the CPSU Central Committee with socialist countries in 1989–1990; Anastas Mikoian’s visits to the US, Japan and Indonesia in 1959 and 1964; Evgenii Preobrazhenskii as oppositionist (including correspondence from the 1920’s and 1930’s as well as rehabilitation materials from the 1960’s). • The Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) has declassified the files of the Komsomol’s »Sector of Secret Documents« (1962–1978), dealing mostly with the organisation of international relations. • The State Archive of the Russian Federation (GARF) has declassified diverse resolutions of the Council of Ministers of the Soviet Union of the post-war period, documents on Anastas Mikoian’s trips to foreign countries, NKVD-MVD files on passport matters, documents on the nationalist underground in Western Ukraine (1945), and files of the Soviet Military Administration in Germany (SMAD/SVAG) concerning Mecklenburg, Saxonia-Anhalt, Thuringia and Saxonia. • The Russian State Military Archive (RGVA) has declassified files of the Secretariat of the Peoples’ Commissar of Defense (1918–1940), the Inner Troops of the MVD (1968–69), and the Main Administration for Prisoners of War and Internees (GUPVI) concerning the years 1943 to 1952. • The Russian State Archive of Economy (RGAE) has declassified files of the USSR’s Ministry of Finances (1927–1932), the State Bank (1983–1991) and of some other Soviet institutions. For a detailed report on the declassified files (in Russian), see www.rusarchives.ru/secret/bul11/index.shtml Moscow: The Archive of the President of the Russian Federation Plans Release of Documents. The Archive of the President of the Russian Federation has, beginning from 1993, passed several of its (mostly secret) holdings to other archival institutions in order to make them accessible for research. This was the case with large parts of the Soviet Politburo holdings and Stalin’s correspondence. After new materials were not released for a long time, it has been announced on the official website of Russia’s Federal Archives Agency that according to an order of President Medvedev, a new plan of handing over historical documents has been prepared. From 2010 until 2012, over 20.000 files are supposed to be transferred to federal archives, including further Politburo documents and the archives of Brezhnev and Gorbachev. The complete press release (in Russian) is available at http://archives.ru/press/060910.shtml Amsterdam/Bonn: Heritage of the People’s Europe. » www.peoplesheritage.eu The HOPE digitization project (2010–2013) brings together a partnership of eleven European social history institutions with highly significant but scattered archives and library collections from social history and the history of the labour movement from the late 18th to the beginning of the 21st century, comprising to date at least 3 million digital items (pictures, books, archival documents, sound, moving image et cetera). The project will make these items available through Europeana, the European digital library (www.europeana.eu/portal) and the Labour History Portal (www.labourhistory.net). HOPE falls under the aegis of IALHI, the network organization for social history archives, libraries and documentation centers, and is co-financed by the European Commission. Europeana is a multilingual access point to search Europe’s distributed digital cultural heritage online. It gives users direct access to over 10 million digital objects on European culture and history from archives, libraries, museums and research institutes. HOPE started up in May 2010 as a three-year cooperation project and is being co-funded by the EU through the ICT Policy Support Programme (Information and Communication Technologies – ICT/ Policy Support Programme – PSP). Among the project partners figure the International Institute of Social History as coordinating institution, the Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, the Confederazione Generale Italiana del Lavoro, Roma, The Finnish Labour Archives, the Fundação Mário Soares, Lisbon, the Open Society Archives, Budapest. HOPES’ objectives include the construction of a Social History Metadata Aggregator providing content to Europeana, a Social History Content Repository with improved quality of the content, the medatada and the service delivery through the engagement of the community of social history institutions and also an upgraded version of the Labour History Portal. Dissemination & Networking: Ernesto Harder, Friedrich-Ebert-Stiftung – Archiv und Bibliothek der sozialen Demokratie, Godesberger Allee 149,
53175 Bonn, Germany. Mail: Ernesto.Harder@fes.de. HOPE Project coordinator: Titia van der Werf, The International Institute of Social History (KNAW-IISG), The Netherlands. Sources: www.iisg.nl/news/hope.php, www.peoplesheritage.eu/index.htm Kent, UK: New Online Review Journal Marx & Philosophy Review of Books. The Marx & Philosophy Society, located at the University of Kent, has launched in early 2010 a new review journal called Marx & Philosophy Review of Books (ISSN 2042–2016) with the aim to publish »online reviews of books in the area of Marxism and philosophy interpreted broadly as regard both ›Marxism‹ and ›philosophy‹«, as the aims statement goes. The website already features a fairly large number of reviews, and the books presented go far beyond just Marxian philosophy and cover various topics relevant for scholars of communism. The site features a list of books available for review and invites interested scholars to contribute. For more information, go to www.marxandphilosophy.org.uk/reviewofbooks Paris: Afrikanische Archive der sozialen Bewegungen. Unter dem Titel »Archives ›africaines‹ des syndicats et partis français« fand am 8. Oktober 2010 in Paris eine von CODHOS (Collectif des centres de documentation en histoire ouvrière et sociale) organisierte Konferenz statt. Im Mittelpunkt standen die Überlieferungen der französischen Gewerkschafts- und politischen Organisationen der Arbeiterbewegung über die Beziehungen zu den afrikanischen Ländern und Bewegungen, besonders zwischen der »Ex-métropole« und den Kolonien. Der Ursprung der Gewerkschaftsbewegung in den französischen afrikanischen Ländern geht auf die Volksfrontperiode (1936–1939) zurück. CODHOS plant, ein Verzeichnis der Bestände und eine Kartierung der betreffenden Archive anzulegen. Beiträge auf der Konferenz waren u. a. »Les socialistes et l’Afrique noire (1943–1969), réflexions sur les archives ›africaines‹ du Parti socialiste SFIO et de quelques militants« von Frédéric Cépède (L’OURS), ein Zeitzeugenbericht von Jean-Pierre Biondi, sowie »Le PCF et l’Afrique à travers le fonds Jean Suret-Canale et les archives de la section de politique extérieure« von Pierre Boichu (Archives départementales de Seine-Saint-Denis). Zum Abschluss der Konferenz wurde das Projekt einer Datenbank der afrikanischen Archive sozialer Bewegungen vorgestellt (http://histoire-sociale.univ-paris1.fr/spip.php?rubrique58). Link: CODHOS, Université Paris 1, www.codhos.asso.fr. Kontakt: fblum@univ-paris1.fr Moscow: Online-Bibliography of Russian Archival Publications 2005–2010. The Federal Archive Agency has set up an online bibliography of publications of documents from archives under its jurisdiction as well as those of Russian federal agencies (such as the FSB and the Foreign Ministry). It lists Russian as well as (at least partly) foreign publications and is consultable at www.rusarchives.ru/publication/sbornik.shtml Paris: Archives of Messali Hadj. The daughter of Messali Hadj, Djanina Benkhelfa, has assigned all his political and personal papers at her disposal to the Centre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux (CERMTRI). Messali Hadj (1898–1974) was member of the SFIO and subsequently the French Communist Party (PCF). He co-organized the Congress of the Antiimperialist League in Brussels (1927), and was excluded from the PCF at the beginning of the 1930s, opposing the Comintern policy of the »Third Period«. Already in 1926, Hadj was founder of the »North African Star« (»Etolie Nord-africaine«), dissolved by the French government in 1937, of the »Algerian People’s Party« (»Parti du peuple algérien«, PPA), formed almost immediately after this and dissolved by the French government in 1939, of the »Movement for the Triumph of Democratic Liberties« (»Mouvement pour le triomphe des libertés démocratiques«, MTLD), founded in 1946, and finally of the »Algerian National Movement« (»Mouvement National Algérien«, MNA), formed in 1954 and subjected to brutal repression from both the French authorities and the »National Liberation Front« (»Front de Libération Natio-nale«, FLN), whose nationalism Hadj was strictly opposing. Scrutinizing and classification of these archives will be completed in February 2011. A catalog will be established and distributed to all organizations of the International Association of Labour History Associations (IALHI). (Communicated by Jean-Jacques Marie, Paris). Several texts by Hadj, translated into English, can be found at www.marxists.org/archive/messali-hadj Berlin-Dresden: Zeitzeugenportal 1989/90. »Das Zeitzeugenportal ist ein gemeinsames Projekt der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, des Bundesministeriums des Innern und der deutschen Bundesländer, vertreten durch die Sächsische Staatskanzlei. Die Internetplattform richtet sich an Schulen und andere Einrichtungen der historisch-politischen Bildungsarbeit. Die Idee des Portals besteht darin, Personen, die die Jahre der deutschen Teilung miterlebt und deren Überwindung aktiv mit gestaltet oder professionell beobachtet und begleitet haben, mit jungen Menschen zusammen zu bringen, die sich für die Aufarbeitung der jüngsten deutschen Zeitgeschichte interessieren. Darüber hinaus bietet die Homepage thematisch einschlägige Ressourcen, die unter anderem zur Vorbereitung von Schulstunden oder Veranstaltungen zum Thema Demokratie und Diktatur in Deutschland nach 1945 geeignet sind.« (aus der Eigendarstellung) Das Portal ist erreichbar unter www.zeitzeugenportal8990.de Pittsburgh, USA: AAASS Renamed. The American Association for the Advancement of Slavic Studies (AAASS), known amongst other activities for its influential yearly conventions, has renamed itself and goes now under the name of Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES). Moskau: Veröffentlichungsreihe des Deutschen Historischen Instituts. Das Deutsche Historische Institut Moskau hat eine neue Veröffentlichungsreihe initiiert. Bisland sind zwei zentrale Bände zum Stalin’schen Terror im Akademie-Verlag erschienen: • Rolf Binner/Bernd Bonwetsch/Marc Junge (Hrsg.): Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors, Berlin, Akademie-Verlag, 2009. (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Moskau. 1). • Rolf Binner/Bernd Bonwetsch/Marc Junge (Hrsg.): Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls No. 00447, Berlin, Akademie-Verlag, 2010. (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Moskau. 2). Berlin: Warlam-Schalamow-Werkausgabe wird fortgesetzt. Der Berliner Verlag Matthes & Seitz setzt auch in diesem Jahr die Herausgabe der Werke des sowjetischen Schriftstellers, Oppositionellen und Gulag-Häftlings Warlam Schalamow fort (der International Newsletter berichtete). Nach den ersten zwei Bänden der Erzählungen aus Kolyma erschien nun im Herbst 2010 der dritte Band unter dem Titel Künstler der Schaufel (russ. Artist lopaty). Der Band enthält den gleichnamigen Erzählungszyklus, die Schrift »Skizzen der Verbrecherwelt« sowie ein Nachwort von Michail Ryklin. Weitere drei Bände sind in Planung. Der neue Band kann unter www.matthes-seitz-berlin.de/scripts/buch.php?ID=320 bezogen werden. Zürich: Archive der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS) im Schweizerischen Sozialarchiv. Im Sommer 2007 konnte das Schweizerische Sozialarchiv umfangreiche Archivbestände der Partei der Arbeit der Schweiz übernehmen. Dabei handelte es sich um Akten, die im Sekretariat der PdAS an der Rotwandstrasse in Zürich und an weiteren Orten in und um Zürich aufbewahrt wurden: die Archive der Partei der Arbeit der Schweiz und der PdA des Kantons Zürich, das Archiv der Verlagsgenossenschaft »Vorwärts« und das Archiv des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV). […] Die Archivbestände der PdA sind aus nachvollziehbaren Gründen nicht einfach frei zugänglich. Für die Konsultation braucht es eine Bewilligung der Parteileitung. Erfreulicherweise werden Gesuche um Einsichtnahme aber sehr speditiv und unkompliziert behandelt. So wurden die PdA-Archive in den letzten zwei Jahren für wissenschaftliche Zwecke bereits rege benutzt. (Quelle: www.sozialarchiv.ch/spezialseiten/aktuell/detailansicht/article/archive-der-partei-der-arbeit-der-schweiz-pdas) Ghent/Amsterdam: The Archives of Amsab-ISG, the Library and Papers of Ernest Mandel. The Amsab-Institute for Social History (Amsab-ISG) in Ghent, Belgium, has acquired the library of Ernest Esra Mandel (Frankfurt am Main 1923 – Brussels 1995) (see: www.amsab.be/). The Belgian historicus and economist and one of the most comprehensive Marxist theoreticians was a leader of the Unified Secretariat of the Fourth International. His library encompasses up to 10.000 volumes of great thematic diversity, including the heavy bound volumes of Die Neue Zeit and the theoretical works of Marx, Engels, Rosa Luxemburg, Kautsky and Bebel. Most of the books deal with the economic development and the history of the labor movement. The archives of Amsab-ISG furthermore include important personal fonds and materials concerning mostly Flemish communists, Maoists or Trotskyists, such as André and Chantal de Smet, Guy Desolre, Peter Duuring, Jos Geudens, Adhémar Hennaut, Paul Libois, Leo Michielsen, Frans Morriens, Louis Roth, Jef Turf, Emile van Ceulen, Flor Vandekerckhove, Guillaume van den Borre, Bert van Hoorick, Henri Vaume, Georges Vereeken and Jaak Withagen. The papers of Ernest Mandel had been acquired in 1996 by the International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam, embracing 20.87 shelf meters for the time period 1943 and 1945–1995 (see: www.iisg.nl/archives/en/files/m/10801432.php). These archives reflect particularly the theoretical and practical achievments of the new Left in a transnational perspective. Bonn: Bibliography of the ITF. The library of the Friedrich Ebert Foundation (Bonn-Bad Godesberg, Germany), one of Europe’s most important libraries on the history of the workers’ movement, has released a detailed bibliography of the printed materials (journals, newspapers, protocols, yearbook and activity reports) issued by the International Transport Workers’ Federation (ITF). The global federation of transport workers’ trade unions was founded in 1896 and still exists today. Under Edo Fimmen (1882–1942), who was the ITF chairman from 1919 until his death, the federation undertook important measures in support of Republican Spain and anti-Nazi resistance, where it also cooperated with unorthodox communists such as Hermann Knüfken. The bibliography, compiled by Marlies Esser and featuring an essay on the history of the ITF by Willy Buschak, can be downloaded free of charge from http://library.fes.de/pdf-files/bibliothek/06903.pdf SECTION III. RESEARCH PROJECTS AND DISSERTATIONS – WORK IN PROGRESS. Udo Grashoff, Universität Leipzig (Germany): » Verrat und Verräter im kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime 1933 bis 1945. Habilitationsprojekt. Gegenstand dieses Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte ist ein durch die DDR-Historiografie tabuisierter Aspekt des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Herrschaftssystem: Verrat in den Reihen der kommunistischen Widerstandskämpfer. Die Untersuchung zielt in einem ersten Schritt auf eine Bestandsaufnahme und Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes. Dabei soll »Verrat« nur im Kontext des kommunistischen Loyalitätszusammenhanges untersucht werden. Es geht also um solche Personen, die aus Sicht der KPD ihre Genossen (Bezugspunkt Partei) bzw. ihre Überzeugungen (Bezugspunkt Ideologie) »verraten« haben. Andere Verrats-Zuweisungen wie Landesverrat (Bezugspunkt Nation) oder Menschheitsverrat (Bezugspunkt Menschenrechte) werden nicht behandelt. Schwerpunkte des Forschungsvorhabens sind: 1. Zentrale antifaschistische Mythen der DDR, die obligatorischer Bestandteil der Lehrpläne der DDR-Schulen waren, sollen hinsichtlich des Verrats-Aspektes – wo notwendig – einer fundierten und differenzierten Revision unterzogen werden. 2. Bisherigen Untersuchungen (z. B. von Wilhelm Mensing über V-Männer der Gestapo im Ruhrgebiet) soll eine eigene Lokalstudie zum mitteldeutschen Industriegebiet an die Seite gestellt werden. 3. Insgesamt soll »Verrat« stärker als in bisherigen Untersuchungen in seinen Rückwirkungen auf die KPD betrachtet werden. Während bisher »Verrat« von kommunistischen Widerständlern vorwiegend aus der Perspektive der Gestapo rekonstruiert und damit auf die Auswirkungen des Verrats im Tätigkeitsbereich der NS-Geheimpolizei fokussiert wurde, wodurch die KPD in diesen Untersuchungen als passives Objekt erscheint, sollen auch die Reaktionen der Kommunisten, die Versuche der Spitzelenttarnung und -abwehr thematisiert werden. 4. Ein weiterer Schwerpunkt des Habilitationsprojektes ist der Umgang mit »Verrat« im kommunistischen Widerstandskampf in der SBZ/DDR nach 1945 (z. B. Ermittlungen des MfS zu vermeintlichen und tatsächlichen Verrätern, Schicksale zu Unrecht Beschuldigter). Es ist also sowohl eine Realgeschichte des Verrats im Kontext des kommunistischen Widerstandes zu schreiben, als auch eine Geschichte der unmittelbaren sowie retrospektiven Reaktionen der Kommunisten auf Situationen, in denen nicht immer zu klären war, ob ein Verrats-Verdacht begründet war oder nicht. Kontakt: udograshoff@gmx.de Matthias Neumann, University of East Anglia, Norwich (Great Britain): » »Thinking Globally« – Internationalism and Workers’ Identity. A Comparison of Workers in Liverpool, Hamburg and St Petersburg/Petrograd/Leningrad, 1910–1925. Research project. »The working men have no country«1 Marx and Engels pronounced in the Communist Manifesto. Internationalism was central to a Socialist ideology that gave a class basis to the idea of brotherhood transcending national boundaries. Fused together through the development of international capitalism, socialist revolutions were expected to start in one or another country, but inevitably would become a world affair. World revolution would eventually render nations and thus nationality a redundant part of peoples’ identity – globalisation à la Marx. Ideologies exist at the junction between theory and practice, grounded in abstract ideas and everyday political reality. It is thus a real shortcoming that the historical study of internationalism has generally taken the form of intellectual and political history focusing on great personalities and institutions. Even the recent boom in the study of »transnationalism« and »globalisation« with its emphasis on diaspora and transcendence of borders has done little to remedy this deficit.2 This project, thus, sets out to shift this focus. Its originality lies in tackling the meaning of internationalism at rank-and-file levels of the Socialist/Marxist movement. It will examine the divergent ways in which internationalism was understood and their expression in the social practices in working-class communities. It focuses on a momentous period and on three countries: Germany, with the largest and strongest radical socialist movement in Europe; Russia/Soviet Russia, about to become the first Communist state; and Britain with an established but less militant labour movement. Given their distinctive political, social and cultural developments, and importance in the theoretical evolution and practical pursuit of international revolution, this trio provides a valuable basis for comparative analysis. This approach utilises case studies of Liverpool, Hamburg and St Petersburg as a prism. Each was a major port; and a large-scale industrial complex; and each generated militant workers’ movements which were heavily, though unevenly, influenced by Socialist/Marxist ideas, that have left sufficient records for rank-and-file perceptions and identities to be reconstructed. Workers in these cities were part of the prime constituency for Socialist ideology, yet at the same time they were the product of their own national culture. The destruction of World War I saw mass nationalism in Europe mobilised, the tensions between internationalism and the idea of patriotism laid bare, and the Second International torn apart. Yet within the Socialist movement the idea was not abandoned and instead was brandished in the multiple upheavals of 1917–19. Three main research questions will explore the extent and consistency of revolutionary and reformist internationalism among radical workers c.1910–1925. First, the issue of tensions between class consciousness/allegiance and national identity/allegiance. Which had priority? Second, how intensely was this balance influenced by the major events and developments of the period? How far did internationalist attitudes ebb, flow and change? Third, was there a difference between theory and practice, between preaching or endorsing internationalism and living it at the local level? In sifting the evidence, the focus will be placed on two dimensions of internationalism, the »domestic« dimension and the »foreign« dimension. So far as the first is concerned, each case-study provides the opportunity to test the extent to which internationalism shaped radical workers’ perception and treatment of ethnic minorities and foreign immigrants within the workforce of their own working-class community. It will also be possible to explore the attitude of labour activists and rank-and-file workers towards empire, the colonial rule exercised by their own nation and the colonial peoples over whom their own nation exercised imperial dominion. The ›foreign‹ dimension of internationalism will be explored by scrutinising, comparing and contrasting perceptions of and attitudes towards workers’ movements abroad and responses to war and revolution, strikes and uprisings, violence and repression in other countries. The depth and extent of internationalism among radical workers and the labour movement in general will be measured in part by their reactions to national calls to arms and to highly controversial political positions such as that of revolutionary defeatism. The study will explore how far internationalism was »lived« by rank-and-file workers within formal and semi-formal organisations, and how it was communicated to their constituency. The discourse on internationalism in local newspapers, leaflets, and debates of communist and socialist parties, trade unions and workers’ clubs will be examined. The analysis will further explore whether and how this discourse created collective criteria for articulating an internationalist interpretation of events; and the extent to which this was transformed into social practices or real political actions expressing solidarity across national and state boundaries. In January 1920, for instance, the creation of Councils of Action in Liverpool opposing any British intervention against the Soviet Union became an active expression of working-class solidarity. It is at this point that the interplay between events, on the one hand, and social circumstances and ideology on the other, will come to the fore and that the nature and extent of collective internationalism among radical workers will be analysed in the wider historical context. Careful reconstruction and comparison of the varying perceptions of internationalism will give texture and depth to the portrait of collective attitudes within the three workers communities. It will allow exploration of the salience, relevance and consistency of internationalist attitudes in daily life. And it will provide insight into the extent to which internationalism was or was not correlated with differences in age and gender. Ultimately, fresh insight into the »picture from below« afforded by a comparative approach will facilitate a broader reassessment of early twentieth-century internationalism, integrating existing intellectual and institutional histories with grassroots attitudes, perceptions, practices and actions. The project can build upon a huge literature on workers’ identity, the Socialist/Communist movement, and working class reactions to the First World War in all three countries. Furthermore, in all three countries, local and national archives, Socialist/Communist and trade unions archive records will be trawled for new primary material. Contact: M.Neumann@uea.ac.uk Ralf Hoffrogge, University of Potsdam (Germany): » Werner Scholem. A Political Biography (1895–1940). PhD Project. This dissertation project, supervised by Prof. Mario Kessler, focuses on the biography of the Communist politician Werner Scholem, a leading figure on the »ultra-left« wing of the German Communist Party (KPD) during the 1920s. The idea of the project is to present a full-length biography of Werner Scholem, concentrating on his activities as communist politician since 1921. Other important aspects like his family background, his political socialization and his later persecution by the National Socialists are also subject of research and will be integrated into one coherent narrative. Werner Scholem was born in 1895 as the third son of a Jewish entrepreneur, Arthur Scholem, owner of a printing shop. Werner found himself in opposition to his fathers’ nationalist political views. Together with his younger brother, Gerhard (later known as Gershom Scholem), he joined the Zionist youth-organization »Jung Juda«. Unlike Gershom, Werner abandoned Zionism and joined the Socialist youth movement (Arbeiterjugend) in 1912. During World War I Werner had to serve as a foot soldier, a traumatizing experience that both radicalized his socialist views and revived his connection to Judaism. During the war he joined the Independent Socialist Party (USPD) and in 1919 started working for one of its newspapers. In 1920 Scholem joined the Communist Party and in 1921 was elected to a seat in the Prussian parliament (Preußischer Landtag). In 1924 he became a member of the national parliament (Reichstag) and the Central Committee of the KPD. As head of organizational affairs (Organisationsleiter) Werner Scholem was a leading figure in the »Bolshevization« of German Communism. When the ultra-left wing of the party lost power in 1925, Scholem went into opposition. In 1926 he was expelled from the party for his resistance to Stalin’s politics. Scholem maintained contact with several oppositional Trotskyite and other groups and persons, but dropped his political career in order to study law at Berlin University. In 1933, a few months before his university education would be finished, he was arrested and charged with high treason by the Nazi regime. Scholem remained in custody as a political prisoner in several concentration camps. In July 1940 he was murdered in Buchenwald. Werner Scholem’s biography represents central aspects and contradictory trajectories that were typical for 20th century German history. Many central issues, such as the rise of anti-Semitism within German society or the uneasy relationship between Zionism and Socialism have to be taken into account and can be analyzed from a new perspective. For the social and intellectual history of the Communist movement in Germany, research on Scholem might give new insights into the Stalinization of the German Communist Party and the ongoing controversy of its »internal« political dynamics vs. »external« influences from the Soviet Union. Scholem, for example, was at first an admirer of Stalin and pushed forward his politics of Bolshevization, but in 1925 he became one of Stalin’s first and fiercest political opponents. The reason for Scholem’s opposition was Stalin’s turn from a policy that promoted international revolution to the policy of »Socialism in a single country«. A political biography of Werner Scholem may discuss these problems from a perspective within the KPD while at the same time help to understand the emergence of general political radicalism in Weimar Germany. These tendencies have to be contextualized with experiences of World War I and the following German Revolution 1918 – events that shaped not only Werner Scholem, but a whole generation. Contact: hoffrogg@uni-potsdam.de Aleksei Ju. Suslov, University of Technology (Kazan’/Republic of Tatarstan, Russia), Konstantin N. Morozov, Memorial (Moscow/Russia): » Neopopulism and Neopopulist Parties in Twentieth Century Russia: A Bibliography. During 2008 and 2009, Russian historians K. Morozov (Moscow) and A. Suslov (Kazan’), supported by a grant of the Russian Humanities Fund, prepared the manuscript of Neopopulism and Neopopulist Parties in Twentieth Century Russia: A Bibliography for publication. The main objective of the project was a scholarly generalization and systematization of biographical and bibliographical information on the history of the largest Russian neopopulist parties (such as the Socialist Revolutionaries) for the duration of their existence both in Russia and abroad. The directory consists of three major sections: »Sources«, »Literature«, and »Researchers«. The section »Sources« includes a description of documents on neopopulism and neopopulist parties in the main Russian state archives. This section also includes a list of neopopulist periodical press before and after 1917. The »Literature« section aims to encompass the vast field of publications on the research subject. More than 1500 titles have been processed. Since including publications of a general nature would have substantially increased the amount of pointers and made it more difficult to use, a rigorous selection has been made in this aspect. The section on »Researchers« selectively includes information on Russian and foreign historians engaged in the history of neopopulism. Questionnaires as well as personal interviews and personal information from other sources have been used for this section. At the moment, the editors are searching for funding to publish the book. Aleksei Ju. Suslov. Contact: PLUSHA131333@yandex.ru Memorial, St Petersburg, Russian Federation: » The Virtual Gulag Museum. Internet-Project. The Virtual Museum of the Gulag (www.gulagmuseum.org), created in 2004 by the Research and Information Centre »Memorial« in St Petersburg, is a virtual resource that collects and publicises material on the topic of political repression in the former Soviet Union, mainly from local Russian museums. The website consists of a searchable database in which each exhibit (items from local museums, the museums themselves, mass burial sites, memorials and non-museum objects such as landscapes) is accompanied by a detailed, museum-standard label. The Virtual Museum of the Gulag is today at a stage at which the creation of virtual exhibitions out of the existing material has replaced the accumulation of new visual material as the most important task, marking the transition from an information resource to a virtual museum. In Russia there are no dedicated state programmes commemorating the Gulag and the topic of political repression and the labour camp system is barely touched upon in history curricula. Memory of the Gulag is relegated to the regional level where exists an abundance of remote museums and exhibitions, many of them in a precarious state. The Virtual Museum of the Gulag has set itself the task of integrating these various initiatives into a united whole, without overriding or destroying the individual character of participating institutions, thereby providing not only a fuller picture of the history of political repression, but also a reflection of the contemporary memorial landscape concerning this topic. »Memorial« has found about 300 different museums and institutions in the collections of which the topic of the Gulag is represented, including municipal museums, privately owned museums and museums attached to enterprises or schools. The Virtual Museum of the Gulag’s virtual archive contains more than 8,000 images from about 100 museums, 500 burial sites and 400 monuments. Most of these museums are situated in Russia, however, the Virtual Gulag Museum also cooperates with institutions in Lithuania, Latvia, Ukraine, and Kazakhstan. Bundesstiftung Aufarbeitung, Berlin (Germany): » Erinnerungsorte an die kommunistischen Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erarbeitet eine Dokumentation zu Erinnerungsorten (Gedenkstätten, Gedenkzeichen und Museen), die an Opposition, Widerstand und Verfolgung durch die kommunistischen Regime in den Ländern Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas sowie in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion erinnern. In die Dokumentation werden darüber hinaus jene Staaten Europas einbezogen, die zeitweilig im Einflussbereich der UdSSR lagen und in denen unter einem sowjetischen Besatzungsregime politisches Unrecht geschah (bspw. Österreich). Ziel des Projekts ist es, möglichst umfassend die (materiellen) Formen der Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu erfassen. Damit entsteht im Rahmen des Projektes eine Dokumentation über die »Topographie der Erinnerung« in den jeweiligen Regionen, die wiederum einen Zugang zu den nationalen Erinnerungskulturen und -diskursen im europäischen Kontext ermöglicht. Mit diesem Projekt trägt die Stiftung ihrem Auftrag Rechnung, die Erinnerung an das geschehene Unrecht und die Opfer im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten und die internationale Zusammenarbeit bei der Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen zu fördern. (Quelle: www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/igof/igof.php) Für die im Rahmen des Projektes bisher publizierten Gedenkortführer (zu Prag 1968, der Ukraine 1932/33, Südkorea, Ungarn 1956 und dem Stalin’schen Terror 1937/38) siehe www.stiftung-aufarbeitung.de/publikationen/index.php?kategorie_id=22#24 SECTION IV.MATERIALS AND STUDIES. Materials and studies will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2011). SECTIONS V.NEW PUBLICATIONS – REPORTS, PRESENTATIONS AND REVIEWS. V.1 REVIEWS. Reviews will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2011), among others: • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, C.H. Beck, 2008. 381 p. • Černjavskij, Georgij: Lev Trockij, Moskva, Molodaja gvardija, 2010. 665 p. (Žizn’ zamečatel’nych ljudej. 1261). • Dahlke, Sandra: Individuum und Herrschaft im Stalinismus. Emel’jan Jaroslavskij. 1878–1943, München, Oldenbourg, 2010. 484 p. (Ordnungssysteme – Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit. 29). • Eisfeld, Alfred (ed.): Von der Autonomiegründung zur Verbannung und Entrechtung. Die Jahre 1918 und 1941 bis 1948 in der Geschichte der Deutschen in Russland, Stuttgart, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., 2008. 287 p. • Fulbrook, Mary: Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008. 364 p. • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. XIII, 317 p. • King, David: Roter Stern über Russland. Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins. Plakate, Fotografien und Zeichnungen aus der David-King-Sammlung, Essen, Mehring, 2010. 345 p. • Priestland, David: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute. Aus dem Englischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt, München, Siedler, 2009. 782 p. • Richter, Hedwig: Die DDR, Paderborn, Ferdinand Schöningh, 2009. 116 p. (UTB Profile). V.2 PRESENTATIONS AND ANNOUNCEMENTS. Juliette Cadiot/Dominique Arel/Larissa Zakharova (eds.): » Cacophonies d’empire. Le gouvernement des langues dans l’Empire russe et en Union soviétique, Paris, CNRS Editions, 2010. 368 p. ISBN 978-2-2710-7031-9. Les bâtisseurs de l’Empire de Russie, puis de l’URSS, durent apprendre à gouverner une population multiethnique parlant plus d’une centaine de langues. Progressivement cette cacophonie fut transformée selon des modalités combinant quête d’assimilation et respect de la diversité linguistique. En se penchant sur l’histoire des régulations linguistiques dans l’ancien espace dominé par la langue russe, cet ouvrage s’intéresse à la construction des États russes et soviétiques, mais aussi aux héritages de cette histoire dans les États issus de l’éclatement de ces empires. Ce livre souligne l’importance des réflexions et tentatives intellectuelles, scientifiques et politiques en provenance de cette partie du monde, expérience qui a permis l’alphabétisation de masse et la transformation par l’introduction de l’écrit d’une population plurilingue. Des projets souvent radicaux, autant utopiques que modernisateurs, furent portés par des nombreuses élites: »nationalistes« et bolcheviks firent de la langue un outil de transformation sociale et politique essentiel à leurs projets de réformes des sociétés. Exploitant des archives inédites, cet ouvrage explore les formes d’intervention sur les langues en tant que processus complexes d’interactions entre l’état, les savants et les sociétés. (Information éditoriale). Oleg Chlevnjuk: » Chozjain. Stalin i utverždenie stalinskoj diktatury [Master of the House. Stalin and the Establishment of the Stalinist Dictatorship], Moskva, ROSSPEN, 2010. 478 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1314-7. Using archive documents, the author studies the transition from »collective management« by the Politburo to the personal dictatorship of Stalin – a process that was completed in the pre-war years. Particular attention is devoted to Stalin’s role in the formation of the system that was to be named after him, the mechanisms for taking and implementing decisions, and resistance to the Stalinist »revolution from above« in the party and society. (Information by the publisher.) Romain Ducoulombier: » Camarades. La Naissance du Parti Communiste en France. Préface de Marc Lazar, Paris, Perrin, 2010. 430 p. ISBN 978-2-2620-3416-0. Ce livre propose une interprétation nouvelle de la naissance du communisme en France et de son moment symbolique, le célèbre Congrès de Tours en décembre 1920. À l’encontre des interprétations traditionnelles qui le présentent comme un accident ou, au contraire, comme une fatalité inscrite dès 1914, Romain Ducoulombier propose de restituer toute sa force à la dynamique de la scission qui a donné le jour, à l’issue de la Grande Guerre, au Parti communiste, modèle du parti ouvrier de masse. Le livre restitue d’abord son originalité fondamentale à la génération de l’armistice, »née de la guerre« et de la lutte pacifiste contre celle-ci. Au nom du refus de la guerre, du rejet de la participation ministérielle et de la fidélité à la révolution, cette relève militante s’est tournée vers le bolchevisme, qui lui offrait une méthode, des slogans et des pratiques adaptées à son besoin de renouveau. Fascinée par Lénine et son œuvre en Russie, elle ne s’est jamais soumise passivement aux directives de Moscou: elle a au contraire adopté volontairement, et adapté tactiquement ses formules à la situation politique française. Ce livre propose une lecture renouvelée des valeurs, des pratiques, des formes de sociabilité de cette génération de passeurs, traumatisée par le conflit, qui bouleverse les manières de militer en France. Cette relève militante intransigeante, animée d’une véritable haine de la social-démocratie, a voulu créer un »parti de type nouveau« capable de régénérer le socialisme, compromis par la participation aux ministères de Défense nationale pendant la guerre. À l’aide d’importantes archives souvent inédites, Romain Ducoulombier reconstitue la marche à la scission, menée avec enthousiasme contre l’ancienne oligarchie socialiste accusée de trahir l’idéal révolutionnaire. Le livre permet donc de comprendre comment et pourquoi le communisme en France a été, à la différence d’autres tentatives tout au long du XXe siècle, une refonte politique radicale du personnel et de l’idéal socialistes français. Loin de l’histoire traditionnelle des »origines« du communisme, le livre s’intéresse aux filiations idéologiques et aux déformations des idées provoquées par leur circulation internationale et leur introduction en France. Reconstituant les circuits de cette circulation intense, Romain Ducoulombier réécrit l’histoire du premier communisme français en montrant qu’elle prépare et annonce la dérive inquisitoriale de la période stalinienne. C’est aussi toute une jeunesse révolutionnaire née de la guerre qui reprend vie. Romain Ducoulombier dresse des portraits saisissants des acteurs connus et inconnus de la naissance du communisme français. Il offre une description passionnante des débats, controverses et manœuvres qui aboutissent, avec l’intervention active des bolcheviks, à la rupture de Tours puis à l’élimination de ses promoteurs. Ce livre dévoile les ressorts intimes qui animent les fondateurs du communisme français : la volonté de régénération, la soif de pureté, le désir de sacrifice, dont sortira une machine à contrôler et à exclure qui va marquer de son empreinte toute la vie politique et syndicale de la gauche française jusqu’à nos jours. L’auteur éclaire ainsi une dimension essentielle des passions politiques modernes : le besoin de renouveau. (Information éditoriale). The International Newsletter previously published the following article by Romain Ducoulombier: De la minorité de guerre au premier communisme français. Construire l’histoire et les archives de la scission de Tours. In: The International Newsletter of Communist Studies Online XVI (2010), no 23, pp. 97–105. Narihiko Ito/Annelies Laschitza/Ottokar Luban (eds.): » Rosa Luxemburg. Ökonomische und historisch-politische Aspekte ihres Werkes. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Tokio, April 2007, und Berlin, Januar 2009, Berlin, Dietz, 2010. 236 p. ISBN 978-3-3200-2233-4. Nach den Bänden Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs (2002) und China entdeckt Rosa Luxemburg (2007) legt die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft die Ergebnisse ihrer Tagungen in Tokio (2007) und Berlin (2009) vor. Wurden bisher die wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten Rosa Luxemburgs, besonders ihre Akkumulationstheorie, vor allem in Lateinamerika und Italien rezipiert, so hat die momentane Krise deren Brisanz und Aktualität unübersehbar zutage gefördert. Nicht zuletzt deshalb wird in diesem Band, in dem auch historisch-politische Aspekte des Werkes von Rosa Luxemburg diskutiert werden, diesen Fragen ein breiter Raum gegeben. Historiker, Philosophen, Ökonomen und Politologen aus Amerika, Asien und Europa unterbreiten ihre Ansichten über das Werk und die Ideen Rosa Luxemburgs. (Verlagsinformation) Im Band enthalten sind u. a. Beiträge über die Beziehung Luxemburgs zu Karl Radek (Jean-Francois Fayet) und Leo Jogiches (Feliks Tych), zu Ernst Meyer (Florian Wilde) und zur Gründung der Komintern (Jakov Drabkin). Gerd Koenen: » Was war der Kommunismus?, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2010. 143 p. (FRIAS Rote Reihe. 2). ISBN 978-3-5253-2301-4. Die kommunistischen Bewegungen und Staatsgründungen, ihre ursprüngliche Dynamik und ihr rascher Zerfall stellen sich als eines der schwierigsten Kapitel des 20. Jahrhunderts dar. Gerd Koenen versteht den Kommunismus als eine der großen Tendenzen dieses Zeitalters und versucht ihn in diesem Sinne zu »historisieren«. Wie und warum waren Kommunisten in der Lage, inmitten ihres epochalen Scheiterns dennoch ihrer Welt und Zeit einen so prägenden Stempel aufzudrücken? Wie bilanziert sich ihr historisches Wirken nicht zuletzt aus der Perspektive der postkommunistischen Entwicklungen und der kapitalistischen Weltkrise 2009? (Verlagsinformation) Grigorij G. Kosač: » Kommunisty Bližnego Vostoka v SSSR [Middle East Communists in the USSR]. 1920–1930-e gody, Moskva, RGGU, 2009. 268 p. ISBN 978-5-7281-1004-0. The monograph deals with the early period of the activity of the communist parties of Egypt, Palestine, Syria, Lebanon and Iraq. It is based, apart from materials of Soviet party and state institutions, on the personal files of communists from the Middle East, such as students of the Comintern’s institutions of higher education and staff members of its apparatus. These documents, mostly preserved at the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI), help to shed light on the main tasks, currents and methods in the Middle East communist parties’ activity. (Information by the publisher). Aleksandr Livšin: » Nastroenija i političeskie e˙mocii v Sovetskoj Rossii [Morale and Political Emotions in Soviet Russia]. 1917–1932 gg., Moskva, ROSSPEN, 2010. 344 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1358-1. Problems of the formation of public morale under such conditions as the massive transformational changes caused by the revolution, civil war, NEP and the implementation of Stalin’s »revolution from above« are dealt with in this book. Using »letters from below« as a central source, the author uses interdisciplinary research methods to demonstrate the interdependence between the processes of social transformation and swings in public morale and political emotion. (Information by the publisher). Vladimir G. Mosolov: » IME˙L. Citadel’ partijnoj ortodoksii. Iz istorii Instituta marksizma-leninizma pri CK KPSS [IMEL. Fortress of Party Orthodoxy. The History of the Institute of Marxism-Leninism at the CC of the CPSU]. 1921–1956, Moskva, Novyj chronograf, 2010. 600 p. ISBN 978-5-94881-104-8. The monograph by V.G. Mosolov represents a first comprehensive attempt in historiography to reconstruct the early period (1921–1956) of the central scholarly institution of the CPSU – the Institute of Marxism-Leninism at the CC of the CPSU, mostly called IMEL (Institute of Marx-Engels-Lenin) and existing from 1921 to 1991. The author does not claim to fully cover the first period of the Institute’s history, but strives to shed light on the main directions of its activity, which legitimated the existence of the Institute from the party’s point of view. (Information by the publisher). Jürgen Mothes: » Lateinamerika und der »Generalstab« der Weltrevolution. Zur Lateinamerika-Politik der Komintern. Herausgegeben von Klaus Meschkat, Berlin, Dietz, 2010. 304 p. (Geschichte des Kommunismus und des Linkssozialismus. 14). ISBN 978-3-3200-2235-8. Jürgen Mothes, ein herausragender Zeithistoriker aus Leipzig, dessen Untersuchungen zur Kommunistischen Internationale und ihrer Einwirkung auf die revolutionären Bewegungen in Lateinamerika ein ganzes Forschungsfeld nachhaltig geprägt haben, starb am 5. Oktober 1996 unerwartet im Alter von fünfzig Jahren. Seine Schriften, zum Teil als Entwürfe hinterlassen, enthalten die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen. Mit dem vorliegenden Sammelband sollen sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Besonders beeindruckend ist das Material über verschiedene Persönlichkeiten aus der lateinamerikanischen Linken, das Mothes hier der Forschung zur Verfügung stellt. Sämtliche abgedruckten Texte beziehen sich auf die Vorgänge der Jahre 1927 bis 1932. Mothes selbst hat sie als »Schlüsseljahre« verstanden, in denen sich das Schicksal der revolutionären Bewegung im weltweiten Maßstab entschied: Der Sieg Stalins über seine letzten Widersacher hatte einschneidende und letztlich verheerende Folgen für die fortan von ihm kontrollierte kommunistische Bewegung. (Verlagsinformation). Mothes war Mitgründer und Initator des International Newsletter. Serge Wolikow: » L’Internationale Communiste. 1919–1943. Le Komintern ou le rêve déchu du parti mondial de la révolution, Paris, Les Editions de l’Atelier, 2010. 288 p. ISBN 978-2-7082-4131-2. Créer un parti mondial de la révolution pour que les représentants du prolétariat prennent le pouvoir dans divers pays de la planète, tel est le dessein de la IIIe Internationale ouvrière qui se forme après le désastre meurtrier de la Première Guerre mondiale. La révolution russe d’Octobre 1917 avait montré l’exemple, s’ouvrait alors, selon ses partisans, le chemin d’une possible révolution mondiale … Cet ouvrage retrace l’histoire de l’Internationale communiste de sa naissance à Moscou le 2 mars 1919 jusqu’à sa dissolution en 1943. Puissamment organisé, le Comintern marquera de son empreinte l’histoire du XXe siècle, il participera aux luttes libératrices de l’entre-deux-guerres, offrira aux classes populaires des voies d’accès à la vie politique en même temps qu’il justifiera les massacres de masse des purges staliniennes. L’Internationale communiste permettra l’expression des aspirations anticolonialistes de nombreux militants asiatiques, arabes et africains tout en exerçant un contrôle étroit de l’activité des partis nationaux par le recours à la violence physique et symbolique. Funeste production de l’imaginaire pour certains, entreprise essentiellement criminogène pour d’autres, le communisme est ici appréhendé comme une réalité autrement plus complexe. Ce livre contribue à dé-crypter le sens d’un mouvement mondial qui a porté les espoirs de centaines de millions de femmes et d’hommes tout en acceptant d’en sacrifier des millions parmi ses partisans et ses adversaires. Il présente les différents épisodes de l’histoire du Comintern ainsi que les débats théoriques et stratégiques qui l’ont traversé. Il porte enfin une attention particulière aux cercles dirigeants comme aux cadres du mouvement communiste formés dans ses différentes sections nationales. Il s’attarde de manière précise sur la répression stalinienne qui a frappé une part importante des kominterniens mais il affronte également la participation des dirigeants du Comintern à cette répression dont la xénophobie préfigure la liquidation en mai 1943. Cet ouvrage est complété par un cédérom mis à jour comprenant près de 800 biographies de militants du Comintern de Belgique, de France, du Luxembourg et de Suisse. Serge Wolikow, Professeur d’histoire, enseigne l’histoire contemporaine à l’Université de Bourgogne. Codirecteur de l’ouvrage Le Siècle des communismes (Éditions de l’Atelier, 2000; Points Seuil, 2004) et d’autres ouvrages notamment avec B. Bayerlein sur Les télégrammes de Moscou (Tallandier 2003). V.3 BOOKS SENT IN FOR REVIEW The following books are available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books which are not listed here, or are an author/publisher and want the International Newsletter to review your books. Please, note that unsolicited reviews will not be published. • Bürgi, Markus/König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. 250 p. • Caillat, Michel/Cerutti, Mauro/Fayet, Jean-François/Roulin, Stéphanie (eds.): Histoire(s) de l’anticom-munisme en Suisse. Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich, Chronos, 2008. 368 p. • Čubar’jan, Aleksandr O.: Kanun tragedii. Stalin i meždunarodnyj krizis. Sentjabr’ 1939–ijun’ 1942 goda, Moskva, Nauka, 2008. 475 p. • Ensikat, Peter: Populäre DDR-Irrtümer. Ein Lexikon, Berlin, Edition q, 2008. 239 p. • Flügge, Manfred: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie, Berlin, Aufbau, 2008. 422 p. • Gerstengarbe, Sybille/Hennig, Horst: Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945–1961. Eine Dokumentation, Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2009. 730 p. • Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010. 333 p. • Hoeres, Peter: Die Kultur von Weimar. Durchbruch der Moderne, Berlin, be.bra-Verlag, 2008. 189 p. (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. 5). • Huber, Peter/Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. • Jahn, Egbert (ed.): Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa. I: Der gescheiterte Nationalismus der multi- und teilnationalen Staaten. II: Nationalismus in den Nationalstaaten. III: Nationalismus in den nationalen Gebietseinheiten, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 401 + 657 + 388 p. • Jahn, Egbert (ed.): Nationalism in Late and Post-communist Europe. I: The Failed Nationalism of the Multinational and Partial National States. II: Nationalism in the Nation States. III: Nationalism in National Territorial Units, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 367 + 633 + 359 p. • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. XIII, 317 p. • Junge, Mark/Bordjugov, Gennadij/Binner, Rolf: Vertikal’ bol’šogo terrora. Istorija operacij po prikazu NKVD N° 00447, Moskva, Novyj Chronograf, 2008. 778 p. • Kaiser, Gerd: »Auf Leben und Tod«. Stille Helden im antifaschistischen Widerstand. 1923–1945, Berlin, Edition Bodoni, 2007. 542 p. • Kamiński, Łukasz/Persak, Krzysztof/Gieseke, Jens (eds.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa. 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. 583 p. (Analysen und Dokumente. 33). • Karner, Stefan/Selemenev, Vjačeslav (eds.): Österreicher und Sudetendeutsche vor sowjetischen Militär- und Strafgerichten in Weißrussland 1945–1950. Avstrijcy i sudetskie nemcy pered sovetskimi voennymi tribunalami v Belarusi. 1945–1950 gg., Graz, Verein z. Förderung d. Forschung v. Folgen nach Konflikten u. Kriegen, 2007. 727 p. (Kriegsfolgen-Forschung. 10). • Keep, John L. H./Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. 328 p. (Istorija stalinizma). • Killian, Herbert: Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf, Kral Verlag, 2008. 220 p. • Neves, José: Comunismo e nacionalismo em Portugal. Política, cultura e história no século XX, Lisboa, Tinta-da-China, 2008. 502 p. • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. 341 p. • Zeuske, Michael: Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Zürich, Rotpunktverlag, 2008. 619 p. SECTION VI.MEETINGS AND CONFERENCES CONCERNING COMMUNIST STUDIES 2010–2011.3 Past Meetings and Conferences 2010 • Berlin, Germany, 10–12 March 2010: Der Weg zur Deutschen Einheit. Mythen und Legenden, Bundesstiftung Aufarbeitung, Berliner Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, Deutsche Gesellschaft e.V., Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund. • Los Angeles, USA, 17–21 March 2010: Socialist Cinema from Eisenstein to Chavez. Society for Cinema & Media Studies 2010 Conference. www.cmstudies.org • Dehli, India, 18–20 March 2010: 8th International Conference of Labour History. Association of Indian Labour Historians (AILH, VVGiri National Labour Institute (VVGNLI). www.ith.or.at/partner_e/call_ailh2010_e.htm • Lille, France, 19–20 March 2010: George Orwell. A Political Conscience of the XXth Century, University of Lille III. • Paris, France, 23–24 March 2010: Pratiques de pouvoir, violences et contestations à l’Est. De l’empire russe au démantèlement de l’URSS et du bloc communiste (xixe–xxie siècles), Journées doctorales, EHESS. doctorales.2009@gmail.com • Berlin, Germany 9–10 April 2010: Die Beziehungen zwischen der SED und den kommunistischen Parteien in West- und Südeuropa von 1968 bis 1989. Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. http://web.fu-berlin.de/bkvge • Ghent, Belgium, 13–16 April 2010: 8th European Social Science History Conference. www.iisg.nl/esshc • Saint Petersburg, Russian Federation, 15–16 April 2010: Konstruiruia »sovetskoe«? Politicheskoe soznanie, povsednevnye praktiki, novye identichnosti. Studencheskaia I aspirantskaia konferentsiia. Tsentr franko-rossiiskikh issledovanii v Moskve, Evropeiskii universitet v Sankt-Peterburge. • Potsdam, Germany, 16–17 April 2010: Zeitgeschichte nach 1989. Theorien/Themen/Methoden. 8. Potsdamer Doktorandenforum zur Zeitgeschichte, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Neustrelitz, Germany, 16–18 April 2010: 14. Bundesweiter Kongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Statssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. post@lstu.mv-regierung.de • Bobigny, France, 26 April 2010: Les relations entre les partis communistes français et italiens. Archives départementales de la Seine-Saint-Denis. http://tristan.u-bourgogne.fr/UMR5605/manifestations/09_10/10_04_26.html • Chicago, USA, 1 May 2010: A Century of May Days. Labor and Social struggles. International Conference, Institute of Working Class History. www.mayday2010.info • Grenoble, France, 20–21 May 2010: Le sport dans les presses communistes au XXe siècle. Journée d’étude, Université de Grenoble (UFR-STAPS). www.histoiredesmedias.com/Journee-d-etude-Le-sport-dans-les.html • Leuven, Belgium, 21–22 May 2010: The Transnationality of Social Movements, Free University of Brussels, Catholic University of Leuven. • Saint Petersburg, Russian Federation, 7–10 June 2010: Chelovak I lichnost’ kak problema istoricheskogo issledovaniia. Rossiia, konets XIX–XX vek. History and Subjectivity in Russia. Late 19th–20th centuries. Faculty of History, Rutgers University, Sankt-Peterburgskij institut istorii RAN. http://history.rutgers.edu / www.spbiiran.nw.ru • St. Petersburg, Russia, 15–19 June 2010: History and Subjectivity in Russia, Rutgers University, St. Petersburg Institute of History, Russian Academy of Sciences, European University of St. Petersburg. Submission deadline: 1.3.2010. hellbeck@rutgers.edu • Leipzig, Germany, 21–23 June 2010: Die Musealisierung der DDR. Wege, Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung von Zeitgeschichte in stadt- und regionalgeschichtlichen Museen. Bundesstiftung Aufarbeitung, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig. Die-ddr-im-museum@web.de • Urbana-Champaign, USA, 24–26 June 2010: The Socialist 1960s. Popular Culture and the City in Global Perspective, University of Illinois. • Dresden, Germany, 24–26 June 2010: Von der Sowjetologie zur Transitologie? Die DDR-Forschung im Spannungsfeld zwischen klassischer Kommunismus- und moderner Transformationsforschung seit 1989/91. Eine Bestandsaufnahme. Bundesstiftung Aufarbeitung, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Dresden. hait@mail.zih.tu-dresden.de • Dresden, Germany, 9 July 2010: Die »Deutsch-Sowjetische Freundschaft« in der DDR. Anspruch und Wirklichkeit. Internationales Colloquium der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte München und dem Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dresden, Plenarsaal des Sächsischen Landtages. • Helsinki, Finland, 3–4 September 2010: A Symposium on the Problems of Stalinism. Aleksanteri Institute, University of Helsinki. www.helsinki.fi/aleksanteri/english/news/events/2010/0903stalinism.htm • Linz, Austria, 9–12 September 2010: 46th ITH Conference. Labour Movements and Social Movements in Global Memory. www.ith.or.at/konf_e/zyklus_2010-2012_e.htm • Austin TX, USA, 30 September–3 October 2010: Cold War Cultures. Transnational and Interdisciplinary Perspectives, University of Texas at Austin. • Paris, France, 8 October 2010: Archives »africaines« des syndicats et partis français, CODHOS, Université Paris 1. http://calenda.revues.org/nouvelle17342.html • Wrocław, Poland, 21–23 October 2010: The World towards Solidarity Movement 1980–1989, Instytut Pamieci Narodowej. • Oxford, OH, USA, 28–31 October 2010: 10th Annual International Young Researchers Conference, The Gulag in History and Memory. Havighurst Center for Russian & Post-Soviet Studies, Miami University. havighurstcenter@muohio.edu • Sheffield, UK, 30–31 October 2010: Between History and Past: Soviet Legacy as the Traumatic Object of Contemporary Russian Culture. Workshop at the University of Sheffield. Proposal deadline: 1.6.2010. shcherbenok@gmail.com • Berlin, Germany, 8–10 November 2010: Forced Labour in Hitler’s Europe. Zwangsarbeit in Hitlers Europa. International Conference. Stiftung »Erinnerung Verantwortung Zukunft«, Leibnitz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. www.conference-forced-labour.de • Oxford, UK, 12–13 November 2010: Research Approaches to Former Soviet States: A Practical Introduction, Oxford University, History Faculty. • Munich, Germany, 12–14 November 2010: Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, interdisziplinärer Austausch und Patronage nach 1933, Center for Advanced Studies der LMU München. karin.wimmer@kunstgeschichte.uni-muenchen.de • Amsterdam, The Netherlands, 18–19 November 2010: Dimensions of Socialisms. 1st Workshop of the Network »Histories of Societies and Socialisms«. International Institute for Social History. soz-histsem@unibas.ch • Los Angeles, USA, 18–21 November 2010: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass/convention/2010-cfp.pdf • Freiburg, Germany, 2–4 November 2010: Soviet Socialism – Kemalism – Italian Fascism. Comparative Approaches, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), School of History, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. • Bonn, Germany, 6 December 2010: Massenverfolgungen im Großen Terror, Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, Deutsches Historisches Institut Moskau, Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung, Gustav Heinemann Haus, Bonn. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=15152 Forthcoming Meetings and Conferences 2011 • Glasgow, UK, 6–8 January 2011: XXXVII Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • London, UK, 13–15 January 2011: Music and Communism outside the Communist Bloc after 1945. The British Academy, London. Proposal deadline: 18.6.2010. www.nottingham.ac.uk/Music/Research/conferences/communism.aspx • Santa Barbara, USA, 2–5 February 2011: West Meets East. The International Labor Organization from Geneva to the Pacific Rim. University of California Santa Barbara, Department of History. jmjensen@umail.ucsb.edu • Moscow, Russian Federation, 16–19 March 2011: Mežrabpom-Fil’m und die deutsch-russischen Filmbeziehungen der 1920er und 1930er Jahre. Deutsche Kinemathek Berlin, Deutsches Historisches Institut Moskau. Proposal deadline: 31.7.2010. www.dhi-moskau.org/seiten/veranstaltungen/programme/2011/CFP_16-19mar11_de.pdf • Lisbon, Portugal, 17–19 March 2011: Strikes and Social Conflicts in the Twentieth Century, The Institute of Contemporary History (New University of Lisbon), The International Institute of Social History (Amsterdam), The Archive Edgard Leuenroth (Unicamp/Brasil) e.a. Submission deadline: 30.7.2010. ihc@fcsh.unl.pt • Cambridge, USA, 25–26 March 2011: Symposion »The Vienna Summit 1961: J. F. Kennedy and Nikita Khrushchev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Harvard University, Center Austria of University of New Orleans e.a. www.bik.ac.at • Cambridge, UK, 2–4 April 2011: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • New Brunswick NY, USA, 7–10 April 2011: Russian Representations of World War II. 42nd Annual Convention, Northeast Modern Language Association, Rutgers University. www.nemla.org/conven-tion/2011 • London, UK, 14–17 April 2011: III European Congress on Universal and Global History. Area Studies in the Soviet Union. Actors, Entanglements and Paradigms, GWZO Leipzig. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=14028 • Vilnius, Lithuania, 28 April–1 May 2011: Beyond Internal Paradigms. New Perspectives on the History of the Jewish Labor Bund. Vilnius Yiddish Institute and the Centre for Studies of the Culture and History of East European Jews, Bundism.net. www.bundism.net/info018 [Postponed!] • Paris, France, 5–7 May 2011: The Soviet Union and WWII, Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen, EHESS. http://lodel.ehess.fr/cercec/document.php?id=1540 • Göttingen, Germany, 6–7 May 2011: Religion and Communism. Comparative Perspectives, Max Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity. Quijada@mmg.mpg.de • Geneva, Switzerland, 12–13 May 2011: Les représentations historiques et la réécriture du passé dans la Russia post-soviétique. Institut Européen et Faculté des Lettres, Université de Genève. • Princeton, USA, 13–15 May 2011: Sots-Speak. Regimes of Language under Socialism, Princeton University, Department of Slavic Languages and Literatures. ppetrov@princeton.edu • Vienna, Austria, 19–21 May 2011: Internationale Konferenz »Der Wiener Gipfel 1961: Kennedy – Chruščev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Zeitgeschichte, München, Harvard University, Center Austria of University of New Orleans e.a. www.bik.ac.at • Glamorgan, UK, 1–2 July 2011: »Local Communisms«, 1917–89. First Annual Conference of the Journal Twentieth Century Communism, University of Glamorgan. Submission deadline: 21.1.2011. nlaporte@glam.ac.uk • Moscow, Russian Federation, September 2011: Rosa Luxemburg und »Weltpolitik«/Rosa Luxemburg und Russland. Konferenz der Internationalen Rosa Luxemburg Gesellschaft, Russische Akademie der Wissenschaften, Institut für Allgemeine Geschichte. www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de • Fribourg, Switzerland, 31 October–1 November 2011: Transnational Dimensions of Cold War Anticommunism, University of Fribourg, Switzerland. Proposal deadline: 1.9.2010. luc.vandongen@unifr.ch • Washington D.C., USA, 17–20 November 2011: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass SECTION VII. THE INTERNATIONAL BIBLIOGRAPHY OF COMMUNIST STUDIES. ISSUE 2010. The International Bibliography will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2011). SECTION VIII. PERIODICALS/SERIALS ON COMMUNIST STUDIES. VIII.1 THE INTERNATIONAL BIBLIOGRAPHY OF JOURNAL ARTICLES ON COMMUNIST STUDIES. ISSUE 2010. The International Bibliography of Journal Articles will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010). VIII.2 DIRECTORY OF PERIODICALS ON COMMUNIST STUDIES AND CONNECTED AREAS: CONVENTIONAL AND ONLINE JOURNALS, NEWSLETTERS, DISCUSSION LISTS, BULLETINS AND SERVICES. This directory lists 249 periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Title and URLCountryCategoryA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryJournalAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space. www.abimperio.netRussia &USAJournalActa Slavica Iaponica. http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanJournalActuel Marx. http://netx.u-paris10.fr/actuelmarxFranceJournalAden. Paul Nizan et les années trente. http://paul.nizan.free.fr/aden6.htmFranceJournalAktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. www.stiftung-aufarbeitung.deGermanyE-NewsletterAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen. www.klahrgesellschaft.atAustriaNewsletterAmerican Communist History. www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAJournalAnarchist Studies. www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.htmlUKJournalAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli.www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyJournalAnthropology of East Europe Review. http://condor.depaul.edu/~rrotenbe/aeer/USAJournalArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek.www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayJournalArbeiterbewegung und Sozialgeschichte. www.sozialgeschichte-bremen.deGermanyJournalArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik. www.sfah.dk/arbhist.htmDenmarkJournalArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek. www.arbetarhistoria.seSwedenJournalArchiotaxio. www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit. wobarchiv@gmx.deGermanyJournalArchiv für Sozialgeschichte. www.fes.de/afs-onlineGermanyJournalArchivar. Zeitschrift für Archivwesen. www.archive.nrw.de/archivarGermanyE-JournalArkiv för studier i arbetarrörelsens historia. www.arkiv.nuSwedenJournalAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women’s and Gender History. www.berghahnbooks.com/journals/aspHungaryJournalBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung.www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegungGermanyJournalBeiträge zur Marx-Engels-Forschung. www.marxforschung.deGermanyJournalBelgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis. www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/enBelgiumJournalBerlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief.www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bbGermanyE-NewsletterBibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDRim Bundesarchiv. www.bundesarchiv.deGermanyE-NewsletterBlätter für deutsche und internationale Politik. www.blaetter.deGermanyJournalBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder.www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyJournalBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Culturade Izquierdas en Argentina. www.cedinci.orgArgentinaE-NewsletterBollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia.www.vponline.it/riviste/000072ItalyJournalBrood & Rozen. 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Fachforum zur Geschichte des ulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt.http://geschichte-transnational.clio-online.netGuia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro, Brasil.www.ifcs.ufrj.br/~rfcastro/gheb.htmGuide Books to Russian Archives, East View Inc., Minneapolis, US.http://guides.eastview.comGULAG – Das Lagersystem der Sowjetunion, Memorial e.V., Berlin, Germany.http://gulag.memorial.deH-Net Humanities & Social Sciences Online Discussion Network.www.h-net.orgH-Soz-u-Kult, Germany. Internet-Forum des H-Net. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. 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Bordiga and his followers.www.sinistra.net/lib/index.htmlInternationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, Tokio-Berlin, Japan-Germany.www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.deInternet Modern History Sourcebooks Socialism.www.fordham.edu/halsall/mod/modsbook33.htmlItalians in the Gulag.Informational, biographical and bibliographical ressource on the Italian victims of the Soviet camp system, by the Fondazione Feltrinelli (Milan) and the Memorial association (Moscow).www.gulag-italia.itKansan Arkisto, Helsinki, Finland.Archive features the files of the Communist Party of Finland.www.kansanarkisto.fiKGB in the Baltic States: Documents and Researches, Lietuvos gyventojř genocido ir rezistencijos tyrimo centras, Vilnius, Lithuania.http://kgbdocuments.euKlassiker des Marxismus-Leninismus.www.mlwerke.deKnowledge Base Social Sciences in Eastern Europe. Designed to provide an ongoing overview of the development of social sciences in Central and Eastern Europe.www.cee-socialscience.netKurasje – Council Communist Archive.International ressource on the history of Council Communism.www.kurasje.org/arksys/archset.htmLibertarian Communist Library.Historical essays on Libertarian Communism.http://libcom.org/historyLabour History News Service.http://labourhistory.netLabour History Serials Service.http://serials.labourhistory.netMarxists Internet Archive.www.marxists.orgMemorial Association, Russia.Russian association dedicated to the defendance of human rights and the commemoration of the victims of Stalinism.www.memo.ruNetzwerk Mediatheken, Bonn, Germany.Virtual Library of Audiovisual Archives.www.netzwerk-mediatheken.deOttokar Luban, Berlin, Germany.www.ottokar-luban--rosa-luxemburg-forschung.dePobeda 1941–1945, Moscow, Russia.Photos on WWII from Russian archives.http://victory.rusarchives.ruPolitischer Zeitschriften-Samisdat der DDR, TU Dresden, Germany.http://141.30.190.245:8080/uwb/digbib/mitteRossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda, Memorial, Moscow, Russia.http://socialist.memo.ruRussian and East European Network Information Center, University of Texas, Austin, US.http://reenic.utexas.eduSeventeen Moments in Soviet History, James von Geldern & Lewis Siegelbaum, St. Paul, US.An on-line archive of primary source materials on Soviet history, including video and audio.www.soviethistory.orgSoviet Jewish Culture. Recovering Jewish Daily Life in the Soviet Union Before the Holocaust.www.sovietjewishculture.orgStalin – Werke und Texte im Internet.www.stalinwerke.deStalin-Era Research and Archives Project, University of Toronto, Canada.www.utoronto.ca/ceres/serapThe Complete Works of George Orwell.www.george-orwell.orgThe International Brigades.www.interbrigades.comThe Truth about Kronstadt.Online ressource featuring the completely digitized Kronstadt Izvestija.http://www-personal.umich.edu/~mhueyUNESCO Archives Portal. An international gateway to information for archivists and archives users.www.unesco.org/webworld/portal_archivesUngarn 1956 – Geschichte und Erinnerung, Berlin, Germany.www.ungarn1956.deVerzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Freddy Litten, Munich, Germany.www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htmVirtual Gulag Museum.Multilanguage resource on all museums and collections featuring Gulag history, including photos of exhibits.http://gulagmuseum.orgVirtual Library Labor History, The International Institute of Social History (IISG), Amsterdamwww.iisg.nl/~w3vlVirtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Bayerische Staats-bibliothek, Munich, Germanywww.vifaost.deYale Russian Archive Project, Yale University, US.www.yale.edu/rusarch/archive.htmlZeitgeschichte-online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.www.zeitgeschichte-online.deŽurnal’nyj zal.Online archive of Russian humanities periodicals.http://magazines.russ.ru SECTION X. COMMUNISM IN CULTURE, ART AND MEDIA. In the Name of Stalin: Russian Radio Programme on Stalinism Discontinued. On August 21, 2010, the last Episode of Imenem Stalina (In the Name of Stalin) has been aired. For two years, Ekho Moskvy, a prominent off-mainstream Russian radio station, has been running this history programme dedicated to the Stalin era and problems of Stalinism. In cooperation with ROSSPEN and the Boris El’tsin Foundation, the programme invited reknown historians for extensive interviews (around 40 minutes each) on single aspects of Stalinism, also letting them answer questions from listeners. The transcripts of the large interviews (in Russian) as well as the audio (and in some case video) recordings are still available on the radio station’s website. The following list covers the episodes from 2010. For previous episodes, see The International Newsletter of Communist Studies (2010), no 23. DateTopicHistorianLink2.1.2010Assassinations on the Kremlin’s Order.Nikita Petrovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/645178-echo9.1.2010The Faith of the Germans After the Molotov-Ribbentrop-Pact.Irina Shcherbakovawww.echo.msk.ru/programs/staliname/647109-echo16.1.2010The Statistics of Stalinist Repressions and its Relativity.Nikolai Pobol’www.echo.msk.ru/programs/staliname/648360-echo23.1.2010The Political Red Cross and Emigration from Russia in the 1920s and 1930s.Boris Morozovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/650294-echo30.1.2010Stalin Today.Oleg Khlebnikovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/652275-echo6.2.2010»Self-Criticism« under Stalin.Lorenz Errenwww.echo.msk.ru/programs/staliname/654178-echo13.2.2010Writing History Schoolbooks under Stalin.Sergei Kudriashovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/656119-echo20.2.2010The GULag at the »Great Building Sites of Communism«.Leonid Borodkinwww.echo.msk.ru/programs/staliname/657435-echo27.2.2010Society and Power in the 1920s and 1930s.Sergei Zhuravlevwww.echo.msk.ru/programs/staliname/658998-echo6.3.2010Katyn 70 Years After – Truth and Lies.Aleksandr Gur’ianovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/661021-echo13.3.2010On Alternatives to Stalin’s Industrialisation.Iurii Golandwww.echo.msk.ru/programs/staliname/662472-echo20.3.2010Culture and Everyday Memory on the GULag Today.Irina Shcherbakovawww.echo.msk.ru/programs/staliname/664399-echo3.4.2010NEP, Past and Present.Vladimir Mauwww.echo.msk.ru/programs/staliname/668515-echo17.4.2010War With Finland.Ohto Manninenwww.echo.msk.ru/programs/staliname/671606-echo24.4.2010The Human at the Roadside of War and Victory.Pavel Polianwww.echo.msk.ru/programs/staliname/673604-echo1.5.2010The Inspiration of Combat and the Dizzines of Victory.Grigorii Pomerantswww.echo.msk.ru/programs/staliname/675272-echo8.5.2010Lavrentii Beriia: A Faithful Comrade?Nikita Petrovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/677212-echo15.5.2010Expectations After the Victory: Calls and Answers.Elena Zubkovawww.echo.msk.ru/programs/staliname/679700-echo22.5.2010From Stalinism to Collapse of the USSR.Maksim Trudliubovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/680396-echo29.5.2010New Aspects of the Rise and Fall of the Jewish Antifascist Committee.Evgenii Berkovichwww.echo.msk.ru/programs/staliname/682139-echo5.6.2010Stalin and Mandel’shtam.Pavel Nerlerwww.echo.msk.ru/programs/staliname/684041-echo12.6.2010History as a »Special Science« in Stalin’s Epoch.Nikita Sokolovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/686041-echo19.6.2010Torgsin’s Special Role in the Industrialisation.Elena Osokinawww.echo.msk.ru/programs/staliname/688124-echo26.6.2010The Repressed Intelligentsiia of the 1930s.Dmitrii Pavlovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/690626-echo3.7.2010Stalin, the Party, and the People.Georgii Mirskiiwww.echo.msk.ru/programs/staliname/692440-echo10.7.2010Everyday Life of Stalin’s Inmates.Lev Nettowww.echo.msk.ru/programs/staliname/693644-echo17.7.2010»Little Stalins« in East European Countries.Nikita Petrovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/695192-echo24.7.2010Stalin and the Foundation of Israel.Leonid Mlechinwww.echo.msk.ru/programs/staliname/696896-echo31.7.2010Stalin’s ChildrenLarisa Vasil’evawww.echo.msk.ru/programs/staliname/698879-echo7.8.2010Eastern Europe in the 1940s and 1950s.Al’bina Noskovawww.echo.msk.ru/programs/staliname/700936-echo14.8.2010Stalinisms: Numbers and Myths.Arsenii Roginskiiwww.echo.msk.ru/programs/staliname/696621-echo21.8.2010In The Name of Stalin: A Summary.Aleksandr Drozdovwww.echo.msk.ru/programs/staliname/704448-echo Selective Exhibitions on the History of Communism, 2010–2011. • Madrid, Spain, 24 September 2009–10 January 2010: Los rusos en la Guerra de España, 1936–1939. Fundación Pablo Iglesias, Comisaría del Catedrático de Historia Contemporánea, Ricardo Miralles, Centro Cultural Conde-Duque. www.foroporlamemoria.info/2009/09/exposicion-los-rusos-en-la-guerra-de-espana-1936-1939 • Cologne, Germany, 23 October 2009–31 January 2010: Politische Bilder. Sowjetische Fotografien. Die Sammlung Daniela Mrázkowá, Museum Ludwig. www.museenkoeln.de/museum-ludwig/default.asp?s=1727 • Brussels, Belgium, 7 November 2009–14 February 2010: Exhibition of Chinese propaganda posters from the collections of IISG and Stefan Landsberger, Europalia. http://chineseposters.net/news/europalia.php • Amsterdam, The Netherlands, 9 November 2009–28 February 2010: 1989. Einde van een tijdperk/End of an era, Persmuseum. www.persmuseum.nl • Moscow, Russian Federation, 7 December 2009–15 January 2010: Sotsialisticheskii lager’. Epilog. 1989 god v Central’noi I Vostochnoi Evrope v arkhivnykh dokumentakh, Vystavochnyi zal Kul’turnogo, nauchnogo I informatsionnogo tsentra Vengerskoi Respubliki v Moskve. www.rusarchives.ru/evants/exhibitions/epilogue.shtml • Moscow, Russian Federation, 30 March–6 June 2010: Sovetskoe obshchestvo i voina 1941–1945 gg. Vystavka dokumentov i fotomaterialov, Vystavochnyi zal federal’nykh gosudarstvennykh arkhivov. • Santa Cruz, Tenerife, Spain, 25 October 2010: Juan Negrin »El Estadista«, 1892–1956. Fundación Pablo Iglesias, la Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales y la Fundacion Juan Negrin, Sala de exposiciones, Archivo Histórico Provincial de Santa Cruz de Tenerife. • Bielefeld, Germany, 22 November 2010–14 January 2011: Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee. Universität Bielefeld, Abteilung Geschichtswissenschaft, in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. • New York, USA/Manila, Phillipines, 2 December 2010–12 January 2011: »Corresponsales en la Guerra de España.« Fundación Pablo Iglesias/Instituto Fernandes. Instituto Cervantes de Nueva York, Instituto Cervantes de Manila www.fpabloiglesias.es/exposiciones/historico/corresponsales-guerra-espana_22 Book and exhibition: » David King Collection – Anthology Published. David King, British print designer (Sunday Times) and long-time collector of Early Soviet photography and print materials, most famous for the photograph anthology The Commissar Vanishes (1997), now has released a large anthology that presents an overview over his collection. In RED STAR OVER RUSSIA: A Visual History of the Soviet Union From the Revolution to the Death of Stalin, King presents the most intriguing illustrations and photographs from his collection. At the same time, parts of King’s collections are exhibited at Tate Modern, London (see www.tate.org.uk/servlet/CollectionDisplays?venueid=2&roomid=5255). A review of the impressive volume, which has also been released in Germany by Mehring Verlag, will appear in the online edition of the International Newsletter. Three Web Portals about the Surrealist Movement: » Infosurr (»Actualités du surréalisme et de ses alentours«/www.infosurr.net) is editing a bulletin (last issue no 90, November–December 2009), a book series (Les Archipels du surréalisme), bibliographies, and other materials concerning the history of Surrealism. » The »Association des Amis de Benjamin Péret« (www.benjamin-peret.org) was founded in 1963, with the special intention of supporting the publication of the poet’s oeuvre. Péret, Bretons »most charished and oldest companion« (from the website), was co-editor of La Révolution surréaliste, left the French Communist Party for the Left (Trotskyst) opposition, and was a member of the anarchist Durrutti column in the Spanish Civil War. Among the founders of the association were Georges Bernier, André Breton, Lise Deharme, Pierre Naville and José Pierre themselves. Since 1995, the association is editing the bi-annual Bulletin Trois cerises et une sardine. Historian and Grammar School teacher Gérard Roche from Lyon acts as president of the association since 2008. The portal offers unpublished correpondence, letters by Benjamin Péret to René Char, Paul Eluard, Pablo Picasso, Raoul Ubac, unpublished letters by André Breton, Paul Eluard, Eugenio Granell, Maurice Nadeau à Benjamin Péret and less known texts by Louis Aragon, Jacques Boursault, Juan Breá, Robert Desnos, Mary Low, Pierre Naville, Philippe Soupault a.o. » »Offrir le Surréalisme au monde«, this is the motto of the site »André Breton« maintained by the »Association Atelier André Breton« under the presidence of Bretons daughter Aube Breton-Elléouët (www.andrebreton.fr/fr/recherche). Bréton was a reknown author, founder of the international surrealist movement, former member of the French communist party. In 1938, together with Diego Rivera and with the collaboration of Leo Trotsky, he published the manifesto »Towards a Free Revolutionary Art«. This interactive and audio-visual wiki-resource is constructed around André Breton’s collection of documents, posters, leaflets, popular art and art pieces, correspondence, books, manuscripts, graphics and other printings, sculptures, photographs a.s.o. which were dispersed in 2003. The original manuscripts are reproduced in a legible form. The database is partioned by the following tags: alchimie, Arcane 17, architecture, art, abstrait, brut, art gaulois, art magique, art populaire, arts premiers, Association des Artistes et Ecrivains Révolutionnaires, astrologie, bibliographie, Biennale de Venise, boîte, cinéma, collage, Conférences, Contre Attaque, correspondance, critique, cubisme, Dada, danse, dessin animé, dessins, discours, divination, écriture automatique, édition, enquêtes et questionnaires, érotisme, esthétique, expositions, faits divers, fiction, Fourier, futurisme, généalogie, humour noir, Indians of Mexico, jeux surréalistes, journal de voyage, la Révolution surréaliste, Léon Trotski, Les Champs magnétiques, Les Vases communicants, lettre, Lettre d’admirateurs, magie, Manifeste, masque, Mexique, minéraux, monnaies, monographies, mur, musique, Nadja, notes de travail, Occultisme, papillons, surréalistes, peinture, philosophie, photographie, poésie, politique, psychanalyse, récit de rêve, Religion, Réunions du groupe, Revue »Dada«, Revue »Littérature«, Revues, scénario, sculpture, sexualité, strip-tease, surréalisme, tarots, télévision, Tenerife, théâtre, théorie littéraire. Film: » Detsembrikuumus – Film on the Estonian »December Uprising«. In late 2008, a film has been released in Estonia under the title December Heat (Detsembrikuumus, dir.: Asko Kase), attempting to reconstruct the events of December 1924, when Estonian communists, supported by a large group of exile-Estonian revolutionaries from the Soviet Union, mainly Red Army officers, and endorsed by major forces within the Comintern, attemted a coup d’état in Estonia. Jaan Anvelt, Yrjö Sirola and other Comintern superiors participated in planning and carrying out the failed uprising, which is still not fully retraced by Russian archive documents. The film has been Estonia’s official submission to the 82nd Academy Award’s Foreign Language in 2010. More information can be found at www.imdb.com/title/tt1198339 and http://detsembrikuumus.ruut.com Film: » Boxhagener Platz, Deutschland 2010. Drehbuch/Ko-Produzent: Torsten Schulz. Regie: Matti Geschonneck. Deutschland 2010, 102 Min. Verleih: Pandora. Darsteller: Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Samuel Schneider, Jürgen Vogel, Meret Becker, Milan Peschel, Horst Krause, Hermann Beyer u. a. Vordergründig ist der Film eine humorvolle und leicht melancholische Lebensgeschichte aus dem Ost-Berliner Kiez um den Boxhagener Platz im Jahre 1968, nach dem Roman von Torsten Schulz (192 S., Berlin, Ullstein, 2004), der Professor für Praktische Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg ist und zugleich das Drehbuch geschrieben hat. Am Beispiel von drei Generationen wird eine Lebens- und Familiengeschichte erzählt, aus der die gerade an der ältesten Generation dargestellte, vortrefflich gespielte Liebesgeschichte herausragt. Handelnde Personen sind Oma Otti, die mit 85 bereits ihren sechsten Ehemann überlebt, Enkel Holger, der junge Pionier an der Juri-Gagarin-Oberschule, dessen Vater, ein parteitreuer Polizist und seine Mutter als ständig wegen ihres Mannes genervte Friseuse. Oma Ottis Friedhofsbekanntschaft und späterer Geliebter Karl Wegner, seines Zeichens Ex-Spartakuskämpfer und systemkritischer »ehrlicher Kommunist«, wird im Film zu einer zentralen Figur, spätestens nachdem eine Liaison mit Otti entstanden ist, und nachdem der Fischhändler und Ex-Nazi am Platz, der ebenfalls ein Auge auf Otti geworfen hat, tot aufgefunden wird. Denn der der Tat beschuldigte Wegener sammelt Informationen über die gleichzeitige Studentenrevolte in West-Berlin, was ihn nicht nur an seine Geschichte anknüpfen lässt. Sein in der DDR illegitimes Wissen über die Ulbricht-Clique und den Stalin-Hitler-Pakt gibt er an Enkel Holger weiter. Den Film allein als Sittenbild und Milieufilm zu sehen, wäre nicht angemessen. Die aufkeimende Liebe der beiden alten Menschen in der Welt der kleinen Leute in Berlin-Friedrichshain kann als zeitgeschichtliche Parabel für ein nie vollständig angepasstes »DDR-Volk« gelesen werden, ohne dass dabei in plakative Ostalgie oder Geckhaftigkeit verfallen wird. Am Beispiel der Geschehenisse im Mai 1968 und der neu aufgeflammenden Hoffnung trotz der sowjetischen Panzer in Prag, erscheint Wegners Verhaftung als letzte Rache Ulbrichts und des Stalinismus an den »ehrlichen Kommunisten«. Die große Leistung des mit viel Ironie und Lokalkolorit angereicherten Films besteht darin, den sowohl im Westen wie im Osten unterbrochenen Zeitbogen vom Anfang der Weimarer Republik 1918/1919 bis zum Untergang der DDR auf eine künstlerische und leise Art neu gespannt zu haben. Die Ruhe in der DDR war trügerisch, bereits 1968 ... Bernhard H. Bayerlein SECTION XI.DISCUSSIONS, DEBATES, HISTORICAL CONTROVERSIES. » Gedenkbuch für deutsche Stalinopfer: Ermittlungen gegen russischen Historiker. Der Lehrstuhlinhaber für russische Geschichte an der Pomor-Universität Archangelsk, Professor Michail Suprun, leitete in Kooperation mit dem russischen Innenministerium, dem Deutschen Roten Kreuz und dem »Historischen Forschungsverein der Deutschen aus Russland« ein Forschungsprojekt zur Geschichte stalinistischer Repressionen: Geplant war die Herausgabe eines »Gedenkbuchs« für deutschstämmige Opfer des Terrors und der Deportationen im Gebiet Archangelsk. Suprun erhielt offiziell Zugang zum regionalen ehemaligen KGB-Archiv und konnte biografische Daten über annähernd 5.000 deutschstämmige Stalinopfer sammeln – bis er im September 2009 überraschend verhaftet wurde. Nachdem seine gesamten Arbeitsmaterialien beschlagnahmt wurden, leitete man gegen ihn Ermittlungen nach § 137 des russischen Strafgesetzbuchs (»illegales Sammeln von Daten zum Privatleben von Personen«) ein – ein Paragraf, der im Falle eines Historikers zuvor noch nicht zur Anwendung gekommen war. Auch der Leiter des Archivs, Oberst Aleksandr Dudarev, wurde abgesetzt und mit dem Vorwurf der »Überschreitung der Dienstkompetenzen« konfrontiert. Die Beschuldigungen lösten eine Welle der Empörung aus: Deutsche Medien berichteten, ein offener Brief, von ranghohen russischen und internationalen Historikern unterzeichnet, prangerte die Verfolgung von Suprun und Dudarev an und solidarisierte sich mit ihnen. Im November 2009 wurde die Angelegenheit an die Ermittlungsbehörden in St. Petersburg weitergeleitet. Das Medienecho ebbte ab, doch die Ermittlungen liefen weiter: Suprun, der nach kurzer Zeit wieder freigelassen wurde und seine Forschungen an der Universität wieder aufnehmen konnte, beklagte sich in einem Interview im Februar 2010 über die Befragungen seitens der Ermittlungsbehörden in der Universität, die vergeblich versuchten, kompromittierende Daten über ihn einzuholen. Im November 2010 gab Supruns Anwalt bekannt, dass die Ermittlungsbehörden es auch nach 14 Monaten nicht zustandegebracht hätten, eine offizielle Anklageschrift vorzulegen. Allerdings wurden die Beschuldigungen nicht zurückgezogen – der Zeitraum der Ermittlungen wurde sogar auf April 2011 ausgedehnt. Nicht nur Aleksandr Dudarev, der sich Mitte November 2010 mit einer Stellungnahme meldete, sieht in den Vorgängen Züge politischer Verfolgung. Weitere Informationen: • Universitätsprofil Michail Supruns (russ.): http://hist.pomorsu.ru/faculty_of_history/suprun.html • Bericht bei n-tv, 21.10.2009: www.n-tv.de/politik/dossier/Aufarbeitung-nicht-erwuenscht-article555833.html • Offener Brief russischer und ausländischer Historiker gegen die Verfolgung von Suprun und Dudarev, 25.10.2009 (russ.): www.hro.org/node/6645 • Interview mit Michail Suprun, Februar 2010: www.spzeitung.ru/2010/02/historiker-michail-suprun-gedenkbucher-kann-man-wohl-vergessen/ • Interview mit Anwalt Ivan Pavlov, 1.11.2010 (russ.): www.hro.org/node/9411 • Stellungnahme von Aleksandr Dudarev, 17.11.2010 (russ.): www.hro.org/node/9550 SECTION XII.MISCELLANEA. Nachruf: » Moshe Lewin (Vilnius 1921 – Paris 2010). Moshe Lewin, der lange Jahre in Philadelphia unterrichtete, sich jedoch in Paris immer am wohlsten fühlte, habe ich erstmals anlässlich des Wuppertaler Symposiums über Nikolaj Bucharin im Jahre 1988, das die neue Geschichtspolitik der Perestroika in den Westen brachte, persönlich kennengelernt. Geht man von der Vätergeneration der Kommunismusforschung aus, gehörte Moshe Lewin, der Nestor der modernen Sozialgeschichte der Sowjetunion, zur Generation der Söhne. Der heutigen Studentengeneration mag er als Veteran erscheinen, doch gerade sein letztes Werk, The Soviet Century (2005), ist eine moderne Verortung der Sowjetunion und des »Sovietismus« in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die er seit den 1960er Jahren in vielfältiger, bisweilen durchaus frappierender Weise entwickelt hatte. Dies gelang ihm gerade dadurch, dass er sich nicht zu sehr auf Stalin als Person, sondern auf das Funktionieren und die inneren Bewegungsgesetze des sowjetischen Systems konzentrierte. Neben dem Verhältnis von Partei und Gesellschaft griff er Themen wie Bürokratie, Demografie, Ökonomie der Industrialisierung, Modernisierung (besonders nach Stalins Tod) und Kultur auf. Die Gründe für den Zusammenbruch der Sowjetunion, die er in mehreren grundsätzlichen Artikeln in Le Monde diplomatique dargelegt hatte, werden zusammengefasst und im Rahmen der moyenne durée erklärt. Was seine Stalinismusanalyse angeht, so ging es dem Autor allerdings auch um die inneren Beweggründe des Diktators, bzw. ihre Auswirkungen auf Entscheidungsabläufe und Machtstrukturen und ihre Konsequenzen für das administrative, soziale und kulturelle System, und die innere Dynamik der sowjetischen Gesellschaft. Lewin lenkte immer wieder das Augenmerk – dabei gegen das Totalitarismusparadigma argumentierend – auf die grundlegende Bedeutung des Bruches zwischen der Lenin’schen Epoche des Bolschewismus und dem Stalinismus und Poststalinismus. Zur Definition des Systems (bis ca. 1956) zog er den Begriff des »bürokratischen Absolutismus« heran. Die Funktionsweise des Systems seit Mitte der Dreißigerjahre bezeichnete er als inhärente »systemische Paranoia« und hob dabei die Kontinuität der beiden die sowjetische Gesellschaft dominierenden Imperative hervor, den industriellen »catch-up« des Westens und den Aufbau eines »mighty states« in direkter Kontinuität vom Zarismus zum Stalinismus. Das Totalitarismusparadigma sei dabei weder in der Lage, die multiplen sozialen Transformationen, noch umgekehrt die der Stalin’schen Herrschaft inhärente Unsicherheit, Schwäche und Bedrohung für die Existenz der Sowjetunion hinreichend zu erhellen. Auch zur Streitfrage der Rationalität des Terrors entwickelte Moshe Lewin ideologiekritische Kriterien: Bei aller Entschiedenheit und Brutalität habe es der Stalinismus selbst durch umfassende Repression nicht vermocht, die latente Unzufriedenheit und Kritik in der Gesellschaft zu beseitigen. Als zentraler Wirkungsmechanismus erschien ihm hierbei die »Depolitisierung« der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die ihre Macht und Kontrolle zugunsten einer sich als beherrschende Macht konstituierenden, in Staat und Produktion verwurzelten Bürokratie vollzogen habe. Empirisch belegte er dies durch die Untersuchung der Wirtschaftsbürokraten und Administratoren der Organe der Planwirtschaft als Träger der (insgesamt gescheiterten) Modernisierung. Robert Legvold schrieb über Moshe Lewins Werk in der Mai/Juni-Ausgabe 2005 der Zeitschrift Foreign Affairs: »Lewin asks a metahistorical question: What was the Soviet Union all about? The answer, he says, is in the essence of the system. With the benefit of hindsight and new archival sources, he strips the Stalin and subsequent Khrushchev-Brezhnev eras down to their defining nature. Our original lens, fashioned from anticommunism and the misleading frame of totalitarianism, failed us by blurring the fundamental difference between the original Bolshevik order and the ›agrarian despotism‹ of Stalinism, and by distorting the dramatic change underway from below. In stressing (quite rightly) the capricious, paranoid, unconstrained tyranny of Stalin the man, that view underestimated both the system’s accomplishments and the paradoxes that transformed it into a debauched ›bureaucratic absolutism‹ existing only for its own sake. The Soviet Union ended as its Russian predecessor did, and for much the same reason.« In einem seiner letzten veröffentlichten Artikel hat Moshe Lewin im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung das Verhältnis von personeller Herrschaft und Gesellschaft, von Ego und Politik im Stalinismus, das er in The Soviet Century zugunsten der Systemanalyse nicht weiter ausgeführt hatte, in prägnanter Weise vertieft (siehe: Moshe Lewin: Ego and Politics in Stalin’s Autocracy. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2003, S. 29–50). Hier führte er den Nachweis darüber, dass Staat und Gesellschaft der unter dem Diktat personeller Herrschaft stehenden Sowjetunion stark von Stalins irrationalen Beweggründen und besonders seinem abartigen Kampf gegen die eigene Vergangenheit gepägt waren. Die Projektion intrasubjektiver Verwerfungen könne jedoch – wie er immer wieder darlegte – die Geschichte der Sowjetunion in toto nicht entschlüsseln. Eines der bleibenden Verdienste Moshe Lewins liegt gerade darin, beide Pole in einem Bogen überspannt und starke Motivationen für die weitere Forschungsarbeit geliefert zu haben. Kurz vor der Publikation seines Artikels im Jahrbuch trafen wir, meine Freundin und ich, Moshe Lewin zum letzten Mal. Auf der Autofahrt quer durch Paris zum gemeinsamen Diner summte der Fröhlichkeit und Optimismus ausstrahlende Global Villager augenzwinkernd den im Radio abgespielten Mark-Knopfler-Song »Sailing to Philadephia« mit ... es war ein unvergesslicher Abend! Bernhard H. Bayerlein 1 Karl Marx/Friedrich Engels: The Communist Manifest, London, Penguin Books, 1985, p. 102. 2 The still prevailing emphasis on institutions, political thought, and leading cadres is highlighted in one of the most recent collection of articles of some of the leading scholars in the field. Norman LaPorte/Kevin Morgan/Matthew Worley (eds.): Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinization. 1917–53, Houndmills, Palgrave Macmillan, 2008. 3 Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. • H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de).

JHK 2011

Sowjetische Straflager in der russischen Erinnerungskultur. Museen und Gedächtnisorte in der Region Perm

Ulrike Huhn / Manuela Putz

Welchen Stellenwert nimmt die Erinnerung an die Verbrechen der Stalin-Ära und der späten Sowjetunion in der russischen Gesellschaft ein? Wie wird im Russland der Gegenwart an das sowjetische Straflagersystem erinnert? Insgesamt sechzehn junge Menschen aus Russland, Deutschland und Polen, Studierende und Nachwuchswissenschaftler, machten sich im Rahmen der von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen in Kooperation mit der Menschenrechtsorganisation Memorial Perm geleiteten und betreuten deutsch-russischen Sommerschule im Juli und August 2009 gemeinsam auf den Weg in die Region Perm im Uralgebiet. Vor Ort untersuchte das Forschungsteam, wie die Erinnerung an die politischen Repressionen an ausgesuchten ehemaligen Lagerstandorten auf lokaler Ebene weitergegeben und konkret vermittelt wird.1 Aus mehreren Gründen fiel die Wahl auf die Region Perm: Das Gebiet, das heute als eine der politisch liberalsten und kulturell innovativsten Regionen der Russischen Föderation gilt, blickt auf eine bis in die Zarenzeit zurückgehende Tradition als Verbannungs- und Lagerort zurück. In der Stalin-Ära war die Region von einem engmaschigen Netz von Lagern des Gulag (Hauptverwaltung der Lager) überzogen; andere Deportierte wurden in sogenannten Spezialansiedlungen zwangsangesiedelt. Zur Zeit des Kalten Krieges wurden im Permer Gebiet zudem einige der streng geheimen Sonderlager für politische Gefangene und Dissidenten eingerichtet, die bis zum Ende der Sowjetunion existiert haben. Gerade aufgrund der massiven Repressionserfahrungen eines großen Teils der Bevölkerung bildeten sich schon während der Zeit der Perestroika Bürgerinitiativen, darunter auch Memorial Perm. Diese machte sich die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit und die Korrektur staatlicher Erinnerungspolitik zur Aufgabe und ist heute als größte Nichtregierungsorganisation im Permer Gebiet aktiv am Aufbau der Zivilgesellschaft beteiligt. Durch ein vielfältiges Engagement entstand im Permer Gebiet eine russlandweit einzigartige Erinnerungslandschaft in Gedenken an den staatlichen Terror.2 Drei ehemalige Lagerorte standen im Mittelpunkt der vierzehntägigen Forschungsreise: Erstens die etablierte Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36, zweitens das aus einer privaten Initiative eines ehemaligen Aufsehers hervorgegangene Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 am Ort eines noch heute betriebenen Straflagers und drittens das verlassene Straflager Stvor, das von Memorial-Aktivisten als Erinnerungsort gekennzeichnet und gepflegt wird. Da sich unterschiedliche Akteure um die jeweiligen Erinnerungsorte bemühen, präsentieren diese sehr verschiedene, mitunter gegenläufige, Inszenierungen der sowjetischen Geschichte. Gegenstand der Forschung waren daher die Entstehungsgeschichte der Museen, Gedenkstätten und Gedenkorte, die Motivationen und Zielsetzungen ihrer Akteure sowie die Darstellung und Interpretation von Vergangenheit. Gefördert wurde das Forschungsprojekt, das sich an der Schnittstelle von gesellschaftlichem Engagement und historischer Wissenschaft bewegt hat, vom Programm »Geschichtswerkstatt Europa« der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«, das auf die Untersuchung von unterschiedlichen Wahrnehmungen der Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts und die Analyse europäischer Erinnerungskultur abzielt. Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36 im Dorf Kučino Die Geschichte des Lagerstandortes, an dem sich heute die Gedenkstätte Perm’-36 befindet,3 reicht bis in die Stalin-Zeit zurück: 1946 wurde hier ein typisches Holzfäller-Lager eingerichtet, wie es sie im Permer Gebiet bereits zu Hunderten gab. Seine besondere Bedeutung erhielt das Lager erst, als dort im Jahre 1972 ein Sonderkontingent politischer Häftlinge interniert wurde, darunter namhafte Vertreter der sowjetischen Menschenrechtsbewegung, der nationalen Bewegungen vor allem aus der Ukraine und Litauen, aber auch verfolgter religiöser Gruppen. Das damals unter der offiziellen Chiffre VS-389/36 und in Dissidentenkreisen unter der Bezeichnung Perm’-36 bekannt gewordene Straflager wurde für diese Häftlinge weiter ausgebaut und besonders gesichert. 1980 kam eine weitere Baracke »mit besonderem Haftregime« (osobyj režim) dazu, in der verschärfte Haftbedingungen herrschten und die als Hochsicherheitstrakt abgeschottet war. Perm’-36 gehörte neben Perm’-35 und Perm’-37 zu den drei Permer Politlagern, aus denen nach dem Zusammenbruch der Sowjet-union Ende 1991/Anfang 1992 nach einer Amnestie durch Präsident El’cin die letzten politischen Gefangenen der Sowjetunion in die Freiheit entlassen wurden. Als letzter der drei Standorte wurde Perm’-35 im Dorf Central’nyj aufgelöst. Erste Bemühungen von Opfergruppen, am authentischen Ort eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die politischen Repressionen zu errichten, konzentrierten sich daher zunächst auf diesen Ort. Da das Lager auch nach dem Ende der Sowjetunion weiter als Strafvollzugsanstalt diente, mussten die Pläne aber verworfen werden. 1992 gelang es den Aktivisten noch, eine Gedenktafel am ehemaligen Lagerkrankenhaus in Perm’-35 anzubringen; alle weiteren Bemühungen von Memorial und ehemaligen Insassen um die Musealisierung verlagerten sich danach auf das Gelände von Perm’-36 im Dorf Kučino. Die Ausgangsbedingungen waren schwierig, es gab zahlreiche Hürden zu überwinden. Die Baracke »mit besonderem Haftregime« war bereits Ende der Achtzigerjahre von Einheiten des Innenministeriums mit schwerem Gerät zerstört worden. Daher waren nur noch Fundamente erhalten. Nach der Rekonstruktion der Baracke sowie der Lagerzäune wurde dieser Bereich Ende 1995 erstmalig für Besucher geöffnet. Der einige hundert Meter entfernte Gebäudekomplex des ehemaligen Lagerbereichs »mit strengem Haftregime« (strogij režim), auf dem auch die Baracken aus der frühen Lagerphase der Stalin-Ära erhalten geblieben waren, wurde seit Anfang der Neunzigerjahre von einer psychiatrischen Klinik genutzt und konnte erst in jüngerer Zeit von der Gedenkstätte erworben werden. Verantwortet wird das Museum von einem Trägerverein, dessen Vorstand auch ehemalige Häftlinge, wie z. B. Sergej Kovalëv, Lev Timofeev sowie Vertreter der Internationalen Memorial-Organisation angehören. Stiftungen aus dem Ausland förderten das Gedenkstättenprojekt in seiner Anfangsphase. Heute bezuschusst auch die heimische Gebietsverwaltung das Museum, sodass die Gedenkstätte mit staatlichen Mitteln getragen wird. Eine besondere Rolle beim Aufbau des Gedenkortes spielten von Anfang an junge Freiwillige, die sich im Sommer an den Rekonstruktionsarbeiten beteiligten. Sie erfüllten das Museum mit Leben und Diskussionen. An die Tradition der Aufbau-Workcamps knüpft nun das alljährlich im Juli stattfindende Bürgerforum Pilorama [Sägewerk] an, das mit Konzerten, Podiumsdiskussionen, Wechselausstellungen und Workshops Tausende Besucher anzieht. Heute ist die Gedenkstätte ein touristischer Anlaufpunkt in der Region und wirbt offensiv als selbst ernanntes »einziges Gulag-Museum in der Russischen Föderation« am authentischen Ort. Das Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 in Central’nyj Während die Gedenkstätte Perm’-36 seit dem Ausbau einer Schnellstraße innerhalb weniger Stunden von Perm aus leicht zu erreichen und ohne Probleme zugänglich ist, ist das Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 in der Siedlung Central’nyj nur bedingt für Besucher geöffnet. Die Siedlung darf wegen der immer noch betriebenen Strafkolonie nur mit vorheriger Sondergenehmigung betreten werden; die Zufahrtsstraße ist durch einen Schlagbaum am Eingang der Siedlung versperrt. Das vom ehemaligen Aufseher und jetzigen Veteran der Strafvollzugsorgane Vladimir K. Kurguzov in einem Wohnblock eingerichtete Museum ist 1998 in direkter Reaktion auf die Einrichtung der Gedenkstätte Perm’-36 entstanden. Es richtet sich nicht an eine breitere Öffentlichkeit, sondern vor allem an die Mitarbeiter des russischen Strafvollzugssystems, die mit den Traditionslinien ihres Arbeitgebers und seiner über hundertjährigen Geschichte im Permer Gebiet vertraut gemacht werden sollen. Die Geschichte der Strafvollzugseinrichtung und der Lageralltag werden hier aus der Perspektive des Lagerpersonals dargestellt. Entsprechend erscheinen die Gefangenen, unabhängig von den Paragrafen und Bedingungen, unter denen sie verurteilt worden sind, in der Darstellung als gefährliche Verbrecher (die präsentierten, von ihnen selbstgefertigten Waffen und Fluchtwerkzeuge sollen dies veranschaulichen). Einzelne prominente ehemalige Häftlinge der Lagerphase nach 1972 wie Natan (Anatolij) Ščaranskij, sowjetischer Dissident und späterer stellvertretender israelischer Ministerpräsident, oder Vladimir Bukovskij, sowjetischer Dissident und Publizist, der 1976 gegen den chilenischen Kommunisten Luis Corvalán ausgetauscht wurde, werden jedoch völlig unvermittelt mit gewissem Stolz als »Söhne des Lagers« vorgestellt. Streng genommen ist das selbst ernannte Museum eine von Vladimir K. Kurguzov eingerichtete Sammlung folkloristischer Alltagsgegenstände, die mit alten Spruchbändern und Losungen dem sowjetischen Wertesystem und seiner Ästhetik verhaftet ist. Das Sammelsurium vermittelt dem Besucher dennoch einen faszinierenden Einblick in Alltag und Lebenswelt der Mitarbeiter des Strafvollzugssystems, etwa bezogen auf gemeinsam verbrachte Freizeit bei freiwilligen Arbeitseinsätzen, Faschingsfeiern oder Ausflügen. Auf paradoxe Weise ist es einem ehemaligen Lagermitarbeiter zu verdanken, dass hier seltene Dokumente aus dem Lagerleben vorgestellt werden und dass an diesem Ort überhaupt an das Lager Perm’-35 erinnert wird, auch wenn es gerade nicht um eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit geht – dies ist zwar problematisch, gleichzeitig jedoch auch symptomatisch für die Auseinandersetzung mit sowjetischen Gesellschaftsverbrechen im heutigen Russland. Museum ohne Guide in Stvor Anders als die Permer Politlager wurde der unter Stalin eingerichtete Lagerstandort Stvor lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgelöst. Entstanden war das Lager Stvor unter der Verantwortung der Hauptverwaltung der Lager mitten im Zweiten Weltkrieg, um hier mithilfe der Häftlinge ein Wasserkraftwerk zu errichten, das den Energiebedarf der in den Ural evakuierten Industrieanlagen sichern sollte. Die Insassen waren bis 1953 zumeist nach dem berühmt-berüchtigten Paragraf 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) für diverse politische Vergehen, wie beispielsweise »Vaterlandsverrat«, »konterrevolutionäre Tätigkeit« oder »antisowjetische Agitation und Propaganda« verurteilt worden, zwischenzeitlich diente Stvor aber auch als Filtrationslager für sowjetische Kriegsgefangene, die aus den deutschen Lagern in ihre Heimat zurückkehrten. Das letzte Jahrzehnt bis zu seiner Auflösung Anfang der Siebzigerjahre wurde es als Strafvollzugsanstalt mit allgemeinen Haftbedingungen genutzt. Gemeinsam mit dem Lager wurde auch die für das Personal eingerichtete Siedlung aufgelöst. Heute ist der am Ufer des Flusses Čusovaja gelegene Ort weit entfernt vom nächsten Siedlungspunkt und nur noch auf dem Wasserweg zu erreichen. Unter den drei besuchten Orten ist der Erinnerungsort Stvor das jüngste Museumsprojekt und der eigenständigen Jugendorganisation von Memorial Perm zu verdanken. Seit dem Jahr 2000 brechen in den kurzen Sommermonaten junge Leute aus der Region mit Schlauchbooten auf, um entlang des weit verzweigten Flussnetzes der Permer Region frühere Lagerorte oder Spezialsiedlungen aufzusuchen und zu kennzeichnen – entsprechend lautet der Name des Projektes »Auf den Flüssen der Erinnerung«. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der historischen Expeditionen führen Interviews mit Anwohnern, stellen Artefakte sicher und markieren die Orte mittels improvisierter Gedenktafeln oder einfacher Holzkreuze. Auch das frühere Lager Stvor wurde während einer solchen Exkursion »entdeckt«. Seit 2005 sorgen die Aktivisten des »Jungen Memorial« dafür, dass der frühere Lagerort für andere Wassertouristen zugänglich wird bzw. bleibt, denn Stvor liegt an einem der schönsten Abschnitte der im Sommer von Wasserwanderern viel befahrenen Čusovaja. Um Stvor als Gedenkort erkennbar zu machen, genügte es, eine improvisierte Anlegestelle zu schaffen, Brennnesseln zu beseitigen, Pfade anzulegen und Hinweisschilder anzubringen. Gleich an der Anlegestelle stellt eine Tafel das Motto des Erinnerungsortes vor: »Museum ohne Guide. Dein persönlicher Blick auf die Geschichte Russlands«. Die einfachen Hinweisschilder ermöglichen einen eigenständigen Rundgang zu Resten der früheren Lagerwerkstätten, einer mit Absperrband inszenierten Wohnbaracke und dem früheren internen Lagergefängnis. Ein wie ein Wachturm anmutendes Holzgerüst dient teils als Vitrine, teils als Ausstellungspanel: Hier werden laminierte kurze Texte zur Lagergeschichte, die Kopie eines Lagerplans, aber auch Fundstücke vom Gebiet des früheren Lagers präsentiert: Scheinwerfer, Stacheldraht, Schuhe. Für jeden Besucher besteht die Möglichkeit, nach seinem Gang über das Gelände weitere Fundstücke in der improvisierten Vitrine abzulegen. In Stvor geht es nicht um eine historisch genaue Vermittlung, sondern um aktive Teilhabe, wie der Initiator, Robert Latypov, betont. Das gilt sowohl für die Besucher wie auch für die jungen Aktivisten von Memorial. Ein Besuch des ehemaligen Lagerortes soll Emotionen hervorrufen und durch einen kritischen Blick auf die Vergangenheit auch die Urteilsfähigkeit bezogen auf aktuelle politische und gesellschaftliche Prozesse in Russland fördern. Konkurrierende Geschichtsbilder Auch das Museumsprojekt in Stvor reagiert – ähnlich wie das Gesellschaftliche Museum IK-35 in Central’nyj – auf die Gedenkstätte Perm’-36 und stellt ihr einen eigenen Entwurf entgegen: Hatten sich die Begründer der Gedenkstätte Perm’-36 einst für die weitgehende Rekonstruktion des Lagers entschieden, so vertrauen die Initiatoren von Stvor auf die Wirkung des authentischen Ortes. Dabei setzen sie allerdings grundlegende Kenntnisse der Besucher über die politischen Repressionen in der Sowjetunion voraus, ohne die der Ort nicht »gelesen« werden kann – und die sich die Ausstellungsmacher in Perm’-36 vorgenommen haben zu vermitteln. Dass sich die Träger des Projektes in Stvor in Fragen von Inszenierung und Authentizität für einen anderen Zugang entschieden haben, ist – neben finanziellen Gründen – wohl auch eine Generationenfrage: Konnten die jungen Freiwilligen von Memorial in den Neunzigerjahren beim Aufbau der Gedenkstätte Perm’-36 noch selbst mithelfen und gestalten, sind ihnen im Zuge der Professionalisierung der Gedenkstätte nun eher pflegerische Arbeiten vorbehalten. Insofern ist das Projekt in Stvor auch als selbstbewusste Suche einer jüngeren Memorial-Generation nach neuen Formen einer eigenständigen Auseinandersetzung und Gestaltung des Gedenkens einzuschätzen. An anderen Punkten lassen sich für die drei Museen bzw. Erinnerungsorte gleichermaßen gewisse Unschärfen feststellen: Das betrifft sowohl die Frage, wer eigentlich als Opfer politischer Repression anzusehen ist bzw. wie man den unterschiedlichen Hintergründen der Häftlinge gerecht wird, als auch die Darstellung der Täter. Paradoxerweise widmet sich die Sammlung des ehemaligen Aufsehers Kurguzov am intensivsten den Akteuren der Repressionen, wenngleich diese natürlich nicht als Täter, sondern als verdiente Mitarbeiter der Strafvollzugsorgane dargestellt werden. Auf der Ebene seiner Angestellten freilich muss sich auch die Gedenkstätte Perm’-36 den Vorwurf personeller Kontinuität gefallen lassen: Ein ehemaliger Aufseher, Ivan Kukuškin, ist hier mittlerweile als Wachschutz tätig, was bereits zu heftigen Debatten geführt hat. Gleiches gilt für den Versuch, innerhalb der Ausstellung die Durchlässigkeit der Kategorien von Tätern und Opfern zu thematisieren. An diesen Punkten spiegeln die drei Gedenkstätten und Erinnerungsorte die Unklarheiten einer Gesellschaft, die noch keinen öffentlichen Konsens über ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte gefunden hat. Und schließlich: Repräsentativ für die russische Erinnerungslandschaft sind weder die Gedenkstätte Perm’-36 noch die Ausstellung Vladimir Kurguzovs oder das Projekt in Stvor. Bei allen handelt es sich um Einzelphänomene, die durch persönliches Engagement, Überzeugungen und aus privater Initiative entstanden sind. Der russische Staat, der ein wichtiger Akteur im Bemühen um eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit sein sollte, ist hier am wenigsten präsent. Vielmehr ist es symptomatisch für die gegenwärtige Politik, dass sich am dritten Standort der ehemaligen Permer Politlager, in Perm’-37 im Dorf Polovinka, bisher niemand fand, der Interesse daran gezeigt hätte, an das Vergangene zu erinnern. Die dort ansässige Strafvollzugsanstalt ist auch heute noch an dem historischen Ort in Betrieb, an dem in den Siebziger- und Achtzigerjahren ebenfalls namhafte Vertreter vor allem der religiösen Bewegungen in der UdSSR interniert waren. Historische Bedeutung hat diesem Ort bislang dennoch niemand verliehen. In Perm’-37 sticht die Kontinuität des sowjetischen Lagersystems, das alle politischen Brüche überdauerte, besonders deutlich hervor. Das Fehlen einer staatlichen Aufarbeitungspolitik, die diese Kontinuitäten zwar wahrnimmt, aber nicht verurteilt, steht einer aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte der politischen Repressionen entgegen. Denn dort, wo nicht Aktivisten das Vakuum des Verdrängens und Vergessens füllen, bleibt eine Darstellung der Geschichte des sowjetischen Strafvollzugssystems und der damit verbundenen politischen Repressionen zumeist aus. 1 Ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse siehe Manuela Putz/Ulrike Huhn (Hg.): Der Gulag im russischen Gedächtnis. Forschungsergebnisse einer deutsch-russischen Spurensuche in der Region Perm (= Arbeitspapiere und Materialien – Forschungsstelle Osteuropa, Bremen. Sonderheft), Bremen 2010. Online: http://www.forschungsstelle.uni-bremen.de/images/stories/pdf/ap/ap_sonderheft_gulag_2010.pdf, ges. am 19. Oktober 2010. Zum Forschungsprojekt ist unter dem Titel »Die Gegenwart der Vergangenheit. Der Gulag im russischen Gedächtnis« ein begleitender Film erschienen. Auf DVD in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln erhältlich bei der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen: fso@uni-bremen.de. 2 Zu Gedenkorten, Gedenktafeln und Gedenkstätten zur Erinnerung an die politischen Repressionen im Permer Gebiet (zusammengestellt von Memorial Perm) siehe http://www.pmem.ru/index.php?mode=rpm&exmod=rpm/memorials, ges. am 19. Oktober 2010. 3 Russische Homepage der Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36: http://www.perm36.ru, ges. am 19. Oktober 2010.

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Tschechien: Das Institut für das Studium der totalitären Regime

Karl-Peter Schwarz

Im Herbst 2008 wurde das erst ein Jahr zuvor gegründete tschechische Institut für das Studium der totalitären Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, USTR) von einem Tag auf den anderen über die Grenzen des Landes hinaus bekannt: Der Historiker Adam Hradílek, der an diesem Institut die Abteilung für Oral History betreute, hatte am 12. Oktober in der Prager Wochenzeitschrift Respekt einen Artikel veröffentlicht, in dem er nachwies, dass der in Paris lebende Schriftsteller Milan Kundera als junger Mann im Jahre 1950 den antikommunistischen Aktivisten Miroslav Dvorˇáček denunziert hatte. Dvorˇáček war daraufhin festgenommen und zu 22 Jahren schweren Kerkers und dem Entzug des Eigentums verurteilt worden. 1963 kam er frei, nach 14 Jahren Haft und Zwangsarbeit im Uranabbau. Damals stellten die Buchläden in Prag gerade Kunderas Buch der lächerlichen Liebe in die Auslagen, eine Sammlung von Erzählungen, die ihren Autor in die erste Reihe der tschechischen Literatur rücken sollte. Es war nicht Hradíleks Absicht gewesen, einen der prominentesten tschechischen Schriftsteller und Dissidenten der Kollaboration mit dem kommunistischen Regime zu überführen. Die Enthüllung war zufällig erfolgt. Die Oral-History-Abteilung des USTR nimmt die Aussagen von Zeitzeugen auf und vergleicht sie mit den vorhandenen Dokumenten. Zu den Schwerpunkten des Projekts gehörte es damals, die Verfolgung der rund 500 zu drakonischen Strafen verurteilten Kuriere der antikommunistischen Widerstandsbewegung zu untersuchen. Hradílek beschäftigte sich mit dem Dossier Dvorˇáčeks, für den der Staatsanwalt ursprünglich die Todesstrafe gefordert hatte. In dem 22 Seiten umfassenden Faszikel mit der Nummer V 2051, unter der die Akte angelegt wurde, fand sich der Polizeivermerk 624/1950 über die Anzeige, die der Student Milan Kundera am 14. März 1950 auf der Bezirkspolizeiwache in Prag 6 erstattet hatte. Dvorˇáček hatte sich 1947 in der Brünner Akademie der Luftwaffe eingeschrieben. Er wollte Pilot werden, nach dem Vorbild der tschechischen Soldaten, die während des Zweiten Weltkrieges in der Royal Air Force gegen Hitler gekämpft hatten. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Februar 1948 wurde die Akademie aufgelöst, Lehrer und Studenten galten als politisch unzuverlässig, man verdächtigte sie nicht zu Unrecht der Sympathien mit dem westlichen Ausland. Mit einem Freund flüchtete Dvorˇáček durch den Böhmerwald nach Bayern und wurde in der Münchner Leopold-Kaserne interniert. Von dort wurden die beiden nach Ulm gebracht, wo sie der legendäre ehemalige tschechische Geheimdienstchef František Moravec für die Mitarbeit an seinem von den Amerikanern unterstützten »tschechoslowakischen Nachrichtendienst« gewann. Dvorˇáček überschritt mehrmals die deutsch-tschechoslowakische Grenze, um mit Personen Kontakt aufzunehmen, die für die Widerstandsbewegung von Interesse waren. Am 14. März traf er in Prag zufällig eine ihm von früher bekannte junge Frau, die in einem Studentenheim wohnte. Er bat sie, bei ihr übernachten zu können, und übergab ihr seinen Koffer. Als er am Abend im Studentenheim eintraf, wurde er von zwei Polizisten verhaftetet. Über all die Jahre war Dvorˇáček davon überzeugt, dass ihn die Studentin verraten hätte. Aber so war es nicht gewesen. Das Mädchen hatte Dvorˇáčeks Absicht bei ihr zu übernachten ihrem Freund mitgeteilt, der ebenfalls in dem Heim wohnte. Vielleicht aus Eifersucht, vielleicht aus anderen Gründen, gab dieser die Information an Milan Kundera weiter, der in dem Heim Studentensprecher war. Kundera war wie die meisten tschechischen Intellektuellen seiner Generation ein überzeugter Kommunist, wenn auch kein Mann des Parteiapparates; er ging sofort zur Polizei. Er muss gewusst haben, mit welcher Härte das Regime gegen Dvorˇáček vorgehen würde, den er selbst nie zu Gesicht bekommen hatte. Damals folgte ein Schauprozess gegen angebliche Spione auf den anderen, und in den Straflagern waren mehr als 10 000 Regimegegner inhaftiert. Von den 500 entdeckten Kurieren der Widerstandsbewegung wurden mehr als 20 gehenkt, die anderen erhielten Haftstrafen von zwölf Jahren bis lebenslänglich. Experten schlossen aus, dass es sich bei dem Polizeivermerk um eine Fälschung gehandelt haben könnte. Polizeiberichte, sofern sie im Original erhalten sind, gelten als recht authentische Quellen. Es ist unwahrscheinlich, dass der einfache Polizeibeamte, der das Protokoll aufnahm, darin fälschlich Kunderas Personaldaten eingefügt haben könnte. Falls jedoch, wie Freunde Kunderas argumentierten, der tschechische Staatssicherheitsdienst StB (Státní bezpečnost) das Dokument manipulierte, hätte er es wohl schon gegen ihn verwendet, als Kundera 1970 Schreibverbot erhielt, oder fünf Jahre später, als er nach Frankreich emigrierte. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Polizeivermerk einfach in dem Faszikel schlummerte, bis ihn Hradílek zufällig entdeckte. Kundera warf dem USTR und den tschechischen Medien vor, sie wollten ihn mit haltlosen Anschuldigungen »als Autor hinrichten«, und dies auch noch wenige Tage vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Er sei von diesem »Attentat« völlig überrascht worden, habe von der Angelegenheit nichts gewusst, Dvorˇáček auch nicht gekannt. Aus seiner angekündigten Klage gegen Respekt wegen Hradíleks Artikel wurde aber schließlich doch nichts. Ohne Angabe von Gründen gab der Schriftsteller im Januar 2009 bekannt, dass er keine rechtlichen Schritte gegen die Zeitschrift unternehmen werde. Im Gefolge der Affäre Kundera intensivierten Kommunisten, Sozialdemokraten, linke Christdemokraten und Dissidenten der Generation des Prager Frühlings ihre Kampagne gegen das USTR. Die Angriffe zielten insbesondere auf dessen Leiter Pavel Zˇáček, der während der demokratischen Revolution im November 1989 ein Sprecher der antikommunistischen Studentenbewegung gewesen war. An der Spitze des Instituts machte sich Zˇáček quer durch die Parteien und bis weit in ehemalige Dissidentenkreise hinein sehr unbeliebt, weil er den gesetzlichen Auftrag, die Fakten zu sichern und sie allen daran Interessierten zugänglich zu machen, sehr ernst nahm und dabei auch auf die persönlichen Empfindlichkeiten von prominenten Dissidenten keine Rücksicht nahm. Von Anfang an war klar gewesen, dass es bei den Kommunisten und den Sozialdemokraten heftigen Widerstand gegen das USTR geben würde. Linke Intellektuelle wie der Historiker Jan Křen und der Publizist Petr Uhl hatten sich stets grundsätzlich gegen die generelle Öffnung der kommunistischen Archive ausgesprochen und dafür plädiert, das Institut zu schließen und die Akten der akademischen Forschung zu übergeben. Ehemalige Reformkommunisten bangten um den Verlust ihres Deutungsmonopols, sollte ernstlich damit begonnen werden, das dunkle Kapitel von Kapitulation, Kollaboration und Opportunismus unter dem kommunistischen Regime auszuleuchten. Und schließlich wucherte an den akademischen Instituten der Neid der Historiker auf die gute finanzielle Ausstattung des USTR mit öffentlichen Geldern, die ihnen für ihre eigenen zeitgeschichtlichen Projekte oft fehlten. Auf die Affäre Kundera folgte die Affäre um den Maler Josef Skalník, die zwar außerhalb der Tschechischen Republik kaum wahrgenommen wurde, dort aber die Gemüter noch mehr erhitzte, weil Skalník – anders als Kundera – dem engeren Kreis der Dissidenten um Václav Havel angehört hatte. Skalník war stellvertretender Vorsitzender der rund 10 000 Mitglieder zählenden Jazz-Sektion des tschechoslowakischen Musikerverbandes gewesen, die seit den Siebzigerjahren vom StB scharf überwacht und 1984 aufgelöst wurde. In einer Untersuchung über die »Aktion Jazz« des StB, die Oldřich Tomek für die Sonderabteilung der Polizei zur Strafverfolgung kommunistischer Verbrechen vorgelegt hatte (Securitas Imperii, Nr. 10, Prag 2003), wurde Skalník schon einmal als mutmaßlicher Informant des StB genannt. Mit Sicherheit feststellen ließe sich das jedoch nicht mehr, schränkte Tomek damals ein, da das Dossier nicht aufzufinden war: »Nach bestimmten Informationen zirkulierte es 1989/1990 auf der Burg [Amtssitz des tschechoslowakischen Präsidenten, Anm. des Autors], und dies könnte der Grund dafür gewesen sein, dass Skalník die Burg verlassen musste.« Zum 20. Jahrestag der »Samtenen Revolution« veröffentlichte das USTR ein Buch über die Anfänge des Bürgerforums (Občanske fórum, OF), in dem unter anderem auf diese Affäre Bezug genommen wird. Die Autoren stützen sich dabei auf einen Bericht an den StB-General und stellvertretenden kommunistischen Innenminister Alojz Lorenc, der es ihrer Ansicht nach erlaubte, »eine der wichtigsten Informationsquellen der totalitären Macht in der frühen Phase der Entwicklung des Bürgerforums zu identifizieren«. Diese Quelle sei Skalník gewesen. Während der entscheidenden Tage der Novemberrevolution hatten Havel und seine Freunde Skalníks Atelier für vertrauliche Besprechungen aufgesucht, und als Havel Präsident wurde, holte er Skalník als Berater auf die Burg. Doch schon wenige Monate später trennte er sich von ihm. Jan Ruml, damals Innenminister, bestätigte, dass es ein Dossier gab, das Skalník belastete. Aber irgendjemand hatte es auf der Burg spurlos verschwinden lassen. Die Affäre Skalník veranlasste einige ehemalige Dissidenten dazu, eine Unterschriftensammlung gegen das USTR zu starten, die auch von Havel unterstützt wurde. »Unsere gemeinsame Geschichte kann nicht nur auf der Basis der StB-Dokumente beurteilt werden«, heißt es darin, als ob das je behauptet worden wäre. In der Tageszeitung Právo warf Petr Uhl dem Verfassungsgerichtshof vor, eine Klage linker Abgeordneter auf Auflösung des Instituts abgelehnt zu haben. Zˇáček und seine Mitarbeiter hätten bereits Kundera »verleumdet« und die Namen der Offiziere von tschechischen Nachrichtendiensten preisgegeben, die nach 1989 im Ausland bei Anti-Terror-Operationen eingesetzt gewesen wären und nun um ihre Leben fürchten müssten. Abermals schlug Uhl vor, das Institut überhaupt zu schließen und die Aktenbestände dem Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften zu übergeben. Andere Dissidenten stellten sich hinter Zˇáček und das Institut. Jiří Križan und Martin Bartunek verfassten eine Petition, die das USTR als unverzichtbare Institution bezeichnete, deren Existenz durch die Angriffe auf Zˇáček bedroht werde. Die Versuche, das Institut zu schließen oder seine Tätigkeit lahmzulegen, seien »gefährlich und strafwürdig«. Das gelte auch für »unbedachte Versuche«, die Arbeit des USTR in Zweifel zu ziehen. Die Petition wurde von Jan Ruml und Alexandr Vondra unterschrieben, beide hatten von Anfang an im Bürgerforum mitgearbeitet und zählten damals ebenfalls zum engeren Kreis um Havel. Der Wirbel, den die Enthüllungen in den Fällen Kundera und Skalník ausgelöst hatten, diente auch als Vorwand, um Zˇáčeks Mandat nach zwei Jahren nicht mehr zu verlängern. Der Direktor wird von einem Institutsrat gewählt, dessen sieben Mitglieder vom Senat ernannt werden. Der Senat wählt sie aus den Vorschlägen aus, die ihm die Abgeordnetenkammer (2), der Präsident (1) sowie Organisationen der Bürgergesellschaft (4) unterbreiten. Im Februar 2010 bestimmte der Institutsrat, unter Leitung von Nadeˇžda Kavalírová, mit vier gegen drei Stimmen, Jiří Pernes, der bisher dem wissenschaftlichen Beirat angehörte, zu Zˇáčeks Nachfolger. Nadeˇžda Kavalírová, gleichzeitig Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge, hatte gegen Pernes gestimmt und behauptete, Pernes habe den Institutsrat absichtlich getäuscht. Er habe sein Studium an der Abendhochschule für Marxismus-Leninismus in den Achtzigerjahren ebenso verschwiegen wie ein Buch, in dem er den kommunistischen Putsch vom Februar 1948 gepriesen habe. Pernes, so Kavalírová, habe sich moralisch disqualifiziert und gefährde die Glaubwürdigkeit des USTR. Am seinem ersten Arbeitstag im Institut feuerte Pernes zwei Stellvertreter und zwei Abteilungsleiter. Aus Protest verließen einige prominente Intellektuelle, unter ihnen die Schriftsteller Jiří Gruša und Jiří Gruntorad, den wissenschaftlichen Beirat. Der damals noch konservativ dominierte Senat forderte die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Wahl des neuen Direktors durch eine unabhängige Instanz. Sechs Wochen später gab es eine neuerliche Abstimmung im Institutsrat, die nun mit vier zu drei Stimmen gegen Pernes ausfiel. Das USTR wurde daraufhin einem provisorischen Leiter anvertraut. Nach monatelangen internen Grabenkämpfen, die von außen kräftig munitioniert wurden, bestellte der Institutsrat schließlich im August 2010 Daniel Herman, den früheren Sprecher der tschechischen Bischofskonferenz, zum neuen Direktor, der sogleich Zˇáček als Berater zurück ins Institut holte. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung benannte Herman einige Lücken im kollektiven Gedächtnis der tschechischen Nation, die durch die Forschungstätigkeit des Instituts geschlossen werden sollten. Dazu gehöre die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, die der Etablierung des kommunistischen Regimes voranging und sie vorbereiten half. Das gesellschaftliche Klima für die Aufarbeitung dieses Kapitels sei mittlerweile gegeben. Anders als noch vor wenigen Jahren werde heute offen darüber diskutiert, die neue Generation sehe die weißen Flecken auf der geistigen Landkarte und wolle die Wahrheit wissen. Lange Zeit sei aber auch der antikommunistische Widerstand tabuisiert worden, lediglich der Prager Frühling, die Massenproteste gegen die sowjetische Invasion und die Charta 77 hoben sich hell ab vor dem dunklen Hintergrund der vier Jahrzehnte des kommunistischen Regimes. Dies lag nicht nur an der Stärke der tschechoslowakischen kommunistischen Partei, die in den Achtzigerjahren bei rund zehn Millionen Wahlberechtigten mehr als eineinhalb Millionen Mitglieder hatte. An der Würdigung des antikommunistischen Widerstandes der Fünfzigerjahre hatten auch die Reformkommunisten kein Interesse, die nach der sowjetischen Invasion aus der Partei ausgeschlossen worden waren und im November 1989 an der Seite der bürgerlichen Dissidenten wieder in die erste Reihe aufrückten. Und schließlich gibt es auch noch Erinnerungslücken bei den Dissidenten, die es vorziehen, selbst zu entscheiden, wer aus ihren Kreisen als Kollaborateur des Staatssicherheitsdienstes zu gelten hat und wer nicht. Ungeachtet der anhaltenden öffentlichen Kontroversen geht die Arbeit am Institut gut voran. Dies gilt insbesondere für das wichtigste Projekt, die Digitalisierung der Akten. Etwa ein Drittel des Bestandes wurde bereits erfasst, in fünf bis sechs Jahren soll das gesamte Archiv im Internet stehen, ohne Zugriffsbeschränkungen. »Wer seine Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen«, heißt es in der Präambel zum Gesetz 118/2007, das die Rechtsgrundlage für die Errichtung des Instituts schuf. So konsequent wie in der Tschechischen Republik wurde dieser Satz bisher in keinem anderen ehemals kommunistischen Land ausgelegt.

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Abschied vom Stalinismus? Charismatische Herrschaftskonfigurationen im titoistischen Jugoslawien

Marc Zivojinovic

Tito wird in der Rückschau gerne als Charismatiker charakterisiert. Zugleich scheint Jugoslawien der einzige Staat in Osteuropa gewesen zu sein, in dem reformkommunistische Ideen mehr als nur rhetorischer Schmuck einer im Kern repressiven Staatlichkeit waren. Im Folgenden wird es daher darum gehen, zu klären, inwieweit im jugoslawischen Fall von einer konsequenten Abkehr vom stalinistischen Modell gesprochen werden kann und wie sich das Charisma Titos gegenüber den Reformanstätzen verhielt. Als Chruščëv mit seiner Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die stalinistischen Herrschaftsmethoden verurteilte und insbesondere den Personenkult um Stalin kritisierte,1 befand sich Jugoslawien bereits seit einigen Jahren auf einem »eigenen Weg zum Sozialismus«. Dieser »Sonderweg« innerhalb des kommunistischen Lagers wurde maßgeblich von Josip Broz Tito getragen – wenn auch nicht erdacht. Die sowjetische Kritik am Personenkult hätte indes auch Jugoslawien treffen können. Schon im Kriegsverlauf hatte sich dort ein Kult um den kommunistischen Partisanenführer herausgebildet, der in der Nachkriegszeit mithilfe der parteistaatlichen Ressourcen verbreitet und institutionalisiert worden war. Wenn der Kult um die kommunistischen Führer als ein Strukturmerkmal des Stalinismus und somit auch als Bestandteil der stalinistischen Herrschaftskonfiguration verstanden wird,2 dann stand der Titokult in einem deutlichen Widerspruch zum jugoslawischen »Mythos vom Antistalinismus«,3 der sich nach dem Bruch von 1948 entwickelt hatte.4 Für das sowjetisch-jugoslawische Zerwürfnis gab es verschiedene Gründe: Die Anwerbung jugoslawischer Staatsbürger durch den sowjetischen Geheimdienst, eine Form der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die sich als reines Verlustgeschäft für die jugoslawische Seite darstellte und zunehmende außenpolitische Divergenzen spielten eine Rolle.5 Neben den handfesten politischen und ökonomischen Gründen begünstigten auch kulturelle Faktoren den Bruch. Zwar hatte Tito kaum eine Gelegenheit ausgelassen, seiner Wertschätzung gegenüber Stalin Ausdruck zu verleihen,6 aber dennoch stellte er sich durch den Kult um seine Person dem Sowjetführer »in vermessener Weise zur Seite«.7 Die eigenständige Politik Titos und die sowjetische Angst vor der Herausbildung eines zweiten kommunistischen Machtzentrums im Südosten Europas lieferten den Anlass für das Zerwürfnis, Prestigefragen waren ebenfalls nicht unwichtig.8 Charismatische Herrschaft und Personenkult Der Personenkult war Ausdruck der charismatischen Fundierung einer personalisierten Herrschaftskonfiguration – hier verstanden als ein dynamisches Set aus kulturellen und politischen (Macht-)Dispositiven –, die sich mit der Charisma-Theorie Max Werbers analysieren lässt. Weber legte der Entwicklung von charismatischer Herrschaft eine prozesshafte Dynamik zugrunde, deren Ausgangspunkt die Formierung einer Anhängerschaft in einer krisenhaften Gesellschaftssituation bildet. Der Charismatisierungsprozess muss als Resultat einer kommunikativen Zuschreibung gedacht werden. Von genuinem Charisma kann demnach nur dann gesprochen werden, wenn »Heilsversprechen« der charismatischen Führungspersönlichkeiten und die Bereitschaft der Anhänger, einen Vertrauensvorschuss zu gewähren aufeinander treffen.9 Beides ergänzt sich zu einem »symbolischen Kapital«,10 das in der charismatischen Kommunikation ihren Ausdruck findet und die Erfolge der Charismatiker überhaupt erst ermöglicht.11 Die charismatische Kommunikation muss zugleich gewissen Mindestanforderungen an ihre Plausibilität gerecht werden, wie das instruktive Beispiel Walter Ulbrichts zeigt. Hier scheiterte der staatlich oktroyierte Versuch, den Führer der SED als Charismatiker erscheinen zu lassen, da die kommunikative Beziehung im »Dreiklang von Person, Politik und Propaganda« vom durchschnittlichen Adressaten nicht als stimmig wahrgenommen wurde.12 Eine latente in eine manifeste charismatische Situation zu transformieren ist bei aller Kontingenz des Prozesses also nur möglich, wenn neben einer Krisensituation auch ein bestimmter kultureller und politischer Rahmen gegeben ist, der kommunikativ plausibel vermittelt werden kann.13 In Jugoslawien bildete der Zweite Weltkrieg den Hintergrund, vor dem sich der zunächst wenig prominente Josip Broz – bekannt unter seinem Parteinamen Tito – als charismatische Führergestalt profilieren konnte. Bereits zu Kriegsbeginn verfügte der Partisanenführer über eine Anhängerschaft, deren Keimzelle die in der Zwischenkriegszeit verbotene und politisch nahezu marginalisierte Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) war. Im Kriegsverlauf dehnte sich der Kreis der Anhänger zusehends aus,14 wobei die Versprechen einer Befreiung von der Okkupation und eines föderativen Neuanfangs in einer demokratischen Gesellschaft, die unter der Parole »Smrt fašizmu – Sloboda narodu« [Tod dem Faschismus – Freiheit dem Volk] sublimiert wurden, auch Personen jenseits des kommunistischen Lagers anzogen.15 Es erscheint durchaus plausibel, dass das Tito zugeschriebene Charisma als »Keim psychischer Ansteckung« fungierte und dadurch zum Träger eines gesellschaftlichen Wandels wurde.16 Der sich spontan entwickelnde Personenkult stand dabei von vornherein in einem unmittelbaren Ableitungsverhältnis zur charismatischen Herrschaft Titos über die Partisanenverbände. Die gezielte Institutionalisierung des Personenkultes erfolgte erst im Zuge der Machtübernahme durch die kommunistisch orientierten Partisanen im Verlauf der Jahre 1944 und 1945.17 Hierfür lieferte der sowjetische Stalinkult die Blaupause: Sowjetische Topoi wurden in die jugoslawische Propaganda importiert, wie etwa die Stilisierung Titos zum genialen Kriegsstrategen und zum »Lehrer« der Völker Jugoslawiens. Parallel zur Propagierung des Titokultes wurde auch der Kult um Stalin und die Sowjetunion gepflegt.18 Bald schon kam es jedoch zu Kollisionen in der Kulthierarchie. Allein die Tatsache, dass sich Tito bereits 1943 den Titel eines Marschalls hatte zusprechen lassen, zeigt, dass er sich dem Rang nach auf gleicher Ebene mit Stalin zu positionieren versuchte.19 Außerdem gingen in der Presse zusehends bestimmte, zunächst für die Beschreibung Stalins reservierte Attribute – wie etwa »groß« und »genial« – auf die Beschreibung Titos über.20 Die landesweiten, offiziellen Feierlichkeiten anlässlich Titos Geburtstag am 25. Mai, zu denen ab 1945 Massenveranstaltungen und Stafettenläufe organisiert wurden,21 sind ein Beleg dafür, dass dem Titokult, verglichen mit dem Kult um Stalin, ungleich mehr Menschen fröhnten. Zwar wurde der Geburtstag des Sowjetführers zwischen 1944 und 1948 in der jugoslawischen Presse umfassend gewürdigt, auch gab es aus diesem Anlass Versammlungen in staatlichen Einrichtungen, Schulen und Fabriken, dennoch blieb der Mobilisierungsgrad der Maßnahmen weit hinter denen des 25. Mai zurück.22 Vor dem »Zusammenstoß« der Staaten, der mit dem Ausschluss Tito-Jugoslawiens aus der Komintern im Juli 1948 sanktioniert wurde, stand der Zusammenprall der Kulte.23 Schon die ersten Dissonanzen in den zwischenstaatlichen Beziehungen machten sich auch auf der Ebene der Personenverehrung bemerkbar.24 Einer monokausalen Herleitung des jugoslawisch-sowjetischen Zerwürfnisses soll damit nicht das Wort geredet werden, aber sicherlich spielten Prestigefragen und die jugoslawische »Missachtung« der von der Sowjetunion eingeforderten Kulthierarchie eine nicht zu unterschätzende Rolle im Kominform-Konflikt.25 Im Verlauf dieses Konfliktes warf die KPdSU den jugoslawischen Kommunisten auch eine unangemessene Verehrung Titos vor: »In marxistischen Parteien werden Parteitage nicht deshalb veranstaltet, um die Führer zu preisen, sondern deshalb, um die Tätigkeit der Führung kritisch zu prüfen und sie, wenn nötig, zu erneuern und durch eine neue Führung abzulösen.«26 Trotz der schwerwiegenden Vorwürfe seitens des Kominform wollte und konnte die jugoslawische Führung nicht sofort mit dem eigenen Stalinkult brechen. Selbst auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen erschienen in der jugoslawischen Presse Lobeshymnen auf Stalin27 und noch im Juli 1949 beendete Tito den V. Kongress der KPJ, der de facto den Unabhängigkeitskurs Jugoslawiens sanktionierte, mit den Worten: »Lang lebe die Sowjetunion, lang lebe Genosse Stalin!«28 Titoistisch in der Form, stalinistisch im Inhalt? Wenig später, als der Bruch als unumkehrbar angesehen wurde, gab die jugoslawische Führung der »totalitären Versuchung«29 nach und ging brutal gegen die vermeintlichen Anhänger Stalins vor: Zwischen 12 000 und 35 000 Personen wurden auf den Lagerinseln Goli Otok und Sveti Grgur unter widrigsten Bedingungen inhaftiert.30 Der Machterhalt war das Motiv, in Abwehr des Stalinismus selbst in stalinistischer Manier zu handeln, obwohl die KPJ zugleich die Pervertierungen des stalinistischen Herrschaftssystems kritisierte. Der Gewalteinsatz der jugoslawischen Kommunisten unterschied sich jedoch von der Gewaltpraxis der Sowjetunion.31 Der scheinbar ungezielte Einsatz von Repressionen im Stalinismus, von dem die berüchtigten Listen zeugen, die die Massengewalt dokumentieren, hatte vor allem eine kommunikative Dimension.32 Die Praxis der vordergründig nicht-instrumentellen, nur dem Selbstzweck dienenden Gewalt wurde hier zum Beleg totaler Macht. Im jugoslawischen Fall hatte der Gewalteinsatz immer eine stark lozierende Dimension – entfernt wurde, wer den eigenen Interessen entgegenstand. Folglich ging es sowohl bei der »obračun sa domačim izdajnicima« [Abrechnung mit den einheimischen Feinden], die in den Massenerschießungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gipfelte, als auch bei der Internierung der »Kominformbiroci« [Kominformbüroler] nach 1948, immer um die Ausschaltung von vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern. Aus der Perspektive der Täter diente die Gewalt hier einer anschließenden Pazifizierung und der Sicherung der Macht. Der Rückgriff auf stalinistische Gewaltpraxen blieb damit eine ultima ratio in Situationen, in denen die Macht der jugoslawischen Kommunisten beziehungsweise die Herrschaft Titos bedroht erschien. Die ersten Schritte auf dem »eigenen Weg zum Sozialismus« ging Jugoslawien ab Ende 1949 und erst ab diesem Zeitpunkt schlug sich die Distanz zum sowjetischen Machtblock auch rhetorisch nieder. So kritisierte Tito die stalinistische Herrschaftspraxis etwa anlässlich der Verabschiedung des ersten Selbstverwaltungsgesetzes: »Was tun die NKWD und die Miliz? Sind etwa ihre Funktionen nach außen gerichtet? Wer deportiert mit wessen Hilfe Millionen von Staatsangehörigen verschiedenster Nationalität nach Sibirien und in den hohen Norden?«33 Auch den Autoritarismus der Sowjetführung prangerte Tito an: »Diese ›unfehlbaren‹ Autoritäten sind also gerade die Bremse, die die richtige Entwicklung der fortschrittlichen Welt überhaupt hemmt […] und damit die Arbeiterbewegung in der Welt schwächt. […] Würde man mutig beginnen, die Wurzeln dieser Schwächen zu erforschen oder zu suchen, dann wäre es sicher, dass viele Spuren zu jenen führen würden, die den Anspruch erheben, unfehlbar zu sein.«34 Trotz der antistalinistischen Rhetorik behielt die KPJ zunächst stalinistische Herrschaftsmethoden bei, was sich nicht zuletzt in der gewaltsamen Kollektivierung der Landwirtschaft zeigte, die erst im März 1953 gestoppt wurde.35 Eine Suche nach den Wurzeln des eigenen Autoritarismus fand indes nicht statt. Zwar machte der Bruch in Jugoslawien eine ideologische und politische Neuorientierung notwendig, aber diese erfolgte zunächst um den Preis einer repressiven Politik, die mit Ivo Banac als »home-grown-Stalinism« bezeichnet werden kann.36 Die Propagierung eines eigenen, weniger repressiven Weges gewann erst allmählich an Plausibilität – etwa durch die Beendigung der Kollektivierungskampagne, die Einstellung der Repressionen gegen die Glaubensgemeinschaften und durch den Schwenk zu einer erhöhten Konsumgüterproduktion ab 1955.37 Neben den Mythos vom antifaschistischen Kampf aller jugoslawischen Völker im gemeinsamen Partisanenkampf trat nun der »Mythos des Antistalinismus«, der eine Diskussion über die stalinistischen Grundlagen des gesellschaftlichen Umbaus nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderte.38 Hoffnungen auf eine grundlegende Demokratisierung wurden Mitte der Fünfzigerjahre enttäuscht, als der »Fall Djilas« die Grenzen der Reform- und Diskussionsbereitschaft deutlich machte.39 Der Leiter der Propagandaabteilung, Milovan Djilas, hatte 1953 mit der Veröffentlichung einer Artikelserie im Parteiorgan Borba begonnen, in der er die (Partei-)Bürokratie scharf kritisierte und eine Beschleunigung des Demokratisierungsprozesses forderte. In der Folge enthob das III. Plenum des SKJ (Savez Komunista Jugoslavije/Bund der Kommunisten Jugoslawiens) den verdienten Partisanen bereits Mitte Januar 1954 all seiner Funktionen.40 Das Signal war klar und richtete sich an den liberalen Flügel. Die Partei wollte ihr Machtmonopol nicht gefährden. Dennoch wurde Mitte der Fünfzigerjahre eine Liberalisierungstendenz spürbar, und das jugoslawische Regime ging in eine post-stalinistische Herrschaftsphase über. Während der Entstalinisierungsprozess und die Kritik am stalinistischen Personenkult nach 1956 im sowjetischen Hegemonialbereich zu vielfältigen Reaktionen führten, hatten sie kaum Auswirkungen auf die jugoslawische Innenpolitik. Die jugoslawischen Kommunisten begriffen sich ohnehin als Anti-Stalinisten, sodass eine weitere Abrechnung mit dem Stalinismus obsolet erschien. Charismatische Kommunikation als Nukleus der titoistischen Herrschaft Dass die charismatische Kommunikation durchweg konstitutiv für das jugoslawische Herrschaftssystem blieb, zeigen die zahlreichen Briefe und Gesuche, die der Staats- und Parteichef aus der Bevölkerung erhielt. Da Tito als charismatischer Herrscher wahrgenommen wurde, diente er als letzte Instanz, wenn auf den institutionell vorgesehenen Wegen nichts zu erreichen war. Aus dem bisher wenig erforschten Quellenkorpus41 lassen sich daher auch Aussagen über die Wahrnehmung der titoistischen Herrschaft im Spannungsfeld zwischen Reform und Stagnation extrahieren. Insbesondere zu Beginn der Sechzigerjahre häuften sich Eingaben, die ein Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis beklagten. Die Briefe gingen in die Tausende, sodass hier nur einige Tendenzen verdeutlicht werden können. Die Tatsache, dass eine nicht unerhebliche Anzahl der Schreiben anonym verfasst wurde, zeigt, dass es nicht nur eine normative, sondern auch eine »gefühlte« Grenze der Meinungsfreiheit gab. Die Veruntreuung staatlichen Eigentums durch mittlere und höhere Funktionäre der Partei wurde in den Briefen der Sechzigerjahre immer wieder thematisiert. In konkreten Fällen leitete Tito die Schreiben an den Chef des Sicherheitsapparates Aleksandar Ranković weiter und beauftragte ihn mit einer eingehenden Untersuchung. Auch auf die widersprüchliche Reformpolitik auf ökonomischem Gebiet und ihre materiellen Folgen – insbesondere Preissteigerungen und geringe Löhne und Pensionen – rekurrierten zahlreiche Einlassungen. Dabei wurde das im charismatischen Kommunikationsprozess beschworene Vertrauen zwischen Bevölkerung und Staatsführung zu einem rhetorischen Druckmittel gegenüber der Partei umfunktioniert.42 Tito reagierte in zahlreichen Reden auf die Probleme und versprach Abhilfe. An seinen Versprechungen wurde die jugoslawische Politik in den Sechzigerjahren gemessen, was die vielfältigen Bezüge in den Eingaben auf die Aussagen Titos belegen.43 Die Bilanz der Reformen fiel oftmals äußerst kritisch aus. Insbesondere die Möglichkeit, Autoritäten in der Verwaltung von Staat und Wirtschaft zu kritisieren, erschien begrenzt. Ein anonymer Brief brachte die Stimmung auf den Punkt: »Wenn Du etwas sagst, dann werfen sie Dich wie einen Koffer auf die Straße.«44 Eine Kritik an politischen Führungspersonen oder auch an den Zuständen in Betrieben, war für die Betroffenen mit der Gefahr verbunden, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. Von einer »sozialistischen Rechtsstaatlichkeit« mit einem faktischen Recht auf Meinungsfreiheit war das jugoslawische System der Sechziger- und Siebzigerjahre, trotz einer anderslautenden Rhetorik, weit entfernt. Das Machtgefälle zwischen dem aus der Partei rekrutierten Führungspersonal und den Beschäftigen bzw. Bürgern war im Rahmen der Selbstverwaltungsreformen nicht aufgelöst worden. Trotz massiver Kritik am System wurde Tito selbst als Person nur erstaunlich selten unmittelbar für die Missstände verantwortlich gemacht.45 So finden sich in zahlreichen Briefen Mutmaßungen darüber, dass Tito von seinem Mitarbeiterstab nicht umfassend oder gar falsch über die Situation im Lande informiert werde.46 Eine solche Entlastungsstrategie, zu der Tito mit seiner eigenen Kritik an den Missständen freilich beitrug, ermöglichte ein Festhalten an der charismatischen Herrschafts- und Beziehungsstruktur. Tito machte in seinen Reden die »Protagonisten der technokratischen Managertendenzen« und »Vertreter etatistischer Auffassungen«47 für die praktischen Mängel des Selbstverwaltungssozialismus verantwortlich und externalisierte damit gewissermaßen die eigene Verantwortung. Seine Äußerungen mochten vor dem Hintergrund einer Rhetorik einer »schöneren Gegenwart und Zukunft«48 beruhigend wirken, änderten aber am autoritären Kern der jugoslawischen Herrschaftskonfiguration genauso wenig, wie die zahlreichen verfassungsrechtlichen Reformen zwischen 1964 und 1974. Die Ablösung des langjährigen Sicherheitschefs Aleksandar Ranković im Jahr 1966 erscheint rückblickend als wichtiger Schritt zu einer weiteren Liberalisierung und als »Sieg für die Reformer«.49 Allerdings warnten Mitarbeiter der Sicherheitsorgane vor den Folgen einer Schwächung der zentralen Sicherheitsdienste: »Nun werden Sie [Tito] ihre Informationen von den Komitees der Republiken und Gemeinden erhalten und diese werden sich selbst und ihre Verdienste für die gute politische und ökonomische Situation auf ihrem Territorium rühmen.«50 Tatsächlich wirkten sich die strukturellen Veränderungen in der Sicherheitsarchitektur auch auf den Eingabensektor aus. Bis Mitte der Sechzigerjahre wurden Tito die Schreiben im Original vorgelegt und bei Bedarf Erkundigungen durch die UDBA (Uprava Državne Besbednosti/Verwaltung der staatlichen Sicherheit) über die Absender eingeholt. Interventionen des Staats- und Parteichefs waren keine Seltenheit. In der letzten Dekade ließ sich Tito nur noch Zusammenfassungen vorlegen und intervenierte immer seltener persönlich. In den Fällen, in denen er Untersuchungen – etwa von Korruptionsvorwürfen – anordnete, wurde damit die jeweilige Republik betraut, ohne dass der Fortgang der Ermittlungen dokumentiert wurde. Im Resultat verringerten sich damit Einflussmöglichkeiten und Kontrollfunktionen der charismatischen Herrschaft Titos, auch wenn diese nominell unangefochten blieb. Quasiplebiszitäre Bestätigungen der Herrschaft, wie sie etwa in den zahlreichen Unterstützungstelegrammen nach Titos Intervention anlässlich der Studentenproteste des Jahres 1968 zum Ausdruck kamen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Widerspruch zwischen Selbstverwaltung und dem durch das Machtmonopol der Kommunisten fundierten »polikratischen Etatismus«51 nicht aufgelöst werden konnte. Die charismatische Herrschaft Titos überdauerte alle Reformen in Jugoslawien und war zum Teil sogar in der Lage, abweichende Reformbewegungen in die gewünschte Richtung zu kanalisieren, wie etwa im Fall der Studentenunruhen des Jahres 1968.52 Auch die Herrschaftskrise nach dem nationalen Aufbegehren in Kroatien 1970/71 konnte die Position Titos letztlich nicht gefährden, führte aber zu einer erneuten Welle von Repressionen. Wer die jugoslawischen Kommunisten implizit in eine Reihe mit den stalinistischen Parteien stellte und die charismatische Herrschaftsfundierung kritisch hinterfragte – wie der Belgrader Professor Svetozar Stojanović – musste mit dem Verlust des Arbeitsplatzes rechnen.53 Bis zum Tode Titos im Mai 1980 blieb die Herrschaftskonfiguration Jugoslawiens durch autoritär-charismatische und poststalinistische Elemente gekennzeichnet. Die Liberalisierungen des jugoslawischen Systems etwa auf dem kulturellen Sektor und in Bezug auf die Reisefreiheit sowie die Entwicklung des Selbstverwaltungssozialismus waren zwar mehr als bloße rhetorische Kosmetik, blieben aber dennoch weit entfernt von der Einführung eines pluralistischen Verfassungsstaates.54 Bestimmte Paragrafen des Strafgesetzbuches konterkarierten die freie Ausübung der politischen Grundrechte,55 und noch in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre wurden 1652 Personen wegen politischer Straftaten verurteilt. Eine öffentliche Diskussion über die Implikationen einer solchen Praxis für die Rechtsstaatlichkeit wurde erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts geführt.56 Die Fortsetzung des Personenkultes um Tito nach dessen Tod verhinderte eine nüchterne Bilanz der titoistischen Herrschaft. Allerdings schwand in der post-charismatischen Phase der Rückhalt für die Rituale des Titokultes zusehends und auch der Konsens der Organisatoren über Art und Weise der Inszenierungen geriet ins Wanken. Selbst Mitglieder des Organisationsausschusses für die Feiern des 25. Mai sahen die in eine gigantomanische Ästhetik abdriftenden Inszenierungen kritisch und befürchteten gar eine Schädigung von Titos Ansehen.57 Erst mit der Abschaffung der zentralen Abschlussveranstaltung des sogenannten Dan Mladosti [Tag der Jugend] im Jahr 1988 gelang eine Überwindung der letzten poststalinistisch geprägten Visualisierungsstrategie der titoistischen Herrschaft. Parallel dazu verlor die Partei zusehends ihre geschichtspolitische Deutungsmacht, was zusammen mit geschichtspolitischen Tabubrüchen zu einer Entwertung des titoistischen Charismas und schließlich zu seiner Stigmatisierung führte.58 Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der letztlich gescheiterten Fortführung des Personenkultes und dem Auseinanderbrechen des jugoslawischen Gesamtstaates ließe sich allerdings kaum plausibel begründen. Die vielfältigen und widersprüchlichen Wandlungen der jugoslawischen Herrschaftskonfiguration konnten hier nur angedeutet werden, aber sie zeigen, dass die charismatische Verfasstheit der Herrschaft Titos als Nachklang des stalinistischen Vorbilds zu Lebzeiten und über den Tod des Staatschefs hinaus prägend für das jugoslawische Herrschaftssystem war. 1 Siehe Klaus Heller/Jan Plamper (Hg.): Personality Cults in Stalinism – Personenkulte im Stalinismus, Göttingen 2004, S. 7–12 (Vorwort), S. 7. Personenkult wird demnach als Charakteristikum einer »Alleinherrschaft des totalitären Typs« verstanden. Siehe auch Benno Ennker: Die Anfänge des Leninkults in der Sowjetunion, Köln/Weimar/Wien 1997, Anm. 3, S. 1. 2 Der Begriff Personenkult entwickelte sich nach der Geheimrede Chruščëvs auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 zu einer grundlegenden Kategorie der Stalinismusanalyse. Siehe Katharina Klotz: Führerfiguren und Vorbilder, in: Dieter Vorsteher (Hg.): Parteiauftrag ein neues Deutschland, München 1996, S. 322–337, S. 323. 3 Wolfgang Höpken: Vergangenheitspolitik im sozialistischen Vielvölkerstaat: Jugoslawien 1944–1991, in: Petra Bock/Edgar Wolfrum (Hg.): Umkämpfte Vergangenheit, Göttingen 1999, S. 210–243, S. 214. 4 Siehe Dejan Jović: Communist Yugoslavia and its »Others«, in: John Lampe/Mark Mazower (Hg.): Ideologies and National Identities, Budapest/New York 2004, S. 277–302, S. 288. 5 Siehe Gerhard Besier: Das Europa der Diktaturen. Eine neue Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2006, S. 423–427; Bernd J. Fischer: Enver Hoxha and the Stalinist Dictatorship in Albania, in: ders. (Hg.): Balkan Strongmen, London 2007, S. 239–268, hier S. 253 f.; Holm Sundhaussen: Geschichte Serbiens. 19.–21. Jahrhundert, Wien 2007, S. 147–154. 6 Siehe Kosta Čavoški: Tito – technologija vlasti [Tito – Herrschaftstechnik], Belgrad 1991, S. 13. 7 Gerd Koenen: Die großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao Tse-tung. Führerkulte und Heldenmythen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1991, S. 210. 8 Siehe Sundhaussen: Geschichte Serbiens (Anm. 5), S. 351. 9 Siehe Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976, insbesondere S. 144–157. 10 In Anlehnung an Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1979. 11 Frank Möller: Zur Theorie des charismatischen Führers, in: ders. (Hg.): Charismatische Führer der deutschen Nation, München 2004, S. 1–18 , S. 14. 12 Siehe dazu Rainer Gries: »Walter Ulbricht – das sind wir alle!«, in: Möller: Charismatische Führer (Anm. 11), S. 193–218, insb. S. 193–195. 13 Siehe Rainer M. Lepsius: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 101. 14 Siehe Robert C. Tucker: The Theory of Charismatic Leadership, in: Dædalus (1968), H. 97, S. 731–753, S. 739. Zu Charisma in den unterschiedlichen sozialen Systemen (Kleingruppe, Organisation, Staatswesen) siehe: Lepsius: Demokratie in Deutschland (Anm. 13), S. 107 sowie Michael Günther: Masse und Charisma. Soziale Ursachen des politischen und religiösen Fanatismus, Frankfurt a. M. 2005, S. 17. 15 Siehe Melissa K. Bokovoy: Peasants and Communists. Politics and Ideology in the Yugoslav Countryside, 1941–1953, Pittsburgh 1998, S. 19 u. 25 f.; Ann Lane: Yugoslavia. When Ideals Collide, Basingstoke 2004, S. 79 ff. 16 Siehe Hans Joas: Die Kreativität des Handelns, Frankfurt a. M. 2002, S. 71; Johann P. Arnason: Praxis und Interpretation. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt a. M. 1988, S. 149. 17 Siehe Sava D. Bosnitch: The Cult of Tito’s Personality 1943–?, in: The South Slav Journal 13 (1990), H. 1–2, S. 20–38, S. 22. 18 Siehe Ivo Banac: With Stalin against Tito. Cominformist Splits in Yugoslav Communism, Ithaca 1988, S. 7; Stanislav Sretenovic/Artan Puto: Leader Cults in the Western Balkans (1945–1990): Josip Broz Tito and Enver Hoxha, in: Balazs Apor u. a. (Hg.): The Leader Cult in Communist Dictatorships, Basing-stoke/New York 2004, S. 208–216, S. 208 f. 19 Siehe Koenen: Die großen Gesänge (Anm. 7), S. 210. 20 Siehe Dušan Mojic: Evolucija Kulta Josipa Broza Tita 1945–1990. Analiza štampe [Die Entwicklung des Kultes um Josip Broz Tito. Eine Analyse der Presse], in: Srpska Politička Misao 2 (1995), H. 1, S. 133–155, S. 136. 21 Titos eigentlicher Geburtstag war der 7. Mai. Zu den Stafettenläufen siehe Marc Zivojinovic: Die Stafette der Jugend zu Ehren des Marschall. Der 25. Mai als Festtag des Titokultes, in: Südost-Forschungen 67 (2008), S. 253–276. 22 Siehe etwa die Studie zur Häufigkeit des Erscheinens von Tito- und Stalin-Bildern in der jugoslawischen Armeepresse: Bojan Dimitrijević: Armija – oslonac titovog kulta ličnosti 1941–1954 [Die Armee – Stütze des Titokultes], in: Istorija 20. Veka 22 (2004), H. 2, S. 97–123, S. 110. Zur Organisation der Stalin-Geburtstage siehe die entsprechenden Anweisungen der Abteilung für Agitation und Propaganda, in: Arhiv Srbije/Archiv Serbiens (im Folgenden: AS), Centralni Komitet Savez Komunista Jugoslavije, Organizacije instruktorova uprava (1945–1947), K.1. 23 Siehe Bosnitch: The Cult of Tito’s Personality (Anm. 17), S. 23. 24 Etwa die Entfernung von Tito-Bildern aus dem öffentlichen Raum Rumäniens im Februar 1948. Ebd., S. 24. 25 Siehe Sundhaussen: Geschichte Serbiens (Anm. 5)., S. 351. 26 Zit. nach Koenen: Die großen Gesänge (Anm. 7), S. 211. 27 Borba vom 22. Dezember 1948, S. 1. Politika vom 22. Dezember 1948, S. 3. 28 Zit. nach Sava D. Bosnitch: The Conversion from Stalinism to Titoism, in: The South Slav Journal 9 (1986), H. 1–2, S. 24–47, S. 28. 29 Diese Formulierung prägte Ralf Dahrendorf in Anlehnung an Jean-François Revel. Siehe Klaus Müller: Totalitarismus und Modernisierung. Zum Historikerstreit in der Osteuropaforschung, in: Achim Siegel (Hg.): Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 7), Köln 1998, S. 37–79, S. 45. 30 Exakte Zahlen liegen bis heute nicht vor. Siehe die unterschiedlichen Angaben: Dragan Marković: Istina o Golom otoku [Die Wahrheit über Goli Otok], Belgrad 1987, S. 229; Berislav Jandrić: Nacionalna i socijalna struktura ibeovaca iz Hrvatske na Golom otoku u razdoblju 1949–1952 [Die nationale und soziale Struktur der Informbüroler aus Kroatien im Zeitraum 1949–1952], in: Časopis za suvremenu povijest 25 (1993), H. 2–3, S. 183–202, S. 193; Dragoslav Mihailović: Kratka istorija satiranja [Kurze Geschichte der Vernichtung], Belgrad 1999, S. 81; Richard West: Tito and the Rise and Fall of Yugoslavia, New York 1999, S. 237. 31 In Anlehnung an die phänomenologische Systematisierung der Gewaltpraxen in: Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, München 2009, insb. S. 179, S. 343 f. 32 Deutlich wurde der kommunikative Aspekt auch in den Schauprozessen. Siehe Jörg Barberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Bonn 2007, S. 119. 33 Josip Broz Tito: Die Fabriken in Jugoslawien werden von Arbeitern verwaltet, Belgrad 1950, S. 33. 34 Ebd., S. 22. 35 Bokovoy: Peasants and Communists (Anm. 15), S. 99 f. 36 Banac: With Stalin against Tito (Anm. 18), S. 136. 37 Sundhaussen: Geschichte Serbiens (Anm. 5), S. 354 ff. 38 Wolfgang Höpken: Von der Mythologisierung zur Stigmatisierung: »Krieg und Revolution« in Jugoslawien im Spiegel von Geschichtswissenschaft und historischer Publizistik, in: Eva Schmidt-Hartmann (Hg.): Kommunismus und Osteuropa. Konzepte, Perspektiven und Interpretationen im Wandel, München 1994, S. 165–202, S. 176 u. 179 f.; Höpken: Vergangenheitspolitik im sozialistischen Vielvölkerstaat (Anm. 3), S. 213 f. 39 Siehe Robert Müller-Sternberg: Tito und Milovan Đilas. Die Macht und ihr Widerspruch, in: Deutsche Studien. Vierteljahreshefte 9 (1971), H. 34, S. 34; Jasna Dragović-Soso: »Saviours of the Nation«. Serbia’s Intellectual Opposition and the Revival of Nationalism, London 2002, S. 18–21; Lane: Yugoslavia (Anm. 15), S. 118 f.; Tomislav Sunic: Titoism and Dissidence: Studies in the History and Dissolution of Communist Yugoslavia, Frankfurt a. M. 1995; Stephen Clissold: Djilas: The Progress of a Revolutionary, Hounslow 1983. 40 Siehe Čavoški: Tito (Anm. 6), S. 18 f. 41 Die Quellen liegen im sogenannten Tito-Fonds des Muzej Itorije Jugoslavije/Museum der Geschichte Jugoslawiens (im Folgenden: MIJ) in Belgrad vor. 42 Beispielsweise in einem anonymen Brief einer »Gruppe von Kommunisten« aus dem Jahr 1962, in dem es unter anderem heißt: »Wir erwarten, dass sich die Dinge energisch verändern, noch […] glauben wir an die Partei.«, in: MIJ, Kabinet Predsetnika Jugoslavije, II–8. 43 Die Zahl der Eingaben erhöhte sich in Reaktion auf seine Reden sprunghaft. Siehe Momčilo Mitrović: Jugoslovenska stvarnost u anonimnim dostavama Josipu Brozu Titu 1956–1966 godine [Die jugoslawische Wirklichkeit in den anonymen Eingaben an Josip Broz Tito], in: Godišnjak za društvenu istoriju 12 (2005), H. 1–3, S. 203–216, S. 208. 44 Nesklad izmedju teorije i prakse [Unstimmigkeit zwischen Theorie und Praxis], 17. Juli 1965, in: MIJ (Anm. 42). 45 Aussagen wie etwa: »Ich wollte Dir nur mitteilen, was alles ohne Dein Wissen geschieht, weil Du so etwas sicher nicht dulden würdest.« sind in den Quellen häufig anzutreffen. Siehe ebd. 46 Dajemo najkarakterističnije izvode iz pisma koje je upućeno drugu Titu [Charakteristische Auszüge aus Briefen an den Genossen Tito], ohne Datum, in: MIJ (Anm. 42). 47 Zit. aus: Rede bei der Entgegennahme der Ehrenmitgliedsurkunde der Akademie der Wissenschaften und Künste der Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina, 30. November 1969, in: Josip Broz Tito: Der jugoslawische Weg. Sozialismus und Blockfreiheit, München 1976, S. 211–223, S. 218. 48 Zit. aus: Rede in Jaice anlässlich der Feier des dreißigsten Jahrestages der Versammlung des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens, in: ebd., S. 251–266, S. 266. 49 Sundhaussen: Geschichte Serbiens (Anm. 5), S. 365. 50 Prepis anonimnog pisma iz Rijeke od 28.X.1966 [Abschrift eines anonymen Briefes aus Rijeka vom 28. Oktober 1966], S. 2, in: MIJ (Anm. 42). 51 Svetozar Stojanović: Die Kluft zwischen politischer Macht und schwindender Legitimation im Jugokommunismus, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung 38 (1989), H. 9, S. 487–495, S. 488. 52 Siehe Sundhaussen: Geschichte Serbiens (Anm. 5), S. 193 f. 53 Siehe Svetozar Stojanović: Staljinistička partijnost i komunističko dostojanstvo [Stalinistische Parteilichkeit und kommunistische Würde], in: Praxis 10 (1973), H. 5–6, S. 679–696. 54 Siehe Gerhard Besier: Das Europa der Diktaturen (Anm. 5), S. 422. 55 Insbesondere der Artikel 133, der staatsfeindliche Tätigkeiten und Propaganda unter eine Höchststrafe von fünf Jahren stellte. Siehe Krivični zakon SFRJ [Strafgesetzbuch der SFRJ], Belgrad 1990, S. 97. 56 Siehe Jens Reuter: Politische Gefangene in Jugoslawien, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung 36 (1987), H. 6, S. 297–308, S. 300. 57 Siehe Rezime rasprave koja je o proslavi Dana Mladosi vodjena na sednici Koordinacionog odbora SK SSRNJ [Resümee der Erörterungen über die Feiern des Tages der Jugend, die auf der Sitzung der Bundeskonferenz des SSRNJ gehalten wurden], in: Hrvatski Državni Arhiv, 1228 – SSRNH (Socijalistički Savez Radnog Naroda Hrvatske/Sozialistischer Bund der Werktätigen Kroatiens), RK J. B. Tito, K. 970. 58 Siehe Maja Brkljačić/Holm Sundhaussen: Symbolwandel und symbolischer Wandel. Kroatiens »Erinnerungskulturen«, in: Osteuropa 53 (2003), H. 7, S. 933–948, S. 935; Höpken: Vergangenheitspolitik im sozialistischen Vielvölkerstaat (Anm. 3), S. 228; Höpken: Von der Mythologisierung zur Stigmatisierung (Anm. 38), S. 185–187.

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Momentaufnahme: Aktuelle Fragen der Erinnerungskultur in Ungarn. Debatten außerhalb der Geschichtswissenschaft

Krisztián Ungváry

Dass die Geschichte von jeder Generation neu interpretiert wird, ist eine normale Erscheinung. In Ungarn können diesbezüglich in den letzten zehn Jahren auf allen Gebieten der Erinnerungskultur Neuinterpretationen festgestellt werden. Die meisten werden jedoch nicht von Wissenschaftlern entworfen. Vielmehr geht es um die gesellschaftliche Neuverortung von historischen Ereignissen. Bestes Beispiel ist die hier nicht in aller Ausführlichkeit erörterbare Debatte über den Ursprung der Madjaren. Obwohl in der Geschichts- und Sprachwissenschaft Einigkeit über die finnisch-ugrische Abstammung der Madjaren herrscht, gibt es in bestimmten Kreisen Bedarf an einer anderen Interpretation, die die Genese des ungarischen Volkes in Mesopotamien und Tibet ansiedelt. Demnach sei selbst Christus ein Madjare gewesen. Die finnisch-ugrische Abstammung diene nur dazu, die »echten Wurzeln« des wahren Madjarentums zu verwestlichen. Wie beliebt derartige Debatten sind, zeigt sich auch im Internet. Auf der Website der größten konservativen Zeitung Magyar Nemzet beschäftigen sich sieben der zehn beliebtesten Themen in der Kategorie »Geschichte« mit der Ethnogenese der Madjaren: »Die älteste Zivilisation der Welt kommt aus Ungarn«, »Brauchen wir die sumerische Abstammung?«, »Warum heißt das ABC ABC?«, »Unsere finnisch-ugrische Abstammung« usw. Meistens wird schon an den Überschriften deutlich, dass man die Verfasser der Einträge nicht wirklich ernst nehmen kann. Im Folgenden beschränke ich mich nur auf solche Fragen, die die ungarische Erinnerungskultur im zwanzigsten Jahrhundert betreffen. Da die meisten Debatten nicht in der Wissenschaft, sondern in der Politik geführt werden, zeigt diese Momentaufnahme weder den Stand der ungarischen Geschichtswissenschaft noch stellt sie wissenschaftlich fundierte Diskussionen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Im Gegensatz zu den anderen Staaten des Warschauer Paktes, konnte sich die ungarische Wissenschaft bereits in den Siebzigerjahren von vielen politischen Vorgaben lösen und war weitgehend frei von nationalen Mythenbildungen. Demzufolge fanden ungarische Historiker sehr schnell Anschluss an ihre westlichen Kollegen. Im Gegensatz zu Wissenschaftlern aus der Slowakei, aus Serbien oder Rumänien, herrscht unter den ungarischen Historikern bezüglich vieler Fragen (noch) Konsens, die in anderen osteuropäischen Ländern Gegenstand heftiger Diskussionen sind. Neue Rechte – neue Interpretationen Auch wenn die Sozialistische Partei (Magyar Szocialista Párt, MSZP) nach der Wende lange Zeit die politische Macht für sich beanspruchen konnte, gelang es ihr nicht, eine führende Rolle in der Geschichtsinterpretation zu übernehmen. Mochten viele Persönlichkeiten der ungarischen Gesellschaft lange dem Mythos der Sozialisten als den wahren Demokraten und rechtmäßigen Nachfolgern Imre Nagys erlegen sein, stieß diese Interpretation in der Öffentlichkeit bald immer weniger auf Zustimmung. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Führung der Sozialistischen Partei sich lange Zeit aus Personen zusammensetzte, die gegen die ungarische Revolution von 1956 gekämpft oder sie nachträglich jahrzehntelang verunglimpft hatten. Und dass, obwohl das Gedenken an diese Revolution zu den wichtigsten staatlichen Feiertagen zählt. Auch die mit der Sozialistischen Partei koalierenden Liberalen, die Freien Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége, SZDSZ), vermochten keine überzeugenden Interpretationen für die Ereignisse von 1919, 1945 und 1956 zu liefern. Dies verwundert nicht, waren sie doch bei ihrer Gründung 1988/1989 noch streng antikommunistisch und gingen nichtsdestotrotz schon nach wenigen Jahren eine Koalition mit der früheren Staatspartei ein – lieber hüllten sie sich in Schweigen. Die FIDESZ-Regierung, von 1998 bis 2002 im Amt, bedeutete für die Erinnerungskultur eine radikale Veränderung. Die Partei FIDESZ (Fiatal Demokraták Szövetsége, Verband Junger Demokraten) war zur Zeit ihrer Gründung eine linksliberal-alternative Gruppierung. Doch nach 1994 entging es der Parteiführung nicht, dass es weder gelang, die Nachfrage des rechten Wählerspektrums zu befriedigen, noch ausreichend linke Wähler von SZDSZ und MSZP für sich zu gewinnen. Dementsprechend erfolgte eine bewusste Umorientierung, die auch Auswirkungen auf das Parteiprogramm hatte, in dem 1998 bereits traditionelle und konservative Werte propagiert wurden. Die Ideologen von FIDESZ hatten eine neue, und wie sich erwies, populäre Vision über die Deutung der Geschichte entworfen. Aus verschiedenen Gründen bot es sich an, den Schwerpunkt dabei auf das Gedenken an die Opfer kommunistischer Verbrechen zu legen. Ausschlaggebend war mit Sicherheit, dass sich der Partei hier ein breites Spektrum bot, aktiv zu werden, denn trotz einiger Versuche hatte der Staat Ungarn bis 1998 wenig unternommen, sichbare Zeichen für die Opfer des Kommunismus zu setzen. Da FIDESZ sich mittlerweile primär als bürgerlich-konservative Partei definierte, lag es nahe, dass sie sich der Erinnerung an die Verbrechen der »anderen Seite« annahm. So wurde im Rahmen der Erinnerung an die kommunistischen Verbrechen im Jahr 2000 der »Tag der Opfer des Kommunismus« eingeführt. Seitdem wird jährlich am 25. Februar an die rechtswidrige Verhaftung des Vorsitzenden der Kleinlandwirtepartei (Független Kisgazdapárt, FKGP) Béla Kovács am 25. Februar 1947 erinnert. Der »Tag der Opfer des Kommunismus« steht in direktem Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenktag. Der gesetzlichen Verankerung des letzteren wurde nur unter der Bedingung zugestimmt, dass ebenso ein Tag zur Erinnerung an die Opfer des Kommunismus in die Liturgie der staatlichen Erinnerungkultur aufgenommen würde. Hier endet Erinnerungskultur in einer Sackgasse: Anstatt darauf hinzuweisen, dass Menschenrechte unteilbar und totalitäre Diktaturen jeglicher Couleur generell zu verurteilen sind, zeigte sich keine der Parteien bereit, auf die andere zuzugehen, lieber wird einer selektiven Erinnerungskultur Vorschub geleistet. Damit soll nicht gesagt werden, dass nur ein einziger Gedenktag für die Opfer aller totalitären Regime legitim wäre. Sehr wohl kann und soll beider verbrecherischen Diktaturen gedacht werden. Wichtig ist jedoch, dass diese Gedenkfeierlichkeiten nicht dazu dienen sollten, Schuld unterschiedlich zu gewichten. Streit um das Terrorhaus Die Neudeutung der ungarischen Geschichte verlangte sowohl symbolische Gesten, wie die Überführung der Stephanskrone in das Parlament, als auch die Gründung neuer Stiftungen im Rahmen von Forschungseinrichtungen und Dokumentationsstätten. Ein Höhepunkt dieser Maßnahmen war die Eröffnung des »Terrorhauses« im Jahr 2001 in Budapest. Das »Terrorhaus« ist die erste Ausstellung zur Geschichte des Landes, bei der man fast das Gefühl bekommt, Hannah Arendts Totalitarismustheorie solle hier verwirklicht werden. Schon am Eingang wird auf die Vergleichbarkeit hingewiesen – beide totalitären Symbole, Hakenkreuz und ungarisches Pfeilkreuz, werden nebeneinander gezeigt. Das Haus an der Andrássy-Straße 60 war geradezu prädestiniert für ein Museum, beherbergte es doch bis 1945 das Hauptquartier der ungarischen Nazis, der Pfeilkreuzler. Im Anschluss bezog die kommunistische politische Polizei hier ihr Quartier. Das Gebäude hatte jedoch derart mit seinem Ruf zu kämpfen, dass es nach 1951 als Polizeisitz wieder aufgegeben wurde. Nach der Wende zog eine Bank ein. Bis 1998 erinnerte nichts außer einer bescheidenen Tafel an die unsagbaren Verbrechen, die in diesem Haus begangen worden sind. Die FIDESZ-Regierung scheute jedoch keine Kosten und baute hier das imposanteste Museum der letzten zwanzig Jahre auf. Kritik kam von Anfang an aus dem Lager der Sozialisten und der SZDSZ. Die Politiker stellten sich grundsätzlich gegen die Idee einer Dokumentationsstätte in diesem Haus. Außenminister László Kovács forderte, anstatt eines »Terrorhauses« solle man ein »Haus der Erinnerung und Versöhnung« an einem anderem Ort errichten. Katalin Szili, stellvertretender Präsident der MSZP, sagte auf einer Pressekonferenz, dass die »Sozialisten um Entschuldigung bitten, unabhängig davon, ob die Verbrechen von uns begangen worden sind oder nicht. Wir bitten die ungarische Nation, die Verbrechen der Vergangenheit zu verzeihen, sowie auch wir denjenigen verzeihen, die gegen uns gesündigt haben.« Diese Aussage macht deutlich, dass die Sozialisten ihre eigene Verantwortung nur bedingt und heuchlerisch anerkennen, denn zwischen 1945 und 1990 hatte niemand Gelegenheit, gegen die Sozialisten »zu sündigen«, während diejenigen, die vor 1945 gegen die linke Bewegung »gesündigt« haben, nach 1945 vor Gericht gestellt und zu harten Strafen verurteilt worden sind. Im »Terrorhaus« wird der Geschichte des Holocaust bewusst wenig Platz eingeräumt. Dies ist grundsätzlich kein Problem und leicht zu begründen, wäre es doch durchaus legitim, für dieses Thema ein separates Museum zu schaffen. So wurde in den Diskussionen um das »Terrorhaus« seitens der Regierung auch betont, dass der Geschichte des Holocaust in einem eigenen Museum Platz gegeben werden sollte. Die jüdische Gemeinde zeigte sich damit zufrieden und bot für diesen Zweck eine abseits gelegene, baufällige Synagoge an. Die Präsentation in einer Synagoge eröffnete jedoch sehr ungünstige Interpretationsmodelle, wie »Die Geschichte des Holocausts sei eine Sache der Juden«, also eine Art Entsorgung der nationalen Geschichte. Bei der Planung dieses Konzeptes hatte man außerdem fatalerweise übersehen, dass die antisemitische Deutung, die Juden unabhängig von ihrem Eigenbekenntnis als rassische Gruppe zu definieren, der Botschaft eines solchen, in einer Synagoge untergebrachten Museums sehr ähnlich ist. Die Inhalte des »Terrorhauses« sind schon von vielen Autoren eingehend untersucht worden, sodass hier eine Wiederholung nicht notwendig ist. Lediglich auf den letzten Satz des Ausstellungskataloges soll hingewiesen werden: »Das ehemalige Haus des Terrors zeigt uns, dass die Opfer für die Freiheit nicht unnötig waren. Im Kampf gegen die zwei tödlichen politischen Systeme siegten schließlich Freiheit und Unabhängigkeit.« Dieser letzte Satz ist für die ganze Ausstellung typisch, aber falsch. Die Leiden derjenigen, die die Auswüchse der Diktaturen am eigenen Leib zu spüren bekamen, könnten nur dann als »Opfer für die Freiheit« bezeichnet werden, wenn sie sie aktiv und bewusst in Kauf genommen hätten. Die Betroffenen mussten jedoch nicht deshalb leiden, weil sie aktiv für »Freiheit und Unabhängigkeit« gekämpft hatten, sondern weil sie als Juden oder »Bourgeois« geboren worden waren. Sicher sind auch sie Opfer, aber nicht im Sinne der Darstellung des Museums. Hätte man zielbewusst die Konzeption des Totalitarismus vertreten, wäre es nicht zu solchen Fehlgriffen gekommen. So aber entstand eine inhaltlich stark vereinfachte und politisch instrumentalisierbare Ausstellung, an deren Ende das »Gute«, welches identisch mit dem heutigen »wir« ist, das »Böse«, also die »Fremden« besiegt. Diese Sichtsweise entstammt einer im Westen hoffentlich bereits veralteten Vorstellung von nationaler Identität aus der Perspektive der Opfer. Panzer auf der Straße Die Feiern zum fünfzigsten Jahrestag der ungarischen Revolution am 23. Oktober 2006 rückten unerwartet in den Mittelpunkt auch der internationalen Berichterstattung. Aus Budapest boten sich sonderbare Bilder: Ungeachtet der Staatsfeierlichkeiten waren tausende Demonstranten, Schlachtszenen und sogar ein von Regierungsgegnern erbeuteter rollender Sowjetpanzer zu sehen. Damit übertrafen die Krawalle in Budapest bei Weitem Ereignisse, wie sie sich z. B. in Berlin am 1. Mai alljährlich abspielen. Die Auseinandersetzungen waren eine Reaktion auf eine nicht-öffentliche Rede des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány in Öszöd. In seiner Rede bezichtigte dieser die eigene Partei, aber auch sich selbst, jahrelang gelogen zu haben. Auf diese Weise hoffte er die Zuhörer von tiefgreifenden wirtschaftlichen Reformen zu überzeugen. Der Wortlaut der Rede gelangte auf unbekanntem Weg an die Öffentlichkeit und schon bald versammelten sich empörte Bürger vor dem Parlament. Viele Demonstranten stellten dort sogar Zelte auf und kampierten wochenlang am Kossuth tér. Am 19. September 2006 stürmten die Demonstranten den Fernsehpalast – die Polizei leistete keinen Widerstand, obwohl sie über ausreichende Mittel zur Verteidigung verfügt hätte. Die Bilder von Vandalismus, brennenden Fahrzeugen und verwundeten Polizisten trugen maßgeblich zum Wahlsieg der Sozialistischen Partei bei den Kommunalwahlen im folgenden Oktober bei. Als Reaktion bezeichnete die Opposition die Regierung als nicht legitim, und die Demonstrationen verstärkten sich. Ein Teil der Demonstranten waren FIDESZ-Anhänger. Ein anderer Teil ordnete sich jedoch schon damals einem ultra-rechten Lager zu und organisierte sich separat. Sie verwandelten die Budapester Innenstadt im Kampf mit wütenden Polizisten in ein Schlachtfeld. Wichtige kommunale Verkehrsmittel stellten ihren Betrieb während der Demonstrationen ein, Tränengas und Gummigeschosse wurden in einer Größenordnung eingesetzt, wie man es im Westen nicht gewöhnt ist. Höhepunkt dieser Demonstrationen war ein altgedienter Soldat, der einen T-34 Panzer, der anlässlich der Jahresfeierlichkeiten als Showobjekt dienen sollte, plötzlich in Betrieb nahm und auf die Polizisten zufuhr. Historisch interessant an diesen Demonstrationen ist die Tatsache, dass die Teilnehmer sich als die wahren Erben der Revolution von 1956 definerten und die Regierung von Ferenc Gyurcsány (2004 bis 2009) mit dem kommunistischen Terror gleichsetzten. Hier zeigten sich auch die riesigen Risse in der ungarischen Gesellschaft, die sich zwischen 2006 und 2009 in einer bürgerkriegsähnlichen Stimmung befand. »Großungarn – alles was im Karpatenbecken passierte« Neben den schon seit Jahrzehnten existierenden populärwissenschaftlichen Zeitschriften História und Rubicon erscheint seit 2009 unter dem Titel Nagymagyarország – minden ami a Kárpát-medencében történt [Großungarn – alles was im Karpatenbecken passierte] ein weiteres Magazin. In diesem Blatt wird offen für ultra-rechte Internetforen und Homepages geworben. Jeder, der die ungarische Politik ein wenig kennt, merkt schnell, dass es sich hier um die gängige Geschichtsinterpretation der Partei Jobbik, der Bewegung für ein besseres Ungarn handelt (diese Partei steht eindeutig weiter rechts als FPÖ oder DNP und ist offen rassistisch). Die Autoren sind teils unbekannte, teils aber auch in der Geschichtswissenschaft bekannte, und was erschreckend ist, sogar renommierte Personen. Bisher sind sieben Hefte erschienen. Ihre Titel stehen stellvertretend für ungarische Reizthemen: »Die franzözische Karte« (die dahinter stehende Botschaft: Warum Frankreich am Friedensvertrag von Trianon die Schuld trägt, aufgrunddessen Ungarn auf dreißig Prozent seiner früheren Größe schrumpfte), »Bewaffneter Widerstand [gegen Trianon]« (Bewaffnete Aktionen waren und sind auch heute (!) eine reale und richtige Möglichkeit, um Ungarn zu vergrößern), »Geschichte der Slowaken« (Die Slowaken verdanken Ungarn alles), »Warum ist die alte ungarische Verfassung historisch?« (Weil sie als sakral angesehen werden muss), »Der letze Staatsmann – Miklós Horthy«, »Die Székler-Divison 1919« (Eine verpasste Möglichkeit, die Grenzen mit Rumänien zu revidieren), »Ungarn in den Händen von Idioten« (Die Ereignisse von 1918/1919, also die Entthronung des Königs, die Ausrufung der Republik am 16. November 1918 und die Proklamation der kommunistischen Räterepublik am 21. März 1919 kamen einer Selbstkastrierung Ungarns gleich. Der erste Ministerpräsident, Mihály Károlyi, und seine Politiker waren Idioten, die ihm folgenden Kommunisten lediglich Verbrecher großen Stils.). Es ist offensichtlich, dass die Zeitschrift nur Themen behandelt, die für eine viktimologische Sichtweise taugen. Für Selbstkritik jeglicher Art ist in diesem Blatt kein Platz. Das letzte, Mihály Károlyi (Ministerpräsident 1918/1919) gewidmete Heft, steht sozusagen als Pars pro Toto. Károlyi wird hier nicht nur als Dilettant, sondern als böswilliger Landesverräter dargestellt (parallel dazu forderte Jobbik kürzlich die Entfernung des Károlyi-Denkmals vor dem Parlament). Obwohl gerade zu Károlyi seit den Siebzigerjahren eine kritische Forschung in Ungarn existiert, werden deren Ergebnisse nicht zur Kenntnis genommen. Károlyi ist für die Autoren des Blattes nichts weiter als ein psychisch schwacher Tölpel, der seine Kontrahenten ermorden lässt und das Land leichtsinnig in die Hände der Kommunisten gibt, um anschließend für einige Jahrzehnte die Rolle des »nützlichen Idioten« auf sich zu nehmen. Bezeichnend dabei ist, dass selbst diejenigen, die heute kritisch zu Károlyi Stellung beziehen, jedoch nicht bereit sind, ihn gleichzeitig als Landesverräter abzustempeln, in rechten und rechtsradikalen Internetforen sofort einstimmig als »Marxisten« und als »Geschichtsfälscher« abgekanzelt werden. Verfassungsrichter und Facebook Für eine andere Ebene der Erinnerungskultur stehen die Prozesse, die gegen Historiker geführt werden. Ich selbst war davon bisher am meisten betroffen: ein Bischof, das Amt für Nationale Sicherheit (der ungarische Verfassungsschutz), ein früherer Hauptverwaltungsleiter im Innenministerium und ein früherer Parteisekretär bilden die Gruppe der bisherigen Kläger. Alle diese Klagen hingen mit wissenschaftlichen Publikationen über die Helfer der Staatssicherheit zusammen. Stellvertretend für die anderen, soll hier nur der Fall des zweimaligen Verfassungsrichters László Kiss zusammengefasst werden. Kiss war ab 1979 stellvertretender Parteisekretär der Universität Pécs. In dieser Eigenschaft nahm er an der Zerschlagung der unabhängingen Friedensbewegung teil. Die Staatssicherheit fertigte darüber operative Pläne an, wonach Kiss bestimmte, in diesen Plänen erwähnte Aktionen durchführte. Im Jahr 2007 publizierte ich einen Aufsatz über die Zerschlagung der Friedensbewegung, worauf Kiss sowohl einen Straf- als auch einen zivilrechtlichen Prozess einleitete. Den Strafprozess konnte ich in allen Fragen für mich entscheiden, den zivilrechtlichen Prozess habe ich jedoch verloren. Das Oberste Landgericht verurteilte mich rechtskräftig zu 13 000 Euro Geldstrafe, weil ich nicht nachweisen konnte, dass die nicht zu bestreitenden, da durch Dokumente nachgewiesenen Aktivitäten Kiss’ direkt auf Weisung der Staatssicherheit durchgeführt worden waren. Schließlich hätte er auch aus eigenem Antrieb oder auf Geheiß der Partei handeln können. Laut Gerichtsurteil ist es unzulässig, Kiss einen Helfer der Staatssicherheit zu nennen. Er selbst bezeichnete die Parteiorganisation an der Universität als »Wohltätigkeitsverein«, in dem »Kinder die geheimen Meldungen für eine Kugel Eis geschrieben« hätten; die Diktatur hielt er für eine »Bagatelle«. Diese Aussagen stehen in einem krassen Gegensatz zur wirklichen Funktion der Partei in einer kommunistischen Diktatur und zeigen die gänzlich fehlende Selbstreflektion in Bezug auf die Unterdrückungsmechanismen in einem Einparteiensystem. Das Urteil löste in Ungarn einen Skandal aus. Unbekannte Personen fingen an, auf Facebook Geld zu sammeln, Stichwort: »Wir zahlen die Strafe für Krisztián Ungváry«. Innerhalb von vier Wochen kamen 10 000 Euro zusammen. Ich werde selbstverständlich vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg klagen. »Letzte Chance« – der Fall Béla Biszku Im Sommer 2010 wollten Tamás Novák und Fruzsina Skrabski einen Film mit dem früheren Innenminister (1957–1961) und stellvertretenden Ministerpräsidenten (1961/1962) Béla Biszku drehen. Zu dem Plan beigetragen haben sicherlich die Aktivitäten des Simon-Wiesenthal-Zentrums, das unter dem Stichwort »Letzte Chance« weltweit vermeintliche NS-Täter verfolgt. Biszku ist einer der letzten hochrangigen Verantwortlichen für die Repressalien nach 1956, der bei den Sitzungen des Koordinationsbüros der Ungarisch-Sozialistischen Arbeiterpartei USAP (Magyar Szocialista Munkáspárt, MSZMP) persönlich »mehr physische Zerstörung« bei den Urteilsverkündungen forderte. Seit 1978 lebte Biszku zurückgezogen in einer vornehmen Villa in Budapest und genießt bis heute eine stattliche Rente. Um auf Nummer sicher zu gehen, gaben Novák und Skrabski vor, dass sie aus dem Geburtsort von Biszku stammten, wo sie im Heimatverein tätig seien und zum neunzigsten Geburtstag einen Film über den berühmtesten Sohn des Dorfes produzieren wollten. Nachdem sie in der Privatwohnung von Biszku gedreht hatten, luden sie ihn auch in sein Heimatdorf ein und organisierten dort eine vorgetäuschte Pressekonferenz, auf der er »unerwartet« zur Rede gestellt wurde. Er hatte nicht damit gerechnet, auf Themen wie die ungarische Revolution 1956 angesprochen zu werden. Dennoch stellte sich Biszku der Diskussion, verkündete dass er sich wegen nichts zu schämen brauche und bezeichnete alles, was nach 1956 geschehen war, als rechtstaatlich. Danach suchten ihn die Filmemacher noch einmal in seiner Wohnung auf und gaben zu, dass sie in Wahrheit nicht für den Heimatverein tätig waren. Vor laufender Kamera stellten sie ihm weitere Fragen über Schuld und Sühne, und Biszku wies erneut in ruhigem Ton jegliche Schuld von sich, da er sich wegen nichts zu schämen brauche. Seiner Meinung nach, hätten alle Todesurteile ihre Berechtigung gehabt. Letzlich verbot er die Vorführung des Dokumentarfilms. Novák und Skrabski entschlossen sich daraufhin zu einer illegalen Vorführung des gesamten Materials in einer Gaststätte. Der Titel des Films lautete Schuld und Schuldlosigkeit. Die Presse berichtete in aller Ausführlichkeit über das Verbot, was noch mehr Interessenten anlockte und für tumultartige Szenen bei der Vorführung sorgte. Der »Fall Biszku«, genauer gesagt folgende Fragen wurden schließlich landesweit diskutiert: 1. Ist das Filmen von kommunistischen Tätern durch vorgetäuschte Methoden zulässig? 2. Sollen diese Täter bestraft werden? 3. Sollte die Bestrafung in Form einer Pensionskürzung oder einer Gefängnisstrafe erfolgen? 4. Ist ein Vergleich mit auch jetzt noch »offiziell« verfolgten NS-Tätern zulässig? Im Parlament reichte FIDESZ eine Gesetzesvorlage ein, wonach die Berufung auf Persönlichkeitsrechte die Publikation wichtiger historischer Tatsachen nicht in allen Fällen blockieren dürfe. Es bleibt jedoch offen, wie die neue FIDESZ-Regierung dieses Gesetz durchsetzen will, denn selbst in der jetzigen Regierung sitzen Minister, die vor 1990 von der Staatssicherheit als inoffizielle Mitarbeiter geführt worden sind. Fazit Man würde erwarten, dass zwei Jahrzehnte nach der Befreiung von der kommunistischen Diktatur auch eine Befreiung in den Köpfen der Menschen stattgefunden hat. Was die historischen Debatten angeht, ist leider das Gegenteil der Fall. Vor zwanzig Jahren war die ungarische Gesellschaft von nationaler Überheblichkeit, Opfermythos und Auserwähltsein bei Weitem nicht so narkotisiert wie heute. Besorgniserregend daran ist, dass diese Befindlichkeiten langsam auch in den Wissenschaften Einzug halten, nachdem sie in der Politik schon seit über zehn Jahren Fuß gefasst haben. So betrachtet hat Ungarn wieder einen Platz im Klub der östlichen Nachbarn. Die Staatsnationen in Serbien, Rumänien oder in der Slowakei kämpfen schon seit Langem mit denselben Problemen. Anscheinend hatte der Gulaschkommunismus auch große Vorteile für die ungarische Geschichtswissenschaft, die, von bestimmten Themen abgesehen, relative Freiheit genießen konnte. Diese relative Freiheit war auch das Ergebnis eines »Burgfriedens«, der durch das Totschweigen bestimmter Themen symbolisiert wurde. Den Preis für diese Scheinfreiheit bezahlen wir jetzt mit sehr langen Raten. Der nahtlose Übergang der Einparteienregierung in eine Demokratie zwischen 1988 und 1990 wurde weltweit gefeiert. Die Hypothek, die damit verbunden ist, ist nicht nur der extreme Glaubwürdigkeitsverlust der Sozialistischen Partei, neben weiteren Einbußen anderer Parteien, die seit 1989 neu entstanden sind. Leider geht damit auch ein Legitimitätsverlust der Demokratie selbst einher. Mit diesem politischen Problem geht die Enttabuisierung der Geschichtswissenschaft Hand in Hand – weil kein demokratischer Konsens mehr existiert, können auch chauvinistische Geschichtsbilder ihre Auferstehung feiern.

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Das Netz des Siegfried Bittermann. Eine explorative Netzwerkanalyse des Widerstands

Ulrich Eumann

Die Flucht Siegfried Bittermanns endete am 27. Dezember 1935 im Kölner EL-DE-Haus, dem damals gerade neu bezogenen Sitz der Zentrale der Geheimen Staatspolizei für den Regierungsbezirk Köln. Zwei Jahre zuvor, Ende 1933, war Bittermann Leiter des in die Illegalität gedrängten Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJVD) für die Kölner Stadtbezirke Ehrenfeld und Bickendorf geworden. Im August 1934 floh er über die Grenze nach Belgien, nachdem die Gestapo begonnen hatte, die KJVD-Gruppen in Köln zu zerschlagen. Auf Bittermanns Festnahme in Köln folgte ein wahrer Aussagemarathon. Im Laufe von fünf Vernehmungen, die zwischen dem 27. Dezember 1935 und dem 3. Januar 1936 stattfanden, schilderte Bittermann der Kölner Gestapo alles, was er über den Kölner KJVD und die anderen kommunistischen Organisationen wusste. Er wurde zur wichtigsten Informationsquelle, die die Stapostelle Köln in Bezug auf den Widerstand jemals haben sollte. Das Protokoll seiner Aussagen umfasste am Ende fast 30 Doppelseiten – mehr als das jedes anderen Widerstandskämpfers, der in Köln vernommen worden ist. In diesen acht Tagen nannte er die Namen von insgesamt 114 Personen, mit denen er im Rahmen des Wiederaufbaus des KJVD 1933/1934 in Köln zusammengearbeitet oder von deren Tätigkeit er Kenntnis gehabt hatte.1 Das allein macht Siegfried Bittermann sicher schon zu einem interessanten Thema für einen Forschungsbeitrag. Folglich sollen seine Biografie, sein Weg zwischen Flucht und Rückkehr, die Motive für seine umfangreichen Geständnisse und die Konsequenzen seines Zuträgertums für die von ihm belasteten Personen hier auch Erwähnung finden. Im Mittelpunkt des Textes steht aber etwas anderes: ein für die Geschichtswissenschaft relativ neuer Ansatz zur Analyse von großen Personengruppen und eine damit zusammenhängende neue Methode zur Vermittlung der Erkenntnisse aus dieser Analyse. Es handelt sich um die Soziale Netzwerkanalyse und die Visualisierung von Netzwerken. I. Widerstandsforschung und Soziale Netzwerkanalyse Wer den Widerstand gegen den Nationalsozialismus erforscht, untersucht, gemessen an der Reichsbevölkerung, zunächst einmal eine relativ kleine Personengruppe. Je nachdem, wie streng die Definition des Begriffs »Widerstand« ausgelegt wird, haben wir es reichsweit vielleicht mit einigen 10 000 bis maximal wenigen 100 000 Personen zu tun. Ihr Ziel war es, den totalitären Auswüchsen des Nazi-Regimes Grenzen zu setzen, und die von ihnen unterstützten, in den Untergrund getriebenen Organisationen am Leben zu erhalten. Mithilfe von gemalten Parolen oder Flugschriften versuchten sie, das Meinungsmonopol der Machthaber zu umgehen und waren teilweise sogar entschlossen, den Nationalsozialismus als Ganzes zu stürzen. Bei der Erforschung des Widerstands in einer Millionenstadt wie Köln kommt man da schnell auf mehrere 1000 Personen, zwischen denen gut 10 000 Verbindungen bestehen. Nach den bisherigen Erkenntnissen wurden in 112 Verfahren allein vor dem Oberlandesgericht Hamm 947 Kölnerinnen und Kölner wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« angeklagt – ein typisches Delikt des Widerstands.2 Inzwischen hat sich gezeigt, dass insgesamt 173 Prozesse mit Kölner Beteiligung vor dem OLG Hamm durchgeführt worden sind. Rechnet man die Zahl der Angeklagten auf Basis des bisher bekannten Durchschnitts von etwa acht bis neun Beschuldigten pro Verfahren hoch, so kommt man auf insgesamt etwa 1463 Kölnerinnen und Kölner allein vor diesem Gericht. Darüber hinaus wurden mindestens 76 Kölnerinnen und Kölner in mindestens 19 Verfahren vor dem Volksgerichtshof wegen oppositioneller Aktivitäten angeklagt. Die daraus summierte Zahl von 1539 Personen bezeichnet das absolute Minimum an Widerständlern in Köln. Wenn wir, was unsere bisherigen Auswertungen nahelegen, von durchschnittlich etwa drei widerstandsrelevanten Verbindungen pro Person ausgehen, käme man auf gut 4600 Verbindungen zwischen den Akteuren. Ein derart großes Netzwerk kann nicht mehr allein mit den traditionellen historiografischen Methoden analysiert werden. Auch die konventionellen Vermittlungsmedien historiografischer Informationen stoßen hier an ihre Grenzen. Der Begriff des Netzwerks im Zusammenhang mit der Widerstandsforschung ist nicht neu. Allerdings blieb der Begriff bisher immer auf der metaphorischen Ebene. Kaum einmal wurden die oppositionellen Netze und ihre Strukturen als solche zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht. Kaum einmal wurde der Versuch unternommen, den sozialen Mehrwert, den der Zusammenschluss von Individuen als solcher erzeugt, mit modernen sozialwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Dabei stellt der seit 40 Jahren bestehende Ansatz der Sozialen Netzwerkanalyse eine ganze Reihe von theoretischen Konzepten, Verfahren, Methoden und seit 15 Jahren auch immer vollkommenere Software-Programme zur Erfassung, Auswertung und grafischen Darstellung von Netzwerken bereit.3 Für die Durchdringung der komplexen Widerstandsstrukturen ist die Soziale Netzwerkanalyse daher von unschätzbarem Wert. Sie beschreibt und erklärt die Strukturmerkmale sozialer Netze. Ausgefeilte Algorithmen zur Berechnung bestimmter struktureller Größen – zum Beispiel den Einfluss oder die Zentralität eines bestimmten Akteurs oder die Zusammensetzung des Gesamtnetzwerks aus Cliquen oder Fraktionen – machen Netzwerke transparent und vor allem vergleichbar. Die grafische Visualisierung von Netzwerken schließlich bietet einen Zugang zu komplexen Personenformationen wie ihn kein narrativer Text und keine tabellarische Übersicht zu leisten vermögen. Als Historiker merkt man der Sozialen Netzwerkanalyse allerdings leider deutlich ihre Herkunft aus der quantifizierenden Soziologie und der mathematischen Graphentheorie an. Das Grundproblem der Anwendung der Sozialen Netzwerkanalyse im geschichtswissenschaftlichen Bereich besteht darin, dass wir unsere Netzwerke nicht über Interviews mit lebenden Personen erheben können, sondern die relationalen Daten in den uns zur Verfügung stehenden, lückenhaften und nicht selten mit methodischen Fallstricken versehenen Quellen zusammensetzen müssen. Bei der Verwendung der unterschiedlichen Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse ist es also notwendig, eine gewisse Zurückhaltung an den Tag zu legen. Sie sind für uns in erster Linie heuristische Mittel zur intellektuellen Durchdringung großer Personenverbände; die Visualisierung von Netzwerken betrachten wir dementsprechend vor allem als ein Instrument zur Vereinfachung der Kommunikation von Forschungsergebnissen. Ein zentrales Problem der Sozialen Netzwerkanalyse in den Sozialwissenschaften ist das der Netzwerk-Abgrenzung. In der Anwendung auf historische Quellen stellt sich das Problem ebenfalls, wenn auch weniger tiefgreifend. In unserem ganz konkreten Fall lautet die Frage: Wer gehört zu unserem Kölner Widerstandsnetzwerk und wer nicht? Um dieses Problem zu umgehen, habe ich mich dafür entschieden, diese explorative Studie zur Anwendung der Sozialen Netzwerkanalyse in der Widerstandsforschung am Beispiel eines Netzwerks durchzuführen, das sich eindeutig von der Außenwelt abgrenzen lässt: das kognitive Netzwerk, das Siegfried Bittermann in seinen Vernehmungen entwickelt. Ihm gehören ausschließlich die Personen an, deren Namen er in den Vernehmungen nennt. Die Quellengrundlage für eine Netzwerkanalyse des Kölner Widerstands bilden die Ermittlungsakten der Kölner Widerstandsprozesse. Entsprechend wurden von uns vor allem die Vernehmungsprotokolle der Kölner Gestapo ausgewertet. Eine Quellengattung, die sicher nicht unproblematisch ist, da die Verhörsituation alles andere als eine neutrale Gesprächssituation war. Dennoch hat diese Quellenart eine ganze Reihe von Vorzügen etwa gegenüber den (sehr dünn gesäten) Selbstzeugnissen aus dem Widerstand, vor allem die zeitliche Nähe der Aussagen zu den beschriebenen Ereignissen und das immense Interesse der Gestapo an den Widerstandsverbindungen der Vernommenen sind hervorzuheben. Die Qualität des von uns erstellten Widerstandsnetzwerks steht und fällt allerdings mit dem Wahrheitsgehalt der Aussagen vor den Gestapo-Ermittlern. Sollte es einer Vielzahl von Vernommenen gelungen sein, große Teile ihrer Verbindungen trotz Folter vor der Gestapo geheim zu halten, wäre das Ergebnis unserer Aktenauswertung ein Artefakt ohne Wert. Dafür spricht aber wenig. Da es in den Widerstandsgruppen unter den Aktivisten kaum Absprachen über eine im Fall der Verhaftung zu erzählende Geschichte gab und die Gestapo schon bald die gängigsten Ausflüchte durchschaute, reichte oft ein einzelner Verhafteter, der ein umfangreiches Geständnis ablegte, um quasi in einem Schneeballverfahren ganze Gruppen auszuheben. Der Ermittlungsfortschritt und das System gegenseitiger Belastungen kann im Übrigen mit keinem methodischen Instrument so gut durchdrungen und veranschaulicht werden wie mit der Sozialen Netzwerkanalyse. Für die Netzwerkanalysen wird pro Archivakte eine Tabellendatei erstellt. Nach der Auswertung einer Akte werden die einzelnen Akten-Netzwerke dann in einer Datei zum Gesamtnetzwerk des Kölner Widerstands zusammengeführt. Die Tabellen umfassen die Daten aus zwei Arbeitsmappen: Eine beinhaltet Informationen über die Verbindungen (Person 1, Person 2, Intensität der Verbindung, Zeitpunkt, Quelle usw.), die andere Informationen über die Personen (Alterskohorte, Geschlecht, Parteizugehörigkeit usw.).4 Die Daten in der ersten Arbeitsmappe bestimmen die Struktur des Netzwerks, die Angaben in der zweiten Arbeitsmappe lassen sich über die Farben der Punkte im Netzwerk visualisieren. II. Kurzbiografie Siegfried Bittermanns Siegfried Bittermann wurde am 14. April 1915 als jüngstes von sechs Kindern von Simon und Gertrud Bittermann in Köln-Ehrenfeld geboren. Da seine Eltern der Freidenkerbewegung nahestanden, besuchte er in Köln eine Freie Schule. Nach dem Abschluss der Mittelschule begann Siegfried 1932 eine kaufmännische Lehre. Bittermanns Vater Simon, der jüdischer Herkunft war, war seit spätestens 1929 Mitglied der KPD. Siegfrieds Brüder und Schwestern standen der kommunistischen Bewegung ebenfalls nahe oder waren sogar Mitglieder des KJVD. Der Kölner Gestapo blieb die Überzeugung der Familie Bittermann nicht verborgen, wie sie am 25. März 1935 dem Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) berichtete: »Simon Bittermann ist hier seit Jahren als Kommunist bekannt, der auch seine Kinder im gleichen Sinne erzogen hat.«5 Am 20. Oktober 1931 wurde Siegfried durch seinen drei Jahre älteren Bruder Wilhelm in den Kommunistischen Jugendverband aufgenommen. Schon ein halbes Jahr später hatte er die Position des Organisatorischen Leiters der Stadtteilgruppe Köln-Bickendorf inne und übernahm im Juli 1932 als Politischer Leiter eine KJVD-Zelle in demselben Viertel. Außerdem fungierte er zwischen August 1932 und Ende Januar 1933 als Kassierer seiner Stadtteilgruppe. Diese Funktionen bilden die Grundlage für Bittermanns umfangreiches persönliches Netzwerk. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP und der Zerschlagung der Arbeiterbewegung dauerte es eine Weile, bis der KJVD in Köln wieder eine halbwegs funktionierende Struktur aufgebaut hatte. Siegfried Bittermann blieb, wie auch die meisten anderen Kölner Jungkommunisten, zunächst passiv. Im September 1933 ließ er sich aber durch seinen Freund Josef Berndgen reaktivieren und folgte diesem einen Monat später als Politischer Leiter für die Stadtteile Ehrenfeld und Bickendorf nach. Berndgen selbst war in die Bezirksleitung aufgestiegen. Bis ins Frühjahr 1934 arbeitete Polleiter Bittermann mit Hochdruck daran, weitere KJVD-Gruppen in Köln und im angrenzenden Umland aufzubauen und sie mit Druckmaterial zu versorgen.6 Nachdem die Kölner Gestapo damit begonnen hatte, die Strukturen des KJVD zu zerschlagen und erste Verhaftungen von Mitgliedern der Bezirksleitung durchgeführt wurden, hielt es Siegfried Bittermann Ende August 1934 für sicherer, seine Flucht ins benachbarte Ausland vorzubereiten. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte, denn am 30. August fiel sein Name zum ersten Mal in einem Verhör bei der Gestapo. Gertrud Krämer hatte ihn als die Person benannt, an die sie die Flugschrift Photo Reklame geliefert hatte. Bald darauf erschien die Gestapo in der Wohnung von Bittermanns Eltern. Bevor der Sohn am Arbeitsplatz verhaftet werden konnte, wurde dieser aber durch einen Anruf seiner Mutter gewarnt. Trotz seiner Flucht ins Ausland behielt die Gestapo Bittermann im Auge. Während man 1934/1935 weiter mit Hochdruck an der Zerschlagung des Kölner KJVD arbeitete, wurden alle in den Vernehmungen angesprochenen Verbindungen zu Siegfried Bittermann sorgfältig registriert. Das Amtsgericht Köln erließ daher schließlich am 13. März 1935 einen Haftbefehl gegen ihn.7 Die erste Anlaufstelle in der Emigration war für Bittermann die Familie Warrink im südlimburgischen Heerlen. Dort traf er die ebenfalls geflohenen Funktionäre der Kölner KJVD-Bezirksleitung Hans Meinel und »Richard«, von denen er zunächst nach Lüttich geschickt wurde. Zu seiner Legitimation wurde ihm angeblich ein offizieller Ausweis der Bezirksleitung ausgestellt: »Siegfried Bittermann ist absolut emigrationsberechtigt und bitte ich, denselben dortselbst in die Emigration aufnehmen zu wollen.« Dieses Papier sicherte ihm vorerst den Lebensunterhalt im belgischen Exil. Noch bevor er sich mit Unterstützung der Roten Hilfe in Lüttich eingerichtet hatte, bekam er im September Besuch von Adam Göbbels, dem Lütticher Verbindungsmann der Zentralstelle für Emigration in Brüssel, der ihn laut Bittermanns Vernehmung vom 31. Dezember 1935 dazu aufforderte, nach Heerlen zurückzukehren.8 Von Lüttich aus machte sich Bittermann am 10. September 1934 über Heerlen auf den Weg nach Amsterdam. Dort nahm er an Schulungskursen teil. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er sich – wie viele andere politische Emigranten – mit dem Verkauf kommunistischer Literatur, aber auch durch das Erteilen von Musikunterricht. Ende 1934 wurde Siegfried Bittermann dort von Alfred Arendt besucht, der von der Auslandsleitung des KJVD in Amsterdam ausgewählt worden war, den Jugendverband in Köln wieder aufzubauen, und sich auf die Reise nach Deutschland vorbereitete.9 Spätestens im Herbst 1935 überwarf sich Siegfried Bittermann mit der Leitung des westdeutschen KJVD in Amsterdam. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Es hat den Anschein, dass der 20-jährige Bittermann mit den Beschlüssen des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale (25. Juli bis 20. August 1935) und des VI. Weltkongresses der Kommunistischen Jugend-Internationale (25. September bis 11. Oktober 1935) über die Volksfront und dem daraus resultierenden taktischen Schwenk des KJVD nicht einverstanden gewesen ist. Da er in Amsterdam ausgeschlossene ehemalige Jungkommunisten besucht hatte, erfolgte am 26. Oktober 1935 seine »Strafversetzung« nach Gouda.10 Die seiner Ansicht nach schlechte Unterbringung und Verpflegung, seine Isolierung von den anderen KJVD-Emigranten und seine wachsende Verärgerung über die Politik des KJVD, führten dazu, dass er am 3. Dezember 1935 der Auslandsleitung in Amsterdam mitteilte, »dass ich den Schwindel nicht mehr länger mit machen werde und abhaue«.11 Da ihm in Gouda ohne den Zuschuss der Roten Hilfe die Lebensgrundlage fehlte, sah sich Bittermann gezwungen, das deutsche Konsulat in Amsterdam um Hilfe zu bitten. Dieses übergab ihn jedoch der niederländischen Fremdenpolizei, die ihn über Emmerich abschob, wo er am 5. Dezember von der deutschen Polizei empfangen und zunächst im Amtsgerichtsgefängnis untergebracht wurde. Am 14. Dezember erfolgte die Überführung in das Gefängnis Klingelpütz in Köln, wo er am 16. Dezember um 23.45 Uhr eintraf.12 Die nächsten knapp zehn Tage verbrachte er dort, ohne dass wir wissen, was mit ihm im Einzelnen geschehen ist. Am 27. Dezember, dem Tag seiner ersten offiziellen Vernehmung, tauchte er bei der Kölner Stapostelle wieder auf. Es folgte der schon erwähnte Vernehmungsmarathon, der bis zum 3. Januar dauerte. Während Bittermann nach Abschluss der Verhöre im Kölner Gefängnis auf seine Anklage wartete, wurde entschieden, in welcher Form und vor welchem Gericht ihm der Prozess zu machen sei. Bis Juli 1936 behielt sich der Oberreichsanwalt eine Anklage vor dem Volksgerichtshof vor. Dann aber ging der Fall an den Generalstaatsanwalt in Hamm zurück, der in der Folge zumindest eine Zeit lang zwei Klagen vorbereitete: die eine ausschließlich gegen Siegfried Bittermann unter dem Aktenzeichen 6 O.J. 103/35 und eine weitere gegen 35 andere Personen unter dem Aktenzeichen 6 O.J. 166/36. Am 12. September beschloss man aber die Zusammenlegung der beiden Verfahren, sodass Bittermann vor Gericht mit den Personen konfrontiert wurde, deren dortiges Erscheinen nicht zuletzt eine Folge seiner ausführlichen Aussagen zum Jahreswechsel 1935/1936 war.13 Die mündliche Verhandlung fand am 17. Oktober 1936 vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts in Hamm unter dem Vorsitz von Senatspräsident Bergmann statt. Der Generalstaatsanwalt beantragte in seinem Plädoyer für Siegfried Bittermann, obwohl dieser zum Tatzeitpunkt noch minderjährig gewesen war, eine Zuchthausstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat in Höhe von 15 Jahren; die Anträge für die anderen Angeklagten lagen zwischen 18 Monaten Gefängnis und viereinhalb Jahren Zuchthaus. Da das Gericht insgesamt in seiner Strafzumessung etwa 25 Prozent unter den Anträgen blieb, kam auch Bittermann mit einer dennoch recht hohen Zuchthausstrafe von zehn Jahren davon, wovon zehn Monate Untersuchungshaft abzuziehen waren.14 Seine Haftstrafe verbüßte Bittermann zunächst wie viele andere verurteilte Kölner »Hochverräter« in der Strafanstalt Rheinbach, von wo aus er am 17. März 1938 in die Strafanstalt Siegburg verlegt wurde. Am 17. Juni 1943 wurde Bittermann im Rahmen der »Thierack-Aktion« als »Mischling 1. Grades« zur »Vernichtung durch Arbeit« in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo er am 18. August 1943 im Alter von 28 Jahren und vier Monaten einer fortgeschrittenen Lungentuberkulose erlag.15 III. Die Verhöre An fünf der acht Tage zwischen Freitag, dem 27. Dezember 1935, und Freitag, dem 3. Januar 1936, wurde Siegfried Bittermann eingehend vernommen. Da es sich bei den Gestapo-Protokollen grundsätzlich um Ergebnisprotokolle handelt, geben sie keinen Aufschluss darüber, wann die einzelnen Sitzungen begannen und wie lange sie dauerten. In welcher Weise die Vernehmer auf den Vernommenen einzuwirken versucht haben, ist auch nur indirekt abzulesen. In vielen Vernehmungen lassen sich Konflikte zwischen dem Vernehmer und dem Vernommenen ausmachen. Die Formeln »ich bestreite«, »wenn mir vorgehalten wird«, »auf Vorhalt gebe ich zu« oder »ich will jetzt die Wahrheit sagen« weisen darauf hin, dass der Vernommene versucht hat, die ihm vorgeworfene Tat zu bestreiten oder seinen Tatbeitrag herunterzuspielen. Im Protokoll zu Bittermanns Vernehmungen findet sich nur einmal eine dieser Formeln, als er versuchte, seine Schwester zu schützen. Das Problem, den Verhafteten erst »aufschließen« und dann »enthemmen« zu müssen, stellte sich anscheinend nicht.16 Von einer seelischen oder körperlichen Einwirkung der Gestapo-Ermittler auf den Vernommenen lässt sich mit den uns zur Verfügung stehenden Methoden und Quellen nichts erkennen.17 Siegfried Bittermann kooperierte wahrscheinlich von Anfang an, machte keine Ausflüchte, erzählte keine Lügen, täuschte keine Unkenntnis vor, erfand keine Namen oder Legenden, um bestimmte Personen zu schützen, und musste auch nicht ermahnt werden, die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil, Bittermann nannte nicht nur alle Personen, mit denen er während seiner Widerstandstätigkeit zu tun gehabt hatte oder von deren Aktivitäten er wusste, sondern auch deren Wohn- oder Aufenthaltsorte. Darüber hinaus umriss er den Beitrag, den die von ihm benannten 115 Personen zum Widerstandsnetz des KJVD geleistet hatten. Falls er eine Person nicht mit Namen kannte, versuchte er sie so genau wie möglich zu beschreiben. Bittermann nannte sogar die Namen von Personen, die für das konkrete Ermittlungsverfahren der Gestapo – die Zerschlagung des Kommunistischen Jugendverbands – völlig irrelevant waren, wie den seines Bruders Wilhelm, nur weil dieser mit bestimmten Personen aus dem Widerstandsnetz des KJVD in Verbindung gestanden hatte, oder den seines Vaters, nur weil dieser ihn mit einem KJVD-Genossen bekannt gemacht hatte.18 Mindestens einmal hat er aus der Zelle heraus von sich aus um eine erneute Vernehmung gebeten, weil ihm neue Aspekte eingefallen waren. Die beiden Gestapo-Beamten Josef Hoegen und Paul Trierweiler äußerten sich daher in ihrem Bericht an das Gestapa vom 3. Januar 1936 nur positiv über Bittermanns Aussageverhalten: »Die Vernehmung des Beschuldigten Siegfried Bittermann dauerte mehrere Tage, insbesondere dieselbe in ruhigem Verlauf und geordnet von Bittermann geschildert wurde. Bittermann ist ein äusserst intelligenter Mensch, dem selten etwas durchgeht. Er macht im grossen und ganzen einen guten Eindruck und erscheinen seine gemachten Aussagen durchaus glaubwürdig.«19 Während der Vernehmungen zwischen Ende 1935 und Anfang 1936 avancierte Siegfried Bittermann zum wichtigsten Zeugen, den die Kölner Stapostelle in Bezug auf die Bekämpfung des Widerstands jemals gehabt hatte. Daher ließ das Interesse an ihm auch mit dem Ende des Verhörmarathons am 3. Januar 1936 nicht nach. Zwar wurde er zunächst in das Untersuchungsgefängnis Klingelpütz überführt. Im Laufe der folgenden sechs Monate musste Bittermann sich jedoch immer wieder Verhören der Gestapo im EL-DE-Haus stellen, weil im Zuge der Zerschlagung des KJVD bei Vernehmungen anderer Personen neue Aspekte hinzugekommen waren, zu denen seine Einschätzung gefragt war. Aus diesem Grund wurde Bittermann zwischen dem 9. Januar und dem 8. Juni 1936 mindestens drei weitere Male ausführlich verhört und nahm außerdem mindestens 21-mal an Gegenüberstellungen im Rahmen von Vernehmungen von Personen teil, die er während seines ersten Verhörs belastet hatte.20 Die Ermittler waren von der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der Aussagen Bittermanns derart überzeugt, dass die beiden Gestapo-Beamten Hoegen und Trierweiler ihrem Kronzeugen von den geschilderten Fakten bis in seine Interpretationen und seine Irrtümer hinein folgten, wenn die Anschuldigungen gegenüber Dritten nur weitgehend genug waren und damit viele Trophäen versprachen. Falls es Widersprüche zwischen den Aussagen Bittermanns und den Aussagen der von ihm belasteten Personen gab, entschieden sich die Vernehmer grundsätzlich für die weitergehende Version, also in nahezu allen Fällen für die Version Bittermanns.21 Wer dennoch auf seiner abweichenden Aussage beharrte, musste so lange mit weiterer Folter rechnen, bis die Version des Vernommenen mit der Version Bittermanns übereinstimmte. Bittermanns Motive und ihre Hintergründe Leider ist nicht überliefert, was zwischen dem 16. und dem 27. Dezember 1935 mit Bittermann geschehen ist. Normalerweise wartete die Gestapo nicht mehr als eine Woche mit dem ersten Verhör eines Beschuldigten, vor allem nicht, wenn sie 16 Monate nach ihm gefahndet hatte. Es lässt sich natürlich nicht ausschließen, dass Bittermann während dieser eineinhalb Wochen im Kölner EL-DE-Haus durch die Gestapo so misshandelt wurde, dass es während des offiziellen Verhörs keiner sogenannten verschärften Vernehmung mehr bedurfte. Ein vergleichbarer Fall ist der von Hans Adolf Löwendahl, Reichskurier der Kommunistischen Partei-Opposition, der ebenfalls aus Köln stammte, und zwischen dem 5. und dem 15. Februar 1937 in sieben ausgedehnten Vernehmungen durch die Düsseldorfer Gestapo ein umfangreiches Geständnis über seine Verbindungen im In- und Ausland abgelegt hat. Bei Löwendahl sind die schweren Misshandlungen seitens der Gestapo im Unterschied zu Bittermann allerdings aktenkundig. Er scheint davon so verunsichert und verängstigt gewesen zu sein, dass es während des tagelangen Verhörs kaum noch weiteren Drucks bedurfte, um von ihm die erwarteten Aussagen zu erhalten.22 Die These einer Misshandlung Bittermanns durch die Gestapo, die nach 16-monatiger Flucht alle Schleusen bei ihm geöffnet hat, hätte den Vorzug, dass sie Bittermann von der moralischen Verantwortung für seine Aussagen und die Konsequenzen, die diese für zahlreiche junge Menschen hatten, weitgehend freisprechen würde. Es kann aber nicht die Aufgabe einer wissenschaftlichen Studie sein, Thesen zu bevorzugen, mit denen sich die Schuld von Beteiligten verringern lässt, auch wenn diese letztlich vor allem Opfer des NS-Regimes gewesen sind. Das Verhalten von Siegfried Bittermann im Verhör ist ohnehin auf eine so einfache Weise nicht zu erklären, sofern Vernehmungsprotokolle überhaupt ein geeignetes Medium sind, sich einer Persönlichkeit und ihren Motiven zu nähern. Auch ein sensibler, musischer Mensch wie Bittermann ist bei aller zu unterstellenden Angst vor möglicher (weiterer) Folter in der Lage, die Konsequenzen seines Handelns einigermaßen einzuschätzen. Daher ist davon auszugehen, dass es ihm durchaus möglich gewesen wäre, Wissen zurückzuhalten, das im konkreten Fall weder von ihm verlangt wurde, noch angesichts des Umfangs seiner Gesamtaussage bei der Beurteilung seiner Kooperationsbereitschaft sonderlich ins Gewicht fiel. Die Befürchtung, dass in der Vernehmung einer anderen Person etwas über ihn herauskommen könnte, was er nicht selbst schon mitgeteilt hatte, mag eine gewisse Rolle gespielt haben, aber der Verlauf der Ermittlungen zeigt aus heutiger Sicht, dass diese Gefahr nicht bestand. Man wird daher wenigstens zum Teil davon ausgehen müssen, dass Bittermann seine eigenen Motive hatte, die Erwartungen der Gestapo derart überzuerfüllen. Bittermanns Wut auf den KJVD hat dabei sicherlich eine zentrale Rolle gespielt. Von der kommunistischen Bewegung, die er wohl schon als Kind vergöttert hatte, die ihm seit dem 16. Lebensjahr politische Heimat und zum Teil auch Lebensinhalt gewesen war, hatte er sich enttäuscht abgewendet, nachdem sie ihn fallengelassen hatte. In der Sprache der Vernehmungsprotokolle heißt das: »Mit der KPD habe ich vollständig gebrochen.«23 Was hätte ihn also daran hindern sollen, es der Partei heimzuzahlen, indem er dabei half, ihre Netze zu zerschlagen? Gefühlen wie Angst oder Wut sollte man allerdings keine zu langen Halbwertzeiten zubilligen. Sie können daher nicht erklären, wieso Bittermann mehr als ein halbes Jahr bei seiner Version und seinem Engagement geblieben ist. Die besonders bei Gegenüberstellungen zu erfahrende Macht über die Schicksale anderer Personen hat vielleicht auch einen Teil dazu beigetragen, Hemmungen zu verlieren. Ein gewisser Ehrgeiz ist allerdings deutlich zu spüren. Seine Redseligkeit lässt darauf schließen, dass Bittermann mehr als alles andere darauf erpicht war, seine Version der Wahrheit bis ins kleinste Detail kundzutun. Als »unbestechlicher Chronist« des Kölner KJVD-Widerstands ging Siegfried Bittermann in die Gegenüberstellungen, die auch den Beschuldigten die Identität der Person offenbarten, die sie denunziert hatte, und hielt mit seltenen, rein präzisierenden Ausnahmen an seinen ursprünglichen Aussagen fest.24 Es lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass die Gestapo Bittermann – ehrlich gemeint oder als taktische Finte – einen Strafnachlass in Aussicht gestellt hat oder dass er sich einen solchen erhofft hat. Die Korrespondenz zwischen den juristischen Instanzen bietet für ein ehrlich gemeintes Angebot keinen Anhaltspunkt. Dass die Richter am Ende ein Drittel unter dem für Bittermann geforderten Strafmaß des Generalstaatsanwalts geblieben sind, muss kein Ergebnis einer derartigen Vereinbarung gewesen sein, sondern ist vielmehr als ein Ausdruck des ritualisierten »Spiels« zwischen Ankläger und Gericht zu werten.25 Die Fünfergruppen in der Widerstandspraxis Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Frage, wieso Siegfried Bittermann so viele beim Wiederaufbau des KJVD aktive Genossen mit vollem Namen kennen konnte? Der Kölner KJVD hatte sogar schon knapp ein halbes Jahr vor der »Machtergreifung« das Prinzip der Fünfergruppe eingeführt, um die Untergrundarbeit abzusichern.26 Theoretisch kennen die Leiter der Fünfergruppen nur die Leiter der benachbarten Gruppen und vielleicht einen Funktionär der nächsthöheren Ebene – aber ausschließlich mit ihren Decknamen (siehe Abb. 1). Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass bei der Verhaftung eines einfachen Mitglieds mehr als die anderen vier Genossen der Fünfergruppe und ihr Leiter der Gestapo bekannt würden. Bei der Verhaftung eines Funktionärs würden somit Einblicke in die Struktur und vor allem die komplette Auflösung der Organisation nachhaltig erschwert. Eine konsequente Umsetzung des Fünfergruppensystems hätte jedoch bedeutet, die bestehenden Gruppen nach einem Zufallsprinzip geografisch völlig neu auf das Kölner Stadtgebiet zu verteilen, um so die auf das jeweilige Stadtviertel bezogenen, während der Weimarer Republik gewachsenen Bekanntschafts-Netzwerke der einzelnen Mitglieder des KJVD vollständig zu zerstören. Die Genossen hätten dann, auf mehrere Fünfergruppen in ganz Köln verstreut, die Mitglieder der benachbarten Fünfergruppen nur noch zu einem unbedeutend und damit ungefährlich kleinen Prozentsatz persönlich und mit Namen gekannt. Doch solche ausgefeilten Methoden der Konspiration blieben Wunschdenken. Da eine derart gravierende Umorganisation weder angestrebt wurde noch unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur realisierbar war, blieben die alten Verbindungen aus der Zeit, in der der KJVD noch legal agieren konnte, bestehen. Jeder im Widerstand aktive Genosse kannte eine ganze Reihe anderer Genossen aus anderen Fünfergruppen. Der Kreis der den früheren Funktionären bekannten Genossen war wohl noch um einiges größer als die Bekanntschafts-Netzwerke der einfachen Aktivisten. Wer wie Siegfried Bittermann in eine kommunistische Familie hineingeboren worden war, mindestens 15 Monate lang KJVD-Funktionär auf Stadtteilebene gewesen war und dazu noch über ein halbes Jahr lang als Kassierer Woche für Woche die Runde bei den Genossen im Viertel wegen der Beiträge gemacht hatte, brachte es auf ein immens großes Bekanntschafts-Netzwerk. Dieses wies auch nach dem Aderlass durch die Verhaftungen und den Rückzug ängstlicher Kameraden in der ersten Jahreshälfte 1933 noch einen beträchtlichen Umfang auf und hätte durch keine Anweisung über konspiratives Arbeiten ausgelöscht werden können. Jeder Funktionär, der in Bezug auf die aktiven Mitglieder der Untergrundbewegung über ein solches Wissen verfügte, war eine potenzielle Zeitbombe, die im Falle der Verhaftung durch die Verhörpraktiken der Gestapo je nach charakterlicher Stärke schneller oder langsamer zur Explosion gebracht werden konnte. IV. Das Netz des Siegfried Bittermann In den ersten fünf Verhören zum Jahreswechsel 1935/1936 nannte Siegfried Bittermann insgesamt 115 Personen. Zu 96 Personen hatte er laut seiner Aussage selbst unmittelbar Kontakt gehabt, die Namen der anderen 19 Mitkämpfer kann er also nur von Genossen erfahren haben, die die Regeln der Konspiration grob missachtet hatten. Zwei Personen, deren Namen er gar nicht, und sieben Personen, von denen er nur den Decknamen kannte, lassen sich nicht ermitteln. Von weiteren 19 Personen ist nur ein Teil des Namens bekannt. Insgesamt lassen sich also 87 Personen eindeutig identifizieren. Von diesen 87 Personen sind 25 bereits vor dem 27. Dezember 1935 vernommen und zum Teil im Rahmen des ersten großen KJVD-Prozesses verurteilt worden. Von den 87 eindeutig identifizierbaren Personen gelangten somit 62 Personen erst durch Siegfried Bittermann ins Blickfeld der Gestapo. Gemeinsam mit ihm standen am 17. Oktober 1936 34 Personen vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts in Hamm. Vier von ihnen waren der Gestapo erst durch seine Aussage bekannt geworden: Heinrich Fischer, Franz Kautz, Josef Krahe und Konrad Spieß. Sie wurden zu insgesamt acht Jahren Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt; das Verfahren gegen den ebenfalls erst von Bittermann ins Spiel gebrachten Cornelius Moll wurde eingestellt. Die Verurteilungen von Eduard Giesen, Elisabeth Jansen, Paul Kretzen, Otto Lambertz und Wilhelm Struchhold basierten ebenfalls zu kleineren oder größeren Teilen auf Bittermanns Aussagen. Sein Schwager Alfred Schütza wurde trotz Bittermanns Angaben freigesprochen. Die anderen Mitangeklagten Bittermanns waren nicht unmittelbar von ihm belastet worden. Inwieweit seine Aussagen letztlich zu ihnen geführt haben, kann wohl nur durch eine sehr aufwändige Netzwerkanalyse ermittelt werden. Die Struktur des kognitiven Netzwerks in Grafik zwei offenbart sich auf einen Blick, auch wenn das kleine Format der JHK-Druckseite und der Verzicht auf die Dimension Farbe die Informationsaufnahme etwas erschwert. Besonders fallen die Personen am Rande des Netzes ins Auge, mit denen Bittermann selbst gar keine Verbindung hatte, sowie die Querverbindungen zwischen den Genannten, von denen er nach den Gesetzen der Konspiration also gar keine Kenntnis haben durfte.27 Eine aufschlussreiche »Gegenprobe« zu Siegfried Bittermanns kognitivem Netzwerk ist das ihm zugeschriebene Netzwerk auf Grundlage der Aussagen der anderen Personen, die im Rahmen der gegen den KJVD geführten Ermittlungen vernommen wurden. Das Bittermann zugeschriebene sogenannte Ego-Netzwerk umfasst, wenn man nur unmittelbare Verbindungen zählt, 54 Kontaktpersonen. Nach eigener Aussage war Bittermann aber immerhin mit 96 Personen unmittelbar verbunden. Vergleicht man die beiden Netzwerke in den Grafiken zwei und drei mit den Namenslisten, die sich anhand der Vernehmungsprotokolle aufstellen lassen, zeigt sich, dass 41 Personen aus dem zugeschriebenen Ego-Netzwerk auch von Bittermann selbst während des Aussagemarathons als unmittelbare Kontakte angeführt wurden. Bittermanns durch die Gestapo vernommene Genossen kannten zusammen also weniger als die Hälfte seiner unmittelbaren Verbindungsleute, 55 direkte Kontaktpersonen waren ihnen verborgen geblieben, von denen aber 33 als unmittelbare Verbindungen bekannt waren. Insgesamt bewegen sich in beiden Netzwerken 111 Personen plus Bittermann selbst. Zwölf unmittelbare Verbindungen, die Bittermann zugeschrieben wurden, tauchen also in seinen eigenen Aussagen zwischen dem 27. Dezember 1935 und dem 3. Januar 1936 nicht als unmittelbare Verbindungen auf. Die Quelle dieser Differenz lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Wie der dritten Grafik zu entnehmen ist, handelt es sich wohl um Randfiguren, die im Verhör Bittermanns keine Rolle gespielt haben. Acht der zwölf Ungenannten werden in den Verhören zu den KJVD-Verfahren nur ein einziges Mal erwähnt, nur für zwei liegen mindestens zwei voneinander unabhängige Aussagen vor. Die Besonderheit der Netzwerkforschung zeigt sich in solchen Analysen von Strukturen. Hier sei nur ganz kurz angedeutet, welche Möglichkeiten die Algorithmen solcher Programme wie UCINet oder Pajek dafür zu bieten haben. Das Zentralitätsmaß nach Linton Freeman etwa misst für jeden Knoten die Zahl der mit ihm verbundenen Knoten und ermittelt auf diese Weise die »Zentralität« verschiedener Akteure. In diesem Zusammenhang wird auch der Grad der Netzwerk-Zentralisierung berechnet. Ein »Star-Netzwerk« mit einem Akteur, der mit allen anderen verbunden wäre und diese nur mit ihm, käme auf einen Wert von 100 Prozent. Wenn wir diesen Wert für die verschiedenen im Rahmen dieser Studie erstellen Netzwerke ermitteln, kommt man zu folgendem Ergebnis: Das kognitive Netzwerk Bittermanns (Grafik 2) hat einen Zentralisierungsgrad von 81,3 Prozent – es kommt einem »Star-Netzwerk« also wie erwartet schon recht nah. Das Gesamtnetz des Kölner KJVD auf der Basis aller Verfahren gegen den Jugendverband (Grafik 3) hat einen Wert von 22,2 Prozent und das lockere idealtypische Fünfergruppen-Netz (Grafik 1) einen von gerade einmal 2,8 Prozent – dort haben alle Akteure nahezu dieselbe Zentralität. Ein anderes Maß zum Vergleich verschiedener Netzwerke ist das Dichtemaß. Zu seiner Berechnung wird die Zahl der existierenden Verbindungen durch die Zahl der möglichen Verbindungen dividiert. Ein vollkommen dichtes Netz käme dabei auf einen Wert von 1,0. Das idealtypische Fünfergruppen-Netzwerk (Grafik 1) präsentiert sich als äußerst gering verknüpftes Netz (Density 0,029). Das kognitive Netzwerk Bittermanns (Grafik 2, Density 0,038) ist, da es ja nur auf die Aussage einer zentral platzierten Person zurückgeht, nicht viel dichter. Das KJVD-Netzwerk auf Basis aller Aussagen (Grafik 3) ist mit einem Wert von 0,077 zwar doppelt so dicht, aber immer noch recht locker gefügt. V. Fazit Zwischen 1933 und 1937 gelang es der Kölner Gestapo immer wieder, die neu aufgebauten Organisationen der Arbeiterbewegung zu zerstören. Aufgrund der unzureichend eingeübten und angewandten Techniken der Konspiration, reichten oft die Aussagen weniger Personen, um ganze Widerstandsnetze aufzurollen. Der Fall von Siegfried Bittermann liefert dafür ein extremes Beispiel. Die Forschung über den Widerstand der Arbeiterbewegung beruhte immer schon zu einem Großteil auf der Auswertung der Vernehmungsprotokolle der Gestapo, hat sie allerdings bisher immer nur mit den klassischen historiografischen Methoden interpretiert. Dieser Aufsatz hat demgegenüber zu zeigen versucht, welchen Beitrag ein für die Geschichtswissenschaft relativ neuer Ansatz wie die Soziale Netzwerkanalyse auf der Basis derselben Quellen zu leisten vermag. Dabei konnten die vielfältigen Möglichkeiten dieses Ansatzes nicht einmal annähernd ausgeschöpft werden. Wenn wir erst einmal das Gesamtnetz des Kölner Widerstands erfasst haben werden, können wir mithilfe der Sozialen Netzwerkanalyse Tiefenanalysen der Struktur vornehmen. Wir hoffen, unter anderem diejenigen Personen identifizieren zu können, die über die Jahre die Verbindungen zwischen den verschiedenen Organisationen aufrechterhielten. In diesem Rahmen wäre auch die Zusammenarbeit zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und den Mitgliedern der sozialistisch-kommunistischen Kleinorganisationen eingehend zu analysieren. Über die von einem solchen Ansatz zu erwartenden Erträge hinaus liefert das Arbeiten mit den Konzepten und Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse einen Mehrwert. Mit der Visualisierung des Schneeballsystems der Verhöre, Aussagen und Verhaftungen erhalten wir, ganz nebenbei, einen Einblick in die Gestapo-Ermittlungen, wie er sonst kaum zu bewerkstelligen wäre. Bei der Quellenlektüre aufkommende Hypothesen über bestimmte Teilstrukturen oder Eigenschaften des Netzwerks lassen sich schnell und mit geringem Aufwand überprüfen. So hat es etwa den Anschein, dass in Köln mehr ehemalige Sozialdemokraten als Einzelpersonen einen Beitrag zum Widerstand anderer, nicht selten kommunistischer Gruppen leisteten, als in sozialdemokratischen Widerstandsorganisationen aktiv waren. Eine solche Erkenntnis ist auf konventionellem Weg kaum zu gewinnen. 1 Siehe Landesarchiv NRW (im Folgenden: LAV NRW) W Q211a, 9230, Bl. 43–60. 2 Siehe Reinhold Billstein (Hg): Das andere Köln, Köln 1979, S. 498–505. 3 Siehe den Abschnitt zur Geschichte der Sozialen Netzwerkanalyse, in: Dorothea Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Opladen 1999, S. 37–50. 4 Am schwierigsten ist in den Akten die Zugehörigkeit zu einer Organisation zu ermitteln. Die Partei oder die Nebenorganisation einer Partei, um deren Wiederaufbau es in den Ermittlungen meistens ging, eignet sich nur begrenzt, da wir nicht wissen, zu welchem Grad die Personen wirklich als Mitglieder gewertet werden können. Wir verwenden daher vor allem die Angaben der Vernommenen über ihre Mitglied-schaften vor dem 30. Janauar 1933, auch wenn diese vielleicht für den Zeitpunkt der widerständigen Verbindung, die wir erfassen, nicht mehr sehr bedeutend gewesen sein mag. 5 LAV NRW W Q211a, 6180, Bl. 111v. 6 Siehe LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 43 f. 7 Siehe LAV NRW W Q211a, 4907, Bl. 183. Am 14. Mai 1935 verurteilte das OLG Hamm im ersten großen Kölner KJVD-Prozess 54 Angeklagte, die zum Teil der Sozialistischen Arbeiterpartei angehörten, zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und acht Jahren. Siehe in: LAV NRW W Q211a, 4912. 8 Siehe LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 55v. Laut Bittermanns Aussagen in einem Verhör vom 28. Oktober 1940 hatte ihm Göbbels einen Brief der Zentralstelle für Emigranten in Brüssel ausgehändigt, in dem Bittermann dazu aufgefordert wurde, nach Köln zurückzukehren, da er »nicht emigrationsberechtigt« gewesen sei. Siehe in: LAV NRW W Q211a, 139, Bl. 150. Sollte diese Version stimmen, wäre Bittermanns Konflikt mit führenden KJVD-Funktionären im Exil also nicht erst im Herbst 1935 entstanden. Laut Beatrix Herlemann galt die Anweisung »alle Emigranten, die weniger als fünf Jahre Zuchthaus zu erwarten hätten«, zurückzuschicken (dies.: Die Emigration als Kampfposten, Königstein im Taunus 1982, S. 73). Das Risiko, das der zurückgesandte Emigrant für die noch in Freiheit verbliebenen Genossen bedeutete, hat man dabei offenbar vollkommen ignoriert. Das romantische Ideal des unbeugsamen Bolschewisten, der lieber stirbt, als der zaristischen Geheimpolizei Ochrana unter Folter auch nur einen Genossen preiszugeben, dürfte dabei eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt haben. 9 Siehe LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 55v; LAV NRW W Q211a, 6180, Bll. 8. 10 Siehe LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 57r. Da der Forschungsstand zum KJVD für die Jahre zwischen 1933 und 1945 nur als katastrophal bezeichnet werden kann, ließen sich die Hintergründe für Bittermanns Abwendung vom Jugendverband nicht weiter ermitteln. 11 Ebd. 12 Siehe Herlemann: Kampfposten (Anm. 8), S. 81; LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 35. Nach Ansicht seiner Schwester Katharina Schütza, fühlte sich Bittermann in Gouda »seines Lebens nicht mehr sicher« und habe sich deswegen beim deutschen Konsulat gestellt. Siehe in: LAV NRW W Q211a, 9231, Bl. 298. 13 Siehe LAV NRW W Q211a, 9270, Bl. 186. Die Anklageschrift gegen Bittermann datiert vom 4. September 1936, die gegen die – vor der Flucht von Hans Beckschäfer aus dem Kölner Gestapogefängnis am 26. September 1936 – noch 35 weiteren Angeklagten vom 23. Juli 1936. 14 Siehe LAV NRW W Q211a, 9270, Bl. 219–222. 15 Siehe LAV NRW W Q211a, 9234, Bl. 28; Internationaler Suchdienst (ITS), Bad Arolsen: Konzen-trationslager Buchenwald, indiv. Unterlagen Männer (Siegfried Bittermann). 16 Siehe Friedrich Arntzen: Vernehmungspsychologie, München 1978, Kapitel III. 17 Der laut Beschreibung in seiner Häftlings-Personal-Karte des Konzentrationslagers Buchenwald von 1943 lückenhafte Zustand von Bittermanns Gebiss könnte ein Hinweis auf eine mögliche Misshandlung durch die Kölner Gestapo sein, kann allerdings nach achtjähriger Haftzeit auch ganz andere Ursachen haben, siehe ITS, Bad Arolsen: Konzentrationslager Buchenwald (Anm.15). 18 Beide waren allerdings schon 1935 im Rahmen eines Verfahrens vor dem OLG Hamm wegen Wiederaufbau der KPD verurteilt worden. 19 LAV NRW W Q211a, 9221, Bl. 46 f. Am 1. Februar 1936 ordnete der Generalstaatsanwalt in Hamm Ermittlungen an gegen »[d]ie gesamten, auf Grund der Angaben des Bittermann entstehenden neuen Vorgänge [...], es handelt sich nach dem dortigen Bericht um etwa 60 bis 80 Personen.« In: LAV NRW W Q211a, 9221, Bl. 6r. 20 Die letzte bekannte Vernehmung datiert vom 28. Oktober 1940, weil infolge der deutschen Besetzung der Niederlande, Belgiens und Frankreichs seit Langem gesuchte Emigranten wieder in Reichweite der Kölner Gestapo kamen, siehe in: LAV NRW W Q211a, 139, Bl. 150 sowie LAV NRW W Q211a, 9228, Bll. 35V, 40–42, 71, Bände 9221 bis 9228. 21 Heinrich Ballheimer ließ sich davon in seiner Vernehmung nicht beirren: »Ich bleibe auch bei meinen Aussagen, wenn mir hier eröffnet wird, daß Bittermann bisher stets die Wahrheit gesagt hat und für die Staatspolizei unbedingt glaubwürdig erscheint.« In: LAV NRW W Q211a, 9222, Bl. 20r. 22 Siehe LAV NRW W Q211a, 10025, 164–237. Siehe auch Jan Foitzik: Zwischen den Fronten, Bonn 1986, S. 60. Bei Löwendahl fehlen ebenfalls die Floskeln, die in den Gestapo-Protokollen ein besonderes Einwirken durch den Vernehmer oder ein ausweichendes oder zögerliches Aussageverhalten des Vernommenen belegen. 23 LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 60r. [alte Paginierung]. 24 Für diese Einstellung steht folgende Episode: Am 4. Februar 1936 erwähnt Bittermann, Willi Nagelschmidt habe ihn zu sagen gebeten, er sei 1934 aus dem KJVD ausgeschlossen worden. Bittermanns Reaktion darauf laut Protokoll: »Ich muss trotz der Bitte des Nagelschmidt bei meiner früher gemachten Aussage bleiben, weil sie richtig ist.« In: LAV NRW W Q1211a, 9221, Bl. 61r. 25 Am 3. März 1936 bat Bittermann den Hammer Generalstaatsanwalt darum, ihm zu erlauben, sich Papier und Schreibzeug kaufen zu dürfen, um zum Zeitvertreib zu malen oder zu zeichnen. Da die Briefe der Untersuchungshäftlinge an die Anklagebehörde zumeist dazu dienten, eine mildere Beurteilung der eigenen Tat zu erreichen, mutet das Schreiben Bittermanns bizarr an. Es vermittelt das Bild eines Untersuchungshäftlings, der sich gar keine Sorgen über eine eventuelle Strafe macht. Siehe in: LAV NRW W Q211a, 9230, Bl. 94f. 26 Siehe Wilfried Viebahn/Walter Kuchta: Widerstand gegen die Nazidiktatur in Köln, in: Billstein (Hg): Köln (Anm. 2), Köln 1979, S. 308. 27 Die Anordnung der Punkte (»Knoten«) wird von einem Algorithmus namens Spring Embedder durchgeführt. Dies führt zu einer Netzwerkstruktur, bei der wichtige Akteure im Zentrum stehen und unbedeutende am Rand.

JHK 2011

Die Macht des Faktischen – britische Labour-Abgeordnete und der Mauerbau 1961

Stefan Berger / Norman LaPorte

Nach 1945 waren die deutsch-britischen Beziehungen vor allem bundesdeutsch-britische Beziehungen. Die Bundesrepublik war offiziell ein enger Verbündeter Großbritanniens in der NATO, ein Partner in der internationalen Politik und zumindest für die proeuropäischen Politiker auf der Insel auch ein potenzielles Gegengewicht zur anglophoben Haltung Frankreichs unter de Gaulle. Allerdings war es nicht gerade ein Liebesverhältnis, was die westdeutsch-britischen Beziehungen prägte. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gab der damalige Außenminister Ernest Bevin seinen Problemen Ausdruck, nett zu den Deutschen zu sein: »Ich bemühe mich wirklich, aber ich hasse sie nun mal.«1 Nach den Erfahrungen zweier Weltkriege blieben weite Kreise der politischen Klasse und der Medien deutschlandfeindlich. Der schnelle Wiederaufstieg Westdeutschlands zu wirtschaftlichem Wohlstand, der denkbar scharf kontrastierte mit den andauernden Wirtschaftsproblemen des »kranken Mannes« Europas, Großbritannien, war ein weiterer Grund, warum auch die Bundesrepublik auf der Insel in der Regel keine sonderlich gute Presse hatte. Die Teilung Deutschlands erregte kaum Emotionen und man hatte wenig Probleme mit der Existenz zweier deutscher Staaten. Bezeichnet man also die britische Haltung gegenüber der Bundesrepublik in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eher als zurückhaltend, so fiel die britische Wahrnehmung des zweiten deutschen Staates, der DDR, feindselig aus. »Gefängnisstaat« und »Tyrannei« – das waren die in der britischen Presse am häufigsten gebrauchten Beschreibungen der DDR anlässlich des Mauerbaus am 13. August 1961.2 Die DDR hatte in Großbritannien traditionell keine gute Presse. Von der britischen Regierung offiziell nicht anerkannt, galt der zweite deutsche Staat im Königreich seit seiner Gründung 1949 als eine von kommunistischen Betonköpfen geführte Diktatur, die gänzlich vom Wohlwollen Moskaus abhing. Die meisten Menschen in Großbritannien hatten vom Leben in der DDR wahrscheinlich nur eine vage Vorstellung, gerade weil sich die Berichterstattung in den britischen Medien auf ein Minimum beschränkte. So blieb die DDR für die meisten Briten ein farbloser, grauer Staat, der höchstens dann einmal Aufmerksamkeit erregte, wenn er dazu beitrug, scheinbar den Kalten Krieg anzuheizen, wie etwa in der zweiten Berlin-Krise ab 1958.3 Dennoch gab es seit Mitte der Fünfzigerjahre einen regen Besuchsverkehr britischer Parlamentsabgeordneter in die DDR, sodass am Ende des Jahrzehnts nicht weniger als ein Viertel aller Labour-Abgeordneten die DDR bereist hatte.4 Handelte es sich hier ausschließlich um DDR-Fans? Wohl kaum. Aber wie kam es zu dem regen Interesse gerade der britischen Linken am zweiten deutschen Staat? Was motivierte die britischen Politiker, in die DDR zu reisen? Welche Eindrücke nahmen sie von dort mit? Und wie reagierten sie auf den Mauerbau 1961? Welche Stellung hatte die DDR in der britischen Außenpolitik der Fünfziger- und Sechzigerjahre? Im Folgenden wollen wir uns zunächst mit den verschiedenen parlamentarischen Delegationen aus Großbritannien beschäftigen, die seit der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre verstärkt die DDR besuchten, um zu erörtern, warum man auf britischer Seite den Lockrufen der SED folgte, und welche Reaktionen diese Besuche auf britischer Seite erzeugten. Im Hauptteil des Aufsatzes werden wir dann die Reaktionen auf den Berliner Mauerbau näher untersuchen. Es soll gefragt werden, inwiefern der Mauerbau zu einem Wandel in der britischen DDR-Politik und -Perzeption beigetragen hat. Reisediplomatie hinter dem Eisernen Vorhang: Britische Parlamentarierdelegationen in der DDR Ohne Frage sind viele britische Abgeordnete in die DDR gefahren, ohne sich dadurch gegenüber dem zweiten deutschen Staat zu irgendetwas verpflichtet zu fühlen. Für so manche war eine solche Reise vor allem ein touristisches Ereignis. Als sich der Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann gegenüber einem der vorzüglichsten Außenpolitiker der Labour Party und ausgesprochenem Deutschlandkenner Richard Crossman, der zudem noch hervorragend deutsch sprach, darüber beschwerte, dass Abgeordnete der Labour Party, die 1962 West-Berlin besuchten, nicht auch einen Abstecher nach Ost-Berlin machten, obwohl sie vormals gerne die Gastfreundschaft der DDR in Anspruch genommen hätten, replizierte Crossman trocken, dass er darüber nicht sehr überrascht sei: »Sie haben nur bekommen, was Sie verdient haben«, meinte er gegenüber Dieckmann. »Der Typ Mensch, der von Ihnen einen kostenlosen Urlaub annimmt, ist zu billig eingekauft, um als Freund zu gelten. Bei uns im Parlament sagt man, dass, wenn ein Kollege keine Einladung nach Amerika oder ins Commonwealth oder nach Israel bekommen kann, es immer noch die Möglichkeit gibt, eine Reise an die Ostseeküste der DDR zu unternehmen. Diese Art von Witz schadet Ihrem Ruf.«5 Crossmans Warnung, die Reisen in die DDR nicht mit Unterstützung für das sozialistische Deutschland zu verwechseln, war sicher berechtigt, aber dennoch zeigte die Reisetätigkeit auch Wirkung: Im Februar 1959 stimmten 41 Labour-Abgeordnete im Unterhaus des britischen Parlaments einer Resolution zu, die eine De-facto-Anerkennung der DDR befürwortete. Kaum einer von ihnen sah in der DDR ein politisches Modell für Großbritannien. Doch zeigte sich so mancher nach seiner Rückkehr beeindruckt von den »sozialistischen Errungenschaften« des zweiten deutschen Staates. Davon zeugt u. a. der Besuch von acht einflussreichen Abgeordneten der Labour Party in Ost-Berlin im Juli 1956. Glaubt man der ostdeutschen Nachrichtenagentur ADN, waren die acht anschließend voller Bewunderung für »die großartigen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte« der DDR. Einer der Delegierten, Arthur Lewis, wurde wörtlich zitiert: »Was die sozialen Einrichtungen anbetrifft, so muss ich ehrlich sagen, dass das, was hier erreicht wurde, von keinem anderen Land der Welt übertroffen werden kann.«6 Auch wenn die Quelle für diese Äußerungen suspekt ist – wir wissen, dass die ostdeutschen Gastgeber sehr erfindungsreich waren, wenn es darum ging, die positiven Meinungen ihrer Gäste in deutschsprachigen Medien wiederzugeben, die von diesen Gästen selbst nicht gelesen werden konnten –, wir haben genug britisches Material, das ebenfalls belegt, dass viele Abgeordnete mit einem teilweise positiven DDR-Bild nach Großbritannien zurückkehrten. Allerdings war die Delegation aus dem Jahre 1956 auch insofern typisch, als sie neben ihrem Lob für die DDR eine Reihe von Kritikpunkten vorbrachte. So sprachen die Delegierten die Frage freier Wahlen ebenso an wie das Problem sozialdemokratischer politischer Gefangener, und auch die Menschenrechtsverletzungen der DDR wurden direkt thematisiert. Derselbe Arthur Lewis, der sich offenbar so positiv über die sozialistischen Errungenschaften ausgelassen hatte, sprach zugleich von »einigen Dingen, denen ich überhaupt nicht zustimmen konnte. […] Was ich am wenigsten mochte, war, dass die Menschen keinerlei Möglichkeit hatten, eine Opposition zur bestehenden Regierung zu bilden.«7 Es handelte sich bei Lewis um einen linken Labour-Abgeordneten, der im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden gekämpft hatte und dort u. a. Freundschaft mit Heinrich Rau schloss, dem späteren DDR-Minister für Außenhandel. Solche persönlichen Beziehungen aus der Zwischenkriegszeit und gemeinsame Erinnerungen an den Kampf gegen den Faschismus, waren gerade für die Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre in den ostdeutsch-britischen Beziehungen gar nicht so selten. Sie trugen sicherlich dazu bei, dass die Selbstdarstellung der DDR als das moralisch bessere, weil antifaschistische Deutschland in Großbritannien zumindest teilweise auf offene Ohren stieß. Besonders linke Labour-Abgeordnete, wie »Red« Renée Short, taten sich in ihrem Engagement für die DDR hervor. Im Parlament als Vizevorsitzende der East-West Trade Parliamentary Group tätig, war sie zugleich über viele Jahre Vorsitzende der Britain-GDR Parliamentary Group. Ihre wiederholten Forderungen, die DDR endlich staatsrechtlich anzuerkennen, waren auf ihre Bewunderung für den Antifaschismus und die »sozialistischen Errungenschaften« der DDR zurückzuführen.8 Viel verbreiteter als solche Sympathien für den »real existierenden Sozialismus« waren allerdings die Stimmen, die mit ihrem Besuch einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der Ost-West-Beziehungen leisten wollten. Es ging vielen von ihnen um den Abbau von Vorurteilen und Spannungen. Der eindimensionale Fokus auf die »bösen Kommunisten« sollte einer breiteren Perspektive auf die Menschen im und unter dem Kommunismus weichen. Als Peter Lister auf dem Parteitag der Labour Party 1961 die De-facto-Anerkennung der DDR forderte, tat er dies mit Verweis auf die Spannungen zwischen den Blöcken: »Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass wir die Tyrannei eines politischen Regimes nicht durch den Terror eines Nuklearkriegs ersetzen.«9 Ed Varley, unter Harold Wilson Energieminister der Labour-Regierung, weilte in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren häufig in der DDR und gab seiner Unterstützung für eine Anerkennung der DDR seitens Großbritanniens gleich mehrfach Ausdruck. Dabei spielte sein Misstrauen gegenüber der westdeutschen Politik immer die wichtigste Rolle: Er betonte sowohl die Gefahr eines Wiederauflebens des Faschismus in der Bundesrepublik als auch seine Bemühungen, ein friedliches Miteinander zwischen den Blöcken zu erreichen.10 Problematisch war aus britischer Sicht vor allem, dass die DDR die internationale Politik gefährdete und die Sicherheit des Friedens in Europa bedrohte. Insofern berührte das Deutschlandproblem die außenpolitischen Interessen Großbritanniens unmittelbar, und schaffte deshalb durchaus eine gewisse Aufmerksamkeit für das »rote Preußen« hinter dem Eisernen Vorhang. Allerdings waren in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre, anders als noch zum Zeitpunkt der ersten Berlin-Krise 1948/1949, die meisten Briten nicht mehr bereit, eine militärische Auseinandersetzung um Berlin zu riskieren.11 Der britische Premierminister Harold Macmillan reiste 1959 nach Moskau, um die Situation in Berlin zu entschärfen.12 Bereits ein Jahr zuvor hatte der britische Außenminister, Selwyn Lloyd, in internen Dokumenten zu Protokoll gegeben, dass man in Großbritannien wohl oder übel »auf absehbare Zeit Gefangene der Politik Dr. Adenauers« sein würde.13 Dies machte die vollkommene Unzufriedenheit mit der starren Haltung der Bundesrepublik gegenüber der »Zone« deutlich. Weite Teile der politischen Klasse im Königreich waren parteiübergreifend der Meinung, dass man nicht dauerhaft real existierende Staaten in Europa einfach nach Vogel-Strauß-Manier ignorieren könne. Viele Politiker Großbritanniens teilten die ideologische Abneigung ihrer bundesrepublikanischen Pendants gegenüber der DDR, waren allerdings, anders als ihre westdeutschen Kollegen, der Ansicht, dass man zu einem Modus Vivendi finden müsse, der die innerdeutsche Teilung und die Berlin-Frage nicht immer wieder zu Krisenthemen im Kalten Krieg machen würde. In der britischen Politik war eine solche Position besonders unter Labour-Abgeordneten sehr verbreitet. Hier verbanden sich Befürchtungen vor einem dritten Weltkrieg mit einer Abneigung gegenüber der christdemokratischen Politik Adenauers und teilweise sogar mit gewissen Sympathien gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« in der DDR. Vonseiten der britischen Linken waren deshalb Forderungen nach einer De-facto-Anerkennung der DDR besonders laut zu vernehmen, während sie bei Vertretern der konservativen Regierungspartei eher unter der Hand geäußert wurden. Nur eine solche Anerkennung, so hörte man, würde die DDR nicht mehr zu einem Faktor der Destabilisierung in Mitteleuropa machen. Genau das war aber bis zum Einsetzen der Ostpolitik in der Bundesrepublik ein Tabu, und so verwundert es nicht, dass der Moskau-Besuch Macmillans einen Tiefpunkt in den westdeutsch-britischen Beziehungen der Fünfzigerjahre markierte. Einige Politiker in Großbritannien sahen gerade auch in verstärkten Handelsbeziehungen mit der DDR ein probates Mittel, um die Spannungen im Kalten Krieg abzubauen. So bezeichnete etwa der Labour-Abgeordnete Ian Mikardo die Handelsbeziehungen, die er zwischen britischen und DDR-Firmen vermittelte, als ein »Licht der Hoffnung«, das die Region hinter dem Eisernen Vorhang erleuchtete.14 Mikardo hatte bereits in den Dreißigerjahren als Unternehmensberater für die Industrie die Leipziger Messen besucht. Nach dem Krieg baute er seine eigene Handelsgesellschaft auf, Mikardo plc, die regelmäßig Seminare für britische Geschäftsleute abhielt, die an wirtschaftlichen Beziehungen zu den kommunistischen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang Interesse zeigten. Seine engen Verbindungen zu den DDR-Behörden machten ihn auch wiederholt zum Vermittler politischer Kontakte, so z. B. als er 1964 den Geschäftsführenden Vorsitzenden der Kammer für Außenhandel der DDR in London (KfA Ltd.), Jost Prescher, dem zukünftigen Außenminister der Labour-Regierung, Patrick Gordon Walker, vorstellte. Walker betonte während des Zusammentreffens zwar, dass die Labour-Regierung wenig tun könne, um die diplomatische Anerkennung der DDR zu fördern,15 dennoch war Mikardo weiterhin davon überzeugt, dass der Handel einen wichtigen Pfeiler der friedlichen Koexistenz zwischen Ost und West darstellte. Er gewann andere Labour-Abgeordnete, insbesondere Jo Richardson, für seine Handelsgesellschaft, die bis 1977 Bestand hatte. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, inwiefern bei Mikardos und Richardsons Tätigkeit die idealistischen Beweggründe wichtiger waren als die zum Teil recht erheblichen Provisionen, die Abgeordnete für diese Mittlertätigkeit kassierten. Sicher ist, dass die vielfältigen Kontakte der Labour-Abgeordneten zur DDR unter den sozialdemokratischen Genossen in der Bundesrepublik auf zunehmendes Missfallen stießen. Nachdem die DDR-Medien wiederholt über positive Äußerungen von Labour-Politikern, die die DDR besuchten, berichtet hatten, schrieb der Parteivorstand der Berliner SPD ein Jahr vor dem Mauerbau an den Labour-Vorsitzenden Hugh Gaitskell. In seinem Schreiben brachte er seinen Unmut darüber zum Ausdruck, dass »Labour-Abgeordnete und Mitglieder unserer gemeinsamen Internationale eine solche Haltung gegenüber einer rücksichtslosen Diktatur über Arbeiter« an den Tag gelegt hätten.16 Eine hochkarätige SPD-Delegation, mit Erich Ollenhauer, Herbert Wehner und Fritz Erler an der Spitze, reiste nach London, um die Misstöne in direkten Gesprächen mit Gaitskell, Harold Wilson, Dennis Healey, Morgan Phillips und David Ennals auszuräumen. Während die SPD-Repräsentanten argumentierten, dass die Labour-Abgeordneten sich zu willfährigen Werkzeugen der DDR-Anerkennungspolitik instrumentalisieren ließen und das diktatorische Regime der SED legitimierten – zu einem Zeitpunkt, als sozialdemokratische Gegner der SED noch in den DDR-Gefängnissen einsaßen –, bestand die Labour-Führung darauf, dass ihre Abgeordneten keinerlei Weisungen der Partei unterlagen. Zudem wies die britische Parteiführung darauf hin, dass Gesprächsbereitschaft nicht mit Unterstützung der DDR gleichzusetzen sei und konnte mit Beispielen aufwarten, die auch eine kritische Haltung aufseiten der Labour-Abgeordneten gegenüber der DDR belegten. Die DDR-Reisen britischer Abgeordneter stießen allerdings nicht nur bei der SPD auf Missfallen. Das Außenministerium in London wies die Parteiführungen aller im britischen Unterhaus vertretenen Parteien darauf hin, dass ihre Abgeordneten nur nach vorherigen Informationsgesprächen hinter den Eisernen Vorhang reisen sollten. Nach Möglichkeit sollten sie ihren Gastgebern keine Chance geben, ihre Äußerungen als Unterstützung für die DDR auszulegen. Letztlich war sich das Außenministerium allerdings nur zu bewusst, dass es keine Druckmittel in der Hand hielt, um diesen politischen Tourismus in die DDR zu unterbinden.17 Der Unmut im Ministerium rührte auch daher, dass man überzeugt war, die ostdeutschen Kommunisten hätten in Großbritannien relativ leichtes Spiel, da viele britische Abgeordnete und ein Gutteil der Bevölkerung dem westdeutschen Verbündeten mit Misstrauen und Abneigung, wenn nicht gar mit Furcht begegneten. Auch unter den Abgeordneten gab es durchaus Kritik an der vorherrschenden Reiselust britischer Members of Parliament (MPs). So erklärte etwa der konservative Abgeordnete Colonel Sir Tufton Beamish im Unterhaus im Juli 1962, dass sich viele seiner »honourable friends« von den ostdeutschen Kommunisten für Propagandazwecke missbrauchen ließen. Sie kämen nach Ost-Berlin, um dort Geschäfte zu machen, würden allerdings von der DDR für ihre politischen Zielsetzungen eingespannt.18 Mit Genugtuung gaben die ostdeutsche Presse sowie Radio und Fernsehen nur wenige Monate vor dem Mauerbau die Äußerungen des Oberbürgermeisters von Coventry, William Callow, wieder, der auf seiner DDR-Reise angeblich nichts von »undemokratischen Methoden« der SED gemerkt hatte. Er bescheinigte der Partei- und Staatsführung, dass er »keine Beweise für die Unterdrückung oder die Abwesenheit von Demokratie« gefunden habe noch gäbe es »irgendeine Rechtfertigung für die Meinung, dass Wahlen unter Polizeiaufsicht stattfänden oder die Menschen keine Möglichkeit hätten, die Behörden zu kritisieren«.19 Aber es waren nicht nur Labour-Abgeordnete, die sich im Vorfeld des Mauerbaus um eine Verbesserung der Beziehungen mit Ost-Berlin bemühten. Auch im Umkreis der Liberalen Partei gab es einige, die sich intensiv Gedanken machten, wie die heiße Phase des Kalten Krieges zu einem Ende gebracht werden könnte. Dabei spielte immer wieder die De-facto-Anerkennung der DDR eine wichtige Rolle. Schon 1958 war der damalige Parteiführer der Liberalen, Clement Davies, von der Leipziger Messe zurückgekehrt, um sich öffentlich für eine Normalisierung der Handelsbeziehungen zur DDR einzusetzen.20 Ein halbes Jahr nach Mauerbau reiste ein noch junger David Steel (er stand zwischen 1976 und 1988 an der Spitze der Partei) nach Ost-Berlin, um einerseits seiner ideologischen Ablehnung des Kommunismus vor Ort Ausdruck zu verleihen, andererseits allerdings auch zu betonen, dass die Realpolitik in Mitteleuropa eine Anerkennung der DDR notwendig mache: »Die DDR ist ein Faktum, und wir müssen mit Fakten Politik machen und nicht mit Gespenstern.«21 Steel publizierte noch 1970 im Guardian einen Artikel, der ein rosarotes Bild des Wirtschaftspotenzials der DDR zeichnete.22 Der liberale Abgeordnete Eric Lubbock verband die Forderung nach einer Anerkennung der DDR mit einer Ablehnung des westdeutschen Ziels einer Wiedervereinigung, das, laut Lubbock, nur den Frieden in Europa gefährde, ohne realistische Aussichten auf Verwirklichung zu haben.23 Unter konservativen Abgeordneten gab es nur sehr vereinzelt Kontakte mit der DDR. Die ideologische Distanz war meist zu groß, und die Mentalität des Kalten Kriegs war hier ohne Frage am stärksten verankert. So blieben konservative Abgeordnete, wie Burnaby Drayson oder Viscount Hinchingbrooke, die sich vor allem um bessere Handelsbeziehungen mit der DDR bemühten, eher die Ausnahme. Der Abgeordnete Hinchingbrooke hatte bereits in einer Unterhausdebatte 1956 eine offizielle Anerkennung der DDR gefordert.24 Drayson setzte sich nachdrücklich für den ADN-Korrespondenten Franz Krahl ein, als dieser 1961 aus Großbritannien ausgewiesen wurde.25 Wichtiger als diese Einzelfälle waren, wie bereits angedeutet, die meist hinter vorgehaltener Hand gemachten Äußerungen von führenden konservativen Politikern, die ebenfalls bedauerten, nicht zu pragmatischeren Lösungen in der Frage einer De-facto-Anerkennung der DDR gelangen zu können. Die britische Politik blieb in dieser Hinsicht in der Tat immer einen Schritt hinter ihrem Bündnispartner, der Bundesrepublik, zurück. Geht man also insgesamt von einem sich abzeichnenden Konsens in der britischen Politik zugunsten einer De-facto-Anerkennung der DDR um 1960 aus, dann stellt sich die Frage, inwiefern der Mauerbau 1961 einen Einfluss auf diese Position hatte. Der Berliner Mauerbau in der Wahrnehmung britischer Politik: Krise und Chance zugleich Die Mauer als physische Teilung Berlins wurde in Großbritannien nahezu einstimmig abgelehnt. Der Labour-Abgeordnete Desmond Donnelly wurde unmittelbar nach dem Mauerbau in der Kampagne »Freiheit für Berlin« aktiv und unterzeichnete, wie viele seiner Mitabgeordneten, eine Petition, die den Westen dazu aufforderte, dem aggressiven Verhalten der Sowjetunion mit Entschlossenheit entgegenzutreten. Schon im Mai 1959 schrieb Donnelly in der Zeitschrift The Spectator: »Ein Kompromiss in der Berlin-Frage ist ausgeschlossen. Mr K[rushev] muss dies deutlich gemacht werden. Auch muss jeder Versuch, Stalins Reich in Osteuropa zu legitimieren, zurückgewiesen werden. Die politischen Quislinge in Pankow, Prag, Budapest und anderen osteuropäischen Hauptstädten sind keine Vertreter ihrer Länder; ohne die Unterstützung der Roten Armee würden sie sich noch nicht einmal ein paar Stunden lang halten können.«26 In Berlin, so Donnelly 1961, wurde nicht nur die Freiheit der Berliner verteidigt, sondern die Freiheit der Menschen auf der ganzen Welt.27 West-Berlin galt ihm als Bastion der Freiheit schlechthin. Ihre Preisgabe würde eine Demoralisierung des Westens zur Folge haben, die ähnliche Auswirkungen hätte, wie das Münchener Abkommen von 1938. In der Debatte über den Bau der Berliner Mauer im britischen Unterhaus verurteilten führende Köpfe aller drei im Unterhaus vertretenen Parteien das Unternehmen scharf. Edward Heath sprach von einem Zeichen der »Schwäche« Ost-Berlins, das außerdem noch einen ausgesprochenen »Mangel an Humanität« bezeuge.28 Hugh Gaitskell fand noch deutlichere Worte: »Niemand, dem die Freiheit am Herzen liegt und der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, wird nicht von schweren Gefühlen des Schocks, der Empörung und der Enttäuschung heimgesucht worden sein. Auch wenn das physische Leiden sich nicht mit der Unterdrückung der ungarischen Revolte vergleichen lässt, so erregt es in uns dieselbe Emotion – Frustration darüber, dass wir nichts unternehmen können, um zu helfen und Empörung über das Geschehene. Was für ein Kommentar zur Bilanz und zur Popularität des kommunistischen Regimes, dem nach 15 Jahren und dem Verlust von drei Millionen Menschen, nichts anderes einfiel als Gefängnismauern zu errichten, um den Exodus von weiteren Millionen zu stoppen und die eigene Bevölkerung im Land zu halten.«29 Des Weiteren sprach Jo Grimond im Namen der Liberalen von der »horrenden Situation, dass Mauern um Berlin errichtet werden, um die Menschen daran zu hindern, die Freiheit im Westen zu erreichen. Dies muss zivilisierte Menschen in der ganzen Welt mit Horror und Schrecken erfüllen.«30 Aber die scharfe und einhellige Verurteilung des Mauerbaus ging bereits in der Unterhausdebatte mit dem eindrücklichen Hinweis Gaitskells einher, dass die Mauer es notwendig mache, dass erstens, die Bundesrepublik endlich die Oder-Neiße-Grenze anerkenne, zweitens, die Debatten um eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa wieder aufgenommen würden und drittens, es zu einer De-facto-Anerkennung der DDR kommen müsse. Gaitskell zeigte zwar gerade beim letzten Punkt Verständnis für die westdeutsche Haltung, die er in der Furcht westdeutscher Politiker begründet sah, damit die Spaltung des Landes zu besiegeln, aber er verwies auch darauf, dass eine solche Anerkennung durchaus mit dem langfristigen Ziel der Wiedervereinigung einhergehen konnte.31 Noch im Jahr des Mauerbaus nahm der der Labour Party nahestehende Generalsekretär des britischen Gewerkschaftsverbandes TUC (Trades Union Congress), George Woodcock, an einer vom DGB organisierten »Mauertour« teil, die ihm Gelegenheit gab, die Mauer in unzweideutigen Worten zu verurteilen.32 Allerdings gab es innerhalb des britischen Gewerkschaftsbundes darüber hinaus viele Einzelgewerkschaften, in denen kommunistische Funktionäre einen wichtigen Einfluss hatten. Diese nahmen in der Regel eine mit der DDR sympathisierende Haltung ein und pflegten auch Kontakte zu DDR-Gewerkschaften.33 Von der Bergarbeitergewerkschaft finanzierte Labour-Abgeordnete, wie I. J. Kelly, A. C. Davies und E. Williams, besuchten die DDR 1965 und gaben dort zu Protokoll, dass das andere Deutschland natürlich das Recht habe, wie jeder andere Staat auch, seine Grenzen zu verteidigen.34 Noch in den Siebzigerjahren gaben Labour-Abgeordnete bei den von der DDR organisierten Potsdamer Gesprächen (eine Imitation der westdeutschen Königsberger Gespräche) zu Protokoll, dass man der Volkspolizei in der DDR zur »ehernen Verteidigung der Berliner Mauer« gratulieren müsse.35 Immer wieder stand sich die DDR allerdings in ihrem Bemühen, den Mauerbau gegenüber ihren Freunden aus Großbritannien zu verteidigen, selbst im Weg. So betonte der Labour-Abgeordnete Edwin Wainwright etwa nach einem Besuch der DDR, dass die Bonner Regierung die Entspannung zwar blockiere, wo sie nur könne, aber er machte auch keinen Hehl daraus, dass er die kriegerischen Töne in einer Rede eines NVA-Generals an der Berliner Mauer ebenfalls nicht gerade mit Beifall quittiert hatte. Gerade der Schießbefehl der DDR-Grenztruppen stieß selbst bei kommunistischen Funktionären in Großbritannien auf breite Ablehnung. Der Gewerkschaftsführer der südwalisischen Bergarbeiter David Francis, Mitglied der Communist Party of Great Britain (CPGB), schrieb sogar an Walter Ulbricht, um sich über diese unmenschliche Praxis zu beschweren.36 Es kann insgesamt kein Zweifel daran bestehen, dass das Image der DDR in Großbritannien durch den Mauerbau weiter gelitten hat. Die verbreitete Ablehnung der DDR auf der Insel nahm mit dem Mauerbau noch zu. Eine Propagandaoffensive der DDR, die die Friedensfunktion des »antifaschistischen Schutzwalls« betonte, stieß auf taube Ohren. Selbst britische Kommunisten, die in der DDR für die ostdeutschen Belange arbeiteten, wie der seit 1960 in Ost-Berlin ansässige Journalist Alan Winnington, äußerten sich skeptisch über die Möglichkeit, den Mauerbau in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Winnington berichtete für die britische kommunistische Tageszeitung Daily Worker positiv über den Mauerbau und bezeichnete die Mauer als probates Mittel, westliche, gegen die DDR gerichtete Spionage zu unterbinden. Hinter vorgehaltener Hand gab er gegenüber den ostdeutschen Kommunisten allerdings zu erkennen, dass selbst die Leser des Daily Worker es ihm kaum abnehmen würden, wenn er schrieb, »der antifaschistische Schutzwall« sei etwas anderes als der Versuch, die ostdeutsche Bevölkerung daran zu hindern, en masse mit den Füßen abzustimmen und in den Westen zu gehen.37 Grundsätzlich gingen eine weit verbreitete Ablehnung des Mauerbaus aus moralischen Gründen und seine Brandmarkung als Akt der Unmenschlichkeit allerdings mit der Betonung einher, dass man nun erst recht den staatlichen Realitäten in Mitteleuropa ins Auge sehen müsse. Der kurz nach dem Mauerbau stattfindende Parteitag der Labour Party 1961 verabschiedete demzufolge eine Resolution, die den Bau der Mauer verurteilte und zugleich zu einer De-facto-Anerkennung der DDR aufrief.38 Die Mitglieder der Liberalen Partei einigten sich auf ihrem Parteitag im gleichen Jahr auf eine sehr ähnlich lautende Resolution, die eine De-facto-Anerkennung der DDR mit Forderungen nach sowjetischen Garantien für West-Berlin verband.39 Auf dem Parteitag anwesende Gastdelegierte der westdeutschen FDP verließen daraufhin unter Protest den Parteitag ihrer britischen Schwesterpartei.40 Nichtsdestotrotz lag die Haltung der Partei ganz auf der Linie ihres Parteiführers, Jo Grimond, der bereits im August 1961 einen Drei-Punkte-Plan vorgelegt hatte, um die Krise um den Berliner Mauerbau zu überwinden. Auch dieser Plan sah eine De-facto-Anerkennung der DDR vor.41 Einer der großen Deutschland-Experten der Labour Party war, wie bereits erwähnt, Richard (Dick) Crossman. Schon in den Dreißiger- und Vierzigerjahren hatte er die deutschen Sozialdemokraten im Londoner Exil unterstützt, indem er nicht zuletzt als Kurier nach Nazi-Deutschland gereist war.42 In den Fünfzigerjahren nahm er regelmäßig an den Königsberger Gesprächen teil und verfügte über enge Kontakte zur westdeutschen SPD, war aber zugleich auch ein gern gesehener Gast in Ost-Berlin. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus weilte Crossman zufällig in der DDR, wo er sich auf einer Rundreise über die vollkollektivierte Landwirtschaft informieren wollte. Crossman bezeichnete die Mauer als »in Beton gegossene Realität« und verlieh damit seiner Meinung Ausdruck, dass man die Existenz eines zweiten deutschen Staates nicht auf Dauer ignorieren könne. Bei seinen Gesprächen mit Albert Norden 1962 in Ost-Berlin stimmte Crossman mit dem Chefideologen der SED durchaus darin überein, dass der Mauerbau die DDR stabilisiert habe. Die Unabhängigkeit eines zweiten deutschen Staates stand nunmehr nicht mehr infrage. Und so war es nur folgerichtig, dass Crossman mit Norden auch darin einer Meinung war, dass man zu einer friedlichen Koexistenz zweier deutscher Staaten kommen müsse.43 Dabei war Crossman, das erkannten auch seine Gesprächspartner in der DDR, ein lupenreiner Antikommunist, der davon sprach, selbst keinen Tag in der DDR leben zu wollen. In einem für die Labour Party bereits Mitte der Fünfzigerjahre erarbeiteten Memorandum zur Deutschlandfrage ging Crossman davon aus, dass man gerade über verstärkte Kontakte zur DDR die Isolation der ostdeutschen Kommunisten durchbrechen und die Attraktivität eines westlichen, pluralistischen und sozialdemokratischen Gesellschaftsmodells der DDR-Bevölkerung näherbringen könne.44 Damit formulierte Crossman Jahre vor Egon Bahr und Willy Brandt Grundüberzeugungen einer Neuen Ostpolitik, wie sie seit Mitte der Sechzigerjahre auch in die bundesrepublikanische Außenpolitik Einzug hielt. Inwiefern Crossmans Ideen bereits in den Fünfzigerjahren in Gesprächen mit sozialdemokratischen Politikern wie Brandt und Bahr entstanden, konnte bislang nicht geklärt werden. Wichtig ist allerdings, hier festzuhalten, dass eine solche »Ostpolitik vor der Ostpolitik« gerade innerhalb der Labour Party zu einem wichtigen Beweggrund für die forcierte De-facto-Anerkennung der DDR wurde.45 Eine solche De-facto-Anerkennung forderte auch Harold Wilson nach seinem viertägigen Besuch in West-Berlin im Juli 1962, auf den ihn nicht weniger als 45 seiner Abgeordneten begleitet hatten. Wilson redete zwar von einem »echten Schock«, den die tatsächliche Konfrontation mit der Mauer ausgelöst habe, sprach sich in der Debatte um seinen Besuch allerdings nachdrücklich für eine friedliche Koexistenz beider deutschen Staaten aus. Selbst ein konservativer Abgeordneter tat in derselben Debatte seine Meinung kund, dass man der DDR beinahe helfen müsse, weiter zu existieren, da die Alternative zur DDR nur der Dritte Weltkrieg sei.46 Das Argument, dass die Gesprächsbereitschaft der Labour Party mit Vertretern der DDR nicht auf Sympathien mit dem real existierenden Sozialismus basiere, sondern vielmehr mit dem Versuch zu tun habe, die Kommunisten in der Diskussion und durch den Kontakt zu unterminieren, findet sich bereits in einem Antwortschreiben von Gaitskell an den Parteivorsitzenden der Berliner SPD, Franz Neumann, vom Mai 1957. Neumann hatte sich bei Gaitskell für dessen Unterstützung sozialdemokratischer politischer Gefangener in der DDR bedankt, zugleich aber auch kritisiert, dass britische Labour-Abgeordnete bei ihren Besuchen in der DDR zur Anerkennung der »Ostzone« aufgerufen hätten. Die Besucher von der Insel würden, so Neumann, zu bereitwillig akzeptieren, was ihnen von ihren kommunistischen Gastgebern vorgesetzt würde. Gaitskell stimmte in seiner Antwort zwar dem Vorschlag Neumanns zu, dass Labour-Abgeordnete vor ihrer Reise in die DDR möglichst den Kontakt mit der westdeutschen SPD suchen sollten, gab aber zu bedenken, dass die Ablehnung der kommunistischen Diktatur nicht bedeuten könne, jeden Kontakt über den Eisernen Vorhang hinweg abzubrechen.47 »Die brutale Unterdrückung, […] unter der die Menschen in der sowjetischen Zone gegenwärtig leben«, so Gaitskell, könne nur überwunden werden, indem man die Mauer des Schweigens bräche, die von den kommunistischen Regierungen selbst errichtet wurde. Nichts könne den Kommunismus so effektiv unterminieren wie der Dialog.48 Allerdings fehlte dieser britischen Ostpolitik gänzlich das Element der Wiedervereinigung, das bei der bundesrepublikanischen Ostpolitik zu einem so wichtigen Motiv werden sollte.49 Die DDR nahm diese Entwicklungen in der britischen Politik deutlich zur Kenntnis und versuchte sie nach Kräften zu fördern. Es ist durchaus kein Zufall, dass sich noch 1961 ein Vorläufer der dann 1965 offiziell ins Leben gerufenen Freundschaftsgesellschaft Großbritannien-DDR (BRIDGE, Britain-Democratic-Germany-Exchange) mit tatkräftiger Unterstützung der DDR-Liga für Völkerfreundschaft bemühte, die fehlenden offiziellen Beziehungen der DDR mit Großbritannien zu kompensieren. BRIDGE sollte als alternative Botschaft in Großbritannien fungieren bzw. ihre Mitglieder sollten als Botschafter der DDR für den ostdeutschen Staat in Großbritannien werben. Die seit 1961 maßgebliche Person für die Organisation dieser Kontakte war die spätere Erste Sekretärin von BRIDGE, Hilda Forman. Forman, selbst langjähriges Mitglied der CPGB, wollte mit ihren Aktivitäten dazu beitragen, das negative Image der DDR in Großbritannien zu verbessern. In ihrer Biografie, die geprägt war vom antifaschistischen Kampf der Dreißiger- und Vierzigerjahre, machte Forman vor allem die Bundesrepublik und die »westdeutsche Propaganda« dafür verantwortlich, dass die meisten Briten von der DDR nichts wissen wollten.50 Formans Versuchen, ein breites Netzwerk von Kontakten aufzubauen, das sich von Parlamentsabgeordneten zu Journalisten und zentralen Figuren des öffentlichen Lebens erstrecken würde, blieb allerdings ein durchschlagender Erfolg versagt. BRIDGE operierte weitgehend in London und zu den Veranstaltungen der Freundschaftsgesellschaft kamen in der Regel immer wieder die üblichen Verdächtigen – vor allem linke Labour-Abgeordnete und Gewerkschafter. Auch im britischen Parlament wurde mit der All Party Britain-GDR Group, deren aktiver Kern fast ausschließlich aus linken Labour-Abgeordneten bestand, eine Institution geschaffen, die die Anerkennungspolitik der DDR fördern sollte. Allerdings kam es erst 1969 zu einem ersten Besuch einer Volkskammerdelegation in Großbritannien. Professor Budzislawski, der die Gruppe anführte, zeigte sich auf einer Pressekonferenz in London überzeugt, dass damit ein neues Kapitel in den ostdeutsch-britischen Beziehungen aufgeschlagen würde.51 In der Tat war der Besuch nur möglich geworden, da die britische Regierung zum ersten Mal seit 1949 die bestehenden Visarestriktionen für offizielle Vertreter der DDR aufhob. In Ost-Berlin sah man darin einen ersten Schritt auf dem Weg zur Anerkennung der DDR. In London wurde die DDR-Delegation zahlreichen Parlamentariergruppen vorgestellt, und der Besuch erregte einiges Medieninteresse – Budzislawski wurde etwa vom prestigeträchtigen BBC Programm 24 Hours interviewt, und seine Pressekonferenz im Waldorf Astoria Hotel wurde von über 50 Journalisten besucht. Dennoch, die britische Regierung hob die Visabeschränkungen für SED-Mitglieder nicht grundsätzlich auf und signalisierte, dass man auf keinen Fall von einer gemeinsamen Position mit dem westdeutschen Verbündeten abrücken werde. Insgesamt wird man sagen können, dass die DDR-Propaganda zur Rechtfertigung des Mauerbaus am ehesten dort Erfolg hatte, wo sie die Bundesrepublik und ihren angeblichen Militarismus attackieren konnte. Hiermit traf sie auch in Großbritannien auf Zustimmung. Der britische Botschafter in Bonn, Christopher Steel, gab schon wenige Monate nach dem Mauerbau zu bedenken, dass das eigentliche Problem für Großbritannien nicht die Mauer sei, sondern der Aufstieg Westdeutschlands zu einer europäischen Macht, die Großbritannien den Rang ablaufen könne.52 Im britischen Unterhaus gab es 1961 eine Debatte zur Berliner Mauer, aber insgesamt nicht weniger als sieben Debatten zur Frage der eventuellen Aufrüstung der bundesdeutschen Armee mit nuklearen Sprengköpfen. Harold Wilson, Michael Foot und Jo Grimond waren unter den vielen Abgeordneten, die in diesen Debatten immer wieder vor einer Bewaffnung der bundesrepublikanischen Armee mit Nuklearwaffen warnten.53 Kaum zwei Wochen nach dem Mauerbau begegneten einige Teile der Labour Party und der einheimischen Presse dem Besuch einer bundesdeutschen Panzerdivision in Wales mit großer Feindseligkeit und vielen Vorbehalten.54 Der Zweite Weltkrieg warf nach wie vor lange Schatten über die Beziehungen Großbritanniens zur Bundesrepublik, und davon versuchte auch die DDR zu profitieren. Fazit Trotz aller Einsicht auf der britischen Insel in die Notwendigkeit einer De-facto-Anerkennung der DDR seit Mitte der Fünfzigerjahre und trotz aller Bemühungen von Seiten des ostdeutschen Staates, solche Tendenzen zu fördern, gelang es der bundesrepublikanischen Politik, ihre britischen Partner so einzuschwören, dass es nicht zu einer vorzeitigen offiziellen Anerkennung der DDR durch Großbritannien kam. Dennoch, so hoffen wir, in diesem Aufsatz gezeigt zu haben, herrschte in der politischen Klasse Großbritanniens seit der zweiten Berlin-Krise parteiübergreifend Konsens darüber, dass die Anerkennung der DDR nur eine Frage der Zeit sein könne. Dabei wagten sich gerade Labour-Abgeordnete in ihrem Bemühen, eine solche Anerkennung der DDR voranzutreiben, besonders weit vor. Dieses Verhalten basierte, das wurde oben ebenfalls deutlich, auf den unterschiedlichsten Motiven. Während es auf der äußersten Linken einige wenige Abgeordnete gab, die Sympathien für den »real existierenden Sozialismus« in der DDR hegten, spielten bei einem Großteil der Abgeordneten Sorgen um den Frieden und das Bemühen um einen genuinen Dialog mit dem kommunistischen Antagonisten hinter dem Eisernen Vorhang eine sehr viel größere Rolle. Sie vertraten, so konnten wir mit Crossman zeigen, durchaus auch antikommunistische Positionen, und verbanden mit einem solchen Dialog zugleich Vorstellungen von einer Unterminierung des Kommunismus. Die Furcht von DDR-Politikern vor einer Unterwanderung auf »Filzlatschen«, so das berühmte Wort des DDR-Außenministers Otto Winzer zur westdeutschen Ostpolitik, war also so abwegig nicht, auch wenn die DDR eine solche Dialogbereitschaft von Labour-Abgeordneten zu nutzen suchte, um ihrem wichtigsten außenpolitischen Ziel der Sechzigerjahre den Weg zu ebnen: die Anerkennung des Staates DDR durch den Westen. In diesem Zusammenhang spielte der Mauerbau eine wichtige Rolle. Für die meisten Beobachter in Großbritannien unterstrich die DDR damit zum einen die Unmenschlichkeit des kommunistischen Regimes, zum anderen aber auch die Tatsache, dass der zweite deutsche Staat nicht so einfach von selbst wieder verschwinden würde. 1 Zitiert in Alan Bullock: Foreign Secretary, 1945–1951 (= The Life and Times of Ernest Bevin, Bd. 3), London 1983, S. 56. 2 Siehe dazu: Communists Seal the Berlin Border, in: The Times vom 14. August 1961; Warnings from Berlin, in: Daily Telegraph vom 14. August 1961; Ulbricht Self-Indicted, in: Daily Telegraph vom 17. August 1961; Berlin and Disengagement, in: The Guardian vom 18. August 1961. Zum Hintergrund der Krise um die Berliner Mauer siehe auch John Gearson/Kori N. Schake (Hg.): The Berlin Wall Crisis: Perspectives on Cold War Alliances, Basingstoke 2002. 3 Zu den britisch-ostdeutschen Beziehungen siehe insgesamt Marianne Bell (jetzt Howarth): Britain and East Germany: the Politics of Non-Recognition, Diss., University of Nottingham 1977; Bert Becker: Die DDR und Großbritannien 1945/49–1973. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontakte im Zeichen der Nichtanerkennungspolitik, Bochum 1991; Henning Hoff: Großbritannien und die DDR 1955–1973. Diplomatie auf Umwegen, München 2003; Hans-Georg Golz: Verordnete Völkerfreundschaft. Das Wirken der Freundschaftsgesellschaft DDR-Großbritannien und der Britain-GDR Society – Möglichkeiten und Grenzen, Leipzig 2004; Stefan Berger/Norman LaPorte: Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010. 4 Siehe Henning Hoff: The GDR and the Labour Party, 1949–1989, in: Stefan Berger/Norman LaPorte (Hg.): The Other Germany. Perceptions and Influences in British-West German Relations, Augsburg 2005, S. 75–99. 5 National Archives (London) (im Folgenden: NA), Foreign Office files (im Folgenden: FO), 371/163690, Richard Crossman, Visit to EG [1962]. Alle Übersetzungen aus dem Englischen wurden, so nicht anders angezeigt, von den Autoren des Beitrags vorgenommen. 6 Allgemeine Deutsche Nachrichtenagentur (im Folgenden: ADN), press report, Übersetzung im Labour Party Archive Manchester (im Folgenden: LPAM), International Department. 7 Ebd. 8 Darren Lilleker: Against the Cold War. The History and Political Traditions of Pro-Sovietism in the British Labour Party, 1945–1989, London 2004, S. 197–206. 9 Labour Party Annual Conference Report (im Folgenden: LPACR), 1961, S. 169. Lister sprach als Delegierter der Coventry Borough Labour Party. 10 Siehe dazu z. B. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 37/320, Bericht über den Aufenthalt der offiziellen Delegation der Miners’ Parliamentary Group im britischen Unterhaus in der Zeit vom 25.8.–3.9.1966, 19. 10.1966, S. 1–11, hier S. 5. 11 Siehe Daniel Gossel: Die Berlinkrisen 1948/49 und 1958/62: Wendepunkte britischer Deutschlandpolitik, in: Arnd Bauerkämper (Hg.): Britain and the GDR. Relations and Perceptions in a Divided World, Berlin 2002, S. 113–128. 12 Siehe John Gearson: Harold Macmillan and the Berlin Wall Crisis, 1958–1962: The Limits of Interests and Force, Basingstoke 2002. 13 NA, PREM 11/2347, Blatt 68 – 72: draft minute des Außenministers an den Premierminister. 14 Siehe dazu ausführlich Ian Mikardo: Backbencher, London 1988. 15 LPAM, Jo Richardson papers: LP/RICH/1/15: Ian Mikardo Diaries, 30. April 1964. 16 LPAM, International Department: Brief von Kurt Mattick an Hugh Gaitskell, 15. Juni 1960. 17 Siehe NA, FO 371/160532: Confidential. Foreign Office Memo [Eingangsstempel: 21. April 1961]. 18 Hansard (online) HC Deb. 5 July 1962, Bd. 662, Reihe 787, in: http://hansard.millbanksystems.com/search/5%20july%201962?year=1962, ges. am 22. November 2010. 19 NA, FO 371/163695: Confidential, o.D. 20 Siehe Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (im Folgenden: AA), Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (im Folgenden: MfAA), A 13045: Kurzer Überblick über die Entwicklung der Beziehungen zwischen der DDR und Großbritannien, 20. Juni 1958, S. 132–137, hier S. 134. 21 Liberal Party Archive – London School of Economics (im Folgenden: LPA–LSE), 16/76, David Steel, Report on Visit to Berlin 7–9 April 1962, S. 1–5, hier S. 2. 22 Siehe David Steel: The Marxist Millionaires, in: The Guardian [undatiert], in AA, MfAA C 180/73. 23 AA, MfAA C 141, Eric Lubbock, Report to Jeremy Thorpe on my visit to the GDR, October 15–19, 1967, 30. Oktober 1967, S. 44–48, hier S. 44. 24 Siehe Parliamentary Archive London, Hansard, 27 February 1956, Reihe 922–26, in: http://hansard.millbanksystems.com/sittings/1956/feb/27, ges. am 22. November 2010. 25 Siehe Henning Hoff: Großbritannien und die DDR 1955–1973: Diplomatie auf Umwegen, München 2003, S. 136; Marianne Howarth: Großbritannien und die DDR. Beziehungen und Nicht-Beziehungen, in: Heiner Timmermann (Hg.): Die DDR: Erinnerungen an einen untergegangenen Staat, Berlin 1999, S. 156 f. 26 Manuskript des Spectator-Artikels in National Library of Wales, Aberystwyth, Desmond Donnelly Papers, D4. 27 National Library of Wales, Aberystwyth, Desmond Donnelly Papers, C4: Freedom in Berlin. 28 Hansard (online), HC Deb. 17 October [1961], Band 646, Reihe 26, in: http://hansard.millbanksystems.com/sittings/1961/oct/17. 29 Ebd., Reihe 35/36. 30 Ebd., Reihe 72. 31 Siehe ebd., Reihe 42–45. 32 Siehe Archiv des Deutschen Gewerkschaftsbundes, I A 24/1965, DGB Informationsdienst Report: George Woodcock: »Die grausame Mauer«. 33 Siehe Stefan Berger/Norman LaPorte: Official Anti-Communism and What Lay Beneath: the British Trade Unions and the »Other« Germany, in: Berger/LaPorte (Hg.): The Other Germany (Anm. 4), S. 141–158. 34 SAPMO-BArch, DY 37/320, Bericht über den Studienaufenthalt der Delegation der National Union of Mine Workers, South Wales Area in der Zeit vom 5.–14. März 1965, 18. März 1965, S. 1–5, hier S. 3. 35 Interview mit Neal Ascherson, 22. Mai 2002. 36 Siehe SAPMO-BArch, DY 37/320, David Francis an Walter Ulbricht, 22. April 1964 [Übersetzung des Originals]. 37 AA, MfAA 13068, Vermerk über ein Gespräch mit dem Berlin-Korrespondenten des Daily Worker, Alan Winnington, 25. August 1961, S. 148–150. 38 Siehe LPACR, 1961. 39 Siehe LPA–LSE, Motion for the de facto recognition of East Germany at the Edinburgh conference, 21 September 1961. 40 Siehe AA, MfAA, A 13092, Bericht über Reisen und Gespräche mit Herrn Donald Fletcher Burden anlässlich seines Aufenthalts in der DDR vom 14.–22. Februar 1963, S. 1–4, hier S. 2. 41 Siehe LPA–LSE, L.N., 31, Grimond’s 3-Point-Plan for Berlin, August 1961; siehe auch ebd.: Grimond on the Berlin Crisis (1960). 42 Siehe Anthony Howard: Crossman: the Pursuit Power, London 1990. 43 NA, FO 371/163690: Richard Crossman, Visit to EG [1962]. 44 Modern Records Centre, University of Warwick, Crossman Papers, MSS. 54/3/POL/48–60, Richard Crossman, Some Notes on Labour’s Foreign Policy, Feb. 1956. 45 Stefan Berger/Norman LaPorte: Ostpolitik before Ostpolitik. The British Labour Party and the German Democratic Republic (GDR), 1955–1964, in: European History Quarterly 36 (2006), H. 3, S. 396–420. 46 Hansard (online) HC Deb. 5 July 1962, Band 662, Reihe 779 und Reihe 798, in: http://hansard.millbanksystems.com/sittings/1962/jul/05, ges. am 22. November 2010. 47 LPAM, International Department: Brief Neumann an Gaitskell, in: Vorwärts vom 25. Mai 1957. 48 Offener Brief von Hugh Gaitskell an Franz Neumann, in: Vorwärts vom 19. Juli 1957. 49 Siehe Luca Ratti: Britain, Ost- and Deutschlandpolitik, and the CSCE (1955–1975). Bern 2008. 50 Interview Stefan Berger mit Hilda Forman, 1. August 2000. Das transkribierte Interviewmanuskript befindet sich im Besitz der Autoren. 51 SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/483, Bericht über den Aufenthalt einer Delegation von Volkskammerabgeordneten in Großbritannien, 16.–24. November 1969, S. 201–203, hier S. 202. 52 NA, FO 371/163527, Confidential. Christopher Steel [Britische Botschaft, Bonn] to Earl of Home, 2. Januar 1962. 53 Siehe NA, FO 371/160532, Extracts from Hansard during Adenauer’s visit: Hansard, Oral Answers. 5 December 1961, Reihen 1138–1142, in: http://hansard.millbanksystems.com/sittings/1961/dec/05. 54 Siehe National Library of Wales, Aberystwyth, Desmond Donnelly papers, Folder 2 und 24 mit Zeitungsausschnitten über den Besuch einer deutschen Panzerdivision in Wales.

JHK 2011

Der Antikommunismus in Polen im Spiegel der Vierteljahresschrift Wschód 1930–1939

Zaur Gasimov

Geteilt in zwei ideologische Fronten – die Anhänger der Nationaldemokratie einerseits und die Anhänger Józef Piłsudskis (1867–1935) andererseits – verstanden sich die polnischen Eliten in der Zwischenkriegszeit als ein antikommunistischer Vorposten. Die Nationaldemokraten (endecy) um den polnischen Politiker Roman Dmowski (1864–1939) zeichneten sich weniger durch eine feindselige Haltung gegenüber Russland, als vielmehr durch eine besonders ausgeprägte »Germanophobie« gepaart mit Antisemitismus aus. Auch sollten Dmowski zufolge die nicht-polnischen Minderheiten in Polen einer kontinuierlichen Polonisierung ausgesetzt werden.1 Um Marschall Józef Piłsudski, der von 1926 bis 1935 Polen autoritär regierte, versammelten sich dagegen diejenigen polnischen Politiker und Intellektuellen, die in Russland und nicht in Deutschland die größte Gefahr für die polnische Staatlichkeit sahen. Ihrer Auffassung nach sollte Polen eine Konföderation der Anrainerstaaten (Ukraine, Litauen und Belarus) organisieren, um dem russischen Einfluss entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu einer zwanghaften Polonisierung der Nicht-Polen wurde eine enge Zusammenarbeit der Völker der Rzeczpospolita2 angestrebt. Der Antikommunismus der Piłsudski-Anhänger beruhte auf einer traditionellen Russlandskepsis, die sich in Polen als Folge der Teilungen im 18. Jahrhundert, der eklatanten Russifizierungspolitik und der brutalen Zerschlagung der polnischen November- und Januaraufstände (1830, 1863/64) verbreitet hatte. Dabei hatte die polnische Kommunismuskritik eine relativ alte Tradition, die mit dem »Sonderweg« des polnischen Sozialismus und der spezifischen sozialdemokratischen Entwicklung in Zusammenhang stand. Für die Genese des polnischen Antikommunismus ergab sich die folgende Ausgangssituation. Die Zerschlagung der Roten Armee durch die polnischen Truppen bei Warschau 1920 (das sogenannte Wunder an der Weichsel)3 und somit eine erfolgreiche Verteidigung der im November 1918 wiedererrichteten polnischen Staatlichkeit, fanden zeitgleich mit einem Erstarken des Kommunismus in Russland statt. Die Zwangssowjetisierung der Ukraine und der Kaukasusrepubliken 1920/214 führte zu einer Massenemigration von ukrainischen und kaukasischen Intellektuellen und Politikern, von denen sich viele in Europa und vor allem in Polen niederließen. Der Antikommunismus-Diskurs in Polen wurde dadurch sowohl auf weite Kreise der Bevölkerung als auch inhaltlich ausgeweitet. Auch verfügte der wiedererrichtete polnische Staat über ausreichende Kapazitäten für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kommunismus-Phänomen. In der Tat versuchte die polnische Staatsführung die antikommunistische Aufklärungsarbeit in den lokalen Medien zu stärken und zahlreiche Vertreter der von Moskau zurückeroberten nicht-russischen Peripherien des ehemaligen Zarenreiches in diesen Prozess mit einzubeziehen. Dem Antikommunismus sollten sich auch weitere Länder widmen. »[…] dafür sollte ein defensives Vertragssystem entstehen, welches Polen mit Rumänien und den baltischen Staaten eingeht und das alle Völker des europäischen und asiatischen Ostens kulturell unterstützt.«5 Die vom US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder als die »Internationale des Antikommunismus«6 bezeichnete Ideologie des polnischen Prometeizm7 wurde damit begründet und von zahlreichen Intellektuellen, Journalisten und Politikern mitgestaltet.8 »Die prometheische Idee«, schrieb Włodzimierz Bączkowski,9 »bedeutet für uns eine vertragliche Abkürzung eines politischen Konzepts, welches die Teilung Russlands (des roten ebenso wie des weißen) in eine Reihe von souveränen nationalstaatlichen Organismen anstrebt.«10 Im Jahre 1930 wurde in Warschau die vierteljährlich erscheinende Fachzeitschrift Wschód [Orient] gegründet, die sich der Analyse politischer, sozialer und kultureller Prozesse in Osteuropa widmete. Der Antikommunismus war das ungeschriebene Leitmotiv der Zeitschrift, die formal das Publikationsorgan der wissenschaftlichen Vereinigung Orientalistyczne Koło Młodych [Orientalistischer Zirkel der Jugend] beim Warschauer Instytut Wschodni [Ostinstitut] war, tatsächlich aber vom polnischen Generalstab finanziert und unterstützt wurde. Inspiriert und mitgestaltet vom Publizisten Jerzy Giedroyć11 und geleitet vom Historiker Włodzimierz Bączkowski, stellte Wschód ein Forum für polnische und ausländische Sowjetologen dar. Die sowjetische Nationalitätenpolitik, die Kluft zwischen den Worten und Taten der Kommunisten in Russland und die sozialen Missstände in der UdSSR gehörten zu den Themen, die von den Wschód-Autoren häufig aufgegriffen wurden. Es wurde intensiv nach den Gründen für den Erfolg des Kommunismus in Russland gesucht. Waren die russisch-orthodoxe Tradition, die jahrhundertelange uneingeschränkte Herrschaft der Zaren und die Unfähigkeit der russischen Aristokratie, dem Kommunismus die Stirn zu bieten die Gründe dafür, dass die kommunistische Ideologie ihren Siegeszug in Moskau feierte? Einige Autoren sehen in diesen Besonderheiten russischer Geschichte die Antwort, andere erklären den sowjetischen Kommunismus mit der kulturellen Zugehörigkeit Russlands zu Asien. Letztere These ist insbesondere angesichts der Tatsache interessant, dass viele Wschód-Publizisten Orientalisten und Sinologen (z. B. Włodzimierz Bączkowski) waren. Das Ziel dieses Beitrags ist die Analyse des polnischen Antikommunismus anhand der Auswertung der Zeitschrift Wschód unter besonderer Berücksichtigung der Artikel von Vertretern der politischen Emigration aus der Ukraine, Georgien und Aserbaidschan, die – geflohen vor den Bolschewiki – politisches Asyl in Polen erhielten. Es gibt zwar einige Publikationen zur Entwicklung der Sowjetologie in Polen zur Zwischenkriegszeit aus der Sicht polnischer Historiker,12 jedoch fehlt eine Analyse des »osteuropäischen« Antikommunismus-Diskurses, wie er in der Zeitschrift Wschód in den Dreißigerjahren stattfand. Diese Lücke möchte der Beitrag füllen. Antibolschewismus als Antikommunismus: Der polnische Fall Engels’ Definition von 1847 zufolge war der Kommunismus »die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats«.13 Das theoretische Konzept, das noch auf die Tradition der französischen Frühsozialisten zurückging, erlebte im 20. Jahrhundert vor allem in Russland eine beispiellose Entwicklung. Der Bolschewismus wurde zur wichtigsten Strömung des Kommunismus seit 1903 und vor allem seit der Oktoberrevolution 1917. Die polnische Intellektuellenschicht sah die Gefahr nicht in der abstrakten marxistischen Theorie, sondern im Bolschewismus und im Leninismus. Der polnische Antikommunismus in der Zwischenkriegszeit reduzierte sich somit auf den Antibolschewismus und auf die Kritik Lenins und Stalins. Der Wschód-Kolumnist Stanisław Glass schrieb 1933: »Es gibt nicht so viele Beispiele der sozialen Bewegungen, die dermaßen verbunden und gänzlich von ihrem Begründer gestaltet wären wie der Bolschewismus.«14 Glass zufolge seien die Broschüre Lenins Was tun? von 1902 sowie der elf Jahre später veröffentlichte Artikel »Wie W. Sassulitsch das Liquidatorentum erledigt« die Grundlagenwerke des Bolschewismus.15 1938 gab die Katholische Universität Lublin einen Sammelband mit zahlreichen Beiträgen polnischer Wissenschaftler zum Thema Bolschewismus heraus. Der Lubliner Theologe Józef Pastuszka hob den gegenwärtigen Kampf gegen den Kommunismus hervor, der eine »Kraft, die über eine mächtige Armee verfügt« und eine »mächtige Ideenströmung« in den Bereichen Religion, Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Literatur darstelle.16 Der Bolschewismus sei nicht nur das politische Regime. »Er ist eine vielseitig ausgebaute Weltanschauung, die ein ökonomisches und soziologisches System umfasst. Er ist eine neue Lebensform, eine neue Moral und eine neue Religion.«17 Weitere Autoren wie Ignacy Czuma und Henryk Dembiński wiesen darauf hin, dass das Totalitäre in der Sowjetunion die Lebenswelt und den Alltag bestimme und die Sowjetunion die Bolschewisierung (bolszewizacja) der Welt plane.18 Der polnische Antibolschewismus war somit eine Reaktion auf den russischen bzw. sowjetischen Kommunismus, der seit 1917 zur staatstragenden Ideologie in Russland wurde. Während man in Russland verkündete, dass die Grundlagen der Gleichheit, Abschaffung des Privateigentums und Entkulakisierung, einzuhalten bzw. durchzuführen seien, wiesen die polnischen Publizisten und Wissenschaftler auf die Verlogenheit der Ziele und Taktiken der Moskauer Kommunisten hin. Damit reagierten sie auf das Handeln der sowjetischen Ideologen und auf das politische Geschehen in der Sowjetunion. Die UdSSR wurde in Polen vor allem seit der erneuten Machtübernahme Piłsudskis 1926 bis zur deutsch-sowjetischen Okkupation Polens im September 1939 als bedeutendster außenpolitischer Gegner wahrgenommen. Die Zeitschrift Wschód Die Zeitschrift Wschód ist das erste Medium in Europa, das einen Kontakt zwischen Europa und Asien auf der Grundlage der Gleichheit, der Bruderschaft, der gegenseitigen Freundschaft und des kulturellen Austausches anstrebt.19                                                            Mahomet-Bej Czukua, 1930 Die Vierteljahresschrift Wschód ging aus der Zusammenarbeit der Russland- und Osteuropaexperten des polnischen Außenministeriums, des Generalstabes, des Geheimdienstes und der wissenschaftlichen Einrichtungen des Außenministeriums (z. B. Instytut Wschodni) hervor. Sie war ein integraler Bestandteil der von den polnischen Eliten unterstützten Prometeizm-Politik.20 Mithilfe der Zeitschrift wurde ein Transfer der osteuropäischen Kommunismus-Diskussion von Ost nach West angestrebt, die den russischen Kommunismus als antiwestlich, antiliberal und das Abendland als Bedrohung definierte. Unter den Autoren der Zeitschrift waren Geheimdienstler (z. B. Jerzy Niezbrzycki21), prominente polnische und internationale Russlandexperten (z. B. Stanisław Glass), Politologen (Tadeusz Radwański), Historiker sowie Intellektuelle und Exilpolitiker aus der Ukraine (Roman Smal’-Stockyj) und dem Kaukasus (MEmmEdEmin REsulzadE, Noe Žordania). Die sowjetische Ideologie der Lüge zu bezichtigen und ihre Mythen zu entlarven, waren die Hauptziele des polnischen Antikommunismus in der Zwischenkriegszeit. Man wollte auch die Kommunismuseuphorie in den westeuropäischen Staaten dämpfen, in der die polnischen Intellektuellen eine Russophilie erkannten.22 In Wschód-Beiträgen wurde der polnische Antikommunismus vor allem durch die Kritik an den in Moskau verkündeten Dogmen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker, an der in der UdSSR stattfindenden Russifizierung der nichtrussischen Sprachen und Kulturen sowie an der sowjetischen Planwirtschaft und Außenpolitik zum Ausdruck gebracht. Den Kommunismus zu entlarven und das Bild Russlands im Westen zu beschädigen, gehörte ebenfalls zu den Absichten der Zeitschrift, die die wichtigsten Ideenströmungen der polnischen sowie der ukrainischen und kaukasischen Intellektuellen in den Dreißigerjahren widerspiegelte. Alle Artikel erschienen auf Polnisch, beinhalteten aber in der Regel ein detailliertes Resümee auf Englisch, Deutsch, Französisch oder Italienisch. Somit stand Wschód in der Tradition der polnischen Russlandberichterstattung aus dem 19. Jahrhundert, als die polnische Intellektuellenschicht und Exilanten versuchten, Europa über das »wahre Russland« zu informieren und aufzuklären.23 Kommunismus als Erbe des Zarenreiches Der Politologe Tadeusz Radwański zitierte während seines Vortrags am 6. November 1935 in Warschau aus dem Statut von Orientalistyczne Koło Młodych: »We are building up the status of Poland as a Power upon the basis of the greatest possible number of freed nations and those emerging to freedom.«24 Zwei Elemente sollten dabei besonders hervorgehoben werden: »The first is a firm faith in the historical mission of Poland in Eastern Europe, her aversion to every form of coercion and violence, and in inherent sympathy for all those peoples who are fighting for independence and for their right to self-determination.«25 Mit dem demonstrativen Verzicht auf Gewalt, zu dem die polnischen Intellektuellen auf den Seiten von Wschód aufriefen, ging die Beschreibung des russischen Kommunismus als einer gewalttätigen Politik einher. Man versuchte dadurch sämtliche Gegner der kommunistischen Eroberungen anzusprechen. Auch dem Freiheitsbegriff wurde eine besondere Bedeutung beigemessen. Die Prometheisten um Wschód beanspruchten, den Freiheitsbegriff neu zu definieren. Es ging nicht um eine abstrakte Befreiung des Proletariats, sondern um die Befreiung des Menschen und der Nationen. Radwański griff die Gedanken des polnischen Historikers Dąbrowski auf: »Writing in his Polska a przyszla wojna [Polen und der künftige Krieg], Professor J. Dąbrowski states unequivocally that the disintegration of Russia into her former component parts is to the fundamental interest of the Republic of Poland, and the attainment of that objective is one of the prime motives of a wise and far-sighted policy on the part of Polish statesmen.« Radwański schrieb weiter: »The nations subjected by Russia sprang to armes at the same epoch but one by one they succumbed to the superior power of the oppressor.«26 Im polnischen Originaltext des Artikels wurden die Begriffe von panruscyzm [Panrussismus] und panbolszewizm [Panbolschewismus] verwendet,27 die in der englischen Version als Pan-Russianism und interessanterweise als Pan-Communism übersetzt wurden.28 Hieran lässt sich eine Gleichstellung des Kommunismus mit dem Bolschewismus erkennen. Der Kommunismus und das Zarenreich wurden somit nicht als Gegner, sondern verwandte Ideologien, die sich ähnlicher Methoden und Vorgehensweisen bedienten, betrachtet. Laut der Wschód-Autoren seien die Grundlagen des russischen Kommunismus nicht nur in der Lehre von Marx und Engels, sondern auch in der Tradition des Zarenreiches zu suchen. Wschód empfahl die Lektüre von Fëdor Dostoevskijs Dämonen allen, die den Kommunismus in Russland begreifen wollten. Dieses Werk sei »eine geniale Enzyklopädie des Bolschewismus (und Russlands generell)«, was auch der Essenz der heutigen UdSSR entspreche.29 Die Stachanov-Bewegung30 in der UdSSR sei beispielsweise »eine neue Version der sowjetischen ›Legende‹«.31 Die Vergleiche der sowjetischen Gegenwart mit der zaristischen Geschichte gingen in Wschód noch weiter. In der Sowjetunion sei eine Idealvorstellung von Ivan dem Schrecklichen realisiert. Dieser träumte von einem Zwei-Stände-Staat (Opričnina32 und Zemščina33), d. h. von einem Stand der Administratoren, also der Steuersammler, und dem Stand der Steuerzahler. Dieses »Ideal« werde auch von den Eliten in der Sowjetunion mit einem Diktator an der Spitze geteilt. Jedoch benötigte die UdSSR eine soziale Brücke zwischen der bolschewistischen Opričnina und der bolschewisierten Zemščina. Es sollte ein Minimum an sozialer Harmonie erreicht werden, da man ein solches Zusammenleben durch die Karabiner der GPU34 nicht gewährleisten könne.35 Der prominente polnische Intellektuelle Władysław Pelc schrieb 1936 einen Artikel »Kom-intern – ZSSR – Rosja« [Kommunistische Internationale – UdSSR – Russland], in dem er Parallelen zwischen dem »historischen Russland«, der UdSSR und der Organisation der Kommunistischen Internationale (Komintern) zog. »Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Engels schrieb Marx das Evangelium des Kommunismus, dessen Ideen er im Kommunistischen Manifest popularisierte. Das Manifest machte den Klassenkampf zu einem Dogma und appellierte an das Proletariat […]. Die Religion dieses Proletariats sollte der Kommunismus sein.«36 »Der Bolschewismus formulierte und brachte ins Leben die Grundlage des Fatalismus eines revolutionären Kampfes«, so Pelc, »d. h. des Regimewechsels, der von der Gewaltanwendung gegen den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt begleitet wurde.«37 Pelc zufolge sollte man auch in der russischen Orthodoxie nach den Wurzeln des russischen Kommunismus suchen, die die zaristische Außenpolitik mit missionarischem Gedankengut versorgte und im Abendland traditionell einen Feind sah. Pelc schrieb: »Eine weitere schreckliche Besonderheit des russischen Bolschewismus, der sich in Moskau entwickelte und stark vom Moskauer Stil geprägt wurde, besteht im messianischen Imperialismus. Bolschewismus wurde zu einem Bastard aus dem Moskauer Byzantinertum und der marxistischen Ideologie.«38 Pelc verstand die Komintern als ein Instrumentarium in den Händen Moskaus, welches immer noch die Weltrevolution vorbereite, vor der Europa und die Welt sich zu fürchten hätten. Die Gedanken bezüglich der historischen Evolution vom Zarenreich bis zur Sowjetunion, die mit einer Zunahme der russischen Bevölkerung und territorialer Expansion Moskaus einherging, griff auch der Chefredakteur von Wschód, Bączkowski auf.39 Die Komintern sollte ihm zufolge treffender als »Moskwintern«40 oder sogar als eine »neue Gestalt des russisch-moskowiter Ausdehnungsstrebens«41 bezeichnet werden.42 Die UdSSR ein »Völkerkerker«? Es war Lenin, der das Zarenreich als Völkerkerker (tjur’ma narodov43) bezeichnete und seinen Völkern die Selbstbestimmung und Achtung ihrer Sprachen und Kulturen versprach.44 Die Korenizacija-Politik [Verwurzelungspolitik] in den frühen Zwanzigerjahren sollte die zwangssowjetisierten Nicht-Russen für die Sache des Kommunismus gewinnen. Relativ schnell löste jedoch die Russifizierung die verkündete Verwurzelung ab. Der bolschewistische Kampf gegen die Nationen nahm unter Stalin bekanntlich zu. »The national policy of the Soviet government and its efforts directed to the solving of numerous national problems is a most interesting phenomenon in the life of that huge country«,45 schrieb 1931 Michal Kowalewski in der Juli-Ausgabe von Wschód. »Although Russian communism proclaimed that it acknowledged the right of these nations to home-rule, even though it involved their separation from Russia, however, when it came to the practical realization of this theory, it would neither agree to the moving of the Russian frontier several thousands kilometres eastward, nor to the loss of the rich Ukrainian and Caucasian territories.«46 Somit wurde auf den Hauptwiderspruch der sowjetischen Nationalitätenpolitik hingewiesen. »So the Ukrainian and the Georgian literatures must get rid of their historical and national romanticism and be imbued with the development of the new communistic social forms and the new cultural values, created in modern Soviet Rome – Moscow.«47 Der Begriff des »sowjetischen Roms« wurde von den polnischen Kommunismuskritikern immer wieder aufgegriffen und steht dabei im Zusammenhang mit dem traditionellen russischen Anspruch, sich in Anlehnung an die Idee des russischen Mönchs Filofej aus dem 16. Jahrhundert als das »Dritte Rom« zu positionieren. In der von Moskau angestrebten weltweiten Verbreitung des Kommunismus sahen die Polen Ähnlichkeiten zum russischen Expansionismus unter den Romanovs und der mission civilisatrice, zu der sich Russland in Asien berufen fühlte. Das Studium der Nationalitätenfrage im sowjetischen Russland und in der UdSSR wurde zu einem wichtigen Anliegen der polnischen Antikommunisten. Vom 15. bis 16. Mai 1932 fand in Warschau der erste Kongress des Orientalistyczne Koło Młodych statt, zu welchem Sinologen und namhafte Osteuropahistoriker aus Warschau, Krakau, Posen und Lemberg eingeladen wurden. Eröffnet wurde die erste Sitzung vom Vorsitzenden dieser Organisation und Chefredakteur von Wschód, Włodzimierz Bączkowski, sowie vom Vorsitzenden des Instytut Wschodni, Stanisław Siedlecki. Die Teilnehmer des Kongresses wurden vom Generalsekretär des Instytut Wschodni, Olgier Górka begrüßt, dessen Eröffnungsvortrag dem Thema »Die Mission Polens im Osten« (Misja Polski na Wschodzie) gewidmet war. Górka zufolge sollte Polen, das zwischen zwei mächtigen Blöcken Europas liege, im Rahmen seiner defensiven Taktik im Westen wie im Osten offensiv vorgehen. »Unsere politische Offensive im Osten soll sich von deutschen und russischen Methoden von Grund auf unterscheiden.«48 Die polnische Politik sollte eher auf einem Soft-Power-Ansatz beruhen und den Kampf der nicht-russischen Nationen gegen Moskau mit allen Mitteln unterstützen. Die Exilpolitiker und Repräsentanten der sogenannten »prometheischen Völker«49 meldeten sich ebenfalls zu Wort. »Und unter dem Joch solcher Machthaber, die Terror, Hass, Rache zu einem Kult erhoben, müssen auch solche nicht-russischen geknechteten Völker leben, die niemals ihre Bakunins, Nečaevs und Tkačevs hatten. […] Im Kaukasus, in der Ukraine und in Turkestan wird der Kampf mit den Vertretern der Moskauer Machthaber sowohl an der ideologischen als auch an der militärischen Front fortgesetzt«,50 referierte Kosta Zangi. Eine bemerkenswerte Veranstaltung war die dreitägige Tagung der »Sprachwissenschaftlichen Versammlung der geknechteten Völker der UdSSR«, die vom 31. Mai bis 2. Juni 1936 in Warschau durchgeführt wurde. Begleitartikel und Kommentare in Wschód analysierten die Zusammenkunft. An dem Kongress nahmen die bekanntesten Osteuropahistoriker, Slawisten, Turkologen und Linguisten teil, wie z. B. Leon Wasilewski,51 Stanisław Siedlecki, Stanisław Poniatowski, Najman Mirza-Kryzynski, Włodzimierz Bączkowski, Dżafer Sajdamet und andere. Smal’-Stockyj eröffnete die Tagung und erklärte, dass die Russifizierung in der UdSSR seit 1929 mit einer außerordentlichen Intensität durchgeführt würde. Die Aufgabe der Tagung, so Smal’-Stockyj, sei sowohl die Vorbereitung der Verteidigung gegen die Russifizierung als auch des Protests gegen diese Politik.52 Leon Wasilewski referierte zum Thema »Geschichte des polnischen Widerstandes gegen die Russifizierung«. Poniatowski kritisierte die sowjetische Sprach- und Nationalitätenpolitik. Ihm zufolge beruhe die Wissenschaft in der Sowjetunion auf dem Unwissen, der Lüge und dem Terror. Die Teilnehmer der Tagung analysierten insbesondere Lenin’sche und Stalin’sche Politiken gegenüber den nicht-russischen Nationen. Das Streben Stalins, in der UdSSR die Annäherung und die anschließende Verschmelzung der Völker zu erreichen, wurde verurteilt. Das Hauptziel der kommunistischen Nationalitätenpolitik sei die Verschmelzung aller Kulturen in einer einheitlichen Kultur mit einer Sprache, dem Russischen, das als Sprache Lenins, des Proletariats und der Oktoberrevolution propagiert wird. Die sowjetische Nationalitätenpolitik, die durch ihre Formel »sozialistisch dem Inhalt und national der Form nach« bekannt wurde, strebe im Endeffekt die Auslöschung der nicht-russischen Völker an. »Die Methoden der Russifizierung sind dermaßen perfide und werden besonders in dem Bereich der Sprachpolitik mit einer solchen Brutalität durchgeführt, dass die Vertreter dieser von Moskau eroberten Völker und vor allem die Vertreter ihrer Exilgemeinschaften mit der Frage konfrontiert werden, wie man die eigenen Sprachen verteidigen kann, um diesen barbarischen Mitteln entgegenzuwirken, mit deren Hilfe die ›liberalste und demokratischste Regierung‹ der Sowjets und die Kommunistische Partei das nationale Anderssein [zniszczenie odrębności narodowej] der geknechteten Völker vernichtet.«53 Im Ergebnis wandten sich die Teilnehmer der Tagung an die Polnische Akademie der Wissenschaften sowie jeweils an die Finnische, Rumänische und Italienische Akademie der Wissenschaften, um Unterstützung gegen die Russifizierung zu erhalten.54 In den Jahren 1937 bis 1939 widmeten sich die polnischen Publizisten verstärkt dem Thema der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Wschód veröffentlichte diesbezüglich mehrere Beiträge von Exilanten zur Situation im Kaukasus55 sowie in der Ukraine56. Kommunismus und Bolschewismus – europafeindlich und zivilisationsfremd Wir sind die Häftlinge eines freien Landes, wo es keine Schikanen und Folter gibt. Wir werden nicht bestraft, sondern umerzogen – Das ist kein Geheimnis […] Und im Ausland gibt es so etwas nicht! 57 Bączkowski schrieb 1932, dass die Beziehungen der UdSSR zum Ausland von einer besonderen Art und beispiellos in der bisherigen Geschichte seien.58 Ihm zufolge sei die UdSSR ein »kämpfender Staat« und stelle eine Gefahr für die internationale Gemeinschaft dar. Bączkowski betonte dabei die gegenwärtige Militarisierung der sowjetischen Gesellschaft und machte die polnischen sowie die europäischen Leser darauf aufmerksam, dass sich die UdSSR vor allem um die Armee kümmere und auf diese setze.59 Für die Analyse wertete der Autor die ukrainischsprachigen Medien aus Kiew (z. B. die Zeitung Visti) sowie die russische Zeitung aus Charbin, Charbinskoe Vremja, und Moskauer Zeitungen wie Izvestija aus, sodass ein ziemlich genaues Bild von der Sowjetunion entstand. Das Hauptmerkmal des »kämpfenden Staates« sei, so Bączkowski, der Wunsch dieses Staates, die Nachbarländer zu zerschlagen. Dies solle auf eine »billige Art und Weise« vollzogen werden, ohne dabei mit den Mitteln eines klassischen Krieges, mit Munition und Waffen, vorzugehen. Darüber hinaus sei ein Merkmal die Gestalt des Roten Russlands als einer »riesigen Fabrik-Festung« (ogromna fabryka-forteca).60 Der Publizist Józef Iskierka kritisierte die Stalin’sche Verfassung in seinem Artikel »Die dritte sowjetische Verfassung« scharf.61 Er hob hervor, dass es sich bereits um die dritte Verfassung handele und diese ausschließlich einer weiteren Zentralisierung und Stärkung der Macht diene. Władysław Pelc warnte vor einer »Unsicherheit, die den Fundamenten der westlichen Kultur droht«. Der russische Kommunismus sorge für diese Unsicherheit und habe ein Ziel: »Eine vollständige Zerstörung der Alten Welt, um auf ihren Ruinen das Experiment zu wiederholen«.62 Die Zeit spiele für die Interessen der Weltrevolution, lautete die pessimistische Schlussfolgerung von Pelc. Die Sowjet- und Kommunismuseuphorie einiger euro-kommunistischer Publizisten wurde ebenfalls von den Wschód-Kolumnisten registriert und rezipiert. Die Bücher des deutschen Journalisten Artur Rundt63 und des US-amerikanischen Journalisten H. R. Knickerbocker64 wurden bereits 1932 in Warschau auf Polnisch gedruckt. Die beiden Publikationen entstanden als Folge ihrer jeweiligen Russlandreisen und basierten auf ihren Beobachtungen hinsichtlich der Entwicklung und der Industrialisierung der dortigen Wirtschaft. Dasselbe gilt auch für die Broschüre des französischen Journalisten Emile Schreiber65 Comment on vit en U.R.S.S. [Wie man in der UdSSR lebt] von 1931, die von einem unbekannten Autor in Wschód rezensiert wurde. Diese warnte vor dem positiven Bild der Sowjetunion im Westen und wies darauf hin, dass die Wirtschaftsentwicklung in der Sowjetunion »typisch für jede antiliberale Regierung«66 wäre. Der Industrialisierung liege eine unmenschliche Ausbeutung der eigenen Bevölkerung zugrunde. Schreiber hätte denselben Eindruck gehabt, so der unbekannte Rezensent, wenn er die Bauprojekte von Peter dem Großen beobachtet hätte. »Jedoch war dafür weder die GPU, noch das Butyrka67 oder Soloveckij68 vonnöten«69. Andere Autoren mokierten sich in Wschód über den sowjetischen Proletariat-Begriff und das Arbeitsverständnis: »Es gibt in der Sowjetunion keinen anderen Begriff, der dermaßen verdrossen, abstrakt und sogar mystifiziert wäre, wie das Wort ›Arbeit‹ [trud]«70, schrieb einer 1936. Die wirtschaftliche Entwicklung in der UdSSR auf Kosten der Ausbeutung der Häftlinge wurde in einem längeren Aufsatz »Arbeitslager in der UdSSR« eines unbekannten Autors M. fortgesetzt.71 Beschrieben wurde das gesamte Arbeitslagernetzwerk im europäischen und asiatischen Teil der Sowjetunion. »Das sowjetische Arbeitslager ist […] die größte Todesfabrik und stellt ähnlich wie die Tscheka, die GPU […] kein Novum in der russischen Geschichte dar.«72 Der Autor wertete die bis dahin erschienenen Publikationen über das Lager- und Gefängnissystem der Sowjetunion aus. In diesen Systemen sah er die Fortsetzung der zaristischen Ausbeutung der Bevölkerung.73 Deutlich distanzierte sich Wschód von den Einsichten Roman Dmowskis, dessen nationalistisch-antisemitisches Gedankengut einen Teil der polnischen Intellektuellenschicht beeinflusste. 1932 veröffentlichte die Zeitschrift eine Rezension des im selben Jahr erschienenen Buches von Dmowski über die Nachkriegswelt und Polen. Dort wurde auch seine anti-ukrainische Haltung scharf kritisiert.74 In Wschód plädierte man für eine liberale Nationalitätenpolitik in Polen, die die Integration der ethnischen Minderheiten in die polnische Gesellschaft fördern sollte, anstatt eine zwanghafte Assimilation wie in der UdSSR voranzutreiben. Die Ukrainer, deren Siedlungsgebiet im östlichen Polen (das ländliche Galizien) und in der ukrainischen Teilrepublik der UdSSR lag, standen dabei besonders im Fokus. Das Vorgehen der polnischen Regierung gegen die Ukrainer unterschied sich erheblich von der sowjetischen. Während es in den Dreißigerjahren nur zu einzelnen Polonisierungsmaßnahmen im polnischen Galizien kam, stellte Moskau die ursprüngliche Ukrainisierungspolitik der frühen Zwanzigerjahre um 1929 ein und verfolgte fortan eine vehemente Russifizierungspolitik gegenüber den Ukrainern.75 »Only the U.S.S.R is striving, in opposition to the general trend, to impose its neo-universalistic conception on a sixth part of the world. The Soviet Ukraine is the terrain on which the conflict between these two tendencies has assumed its most dramatic form«,76 schrieb man im Vorwort einer Wschód-Ausgabe von 1933. Ein unbekannter Autor schrieb im Wschód Ende 1935: »Die Machtorgane der UdSSR unternahmen und unternehmen alles, um die multinationalen ›Massen‹ in der Tat in eine struktur- und gesichtslose Masse umzuwandeln, die der eigenen Intellektuellenschicht und jeglicher ökonomischer Grundlage zur eigenständigen Existenz als Mensch und Volk beraubt wird. Die gesamte Last der Fünfjahrespläne und der Industrialisierung sowie die Rivalität mit Europa und Amerika und die ›sozialistischen Errungenschaften‹ mit der fleißig geheim gehaltenen Inflation, Arbeitslosigkeit und immenser Ausrüstung usw. ruhen im ›Land der Werktätigen‹ auf den Knochen der physisch erschöpften und moralisch verstümmelten Arbeitermassen, des sowjetischen Plebs, der als einziger der sowjetischen Klassen tatsächlich arbeitet und produziert; leider nicht für sich, sondern für die oberen sozialen Klassen, in denen die stumpfe sowjetische Aristokratie die Arbeit imitiert.«77 Somit wurde eines der Hauptprinzipien des Kommunismus als eine Lehre über die Befreiung des Proletariats infrage gestellt. Fazit Wie zuvor versucht wurde zu zeigen, beinhaltete der polnische Antikommunismus der Wschód-Publizisten, der sich von 1930 bis 1939 entwickeln konnte, die Popularisierung der folgenden Aspekte in Polen und in Europa: – Der Kommunismus als die in Russland 1917 ausgerufene Staatsideologie sei eine antiwestliche Ideenströmung, die einen gewalttätigen Umsturz der legitimen Regierungen weltweit und vor allem in Europa plane. – Die rhetorische Distanzierung der Moskauer Kommunisten vom Zarenreich stimme mit der Realpolitik nicht überein, denn die Kommunisten seien die Erben und Fortführer der aggressiven zaristischen Außenpolitik (z. B. Eroberung der Nachbarländer und -territorien) und der zaristischen Innenpolitik (z. B. Russifizierung). – Der Kommunismus und der sowjetische Staat hätten sich zwar das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker auf die eigenen Fahnen geschrieben, jedoch würde dieses Recht in der Realität nicht eingehalten. (Die Ukraine und der Kaukasus wurden erobert, das Baltikum und Polen würden bedroht.) – Das Gleichheitsprinzip, das von den russischen Kommunisten verkündet und propagiert wurde, würde ebenfalls nicht gewährleistet. Die Kommunisten Russlands betrieben die Russifizierungspolitik an den nicht-russischen Peripherien. – Die Industrialisierung in der Sowjetunion beruhe auf einer rücksichtslosen Ausbeutung des »Proletariats« und der sowjetischen Bevölkerungsmassen in den Arbeitslagern. – Die Kommunismus-Euphorie in einigen Intellektuellenkreisen im Westen sei mit einer traditionellen Russophilie verbunden, die auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass die Westeuropäer die »tatsächlichen und wahren Ziele Russlands« noch nicht erkannt hätten. (Die antikommunistische publizistische Aufklärungsarbeit der polnischen Intellektuellen erfolgte daher auch in den europäischen Sprachen.) Für die Wschód-Autoren war der Kommunismus ein Synonym für Terror und russische Expansion. Im Grunde genommen handelte es sich demnach um die Fortsetzung der zaristischen Eroberungspolitik. Der Antikommunismus wurde dagegen zum Mittel der Selbstverteidigung und des Überlebens. Den polnischen, georgischen und ukrainischen Intellektuellen im Warschau der Dreißigerjahre ging es nicht primär um die Auseinandersetzung mit der Marx’schen Klassenlehre, sondern um die ideologische Bekämpfung der sowjetischen Kommunisten, die mit einem neuen Glauben, einer neuen Orthodoxie – dem Kommunismus – die Welt zu beherrschen anstrebten. Diesem entgegenzuwirken und die politische, ökonomische und nationale Struktur des sowjetischen Staates kritisch zu beschreiben und »aufzudecken«, gehörten zu den wichtigsten Aufgaben des Antikommunismus, wie ihn die Wschód-Autoren vertraten. Der polnische Antikommunismus war ein übernationales und überkonfessionelles Phänomen, welches nach 1939 aufgrund der deutsch-sowjetischen Eroberung Polens zwangsläufig marginalisiert wurde und nur im Exil fortgesetzt werden konnte. 1 Die wichtigsten Werke Dmowskis waren die 1903 in Florenz und 1904 in Krakau erschiene Broschüre Myśli nowoczesnego Polaka [Die Gedanken eines modernen Polen] und das 1908 in Lemberg veröffentlichte Buch Niemcy, Rosja a sprawa polska [Deutschland, Russland und die polnische Frage]. Siehe Deutschland, Russland und die polnische Frage (Auszüge), in: Andrzej Chwalba (Hg.): Polen und der Osten, Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis, Frankfurt a. M. 2005. Dmowski prägte die innenpolitischen Diskurse in Polen bis zu seinem Tod 1938; er gehörte jedoch immer der politischen Opposition an. Im Unterschied zu seinem ideologischen Gegner Piłsudski gelang es Dmowski nicht, in Polen an die Macht zu kommen. 2 Dazu zählten die Polen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer und Tataren. 3 Der polnischen Armee, unter der Führung Józef Piłsudskis, gelang es unter geringen Verlusten, die sowjetischen Truppen, die von Michail Tuchačevskij geführt wurden, kurz vor Warschau zu zerschlagen. (Zum Ablauf des Krieges siehe Norman Davies: White Eagle, Red Star. The Polish-Soviet War. 1919–20, London 1972.) In der polnischen Exil- und postkommunistischen Historiografie wurde die Schlacht bei Warschau zum »Wunder an der Weichsel« (Cud nad Wisłą) stilisiert. Beispielhaft sind die Publikationen von Marek Tarczyński, Józef Szaniawski und die Memoiren von Franciszek A. Arciszewski. Siehe Franciszek A. Arciszewski: Cud nad Wisłą. Rozważania żolnierza [Wunder an der Weichsel. Abwägungen eines Soldaten], London 1957; Józef Szaniawski: Marszałek Piłsudski i Polacy w obronie Europy – cud nad Wisłą 1920 [Marschall Piłsudski und die Polen bei der Verteidigung Europas – Wunder an der Weichsel 1920], 2. Aufl. Warschau 2007; Marek Tarczyński: Cud nad Wisłą. Bitwa warszawska 1920 [Wunder an der Weichsel. Die Schlacht von Warschau 1920], Warschau 1990. Grund für diesen unerwarteten Sieg der polnischen Armee über die sowjetischen Truppen war vor allem, dass es den Kryptoanalytikern des polnischen Militärs gelungen war, die Nachrichten und Meldungen der sowjetischen Armeeführung und dementsprechend die Route der Bewegungen der sowjetischen Truppen rechtzeitig zu entziffern. Siehe Jan Bury: Polish Codebreaking during the Russo-Polish War of 1919–1920, in: Cryptologia 28 (2004), H. 3, S. 193–203. 4 Im April 1920 wurde die Republik Aserbaidschan, im November 1920 Armenien und im Februar 1921 Georgien von Sowjetrussland erobert. 5 Pierwszy zjazd Orientylistycznych Koł Młodych [Die erste Sitzung des Orientalistischen Zirkels der Jugend], S. 109, in: Wschód 3 (1932). 6 Timothy Snyder: Sketches from a Secret War: A Polish Artist’s Mission to Liberate Soviet Ukraine, Yale 2005, S. 40. 7 Prometeizm bezeichnet die »Zerstückelung« der Sowjetunion nach nationalem Prinzip, die durch eine gezielte Unterstützung der Freiheitsbestrebungen der nicht-russischen Nationen in der UdSSR erfolgen sollte: »Die Grundlage des Prometeizm ist die Verbindung der polnischen Interessen mit dem Interesse der Völker und Nationen, die durch den Moskauer Imperialismus bereits erobert oder einer solchen Bedrohung ausgesetzt sind, …« Siehe J. R. (wahrscheinlich Jan Reyman): Z dziejów prometeizmu polskiego [Aus der Geschichte des polnischen Prometeizms], in: Wschód 8 (1937), H. 1–2, S. 1–19, hier S.1; zur Geschichte der Prometeizm-Bewegung bei Richard Woytak: The Promethean Movement in Interwar Poland, in: East European Quarterly 18 (1984), H. 3, S. 273–78; Sergiusz Mikulicz: Prometeizm w polityce II Rzeczypospolitej [Der Prometeizm in der Politik der Zweiten Republik], Warschau 1971; Jan Lewandowski: Federalizm, Litwa i Białoruś w polityce obozu belwederskiego [Föderalismus, Litauen und Belarus in der Politik des Regimes in Belveder], Warschau 1962; Andrzej Nowak: Polska i trzy Rosje. Studium polityki wschodniej Józefa Piłsudskiego (do kwietnia 1920 roku) [Polen und drei Russland. Das Studium der Ostpolitik von Józef Piłsudski (bis April 1920)], Krakau 2001; ders.: Jak rozbić rosyjskie imperium? Idee polskiej polityki wschodniej 1733–1921 [Wie kann man das russische Imperium zerstören? Die Ideen der polnischen Ostpolitik 1733–1921], Warschau 1995; Marek Kornat: Bolszewizm, totalitaryzm, rewolucja, Rosja. Początki sowietologii i studiów nad systemami totalitarnymi w Polsce (1918–1939) [Bolschewismus, Totalitarismus, Revolution, Russland. Die Anfänge der Sowjetologie und der Totalitarismusforschung in Polen (1918–1939)], Krakau 2003; ders.: Polska szkola sowietologiczna. 1930–1939 [Polnische sowjetologische Schule 1930–1939], Krakau 2003; ders.: Polityka równowagi (1934–1939). Polska między Wschodem a Zachodem [Die Politik des Gleichgewichts (1934–1939). Polen zwischen dem Osten und dem Westen], Krakau 2007; Włodzimierz Bączkowski: O wschodnich problemach Polski. Wybór pism [Über die östlichen Probleme Polens. Eine Auswahl der Schriften], Krakau 2000; Andrzej Grzywacz/Marcin Kwiecień/Grzegorz Mazur (Hg.): Zbiór dokumentów ppłk. Edmunda Charaszkiewicza [Die Sammlung der Dokumente von Oberst Edmund Charaszkiewicz], Krakau 2000; Tat’jana Simonova: Prometeizm vo vnešnej politike Pol’ši 1919–1924 gg. [Prometeizm in der Außenpolitik Polens 1919–1924], in: Novaja i novejšaja istorija (2002), H. 4, S. 47–63. 8 Die Vorreiter waren die Zeitschriften, die kurzfristig nach der Wiederherstellung des polnischen Staates gegründet wurden. Besonders erwähnenswert sind dabei Przymierze [Union] (1920–1921) und Wschód polski [Der polnische Osten] (1920–1922). Die Autoren der beiden Zeitschriften widmeten sich intensiv der Analyse und Kritik des russischen Kommunismus. 9 Włodzimierz Bączkowski wurde 1905 als Sohn einer Familie polnischer Deportierter in Sibirien geboren. Er nahm am Unterricht einer russischen Schule teil und wurde somit bereits als Kind mit dem Problem der Russifizierungspolitik im Zarenreich konfrontiert. Nach der Rückkehr nach Polen gehörte Bączkowski zu den wichtigsten Aktivisten der Prometeizm-Bewegung. Er redigierte die Zeitschriften Wschód und Biuletyn polsko-ukraiński [Polnisch-ukrainisches Bulletin]. Nach der deutsch-sowjetischen Okkupation Polens 1939 ging er ins Exil. 2000 starb Bączkowski in den USA. Siehe Włodzimierz Bączkowski: O wschodnich problemach Polski. Wybór pism [Über die Ostprobleme Polens. Eine Auswahl der Schriften], Krakau 2000. 10 Włodzimierz Bączkowski: Betrachtungen über die deutsche Russlandpolitik, in: Wschód 9 (1938), H. 3, S. 9–20, hier S. 10. 11 Jerzy Giedroyć wurde 1906 in Minsk geboren, studierte Jura in Warschau und gehörte bereits in den Dreißigerjahren zu den Unterstützern des polnischen Engagements in Osteuropa. Er gründete die Zeitung Bunt Młodych [Die Auflehnung der Jugend] und redigierte die erste Ausgabe von Wschód. Von 1947 bis 2000 gab er die bekannte Emigrantenzeitschrift Kultura in Paris heraus, die zu einem wichtigen Forum für polnische wie für ukrainische, weißrussische und russische Dissidenten und Exilhistoriker wurde. 2000 starb Giedroyć in der Nähe von Paris. Siehe Krzysztof Pomian (Hg.): Jerzy Giedroyć. Redaktor, polityk, człowiek [Jerzy Giedroyć. Redakteur, Politiker, Mensch], Lublin 2001. 12 Der Warschauer Historiker Marek Kornat behandelt in seiner Monografie die Anfänge der polnischen Sowjetologie und der Totalitarismusforschung 1918–1939. Der Zeitschrift Wschód widmet er dabei leider sehr wenig Aufmerksamkeit. Siehe Marek Kornat: Bolszewizm, totalitaryzm, rewolucja, Rosja (Anm. 7), S. 117 f. 13 Siehe Marx-Engels Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 361–380, zitiert nach: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_361.htm, ges. am 9. Juni 2010. 14 Stanisław Glass: Z zagadnień rozwojowych bolszewizmu (1903–1933 r.) [Zu den Entwicklungsphasen des Bolschewismus (1903–1933)], in: Wschód 4 (1933), H. 3–4, S. 5. 15 Ebd., S. 7. 16 Józef Pastuszka: Filozofia komunizmu – materializm [Die Philosophie des Kommunismus ist der Materialismus], in: Bolszewizm. Praca zbiorowa [Der Bolschewismus. Ein Sammelband], Lublin 1938, S. 1. 17 Ebd., S. 1 f. 18 Siehe Henryk Dembiński: Kolektywizm i totalizm jako zasady życiowe [Kollektivismus und Totalitarismus als Lebensprinzipien], S. 71–82 sowie Ignacy Czuma: Państwo sowieckie [Der sowjetische Staat], in: Bolszewizm (Anm. 16), S. 83–108. 19 Mahomet-Bej Czukua war ein nordkaukasischer Exilpolitiker. Mahomet-Bej Czukua: Kaukaz a Rosja [Der Kaukasus und Russland], in: Wschód 1 (1930), H. 2, S. 22. 20 Der Geheimdienstler Edmund Charaszkiewicz schrieb im Londoner Exil am 1. Dezember 1939 in einem Bericht zur Finanzfrage der Prometeizm-Bewegung, dass »ihm die Betreuung der Prometeizm-Angelegenheit 1927 anvertraut wurde und er sich seitdem um die finanziellen Aspekte dieser Angelegenheit kümmerte«. (Edmund Charaszkiewicz: Strona finansowa problemu prometejskiego [Die finanzielle Seite des prometheischen Problems], in: Grzywacz/Kwiecień/Mazur (Hg.): Zbiór dokumentów ppłk (Anm. 7), S. 81). Das Instytut Wschodni wurde dabei auf Initiative des polnischen Außenministeriums gegründet. Derjenige, der den Begriff Prometeizm einführte und die Kontakte zu nicht-russischen Exilanten im Nahen Osten und in Osteuropa aufnahm, war Tadeusz Schaetzel, der Militärattaché der polnischen Botschaft in Ankara (1924–1926). (Siehe Marek Kornat: Bolszewizm, totalitaryzm, rewolucja, Rosja (Anm. 7), S. 62 f.). Während man beim Funktionieren des Prometheisten-Netzwerkes eine Verflechtung und Zusammenarbeit der polnischen Behörden beobachtet, war die Idee des Prometeizm zweifelsohne mit Józef Piłsudski und seiner Russlandvision verbunden. 21 Niezbrzycki leitete das Ostreferat des polnischen Auslandsnachrichtendienstes (Oddział II Sztabu Głównego). In Wschód veröffentlichte er unter dem Pseudonym M. M. (Siehe Kornat: Bolszewizm, totalitaryzm, rewolucja, Rosja (Anm. 7), S. 118). 22 Wschód-Chefredakteur Włodzimierz Bączkowski warnte auch vor den polnischen Russophilen. Siehe Włodzimierz Bączkowski: Problem prometejski [Das prometheische Problem], in: Wschód 9 (1938), H. 1, S. 1. 23 Erwähnenswert sind hier Artikel in den Zeitschriften Le Polonais und Portofolio. Portofolio wurde vom Fürsten Czartoryski und und dem polnischen Adeligen Jan Zamoyski gegründet. Es erschien auf Französisch und Englisch. Die Wschód-Autoren sahen in diesen Zeitschriften ihre Vorläufer. Siehe hierzu auch detailliert den Artikel des Autors J. R. von 1937: Z dziejów prometeizmu polskiego (Anm. 7), S. 1–19 und ders.: Polityka wschodnia ks. A. Czartoryskiego w świetle najnowszych badań naukowych [Die Ostpolitik des Fürsten Czartoryski im Spiegel der neuesten wissenschaftlichen Forschungen], in: Wschód 9 (1938), H. 3, S. 65–76. 24 Tadeusz Radwański: The Geopolitical Situation of Poland and the Promethian Movement (Summary), in: Wschód 7 (1935/1936), H. 4–1, S. 21. 25 Ders.: Idea prometejska na tle geopolityki Polski [Die prometheische Idee vor dem Hintergrund der polnischen Geopolitik], in: ebd., S. 17. 26 Ders.: The Geopolitical Situation (Anm. 24), S. 23. 27 Ebd., S. 21. 28 Ebd., S. 23. 29 M.: Zamiast kroniki Z. S. S. R. [Anstatt der Chronik der UdSSR], in: ebd., S. 43. 30 Die Stachanov-Bewegung wurde gerade in den Dreißigerjahren populär und stand in einem engen Zusammenhang mit der von den Kommunisten angestrebten Planübererfüllung. Der russische Arbeiter Aleksej Stachanov übererfüllte den Plan in einer Kohlengrube in der Ostukraine und wurde deswegen zum Helden der Arbeit beschworen und sollte als Musterknabe für die sowjetischen Werktätigen dienen. 31 M.: Zamiast kroniki Z. S. S. R. (Anm. 29), S. 44. 32 Die berüchtigte Bestrafungsgarde des Zaren Ivan des Schrecklichen. 33 Das Territorium, das zu Herrscherzeiten Ivans des Schrecklichen von russischen Boyaren verwaltet wurde. 34 GPU (Gosudarstvennoe političeskoe upravlenie) ist die Abkürzung der Staatlichen Politischen Verwaltung, der sowjetischen Geheimpolizei. Die GPU war die Nachfolgeorganisation der berüchtigten Tscheka und wurde 1934 in das sowjetische Innenministerium eingegliedert. 35 M.: Zamiast kroniki Z. S. S. R. (Anm. 29), S. 49. 36 Władysław Pelc: Komintern – ZSSR – Rosja [Die Komintern – UdSSR – Russland], in: Wschód 7 (1936), H. 4, S. 29–39, hier S. 29. 37 Ebd., S. 30. 38 Ebd., S. 31. 39 Siehe Bączkowski: Problem prometejski (Anm. 22), S. 1–10. 40 Bączkowski: Betrachtungen (Anm. 10), S. 12. 41 Ebd. 42 Interessant ist auch die Auseinandersetzung Arnold Jaskowskis mit der Komintern. Er stellte diese als eine Bedrohung der Weltgemeinschaft dar, die aus dem militärischen, politischen, ökonomischen sowie literarischen und ideologischen Bereich stamme. Siehe Arnold Jaskowski: Komintern a przyszła wojna [Komintern und der zukünftige Krieg], in: Wschód 10 (1939), H. 7, S. 28–40. 43 Darüber schrieb Lenin in seinem Artikel O nacional’noj gordosti velikorossov [Über das nationale Gefühl von Stolz bei den Großrussen], der in der Zeitung Social-Demokrat am 12. Dezember 1914 veröffentlicht wurde. Siehe http://www.pkokprf.ru/data/37/gordost_velikorosov.htm, ges. am 9. Juni 2010. 44 Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen wurde von Lenin 1916 thematisiert. Siehe Vladimir Il’ič Lenin: Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, in: http://www.mlwerke.de/le/le22/le22_144.htm, ges. am 9. Juni 2010. 45 Michał Kowalewski: Gigantyczna walka nowoczesnego prometeusza [Ein gigantischer Kampf des modernen Prometheus], in: Wschód 2 (1931), H. 2, S. 3. 46 Ebd., S. 4. 47 Ebd., S. 5. 48 Prierwszy Zjazd Orjentalistycznych Koł Mlodych [Die erste Tagung des Orientalischen Zirkels der Jüngeren], in: Wschód 3 (1932), S. 109. 49 Gemeint waren die Ukrainer, die Nord- und Südkaukasier, die Krim- und Wolgatataren, die Völker Zentralasiens, Sibiriens und Kareliens. 50 Kosta Zangi: Kult nienawiści i teroru [Der Kult des Hasses und des Terrors], in: Wschód 7 (1935/1936), H. 4–1, S. 87–89, hier S. 88. 51 Leon Wasilewski kannte viele der georgischen und ukrainischen Sozialdemokraten und Sozialisten noch von den gemeinsamen Treffen 1904/05. 52 Wschód 7 (1936), H. 2–3, S. 53. 53 Ebd. 54 Ebd., S. 58. 55 Siehe Grigori Uratadze: Rola ludzi i warunków w dziejach upadku republik kaukaskich [Die Rolle der Menschen und die Umstände des Untergangs der kaukasischen Republiken], S. 71–80 sowie Jerzy Nakaszydze: Idea niepodległościowa w literaturze gruzińskiej XIX wieku [Der Unabhängigkeitsgedanke in der georgischen Literatur des 19. Jahrhunderts], in: Wschód 8 (1937), H. 1–2, S. 99–102; A. [vermutlich Arschak] Dżamalian: Współczesna sytuacja narodu ormiańskiego [Die aktuelle Lage des armenischen Volkes], in: Wschód 9 (1938), H. 3, S. 46–64. 1938 wurde eine größere Monografie des aserbaidschanischen Emigranten REsulzadE, Azerbajdżan w walce o niepodległość [Aserbaidschan im Kampf für Unabhängigkeit], in Warschau herausgegeben, von der einzelne Teile vorher in Wschód abgedruckt worden waren. 56 Siehe Jan Lipowiecki: Ukraina w sowieckim »kolonizacyjnym marszu« na Wschód [Die Ukraine im sowjetischen »Kolonisierungszug« gen Osten], in: Wschód 9 (1938), H. 4, S. 23–30. 57 Aus einem bekannten Lied sowjetischer Häftlinge. Zitiert nach M.: Katorga w Z.S.S.R [Arbeitslager in der UdSSR], in: Wschód 8 (1937), H. 1–2, S. 91. 58 Włodzimierz Bączkowski: Wojujące państwo [Der kämpfende Staat], in: Wschód 3 (1932), H. 1–2, S. 43. 59 Ebd., S. 45. 60 Ebd., S. 49. 61 Józef Iskierka: Trzecia konstytucja sowiecka [Die dritte sowjetische Verfassung], in: Wschód 7 (1936), H. 2–3, S. 34–41. 62 Pelc: Komintern – ZSSR – Rosja (Anm. 36), S. 32. 63 Artur Rundt: Sowiety budują nowego człowieka, Warschau 1932. Zum deutschen Original siehe Arthur Rundt: Der Mensch wird umgebaut. Ein Rußlandbuch, Berlin 1932. 64 H. R. Knickerbocker: Czerwony Handel Grozi [Der rote Handel droht], Warschau 1932. 65 Emile Schreiber: Comment on vit en U.R.S.S. [Wie man in der UdSSR lebt], Paris 1931. 66 Sowiety w oczach francuskiego dziennikarza [Die Sowjets in den Augen eines französischen Journalisten], in: Wschód 3 (1932), H. 3–4, S. 119. 67 Butyrka steht als Abkürzung für Butyrskaja tjur’ma [Butyrskaja-Gefängnis]. Butyrka war eine Haftanstalt in der Nähe von Moskau, in der Tausende von politischen Häftlingen insbesondere während des Stalin’schen Terrors, aber auch später eingesperrt worden sind. 68 Gemeint ist damit das damalige Lager auf der Soloveckij-Insel für politische Gefangene und Regimekritiker. 69 Sowiety w oczach francuskiego dziennikarza (Anm. 66), S. 119. 70 O pracy w ZSSR [Über die Arbeit in der UdSSR], in: Wschód 7 (1936), H. 6, S. 21. 71 Siehe M.: Katorga (Anm. 57), S. 80–94. 72 Ebd., S. 81. 73 Vor allem bezog er sich auf die Broschüre des ukrainischen Autors Witalij Jurczenko: Piekło na Sołowkach [Hölle auf Solowki], Lemberg 1931 und den von L. Czykalenko 1931 in Warschau herausgegebenen Sammelband Sołowiecka katorga [Arbeitslager in Solowki] sowie auf das 1936 in Schanghai erschienene Buch von Nikolaj Kiselev-Gromov Obozy śmierci w ZSSR [Todeslager in der UdSSR]. 74 Z zagadnień ukraińskich [Zur ukrainischen Frage] Wschód 3 (1932), S. 113. 75 Besonders wichtig zu erwähnen ist die genozidale Vorgehensweise der Moskauer Regierung in den ukrainischen Gebieten 1930–1932, die in der Historiografie als Hungersnot bzw. Holodomor bekannt ist. 76 Wschód 4 (1933), H. 3–4, S. 3 f. 77 M.: Zamiast kroniki Z.S.S.R. (Anm. 29), S. 50–52. [Hervorhebungen gemäß Original.]

JHK 2011

Der Spartakusführer Hugo Eberlein und die kurze Räteherrschaft in Berlin-Mariendorf. Notizen über eine unveröffentlichte Rede Eberleins vom 19. November 1918

Ottokar Luban

Der prominente KPD- und Komintern-Funktionär Hugo Eberlein (1887–1941) ist den Historikerinnen und Historikern der Arbeiterbewegung vor allem als Teilnehmer des Gründungskongresses der Kommunistischen Internationale (Komintern) im März 1919 bekannt geworden. Per einstimmigem Beschluss der Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) war er mit dem gebundenen Mandat zur internationalen Konferenz in Moskau geschickt worden, um gegen die Gründung der Kommunistischen Internationale zu stimmen: Die KPD-Führung hielt – wie auch Rosa Luxemburg noch vor ihrer Ermordung gegenüber Eberlein erklärt hatte – die Gründung für wesentlich verfrüht, weil der neuen sozialistischen Internationale in den meisten Ländern noch die Massenbasis fehlte. Dennoch hatte sich Eberlein von anderen Konferenzteilnehmern überreden lassen, Stimmenthaltung zu üben, sodass der Gründungsbeschluss schließlich einstimmig erfolgen konnte.1 Die KPD befand sich 1919 nach der Ermordung ihrer Parteiführer Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches durch Freikorpstruppen, nach Verhaftungen vieler aktiver Mitglieder und Funktionäre sowie durch zeitweise Zeitungs- und Betätigungsverbote in einem desolaten Zustand. Deshalb erhielt Eberleins Abstimmungsverhalten wenig Beachtung und stieß auf keinerlei Widerspruch in der Partei. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Die Rote Fahne informierte erst Ende April 1919, sehr knapp und sachlich, ohne kommentierende Bemerkungen, über die einstimmig erfolgte Gründung der neuen Kommunistischen Internationale in Moskau. In dem Artikel wurden auch die von Eberlein im Namen der KPD geäußerten Bedenken wiedergegeben. Außerdem wurde darüber berichtet, dass Eberlein sich angesichts der ansonsten einhelligen Zustimmung der Stimme enthalten und dann den Anschluss an die Kommunistische Internationale »im Namen des deutschen revolutionären Proletariats«2 erklärt hatte. Auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Ende Dezember 1918 bereits in die Zentrale gewählt, übte Eberlein danach wichtige Funktionen in der deutschen und internationalen kommunistischen Bewegung aus. Nach seiner willkürlich erfolgten Verhaftung 1937 in Moskau, langen qualvollen Verhören und zwei Jahren Arbeitslager in Sibirien wurde er 1941 nach einem zweiten Prozess als eines von vielen Opfern des stalinistischen Terrors erschossen. 1956 erfolgte seine juristische Rehabilitierung durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR.3 Eberleins Wirken in der kommunistischen Bewegung auf nationaler und internationaler Ebene ist weitgehend dokumentiert. Demgegenüber ist seine kommunalpolitische Arbeit während des Ersten Weltkrieges und der Revolutionszeit 1918 in der damaligen Berliner Vorortgemeinde Mariendorf lediglich in einer heimatgeschichtlichen Broschüre beschrieben worden und daher so gut wie unbekannt geblieben.4 Ein im Berliner Landesarchiv aufgefundenes und im Folgenden abgedrucktes Dokument soll dies ändern. Ausführliche Notizen eines unbekannten Journalisten über eine Ansprache Hugo Eberleins auf einer öffentlichen Parteiversammlung am 19. November 1918 in Berlin-Mariendorf veranschaulichen beispielhaft zum einen wichtige Probleme der Demokratisierung auf der Ebene der Gemeinde beim revolutionären Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Zum anderen werden auch die individuellen, von der Linie der übrigen Spartakusführer leicht abweichenden Auffassungen Eberleins über die revolutionäre Taktik deutlich. Ein linker Sozialdemokrat von der Parteibasis Eberlein muss bereits vor dem Ersten Weltkrieg zum Kreis um Rosa Luxemburg gehört haben. Denn am 4. August 1914 war er bei dem kurzfristig einberufenen Treffen in ihrer Wohnung dabei, als linke SPD-Genossen wie Franz Mehring, Wilhelm Pieck, Ernst Meyer, Hermann Duncker u. a. über die für sie vollkommen überraschend erfolgte Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu den Kriegskrediten berieten.5 Als Lithograf war Eberlein in der Führungsriege dieser weitgehend aus Akademikern bestehenden politischen Gruppierung der zweite Arbeiter neben dem gelernten Tischler Wilhelm Pieck.6 Vor allem aber fungierte er als ein wichtiges Bindeglied zwischen Luxemburg-Kreis und Groß-Berliner Parteibasis. Als Vorsitzender des Ortsvereins Berlin-Mariendorf gehörte er auch dem Vorstand des Verbandes der Groß-Berliner Wahlvereine an. Ab Frühjahr 1915 organisierte er zusammen mit weiteren linken Aktivisten der SPD-Organisation von Groß-Berlin die Opposition in der Reichshauptstadt gegen die Burgfriedenspolitik der Mehrheit der Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes.7 Nach der Verhaftung von Wilhelm Pieck Ende Mai 1915 übernahm er dessen Aufgabe, die Verbindung der Gesamtopposition in Berlin, die von den gemäßigten Linken um Georg Ledebour und Arthur Stadthagen bis zum Luxemburg-Kreis reichte, mit anderen Oppositionsgruppen im Reich herzustellen und zu pflegen, von der Organisation des Drucks und Vertriebs oppositioneller Agitationsmaterialien bis zur Abwicklung finanzieller Fragen.8 Kein Wunder, dass Eberlein für den Luxemburg-Liebknecht-Kreis als ein »uns völlig ergebener und einflußreicher Mann« galt.9 Am 14. September 1915 wurde er wegen seiner aktiven Beteiligung an der Antikriegsagitation verhaftet und anschließend trotz eines schweren Asthmaleidens zur Armee einberufen, aus der er erst 1916 aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen wurde. Sogleich nahm er seine politischen Aktivitäten wieder auf. Am 16. Juni wählte ihn die Generalversammlung der mitgliederstärksten SPD-Wahlkreisorganisation Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg (mit bevölkerungsreichen, damals noch selbstständigen Städten und Gemeinden des Groß-Berliner Raumes wie Charlottenburg und Neukölln) zum Vorsitzenden. Der neue Vorstand setzte sich überwiegend aus Anhängern der Spartakusgruppe sowie der gemäßigten Opposition zusammen.10 Doch kurz darauf zogen ihn die kaiserlichen Behörden wieder aus dem Verkehr. Er wurde verhaftet und anschließend erneut in die Armee einberufen, obwohl er wegen seiner Asthmaanfälle wiederholt ins Lazarett eingeliefert werden musste.11 Den Rest des Krieges verbrachte Eberlein überwiegend in einer Garnison in Ostpreußen. In Danzig übte er im November 1918 in den ersten Revolutionstagen die Funktion eines 2. Vorsitzenden des Soldatenrates aus, bevor es ihn wieder nach Berlin zog, wo er wahrscheinlich circa eine Woche nach dem revolutionären Umsturz eintraf. Hier wurde er als eine Art Geschäftsführer in der Führung des Luxemburg-Liebknecht-Kreises aktiv, der sich am 11. November 1918 den Namen »Spartakusbund« gegeben hatte, aber noch in der USPD verblieben war.12 Eberlein als Gemeindevertreter in Berlin-Mariendorf Auch in der Gemeinde seines Wohnortes Mariendorf ergriff er wieder die politische Initiative. Seit 1916 war Eberlein einer von acht SPD-(später USPD-) Gemeindevertretern in Mariendorf. Als er 1916 auf einer Sitzung der Gemeindevertretung mit aller Schärfe die Ernährungspolitik der Reichsregierung kritisierte, rief er damit die lautstarke Entrüstung der bürgerlichen Gemeindevertreter hervor und musste nach mehreren Ordnungsrufen des Bürgermeisters Holle seine Rede abbrechen.13 Auf diesen Vorfall sollte Eberlein über zwei Jahre später in seiner Rede am 19. November 1918 noch einmal zurückkommen. Aufgrund ihres Prozentanteils bei den Gemeindewahlen hätte die SPD eigentlich mehr Mandate erhalten müssen, wie die Geschichte der Kommunalwahlen seit 1906 in Berlin-Mariendorf und den Nachbargemeinden zeigt. Aber die Sozialdemokraten wurden auf der Kommunalebene nicht nur durch das undemokratische preußische Dreiklassenwahlrecht mit offener Stimmabgabe stark beeinträchtigt, sondern auch durch die Beschränkung des passiven Wahlrechts auf Bürger mit Grundbesitz für Zweidrittel der Gemeindevertretersitze. Gerade in den Groß-Berliner Vorortgemeinden mit vielen zugezogenen Arbeitern und sozialdemokratischen Wählern machte sich diese extrem undemokratische Zusammensetzung der Kommunalparlamente bemerkbar,14 was von Eberlein in seinen nach der Novemberrevolution 1918 in Mariendorf gehaltenen Reden für wirkungsvolle politische Attacken genutzt wurde. Bürgermeister und Gemeindeverwaltungen versuchten auch nach dem 9. November 1918 diese undemokratischen Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und boykottierten häufig die Kontrolle durch die Arbeiter- und Soldatenräte.15 Das Bürgertum, das jahrzehntelang die Entrechtung der unteren Einkommensschichten billigend in Kauf genommen und keinerlei Anteil an den revolutionären Ereignissen im November 1918 hatte, machte in den südlichen Vororten schon eine Woche nach der Novemberrevolution mobil. Es rief zu Bürgerversammlungen auf, aus denen Bürgerräte oder Bürgerausschüsse – bald auch Bürgerwehren – hervorgingen, die die politische Gleichstellung auf allen Ebenen mit den Arbeitern – vor allem Wahlen zur Nationalversammlung – verlangten.16 Die Radikalisierung der Räteherrschaft in Berlin-Mariendorf In Berlin-Mariendorf hatte sich am 9. November 1918 ein hauptsächlich aus Arbeitern der im benachbarten Marienfelde ansässigen großen Firmen Daimler, Stock und Fritz Werner bestehender Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) gebildet. Dieser setzte sich paritätisch aus SPD- und USPD-Mitgliedern zusammen und startete zuallererst einen Aufruf an die Arbeiter, Bürger und Soldaten, Ruhe zu bewahren und mit der Gemeindeverwaltung zusammenzuarbeiten. Die örtliche Polizei leistete am 9. November gegenüber den Revolutionären wenig Gegenwehr, sondern übergab die Waffen an Vertreter des ASR. Allerdings wurden an den Folgetagen Sicherheitspatrouillen gebildet, die jeweils aus einem Polizisten mit roter Armbinde und einem revolutionären Soldaten bestanden.17 Am 16. November hielt der Wahlverein Mariendorf eine Veranstaltung ab, auf der eine radikale Resolution mit vier Gegenstimmen verabschiedet wurde. Die Versammlung lehnte »die Einberufung einer Nationalversammlung entschieden ab, da die soziale Republik nie in Gemeinschaft mit den Trägern des Kapitalismus durchgeführt werden kann. Die soziale Republik kann nur durch die Träger der Revolution, die Klasse des Proletariats, verwirklicht werden. Zu diesem Zweck ist ein reines Arbeiterparlament zu schaffen unter Ausschluß der Bourgeoisie. Der rücksichtslose Kampf der Arbeiterklasse gegen die besitzende Klasse ist gerade jetzt unbedingte Notwendigkeit.«18 Eberlein hatte ganz offensichtlich nicht an dieser Veranstaltung teilgenommen, da er in dem kurzen Bericht, den die Rote Fahne dazu abgedruckt hatte, nicht erwähnt wird.19 Schon am Tag der Versammlung, am 16. November, sowie erneut am 18. November war in den beiden Lokalzeitungen, der Berlin-Mariendorfer Zeitung und der Berlin-Tempelhofer Zeitung, eine weitere Veranstaltung der Sozialdemokraten in Mariendorf für den 19. November mit dem vagen Thema »Die Aufgaben der neuen Zeit« per Anzeige angekündigt worden. Der Referent sollte erst auf der Versammlung benannt werden. Erstaunlicherweise hatten sowohl die USPD als auch die SPD von Mariendorf die Anzeige unterzeichnet.20 Es war also eine gemeinsame Veranstaltung der beiden sozialdemokratischen Parteien, was erklärt, warum sie sowohl mit einer kleinen Notiz im Vorwärts vom 19. November (Morgenausgabe) als auch in einem kurzen Bericht am 23. November Erwähnung fand.21 In Letzterem wird Hugo Eberlein als Referent genannt. Da er auf der Mariendorfer USPD-Veranstaltung am 16. November offensichtlich noch nicht aufgetreten war, wird er höchstwahrscheinlich unmittelbar vor dem 19. November aus Danzig nach Berlin zurückgekehrt sein und nicht erst am 24. November, wie in einer biografischen Skizze von Hamann – ohne Quelle – angegeben wird.22 Über die Rede Eberleins vom 19. November sind relativ ausführliche handschriftliche Aufzeichnungen erhalten geblieben, wahrscheinlich aus der Hand des nicht namentlich bekannt gewordenen Vorwärts-Journalisten, wofür einige Übereinstimmungen mit dem Kurzbericht im Vorwärts vom 23. November sprechen. Eberleins Rede gibt einen unmittelbaren Einblick in die revolutionäre Rhetorik und Argumentation eines führenden Spartakusvertreters. Bemerkenswert, wie er dabei geschickt auf die lokalen Verhältnisse Bezug nimmt, die ihm als langjährigem, ortsansässigen Politiker bestens vertraut sind. Die äußerst undemokratische Zusammensetzung der Gemeindevertretung bildet den Hintergrund für die grob wirkende, scharfe Polemik gegen diese Institution und den Bürgermeister. Die harten Repressionsmaßnahmen gegen die Sozialdemokraten, insbesondere gegen die Linke während des Krieges, erklären die tiefe Abneigung gegen die Angehörigen der vormaligen kaiserlichen Polizei. Erstaunlich, dass Eberlein keinerlei Angriffe gegen die Mehrheitssozialdemokraten richtet, sondern von getrennten Wegen, aber einem gemeinsamen Ziel spricht. Hier scheint in Berlin-Mariendorf – wie schon die zusammen von beiden Organisationen unterzeichnete Einladung zur Versammlung zeigt – eine gewisse Gemeinsamkeit bestanden zu haben, die von Eberlein mitgetragen wurde, während andere Spartakusführer wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht eine scharfe Abgrenzungspolitik verfolgten. Dabei nennt Eberlein in seiner Mariendorfer Rede laut den im Folgenden abgedruckten Notizen interessanterweise gleich drei Parteien: »Sozialdemokraten, Unabhängige, Spartakusleute«. Offensichtlich sah er den Spartakusbund bereits als eine eigene Partei, obwohl dessen Führung am 11. November ein Verbleiben in der USPD beschlossen hatte. Dokument Handschriftliche Aufzeichnungen eines namentlich nicht bekannten Journalisten über die Rede Hugo Eberleins23 I 19. Nov. 1918. 8 Uhr abends (8–12 Uhr) Die Aufgabe der neuen Zeit. Öffentliche Versammlung in der Aula des Gymnasiums Kaiserstr. Sozialdemokr. Wahlverein Mariendorf. Bezirksorganisation Groß-Berlin. Spartakusvertreter Eberlein: Genossen: als ich das letzte Mal hier in dieser Aula mit Euch sprach, sagten nachdem meine Freunde, es sei gewiß das letzte Mal an diesem Orte gewesen; da ich dem Bürgermeister wohl zu radikal gesprochen habe. Heute sind wir hier aus eigener Machtvollkommenheit versammelt und kein Bürgermeister kann uns diesen Platz verwehren. – Unsere neue Regierung jetzt – hat schon mit einem Verbrechen begonnen, indem sie sich schützend vor die Kapitalisten stellt. – Die Arbeiter- und Soldatenräte, in denen sich ehemalige Offiziere breitzumachen wagen, müssen gründlich durchgesiebt werden, das ist Ehrenpflicht des Proletariats. Die Nationalversammlung braucht nicht stattzufinden, denn wir Arbeiter u. Prole- [I Rückseite: ] tarier haben die Macht selbst erobert und lassen sie uns nicht wieder aus den Händen reißen. Laßt Euch nicht [gestrichen: wieder] dumm machen! Fragt doch die Bürger, was sie vor und während der Revolution getan haben! Die Gründung des Bürgerrates am 17. Nov. war das reine Theater, fragt sich nur, wie stellen wir uns zu diesem Bürgerrat! Bloß die Geistlichen haben bis jetzt noch keinen Rat gebildet! (Gelächter). Eigentümlich! – einen Bürgerrat zu wählen, wo doch das Volk bereits bewiesen hat, daß es allein jetzt Herr im Hause ist. Wäre die Revolution fehlgeschlagen und das Kaiserreich geblieben, dann würden sie unserer Regierung nicht feige zum Munde reden, wie sie es jetzt tun. Früher war die Regierung: Reichskanzler, Staatsminister, Staatssekretäre – von oben nach unten beeinflußt. Jetzt ist die Regierung von unten nach oben beeinflußt. Der Arbeiterrat schiebt den Vollzugsrat nach seinem Willen, der wieder den Vollzugsausschuß, welcher dann die Regierung den Willen des Volkes auszuführen heißt. Denn nicht Ebert, Scheidemann, Haase sind die Regierung, sondern das Volk und der Arbeiterrat! II Landräte und Regierungspräsidenten sind der Ausdruck der Gewalt der Kapitalisten, fort mit ihnen! Seit 4 Tagen ist in Mariendorf ein Soldatenrat. Wir sind jetzt oberste Instanz und haben zu befehlen, und wollen sie nicht wie wir, so zeigen wir den Herren, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. (Gelächter u. Beifall.) Ebenso die Gendarmen müssen raus, diese Halunken, nehmt dafür Arbeiter mit Waffen, die sich dazu freiwillig melden u. die Gewalt in die Hand nehmen, die brauchen keine Dienstvorschrift (!!) Schutzleute mit der roten Armbinde führen heute immer noch den Sicherheitsdienst, dieses Gesindel! Duldet es nicht länger; die Schamröte steigt mir ins Gesicht, wenn ich denke, dass diese Kerls noch über uns stehen. Schickt die Schutzleute, die stark, gesund und faul sind, in Bergwerke u. Fabriken, laßt sie schwer arbeiten und Männer aus unserer Mitte – aus dem Proletariat – mögen sich melden, die den Sicherheitsdienst mit Waffen übernehmen, dazu brauchen sie keine Dienstordnung. – [II Rückseite:] Hört nicht auf das feige Angstgeschrei der bürgerlichen Meute; wir müssen unsere Macht gebrauchen – rücksichtslos – und dieses Gesindel nicht hoch kommen lassen, auf daß sie unsere Macht nicht zerstören die Kapitalisten und die Bürger, – denselben verwandt und verschwägert, – sind Schmarotzer und deshalb sollen sie in Zukunft herunter zu uns, zwingt sie zur Arbeit! Offiziere brauchen wir nicht mehr, hier muß eine rote Garde, ein Arbeiter-Parlament Gewalt und Macht bekommen! Offiziere sind Vertreter der Klasse der Kapitalisten! – Wir dürfen nicht bloß Führer wählen und denken, dann sei unsere Arbeit geleistet; jeder einzelne Proletarier muß mitarbeiten u. sich nicht auf die gewählten Führer verlassen. – Braunschweig hat bereits keine Soldaten mehr, sondern rote Garde, wir müssen es ihnen nachtun und dürfen damit nicht zögern. – Am Donnerstag nachm. 4 od. 5 [Uhr] findet im hiesigen Rathause eine Sitzung der Gemeindevertretung statt. Laßt Euch das nicht mehr gefallen, schmeißt sie III raus, die Kerls, geht in geschlossenem Zuge hin, denn Ihr habt die Macht zu bestimmen, Genossen, und nicht mehr sie! Denkt Euch: auch mich hat man sogar zu dieser Sitzung eingeladen (höhnisch u. eingebildet) mich! (Gelächter). Also am Donnerstag nachm. versammeln in der Dorfstr. u. die Gemeindevertretung mitsamt dem Bürgermeister zum Teufel jagen! (Beifall u. Zustimmung) (Sitzung [der Gemeindevertretung] ist ausgefallen.24) Wir sind hier doch kein evangelischer Jungfrauenverein! Die Macht und nicht die Ethik macht die Politik. Wir müssen ohne Rücksicht gegen die Bourgeoisie vorgehen und auf ihr Angstgeschrei nicht hören. Die Moral beiseite setzen! – Kampf und Macht ist unser Programm. Wir drei Parteien: Sozialdemokraten, Unabhängige, Spartakusleute; können unsere getrennten Wege getrennt bis zum Ziel gehen, uns aber dann zusammenschließen und gemeinsam schlagen, wenn es geht gegen Kapitalismus und Bürgertum. Habt Ihr nicht gemerkt, daß all diese Herren viel [III Rückseite:] höflicher gegen Euch geworden sind aus Feigheit und Angst vor Euch? (Gelächter.) Bis jetzt haben die Glocken zur Muckerfrömmigkeit geläutet, morgen müssen sie alle Glocken läuten für unsere Opfer der Revolution. – Wenn wir zum zweiten Mal auf die Straße gehen, dann müssen wir den Kampf rücksichtsloser durchführen mit der Waffe in der Hand gegen dieses feige Bürgergesindel, das sich in den Ecken verkrochen hat u. nicht hervorwagte. – Hier werden Zurufe laut: »Lebensmittelvorräte im Schloß!« [Forts. Eberlein:] Der Kaiser ist nur einer von der Sippschaft, die anderen sind ebensolche Halunken, die ebenso noch auf ihren weißen Mehlsäcken sitzen. Schließt Euch zusammen, geht hin auf’s Land, holt Euch die Vorräte von den Großgrundbesitzern. Vor einigen Tagen bat mich der Landrat v. ? (Danzig) um Schutz gegen seine Landwirte, die nichts mehr geben wollten und was sie gegeben hätten, wiederhaben wollten. Wir müssen zusammenhalten untereinander, mit unseren russischen Brüdern, mit dem gesamten ausländischen Proletariat! Diese handschriftlichen Notizen eines Journalisten geben nur Eberleins Rede wieder, enthalten jedoch keinerlei Informationen über den weiteren Verlauf der Versammlung. Hier gibt der Vorwärts-Bericht vom 23. November einigen Aufschluss, in dem Eberleins Rede nur sehr kurz behandelt, aber Diskussionsbeiträge von SPD-Vertretern erwähnt werden: »Seine [Eberleins] Ausführungen brachten die bekannten Ansichten des Spartakusbundes. Er sprach dem Bürgertum jede Mitwirkung bei der Neuordnung ab. Eine Nationalversammlung sei die Preisgabe der Errungenschaften der Arbeiter. Zum Schluß forderte er die Versammlung auf, am Donnerstag alle Mann zu erscheinen, um die für nachmittags 5 Uhr anberaumte Gemeindevertretersitzung zu verhindern und die gewählten Vertreter zum Teufel zu jagen. Genosse B i n t e sowie einige weitere Redner, darunter Hellriegel vom Soldatenrat, forderten die Anwesenden zum Zusammenhalten und zur Einigkeit auf. Die Mehrheit der Versammlung war aber mit den Ansichten Eberleins einverstanden.«25 Die Folgen der Eberlein-Rede vom 19. November 1918 Auch in den drei Wochen nach seiner Ansprache vom 19. November hielt Eberlein an seiner radikalen Linie fest und nutzte weiterhin die revolutionäre Stimmung in der Mariendorfer Arbeiterschaft. Auf der nächsten USPD-Kundgebung in Mariendorf am 3. Dezember 1918 forderte er erneut die Einrichtung einer roten Garde und »die Absetzung des Gemeindeparlaments und die Vertretung der Gemeindeinteressen durch den Arbeiter- und Soldatenrat«. Weder einem USPD-Sprecher noch der prominenten SPD-Vertreterin Marie Juchacz gelang es, gegen Eberleins Argumente anzukommen. Die Versammlung stimmte für eine Resolution, die vollständig den von Eberlein vorgetragenen Auffassungen entsprach.26 Am 5. Dezember gelang es Eberlein sogar, die Sitzung der Mariendorfer Gemeindevertretung mithilfe von 250 Zuschauern zu sprengen. Er erklärte die Gemeindevertretung für abgesetzt. Der Arbeiterrat sollte die Geschäfte übernehmen.27 Diese Aktion wurde vom paritätischen alten ASR in Mariendorf, der sich am 9. November aus SPD- und USPD-Mitgliedern gebildet hatte, verurteilt, ebenso vom Tempelhofer ASR wie vom Vollzugsrat. Trotzdem übernahm am 11. Dezember ein auf 18 Personen erweiterter ASR die Geschäfte der Mariendorfer Gemeindevertretung. Der alte ASR beteiligte sich daran, in der Hoffnung, mäßigend einwirken zu können. Doch die Spartakusanhänger hatten die Mehrheit. Auf einer öffentlichen Sitzung am 12. Dezember, bei der auch Rosa Luxemburg anwesend gewesen sein soll, beschloss dieses Gremium mit zehn zu sieben Stimmen den Sieben-Stunden-Tag, eine Besoldungsreform, Notstandsarbeiten und Mieterschutz. Gleichzeitig wurde Protest gegen die Nichtentwaffnung der alten kaiserlichen Gardetruppen erhoben und gegen ihre Vereidigung auf den Rat der Volksbeauftragten statt auf den Vollzugsrat der ASR. Die vom ASR eingeladenen Vertreter des Gemeindevorstandes, Bürgermeister Holle und Kämmerer Stech, erklärten, dass aufgrund der Verordnungen der neuen Regierung die alte Gemeindeordnung in Kraft geblieben sei und den ASR lediglich eine Kontrollbefugnis zustehe. Deshalb äußerte der ansonsten immer kämpferische Eberlein Zweifel, ob trotz der Beschlüsse des Macht ausübenden ASR der im Amt belassene alte Gemeindevorstand diese Beschlüsse ausführen würde.28 Das Ende der Räteherrschaft Die Räteherrschaft in Mariendorf war von äußerst kurzer Dauer. Bereits am 18. Dezember 1918 fand sich wieder die alte, nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählte Gemeindevertretung unter dem Vorsitz des Bürgermeisters zu einer Sitzung zusammen.29 Offensichtlich hatte Eberlein resigniert, oder er hatte wegen seiner zunehmenden organisatorischen Aufgaben als Mitglied der Zentrale des Spartakusbundes keine Zeit mehr für den intensiven Einsatz auf kommunaler Ebene.30 Auch in anderen Groß-Berliner Kommunen wie in Neukölln, Spandau, Reinickendorf, Schöneberg, Lankwitz, Rahnsdorf und Lichtenberg wurde mit mehr oder minder langfristigem Erfolg, manchmal auch nur ansatzweise, die Ablösung der nach dem Dreiklassenwahlrecht zustande gekommenen kommunalen Parlamente und politischen Verwaltungsspitzen durch die ASR angestrebt. Insbesondere in Neukölln und Spandau waren Vertreter des Spartakusbundes die treibenden Kräfte für eine vollständige Räteherrschaft. Allerdings wirkte mit Ausnahme von Mariendorf nirgends ein Spartakusführer mit, und letztlich scheiterten all diese Versuche.31 Trotz der Novemberrevolution bestimmte damit in Berlin-Mariendorf wie in fast allen anderen Gemeinden, Landkreisen und Städten Preußens weiterhin ein aus der Kaiserzeit stammendes undemokratisch zusammengesetztes, parlamentarisches Gremium die lokalen öffentlichen Angelegenheiten, bis Ende Februar 1919 Kommunalwahlen nach einem demokratischen Wahlrecht stattfanden. Weil die neue preußische Regierung mit den Ausführungsvorschriften lange auf sich warten ließ, konnten die jeweiligen politischen Spitzen der kommunalen Exekutive – von Ausnahmen abgesehen – sogar erst im Sommer 1919 entsprechend den neuen Mehrheitsverhältnissen gewählt werden. Der aufgrund des neuen demokratischen Wahlrechts zustande gekommene Brandenburgische Provinziallandtag trat sogar erst im Februar 1920 erstmalig zusammen.32 Somit regierten in Preußen auf kommunaler Ebene die alten, aufgrund des Dreiklassenwahlrechts in ihre Ämter gekommenen politischen Vertreter der Verwaltungen fast ein Dreivierteljahr lang nach der Novemberrevolution weiter. Diese verzögerte Demokratisierung an der Basis war – abgesehen von den ausbleibenden wirtschaftlichen und militärischen Reformen – ein wichtiger Faktor für die Radikalisierung der Arbeiterschaft. Das in der Geschichtsschreibung häufig kritisierte Belassen der alten Herrschaftsstrukturen aus der Kaiserzeit33 durch die mehrheitssozialdemokratischen Regierungen des Reiches und Preußens spielte sich also in Preußen auch auf der breiten kommunalen Ebene ab und erwies sich als ein erheblicher Belastungsfaktor für die Weimarer Republik.34 Sogar von Mitgliedern der unteren und mittleren Funktionärsebene der Mehrheitssozialdemokratie wurde diese Politik des preußischen Innenministers Wolfgang Heine auf dem SPD-Parteitag vom Juni 1919 auf breiter Front heftigst kritisiert.35 Nicht nur Linkssozialisten wie Eberlein, sondern viele engagierte Sozialdemokraten sahen die Notwendigkeit einer Beseitigung der alten, häufig republikfeindlichen Bürokratie und der Durchsetzung einer echten parlamentarischen Kontrolle auf der Ebene der Gemeinden, Landkreise und Städte als Voraussetzung für feste demokratische Strukturen auf der kommunalen Ebene. Eberlein, ab 30. Dezember 1918 Mitglied der KPD, war im November noch bereit, mit den Vertretern der USPD und SPD entsprechend zusammenzuarbeiten. Dieses Ansinnen wurde jedoch durch das folgende, oft gewaltsame Vorgehen der Freikorpstruppen gegen alle linken Kräfte und die Vertiefung der Spaltung in der Arbeiterbewegung unmöglich gemacht. 1 Siehe Hugo Eberlein: Spartakus und die Dritte Internationale, in: Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 28, 29. Februar 1924, S. 307; Alexander Vatlin: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure, Berlin 2009, S. 25–34; Wladislaw Hedeler/Alexander Vatlin (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919, Berlin 2009, S. LVIII/LIX, S. 123–127. 2 Die Rote Fahne. Zentralorgan des Spartakusbundes, Nr. 59 vom 27. April 1919. 3 Siehe Hermann Weber/Andreas Herbst (Hg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, Berlin 2004, S. 168–170. 4 Siehe Christoph Hamann: Hugo Eberlein ante portas? Die Revolution 1918/19 und der Mariendorfer Putsch, in: 100 Jahre Arbeiterbewegung in Tempelhof, hg. vom »Verein zur Heimatpflege, Heimatkunde, Geschichte und Kultur Tempelhofs« aus Anlaß der Gründung des Sozialdemokratischen Wahlvereins Tempelhof/Mariendorf vor 100 Jahren am 29. März 1891, Berlin-Tempelhof 1991, S. 37–51. 5 Siehe Ilse Schiel/Erna Milz (Hg.): Karl und Rosa. Erinnerungen. Zum 100. Geburtstag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Berlin [Ost] 1971, S. 56–58. 6 Siehe Ottokar Luban: Rosa Luxemburgs Demokratiekonzept. Ihre Kritik an Lenin und ihr politisches Wirken 1913–1919, Leipzig 2008, S. 182, S. 192–194. (Der gelernte Schmied Karl Schulz gehörte lediglich von Mai bis August 1918 zur Führung der Spartakusgruppe.) 7 Siehe Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (im Folgenden: BArch Berlin), NY 4092, Nr. 4, Bl. 1–12. 8 Siehe Brief Franz Mehrings an Unbekannt vom 19. September 1915, in: BArch Berlin, NY 4043, Nr. 8, Bl. 144 (Fotokopie des Briefes), Bl. 148 (Klarschrift). 9 Brief Rosa Luxemburgs an Marta Rosenbaum vom 5. Januar 1915, in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Bd. 5, Berlin [Ost] 1984, S. 32. 10 Siehe Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED [IML] (Hg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon, Berlin [Ost], S. 103; Heinz Habedank u. a. (Hg.): Geschichte der revolutionären Berliner Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis 1917, Bd. 1, Berlin [Ost] 1987, S. 602 f. 11 Siehe Schreiben Eberleins an Stabsarzt, o. D. [Ende 1916?], in: Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Staatliches Archiv für Gesellschafts- und Politikgeschichte (im Folgenden: RGASPI) Moskau, fonds 528, opus 2, dello 364, Blatt 103 f. 12 Siehe Weber/Herbst (Hg.): Deutsche Kommunisten (Anm. 3), S. 168. 13 Siehe Christoph Hamann: »In das königstreue Tempelhof kommt kein Sozialdemokrat hinein!« Der Siegeszug der SPD bei den Wahlen im Berliner Süden vor dem 1. Weltkrieg, in: 100 Jahre Arbeiter-bewegung in Tempelhof (Anm. 4), S. 24; ders.: Hugo Eberlein ante portas? (Anm. 4), S. 39. 14 Siehe Hamann: »In das königstreue Tempelhof…« (Anm. 15), S. 18–20, S. 23 f., S. 32; Eberhard Kolb: Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918–1919, S. 265–267 (hier für die gesamten kommunalen Einrichtungen). 15 Siehe Hamann: Hugo Eberlein ante portas? (Anm. 4), S. 45 f. 16 Ebd., S. 46. 17 Ebd., S. 47 f. 18 Die Rote Fahne. Zentralorgan des Spartakusbundes, Nr. 3 vom 18. November 1918, S. 4, Rubrik »Aus Groß-Berlin. Mariendorf«. 19 Ebd. 20 Siehe Berlin-Mariendorfer Zeitung. Publikationsorgan der Amts- und Gemeindeverwaltung Berlin-Mariendorf, Nr. 267 vom 16. November 1918; ebd., Nr. 268 vom 18. November 1918; Berlin-Tempelhofer Zeitung, Publikationsorgan der Amts- und Gemeindeverwaltung Berlin-Tempelhof, Nr. 267 vom 16. November 1918; ebd., Nr. 268 vom 18. November 1918. 21 Vorwärts. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Nr. 319 vom 19. November 1918 (Morgenausgabe), Beilage, S. 2, Groß-Berliner Parteinachrichten, Mariendorf [Ankündigung]; ebd., Nr. 322 vom 23. November 1918 (Morgenausgabe), Beilage, S.1, Groß-Berliner Parteinachrichten, Mariendorf [Kurzbericht]. 22 Hamann: Hugo Eberlein ante portas? (Anm. 4), S. 47. 23 Siehe Landesarchiv Berlin, F 240, A 0177, Bl. I–III, jeweils mit Rückseite. Die bisher unveröffentlichten handschriftlichen Aufzeichnungen ohne Verfasserangabe befinden sich in der »Zeitgeschichtlichen Sammlung« des Landesarchivs Berlin, die hauptsächlich aus Flugblättern besteht. Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originalmanuskriptes sowie die darin vorgenommenen Unterstreichungen wurden vollständig übernommen. 24 Die Bemerkung über die Absage der Gemeindevertretersitzung beweist, dass es sich bei dem vorliegenden Dokument um die handschriftliche Übertragung von stenografischen Aufzeichnungen über die Rede Eberleins vom 19. November handeln muss, die vom Berichterstatter des Vorwärts offensichtlich erst am Mittwoch (20.), Donnerstag (21.) oder Freitag (22.) in Reinschrift vorgenommen wurde, als er schon von der Absage der Gemeindevertretersitzung erfahren hatte. Im Kurzbericht des Vorwärts vom 23. November (Anm. 21) wird sowohl über die Aufforderung Eberleins zur Sprengung der Gemeindevertretersitzung als auch über die Absage der Veranstaltung durch den Gemeindevorsteher am Mittwoch, den 20. November, informiert. 25 Vorwärts, Nr. 322 vom 23. November 1918 (Anm. 21). Bis auf diesen Bericht ist mir keine weitere Meldung in Berliner Zeitungen, weder in den Vorortzeitungen von Mariendorf oder Tempelhof, noch in der Roten Fahne, über die Mariendorfer Versammlung vom 19. November 1918 bekannt geworden. 26 Siehe Hamann: Hugo Eberlein ante portas? (Anm. 4), S. 48. 27 Siehe ebd., S. 49. 28 Siehe ebd., S. 49 f.; Frauke Bey-Heard: Hauptstadt und Staatsumwälzung Berlin 1919. Problematik und Scheitern der Rätebewegung in der Berliner Kommunalverwaltung, Stuttgart u. a. 1969, S. 101. 29 Siehe Hamann: Hugo Eberlein ante portas? (Anm. 4), S. 50. 30 Weder in der einschlägigen Literatur noch in den eingesehenen Quellen gibt es Angaben über die Gründe. 31 Siehe Bey-Heard: Hauptstadt (Anm. 28), S. 92–110; Heinz Habedank u. a. (Hg.): Geschichte der revolutionären Berliner Arbeiterbewegung. Von 1917 bis 1945, Bd. 2, Berlin [Ost] 1987, S. 50; zur Tätigkeit und dem Ende der ASR in der Provinz Brandenburg siehe Ingo Materna: Die Zentralstelle der Arbeiter- und Soldatenräte der Regierungsbezirke in der Provinz Brandenburg während der Revolution 1918/19, in: IWK – Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 35 (1999), H. 2, S. 208–224. 32 Siehe Bey-Heard: Hauptstadt (Anm. 28), S. 171–175, bes. S. 175 (zum Brandenburgischen Provinziallandtag). 33 Siehe dazu z. B. Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 69. 34 Hierzu detailliert und kritisch für alle kommunalen Ebenen: Kolb: Die Arbeiterräte (Anm. 14), S. 267–281. 35 Ebenda, S. 280 f.

JHK 2011

Die zeitgeschichtliche Forschung im Baltikum und der Antikommunismus

Olaf Mertelsmann

1Wer die zeithistorische Forschung im Baltikum insbesondere zur Ära der baltischen Sowjetrepubliken betrachtet, kann sich des Eindrucks eines starken antikommunistischen Untertons nicht erwehren. Dies lässt sich offensichtlich mit der historischen Erfahrung und der Genese der baltischen Zeitgeschichte erklären. Der Stalinismus forderte im Baltikum einen deutlich höheren Blutzoll als in den meisten ostmitteleuropäischen Ländern, und kaum eine Familie blieb unberührt. Wenn die baltischen Sowjetrepubliken sich nach dem Tode Stalins auch zu »Musterrepubliken« oder »Schaufenstern des Sozialismus« entwickelten, was im Falle der Estnischen SSR wohl am deutlichsten zutage trat, so wurde die Erinnerung an die Gewaltgeschichte der Vierziger- und Fünfzigerjahre im Freundes- und Familienkreis doch stets weitergetragen. Als sich mit den Reformen Gorbačëvs die Zensur abmilderte, sollte das Gedenken an den stalinistischen Terror ein wesentlicher Faktor zur Mobilisierung der Bevölkerung im Namen von Demokratisierung und schließlich Eigenstaatlichkeit werden. Bis heute steht der Status der eigenen Nation als Opfer des Stalinismus im Zentrum der historischen Erinnerung in den baltischen Staaten. Hierbei geht es nicht nur um das bloße Gedenken an Massenmord, Repressalien oder Deportationen, sondern auch um die für ein halbes Jahrhundert verlorene Chance, den Anschluss an den westeuropäischen Entwicklungsstand zu finden. Vor der Einverleibung in die Sowjetunion waren die baltischen Staaten nämlich fast auf dem sozioökonomischen Niveau eines Staates wie Finnland angelangt und deutlich entwickelter als Südeuropa. Heute zählen sie dagegen zu den ärmsten Mitgliedern der Europäischen Union. In diesem Zusammenhang lässt sich die starke Ablehnung des Kommunismus oder anderer linksgerichteter Ideologien aus der historischen Erfahrung ableiten. Das geht so weit, dass sich die estnischen Sozialdemokraten, die sich ohnehin eher als konservative Sozialliberale charakterisieren lassen, für nahezu ein Jahrzehnt als »Gemäßigte« (Mõõdukad) bezeichneten, um das Wort »sozialdemokratisch« nicht im Namen tragen zu müssen. In der baltischen Geschichtsschreibung dominiert seit der Erringung der Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg ein nationales Paradigma. Es wird vor allem die Geschichte der eigenen Nation geschrieben und nicht unbedingt Landesgeschichte betrieben. Auch unter den Sowjets blieb diese Prämisse bestehen, wenn auch im marxistisch-leninistischen Gewand und angereichert um die Idealisierung der Beziehung zur russischen Nation. Seit den späten Achtzigerjahren wird das nationale Metanarrativ nun als Opfererzählung mit antirussischen und bezüglich der Zeitgeschichte antikommunistischen Untertönen fortgeführt, wobei die eigene starke marxistische Tradition vor allem in Estland und Lettland nahezu ins Vergessen gerät. In der Sowjetzeit bestanden prinzipiell drei Narrative zur baltischen Zeitgeschichte. Das offizielle sowjetbaltische Geschichtsbild sollte in erster Linie eine Erfolgserzählung liefern, wenn auch seit der Regierungszeit Chruščëvs einzelne kritische Nuancen, zum Beispiel bezüglich der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, geduldet wurden. Zweitens bestand eine insgesamt langfristig wirkungsmächtigere Darstellung des baltischen Exils, die fachlich der sowjetbaltischen Historiografie überlegen und erstaunlich gut informiert war.2 Dem baltischen Exil war verständlicherweise ein antikommunistischer Unterton zu eigen. Drittens existierte eine im Familien- und Freundeskreis tradierte Überlieferung, die seit Ende der Achtzigerjahre auch publiziert wurde.3 In der Zeit des Untergangs des sowjetischen Regimes verschmolzen in erster Linie die Arbeiten des Exils mit der privat überlieferten Darstellung, und noch vor Öffnung der Archive begannen umfangreiche Arbeiten auf dem Gebiet der oral history, wie Interviews mit Zeitzeugen oder das Sammeln von Lebensberichten. Die »Archivrevolution«, also die Öffnung der vormals geheimen sowjetischen Archivbestände, ermöglichte anschließend, die »weißen Flecken« der eigenen Geschichte auf der Basis empirischer Forschung zu untersuchen. Zahlreiche Kommissionen und Historiker nahmen sich besonders der Ära des Stalinismus an und legten ihre Schwerpunkte auf Terror, Widerstand, politische Geschichte und Zweiten Weltkrieg; doch auch die deutsche Okkupation und der Holocaust der baltischen Juden wurden, wenn auch mit Verspätung, gründlich untersucht. Beide Themen, Stalinismus und deutsche Besetzung sind tatsächlich eng miteinander verknüpft und dürfen nicht komplett isoliert betrachtet werden. Am bekanntesten sind die drei staatlichen internationalen Historikerkommissionen, die sich Ende der Neunzigerjahre formierten und eine umfangreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit an den Tag legten.4 In Estland ist die Historikerkommission inzwischen durch das Estnische Institut des historischen Gedächtnisses (Eesti Mälu Instituut) ersetzt worden.5 Methodisch wurde oftmals stark deskriptiv vorgegangen, sodass mitunter einfach der Inhalt der Quellen nacherzählt und die Analyse vernachlässigt wurde. Doch inzwischen zeichnen sich eine gewisse Internationalisierung sowie eine bessere Vernetzung der baltischen Zeitgeschichte ab.6 Das inhaltlich-methodische Niveau ist im Laufe der Zeit dank Impulsen aus dem Ausland und eines sich abzeichnenden Generationswechsels deutlich gestiegen. War in den Neunzigerjahren die Diskussion noch sehr emotional geprägt und konnte auch das Bestehen von Tabuthemen wie beispielsweise die Kollaboration mit den sowjetischen und nationalsozialistischen Machthabern nicht geleugnet werden, so ist die Debatte heutzutage weitaus sachlicher geworden, wie auf dem Baltischen Historikertreffen 2010 in Göttingen zu sehen war. Dort konnten baltische, deutsche und russische Forscher vorurteilsfrei über Normalisierung, Anpassung und das »Sich-Durchwursteln« in den baltischen Sowjetrepubliken diskutieren. Doch dass die Debatte unter Historikern sachlicher geworden ist, lässt sich noch nicht auf die Gesellschaft übertragen. Zwar stehen die heutigen Studenten, die nicht mehr der Erlebnisgeneration angehören, der sowjetischen Geschichte neutraler und neugieriger gegenüber als noch vor einem Jahrzehnt, aber in den Medien oder bei öffentlichen Veranstaltungen wird über die sowjetische Erfahrung deutlich emotionaler debattiert und eine Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus steht im Raum. Dies erklärt auch den Erfolg des lettischen Dokumentarfilms The Soviet Story aus dem Jahr 2008 unter der Regie von Edvīns Šnore. Obwohl der Film oft an einen Propagandastreifen erinnert, zahlreiche Fehler enthält und einen Teil seiner Argumentation auf gefälschten Dokumenten aufbaut, wurde er im Baltikum sehr positiv aufgenommen, denn er schien ja zu belegen, dass die Kommunisten genauso schlimm wie die Nazis waren. Selbst Historiker sind auf die plumpen Fälschungen hereingefallen. Wie antikommunistisch die Einstellung im Baltikum ist, mögen zwei Beispiele illustrieren. Im Jahr 2005, anlässlich eines Fußballspiels zwischen Mannschaften des estnischen Fernsehens und des estnischen Radios, trugen einige prominente Zuschauer ein T-Shirt, auf dem auf der Vorderseite »Wie lange noch?« (»Kaua võib?«) und auf der Rückseite »Kommunisten in den Ofen!« (»Kommarid ahju!«) mitsamt einer Namensliste von Parlamentsabgeordneten und anderen bekannten Politikern stand, die ehemals Mitglieder der Kommunistischen Partei gewesen waren. Unter den Trägern eines solchen T-Shirts befand sich auch Indrek Tarand, damals Direktor des Estnischen Militärmuseums und heute Abgeordneter des Europaparlaments. Anstatt Tarand zu feuern, trat der estnische Verteidigungsminister wegen des Skandals zurück. Die Losung »Kommunisten in den Ofen« stieß in der breiten Öffentlichkeit eher auf Zustimmung, und außerdem kam eine Expertise von Semiotikern zu dem Schluss, das Ganze sei harmlos. Inzwischen ist in Litauen das Zeigen kommunistischer ebenso wie nationalsozialistischer Symbole verboten. Ich denke, bei einer Volksbefragung in Lettland oder Estland würde sich die Mehrheit auch für ein solches Verbot aussprechen. Noch in den Neunzigerjahren fand sich in der baltischen Forschung immer wieder die These vom sowjetischen Genozid an den baltischen Völkern. Die seriöse Forschung hat inzwischen zunehmend davon Abstand genommen, jedoch ist die These unter den Autoren populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen weit verbreitet. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund agieren baltische Zeithistoriker, was die antikommunistische Grundlinie ein wenig erklären mag. Wer an bestimmten festgeschriebenen Geschichtsauffassungen rüttelt, gerät in Gefahr, als Nestbeschmutzer, Verharmloser des Stalinismus, vom Kreml bezahlt oder Geschichtsfälscher bezeichnet zu werden, allerdings ohne dass daraus berufliche Konsequenzen erwachsen würden. In Estland, das ich am besten kenne, haben sich gewisse öffentliche Kontroversen sogar als eher karriereförderlich erwiesen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die baltische Zeitgeschichtsforschung in den letzten Jahren insgesamt positiv entwickelt hat, jedoch besteht ein gewisser methodischer Nachholbedarf. Der antikommunistische Unterton wird jedenfalls noch lange erhalten bleiben. 1 Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Projekts »Estland während des Kalten Krieges« (SF0180050s09) verfasst. 2 Bis heute gilt als Standardwerk: Romuald Misiunas/Rein Taagepera: The Baltic States: Years of Dependence, 1940–1980, London 1983. 3 Als Beispiel dieser privaten Meistererzählung kann das Werk »Heimatgeschichte« dreier damals junger Historiker erwähnt werden, die heute in Politik oder Forschung reüssiert haben: Mart Laar/Lauri Vahtre/Heiki Valk: Kodu lugu [Heimatgeschichte], 2 Bde., Tallinn 1989. 4 Siehe Walter M. Iber/Peter Ruggenthaler: Drei Besatzungen unter zwei Diktaturen. Eine vorläufige Bilanz der Forschungsarbeiten der internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 276–296. 5 http://www.mnemosyne.ee, ges. am 23. Juli 2010. 6 Beispielsweise Anu Mai Kõll (Hg.): The Baltic Countries under Occupation: Soviet and Nazi Rule 1939–1991, Stockholm 2003; Olaf Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; Alfred Erich Senn: Lithuania 1940: Revolution from Above, Amsterdam/New York 2007; Elena Zubkova: Pribaltika i Kreml’ 1940–1953 [Das Baltikum und der Kreml 1940–1953], Moskau 2008; Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946, Paderborn 2009.

JHK 2011

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße als ein Ort des Erinnerns 1989–2011

Hope M. Harrison

1In den mehr als zwanzig Jahren seit dem Fall der Mauer hat die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße stetig an Bedeutung, Besuchern und Inhalt gewonnen sowie zunehmend finanzielle Unterstützung erhalten. Zumindest in den ersten fünfzehn Jahren seit der Gründung 1989 unterlagen die Verwalter der Einrichtung gewissen Einschränkungen durch eigentumsrechtliche Fragen, geringe Mittelausstattung und die Tatsache, dass Öffentlichkeit und Politik grundsätzlich wenig von der Bedeutung der Erinnerung und des Gedenkens an die Berliner Mauer, an ihre Geschichte und ihre Opfer überzeugt waren. Die Gedenkstätte ist aber nicht losgelöst vom allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Kontext zu betrachten, der im Mittelpunkt der Diskussionen in Berlin und Deutschland über die Aufarbeitung der Geschichte der DDR/SED/Berliner Mauer steht. So überrascht es nicht, dass es einige Zeit dauerte, bis die Beteiligten genügend Abstand gewonnen hatten und die Energie und das Interesse aufbrachten, diese Geschichte neu aufzurollen. Die Bernauer Straße stand nach 1990 oft im Fokus breiter öffentlicher politischer Debatten über die Art und Weise, wie mit der Geschichte Ostdeutschlands und mit der Berliner Mauer im Speziellen umzugehen sei. Die Verwalter der Gedenkstätte haben daraus gelernt und den Erinnerungsort mit wachsendem Erfolg verändert und erweitert; bis 2011 wird er zu einem würdigen Ort des Gedenkens an die Berliner Mauer und ihre Opfer sowie zu einem Ort des Lernens ausgebaut sein. Dies war kein leichtes Unterfangen, aber von großer Bedeutung für die weitere deutsche Aufarbeitung der Geschichte. Anfänglich, in den Jahren 1989/1990, stand Pfarrer Manfred Fischer von der Versöhnungsgemeinde an der Bernauer Straße fast allein mit seinem dringenden Anliegen, die Mauer an dieser Stelle als Ort des Gedenkens zu bewahren. Bei mehr als einer Gelegenheit verhinderte er durch seine persönliche Präsenz den Abriss der Mauer zwischen Ackerstraße und Bergstraße. In Helmut Trotnow vom Deutschen Historischen Museum (DHM) fand Fischer schließlich einen starken Partner. Sie standen als Team zusammen als es darum ging, die Mauerreste vor Ort zu bewahren und als Denkmal schützen zu lassen. Gemeinsam mit Peter Möbius veröffentlichte Trotnow 1990 ein Buch, in dem er sich für eine Gedenkstätte an der Bernauer Straße einsetzte.2 Mithilfe zahlreicher Aufnahmen illustriert dieses Buch die wichtigsten Momente der Geschichte der Mauer an der Bernauer Straße; das Nachwort stammt von Pfarrer Fischer. Um die Mauerreste der Grenze vor der vollständigen Zerstörung zu bewahren, sah sich Trotnow streckenweise veranlasst, sie vorübergehend zu entfernen und sicher aufzubewahren, um sie dann zu einem geeigneten Zeitpunkt wieder zurückzubringen. Aus Gründen der Denkmalpflege war ihm die Rückführung der Originalteile jedoch später nicht mehr gestattet. Anfang der Neunzigerjahre setzte sich Trotnow dafür ein, auf politischer Ebene Unterstützung für die Errichtung einer Gedenkstätte zu erhalten; offenen Rückhalt erhielt er dabei vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Innenminister Wolfgang Schäuble. Auch die Mitglieder der Runden Tische von Berlin-Mitte forderten Anfang der Neunzigerjahre eine Gedenkstätte. Dies führte dazu, dass die Volkskammer am 2. Oktober 1990 positiv darüber abstimmte, den Bereich der Mauer an der Bernauer Straße zwischen Bergstraße und Ackerstraße unter Denkmalschutz zu stellen. Das vereinigte Berlin bestätigte diese Entscheidung 1991. Dennoch waren die breite Öffentlichkeit und weite politische Kreise der Auffassung, dass die verhasste Mauer der Vergangenheit angehöre und keine Mittel für die Bewahrung und das Gedenken an sie aufgebracht werden sollten. Die Zeit schien schlicht noch nicht reif dafür. Aber Fischer und Trotnow gaben nicht auf. In den darauf folgenden zwanzig Jahren schlossen sich in wichtigen Momenten immer mehr Menschen ihrem Standpunkt an. Schließlich konnten sie sich einer stetig wachsenden Anhängerschaft in Politik und Gesellschaft erfreuen, die ihre Positionen, mit Blick auf die Bewahrung und das Gedenken der Mauer, besonders an der Bernauer Straße, zunehmend unterstützten. Nun hieß es nicht mehr übereinstimmend »Die Mauer muss weg!«, sondern »Wo können wir die Mauer sehen? Warum ist so wenig von der Mauer geblieben?«. Weil die Bernauer Straße die größte Zahl authentischer Überreste der Mauer und des Todesstreifens aufwies, rückte sie mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses von Bund, Land und Bezirk, wenn es um öffentliche Gedenkfeiern für die Mauer ging. Hinzu kam, dass sie auf eine unvergleichlich dramatische Geschichte zurückblicken kann: Die Grenze verlief entlang der Bürgersteige auf der südlichen Mitte-Seite direkt vor den Wohngebäuden, sodass die Häuser selbst im sowjetischen Sektor lagen, der Bürgersteig vor ihnen jedoch im Wedding, der zum französischen Sektor gehörte. Dies führte bekanntlich dazu, dass anfänglich Menschen aus den Fenstern sprangen, um aus dem Osten zu fliehen. Später wurden die Bewohner der Häuser, die an der Grenze des sowjetischen Sektors lagen, gezwungen, aus ihren Wohnungen auszuziehen. Danach wurden die Gebäude zugemauert und schließlich zerstört bzw. als Teil der Grenze benutzt. Zehn Menschen starben beim Sprung aus dem Fenster, aber vielen gelang es auch, durch Tunnel zu entkommen, die unter der Mauer an der Bernauer Straße gegraben wurden. Seit Anfang der Neunzigerjahre gab es, dies will der vorliegende Artikel zeigen, bis zum fünfzigsten Jahrestag der Errichtung der Mauer im Jahr 2011 sechs Schlüsselphasen, die die Entwicklung der Gedenkstätte Berliner Mauer entscheidend beeinflussten. Sie sorgten für kontroverse Diskussionen und standen sinnbildlich für umfassendere Debatten innerhalb der Gesellschaft. Die erste Phase: 1991–1998 Obwohl der Berliner Senat am 13. August 1991 den Beschluss »zur Errichtung einer Erinnerungs- und Gedenkstätte an die Mauer und ihre Opfer in der Bernauer Straße« fasste, mangelte es im Grunde am politischen Willen, dies in die Tat umzusetzen und die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Berlins Hauptaugenmerk und seine Ressourcen galten größeren Bauprojekten am Potsdamer Platz und anderen Orten. So beauftragte der Bund das DHM mit der Ausarbeitung eines Planes für die Bernauer Straße, und Berlin stimmte zu. 1994 sponserte das DHM einen architektonisch-künstlerischen Ideenwettbewerb für die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Aufgrund der – glücklicherweise nicht umgesetzten – Pläne der Stadt, die Bernauer Straße in eine Stadtautobahn/Ringstraße zu verwandeln, sowie aufgrund des Widerstandes der Sophiengemeinde, die nicht gestatten wollte, dass ein Gros ihrer Fläche für eine Gedenkstätte genutzt wurde, war das Areal des Erinnerungsortes recht klein bemessen. Die eingereichten Wettbewerbsvorschläge mussten zwei Teile der Gedenkstätte berücksichtigen: das siebzig Meter umfassende Baudenkmal aus Mauerresten an der Bernauer Straße zwischen Ackerstraße und Bergstraße und die für ein Opferdenkmal vorgesehenen sechzig Meter entlang des ehemaligen Todesstreifens. Ein weiterer siebzig Meter langer Streifen sollte an den Sophienfriedhof zurückfallen. Die Jury vergab keinen ersten Preis, jedoch drei zweite Preise. Im Juli 1995 entschied sich der Berliner Senat für den Vorschlag der Stuttgarter Architekten Kohlhoff und Kohlhoff, eine Entscheidung, die sich über viele Jahre als sehr strittig erweisen sollte. Aufgrund von Problemen im Zusammenhang mit der Mittelbereitstellung und der Kontroverse über den Gewinnervorschlag, der von vielen Menschen als verwirrend und kalt angesehen wurde, konnte das Denkmal erst am 13. August 1998 fertiggestellt werden. In der Zwischenzeit entfernte die Sophiengemeinde 1997 eigenmächtig zweiunddreißig Mauersegmente, die über Gräbern ihres Friedhofes an der Bernauer Straße standen, und schwächte dadurch den Gesamteindruck der Gedenkstätte. Viele waren der Ansicht, dass das Kohlhoff-Denkmal das Gleiche bewirke und meinten, das kalte und verwirrende Kohlhoff-Denkmal würde in Verbindung mit den von der Sophiengemeinde entfernten Mauerteilen die Gedenkstätte radikal schädigen. Zwischen der ehemaligen Grenzmauer mit Blick nach Westen an der Bernauer Straße und der Hinterlandsicherungsmauer mit dem Todesstreifen schufen die Architekten ein Rechteck mit zwei neuen, größeren Mauern aus Stahl. Dieses kastenförmige Gebilde konnte, wenn man nichts über die Mauer wusste, leicht für Verwirrung sorgen und die Frage aufwerfen, welche Teile denn wirklich zur Mauer gehört hatten. Hinzu kam, dass die verschiedenen Opfergruppen hellauf empört darauf reagierten, dass die geplante Widmung nur das Wort »Opfer« enthielt, ohne nähere Erläuterungen. Dies wurde geändert: Die endgültige Inschrift des Denkmals lautete schließlich: »In Erinnerung an die Teilung der Stadt vom 13. August 1961 bis 9. November 1989 und zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft.« Die zweite Phase: 1999–2003 Die zweite Entwicklungsphase zwischen 1999 und 2003 verlief weitaus weniger kontrovers als die vorangegangene. Während dieser Zeit erfolgte die erste ernsthafte Erweiterung des Standortes der Gedenkstätte: 1998 wurde der Trägerverein Berliner Mauer für eine Gedenkstätte und ein neues Dokumentationszentrum gegründet, das im Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde in der Bernauer Straße Nr. 111 angesiedelt werden sollte. Leiterin des Vereins war Gabriele Camphausen, die sich gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Trägervereins als Schlüsselfigur zu Pfarrer Fischer hinzugesellte. Aufgrund recht begrenzter finanzieller Mittel war es ihnen zusammen mit Maria Nooke, die sich ihnen angeschlossen hatte, lediglich möglich, am 9. November 1999 im Dokumentationszentrum eine kleine Ausstellung mit dem Titel »Grenzblicke« über die Geschichte der Mauer an der Bernauer Straße zu eröffnen. Ein Jahr später, am 9. November 2000, wurde eine neue Versöhnungskapelle an dem Ort errichtet, wo 1985 die weitaus größere Versöhnungskirche von den Kommunisten zerstört worden war. Mit ihrer Teilnahme an der Messe zur Einweihung der Kapelle gelang es einigen Politikern, eine neue Ära für die Bernauer Straße einzuläuten, in deren Verlauf immer mehr Politiker die Gedenkfeiern am 9. November und 13. August besuchten. Anlässlich des vierzigsten Jahrestages des Mauerbaus am 13. August 2001 eröffneten Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eine größere Ausstellung mit dem Titel »Berlin, 13. August 1961« im Dokumentationszentrum. Am 17. Juni 2003 wurde schließlich ein Aussichtsturm eröffnet, der Besuchern die Möglichkeit gibt, den gesamten Todesstreifen von oben zu überblicken und damit einen nachhaltigeren Eindruck davon zu gewinnen. In den Jahren von 2001 bis 2003 beauftragte der Berliner Senat in Anerkennung der wachsenden Bedeutung, die der Berliner Mauer allgemein zuteil wurde, die Baukonservatoren Leo Schmidt und Axel Klausmeier, ein vollständiges Inventar der Überreste der ehemaligen Mauer und des Todesstreifens, der zwischen Ost- und West-Berlin verlaufen war, zu erstellen. Die dritte Phase: 2004–2005 Den wahren Wendepunkt im Umgang mit der Berliner Mauer und ihrer Geschichte zwischen 1990 und 2011 markierte der fünfzehnte Jahrestag des Mauerfalls im Jahr 2004, als die Leiterin des Checkpoint-Charlie-Museums, Alexandra Hildebrandt, am Checkpoint Charlie zum Gedenken an die Opfer der Mauer 1065 Holzkreuze enthüllte. Die emotionale Wirkung dieser Kreuze, die für Menschen standen, die vermutlich auf ihrer Flucht getötet worden waren, war sehr stark, besonders weil einige Kreuze Fotografien der jeweiligen Opfer mit Name, Geburtsdatum, Todesdatum und Todesursache trugen, wie z. B. Erschießung durch einen Grenzpolizisten oder Ertrinken. Hildebrandt, viele Journalisten und zahlreiche weitere Bürger wie auch ehemalige Opfer wiesen im Laufe der Aktion auf den scharfen Kontrast zwischen der emotionalen Wirkung der Hildebrandt-Kreuze und der rekonstruierten Mauer des Kohlhoff-Denkmals sowie der Kälte und mangelnden emotionalen Wirkung der Bernauer Straße hin. Obgleich für viele der von Hildebrandt berücksichtigten mutmaßlichen Opfer die wissenschaftliche Beweisgrundlage fehlte, waren zahlreiche andere eindeutig Maueropfer gewesen. Ihnen hatte Hildebrandt jetzt Namen, Gesichter, öffentliche Aufmerksamkeit und Gedenken gegeben, etwas, was an der Bernauer Straße in einem derartigen Ausmaß nicht geschehen war. Die Errichtung der Kreuze für die Opfer der Mauer durch Alexandra Hildebrandt hatte mehr als jede andere Aktion seit dem Fall der Berliner Mauer tief greifende Auswirkungen auf die fortlaufenden Debatten darüber, in welchem Umfang und auf welche Weise die Geschichte der Berliner Mauer zu dokumentieren sei. Insbesondere bewirkte die Aktion, dass ernsthaft öffentlicher Druck auf das Land Berlin und den Bund ausgeübt wurde, mehr zu unternehmen, um der Maueropfer zu gedenken und die Geschichte der Mauer aufzuarbeiten. Die weiteren Phasen der Errichtung der Gedenkstätte wurden alle stark von Hildebrandts Mauerkreuzen beeinflusst. Sie bewirkten gesteigerte Aufmerksamkeit und größere finanzielle Unterstützung sowohl vonseiten des Landes als auch des Bundes für die Bewahrung und das Gedenken der Mauer an der Bernauer Straße und andernorts. Ebenso führten die Kreuze dazu, dass im Mai 2010 schließlich ein Fenster des Gedenkens an der Bernauer Straße mit Bildern der bis dato nachgewiesenen Maueropfer einschließlich ihrer Namen, Geburts- und Todesdaten enthüllt wurde. Obgleich Hildebrandt gezwungen wurde, die Kreuze im Sommer 2005 zu entfernen, sind die Folgen ihrer Aktion in der Erinnerungspolitik zur Berliner Mauer auf diese Weise immer noch spürbar. Die vierte Phase: 2006 Den vierten und mit Blick auf das offizielle politische Engagement bedeutendsten Moment markierte im Juni 2006 die Verabschiedung von vierzig Millionen Euro für ein Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer seitens des Berliner Senats. Das Konzept stellte eindeutig die Opfer der Mauer in den Mittelpunkt sowie alle Opfer der SED-Diktatur und der deutschen Teilung. Angetrieben durch die öffentliche Aufmerksamkeit für Hildebrandts Mauerkreuze hatte der damalige Berliner Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Thomas Flierl (PDS), schon Ende November 2004 eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Rainer Klemke einberufen, um den Entwurf eines Gedenkkonzeptes zur Erinnerung an die Berliner Mauer ausarbeiten zu lassen. Zu dieser Arbeitsgruppe gehörten Vertreter aller Schlüsselstellen der Berliner Regierung, der Museen und Gedenkstätten, die der Berliner Mauer gelten, Historiker, Opferverbände, Denkmalpfleger und andere betroffene Parteien. Gemeinsam beschlossen sie im Sommer 2006 ein dezentralisiertes Gesamtkonzept zur Unterstützung vielfältiger Berliner Einrichtungen, unter ihnen Checkpoint Charlie, East-Side-Gallery, Niederkirchner Straße und Brandenburger Tor; man kam jedoch auch überein, dass die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße als Primus inter Pares erhalten bleiben sollte. Das Gesamtkonzept sah den Ausbau der Gedenkstätte Berliner Mauer zu einem sehr viel tiefer gehenden, informativeren und auch emotionaleren Ort vor. Die Forderungen lauteten: »Das Dokumentationszentrum dauerhaft sichern; den Mauergedenkbereich ausdehnen und die Informationsangebote und Orte für das Gedenken ausbauen; die authentischen Reste der Grenzsicherungsanlage sichern und dauerhaft erhalten und präsentieren; dem individuellen Gedenken Raum geben – Gesichter und Namen, Lebens- und Todesdaten dokumentieren; und den Gesamtzusammenhang Bernauer Straße vom Nordbahnhof bis zur Oderberger Straße/Mauerpark stärker betonen und für den Besucher deutlicher erfassbar machen.« Darüber hinaus wurden Gelder zur Finanzierung eines »Mauerdialogs« mit Bewohnern der Bernauer Straße über die Zukunft des Ortes bereitgestellt. Dieses Gesamtkonzept war der Wendepunkt in der langfristigen Sicherung der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Während Senator Flierl sich hierfür verantwortlich zeigte, traf sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) regelmäßig mit Opferverbänden, die sich über die der PDS in Person von Senator Flierl zukommenden Rolle sorgten. Sie fürchteten, dass die Mitbestimmung der Partei zu einer Verharmlosung der Mauer führen würde. Paradoxerweise wurde aber gerade unter Flierl endlich die langfristige Finanzierung und Aufmerksamkeit für die Geschichte der Berliner Mauer sichergestellt, etwas, das nicht gelungen war, solange die CDU an der Macht gewesen war. Die fünfte Phase: 2007–2009 Der vorletzte entscheidende Abschnitt in den Entwicklungen an der Bernauer Straße währte von 2007 bis Frühjahr 2009. Er gestaltete sich weitaus kontroverser, als jener, der ihm folgen sollte. Strittige Aspekte waren v.a. die Entscheidungen über die Verfahren für den Ausbau der Gedenkstätte sowie die Besetzung des Direktorenpostens der neu geschaffenen Stiftung Berliner Mauer. Außerdem war diese Periode auch dadurch gekennzeichnet, dass der Bund es Berlin gleichtat und mit einer Erhöhung der Finanzmittel sowie gesteigertem Interesse für die Mauer und ihre Opfer und insbesondere für die Bernauer Straße in Erscheinung trat. Zuvor hatte der Bund bereits Gelder zur Verfügung gestellt, um den Kauf von Grundstücken für die Gedenkstätte zu unterstützen. Ferner finanzierte er die als direkte Antwort auf Hildebrandts Mauerkreuze durchgeführten Untersuchungen zur Feststellung der genauen Identität der Maueropfer unter der Leitung von Maria Nooke vom Verein Berliner Mauer an der Bernauer Straße und Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen wurden in dem Buch Die Todesopfer der Berliner Mauer 1961–1989 – Ein biografisches Handbuch 2009 veröffentlicht. Der entscheidende Schritt zur Institutionalisierung der regierungsseitigen Unterstützung des Gedenkens erfolgte aber mit dem Gedenkstättenkonzept des Bundes im Juni 2008. In diesem Gedenkstättenkonzept widmete der Bund der Aufarbeitung des SED-Regimes einschließlich der Geschichte der Berliner Mauer sehr viel mehr Aufmerksamkeit als zuvor. Der Prozess der thematischen Neugewichtung im Rahmen des Gedenkstättenkonzepts des Bundes war umstritten. Einige vermuteten, dass das gesteigerte Interesse für die Aufarbeitung des SED-Regimes sich negativ auf den Aufarbeitungsprozess hinsichtlich der Nazi-Verbrechen auswirken könnte. Im schlechtesten Fall würde damit sogar eine Gleichsetzung der beiden Regime erfolgen, so die Befürchtung. Am Ende stellte der Bund in seinem Konzept jedoch klar, »dass weder die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert werden dürfen noch das von der SED-Diktatur verübte Unrecht bagatellisiert werden darf.« Das Gedenkstättenkonzept unterstützte Berlins Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer und förderte vor allem den Ausbau der Gedenkstätte Berliner Mauer »zu einem Gedenkareal […], das den Schrecken des Grenzregimes deutlich macht« sowie ihren Zusammenschluss mit der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zur Stiftung Berliner Mauer. Auf der Grundlage des Berliner Gesamtkonzeptes zur Erinnerung an die Berliner Mauer initiierte die Gedenkstätte Bernauer Straße im Jahr 2007 einen Wettbewerb für die Erweiterung des Gedenkortes um eine Gedenklandschaft. Finanziert werden sollte das Ganze aus Landes-, Bundes- und EU-Mitteln in Höhe von 37,5 Millionen Euro, von denen 11,6 Millionen Euro bei diesem Wettbewerb ausgelobt werden sollten. Vorbereitet wurde der Wettbewerb größtenteils vom Vorsitzenden des Beirates an der Bernauer Straße, Klaus-Dietmar Henke, und dem Architekten Günter Schlusche, der von der Gedenkstätte Berliner Mauer und dem Berliner Senat beauftragt worden war, das Projekt zur Erweiterung der Gedenkstätte gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Beirates zu leiten. Die eingereichten Arbeiten mussten eine Gesamtkonzeption aller Wettbewerbsaspekte, d. h. Architekten, Landschaftsarchitekten und Ausstellungsgestalter eingeschlossen, vorweisen. Darüber hinaus mussten die Vorschläge Pläne zu folgenden Punkten enthalten: – zur Einbeziehung der bereits bestehenden Teile der Gedenkstätte; – zum Bau eines neuen Besucherzentrums/Informationspavillons; – zur Gestaltung des Kernbereiches der erweiterten Gedenkstätte zwischen Garten- und Brunnenstraße als Freiraumgestaltung und Open-Air-Ausstellung (einschließlich der Namen der Opfer und anderer persönlicher Geschichten über Fluchtversuche, Tunnel, zerstörte Häuser und den Grenzbereich mit besonderem Schwerpunkt auf den Bereich zwischen Gartenstraße und Ackerstraße); – zur Ausstellung der wichtigsten Überreste; – zur Darstellung der historischen Ereignisse im Bereich zwischen Brunnen- und Schwedter Straße. Die Wettbewerbsrichtlinien von Juli 2007 besagten darüber hinaus Folgendes: »Im Mittelpunkt der Gestaltungskonzeption muss die sinnliche Erfahrung des Gewaltcharakters der Grenzanlagen stehen, die der SED als Sicherungsinstrument ihrer nicht demokratisch legitimierten Herrschaft dienten und die Bedingung für die Existenz der DDR waren. Der Gewaltcharakter des Systems zeigt sich insbesondere an den Orten, an denen Menschen auf der Flucht nach West-Berlin gezielt getötet wurden oder an den Folgen von Gewaltanwendung starben. Die Aufgabe der Gedenkstätte ist es, diese Toten bei ihrem Namen zu nennen, ihre Gesichter und ihre Biografien […] der Öffentlichkeit zu zeigen, sie im öffentlichen Gedächtnis zu verankern und Orte für die individuelle Trauer sowie gemeinsames Gedenken zu schaffen.« Die Open-Air-Ausstellung sollte ebenfalls Informationen zur Geschichte des DDR-Grenzregimes und dessen Auswirkungen auf die Menschen in Ost und West liefern. In den Wettbewerbsrichtlinien wurde der Verwendung aller originalen Überreste am Standort und deren Erläuterung Priorität eingeräumt. Wichtig für die nachfolgende Debatte Anfang 2009 war daher, dass an dieser Stelle festgelegt wurde, dass »die Rückführung von authentischen Materialien, etwa von ausgelagerten Mauersegmenten, an den originalen Ort zulässig ist.« Dies bedeutete, dass die Reintegration der Mauerstücke, die von der Sophiengemeinde im Jahr 1997 eigenmächtig aus der Bernauer Straße entfernt worden waren, nunmehr erlaubt würde. Allerdings legten die Richtlinien auch fest, dass die Geschichte des Ortes nach 1990 ebenfalls in der Gedenkstätte verankert werden sollte, eine Klausel, die die Sophiengemeinde zu ihrem Vorteil nutzen konnte, um die Rückführung der Teile zu verhindern. Jede Art von »Mauer-Disneyland« oder »Erlebnispark mit allerlei vordergründigen Schock- und Gruseleffekten« sollte im Wettbewerb nicht zugelassen sein. »Eine Vollrekonstruktion des gesamten Grenzsystems auf der ganzen Länge der Bernauer Straße […] wird vom Auslober abgelehnt.« Die einzige Vollrekonstruktion, die am Standort stattfinden sollte, sollte in den Köpfen der Besucher ablaufen. Der im Dezember 2007 verkündete Siegerentwurf kam von den Landschaftsarchitekten Sinai, Faust, Schroll, Schwarz, den Architekten Mola/Winkelmüller und ON Architektur Christian Fuchs. Der Entwurf verzichtete auf die Rückführung der von der Sophiengemeinde entfernten Teile; vielmehr sah er hohe, dünne Säulen aus Corten-Stahl vor, die zeigen sollten, wo die Mauer früher gestanden hatte, dies jedoch in transparenter Weise, um zu veranschaulichen, dass sie als solche heute nicht mehr existiert. Diese Aspekte des Siegerentwurfs erwiesen sich als sehr strittig, insbesondere im Winter/Frühjahr 2009, als die Vorbereitungen für die praktische Umsetzung des Entwurfs anliefen. Gegner behaupteten, dass dieser die Mauer und das Grenzregime sehr viel weniger bedrückend, aber dafür umso durchlässiger erscheinen ließe, als sie in Wirklichkeit gewesen waren. Einige Opferverbände und CDU-Politiker von Bund und Land bezichtigten die Gedenkstätte der Verharmlosung der Geschichte der Mauer und des Grenzregimes. Die Angelegenheit drohte, die Fortsetzung der Arbeiten und die Erweiterung der Gedenkstätte zum Stillstand zu bringen. Der Fall wurde sehr eingehend in der Presse geschildert und von Politikern diskutiert. Einige waren der Auffassung, dass man die Sophiengemeinde hätte überzeugen können einzulenken und die Rückführung der entfernten Mauerteile zu gestatten. Mehrere Mitglieder des Beirates der Bernauer Straße traten aus Protest gegen die Entscheidung, die Mauerteile nicht zurückzuführen, in dieser Phase zurück. Die Sophiengemeinde als Eigentümerin des Grundstückes erklärte, dass sie der Rückführung der von ihr entfernten Mauerteile nicht zustimmen würde. Sie drohte damit, der Gedenkstätte die Nutzung der Fläche zu verwehren, was das Ende der Gedenkstätte bedeutet hätte. Die Gemeinde bestand darauf, dass die Mauer nicht über ihren Gräbern stehen dürfe, und erinnerte alle daran, dass es den Sophienfriedhof schon lange vor Errichtung der Mauer gegeben hatte; außerdem beharrte sie darauf, dass die Gedenkstätte nicht nur die Geschichte der Mauer zu der Zeit, als sie dort stand, zeigen dürfe, sondern auch auf die Geschichte des Standortes vor und nach der Mauererrichtung eingehen müsse. Die Lücke in der Mauer zeige die Entwicklung vor Ort nach 1990 und stehe als Sinnbild dafür, dass die Mauer allgemein überwunden sei. Schließlich mündete die Diskussion um die Lücke in der Mauer sogar in einer noch heftigeren darüber, ob die Gedenkstätte überhaupt erweitert werden sollte oder ob die Geschichte der Berliner Mauer an der Bernauer Straße nicht eher nur begrenzt behandelt werden sollte. Axel Klausmeier, der neue Leiter der im September 2008 gegründeten Stiftung Berliner Mauer, übernahm die Angelegenheit im Januar 2009. Er verteidigte den Siegerentwurf und die Beibehaltung der Lücke in der Mauer. Darüber hinaus trat er ebenfalls dafür ein, an der Erweiterung der Gedenkstätte festzuhalten und die Bedeutung der Mauer für diesen Ort dabei mit aller Sorgfalt zu unterstreichen. Als Experte für Denkmalpflege wies Klausmeier auf die Denkmalpflegeprinzipien hin, die 1979 in der Charta von Burra festgelegt worden waren und nach denen ein Standort so erhalten bleiben sollte, wie er vorgefunden wurde. Kritiker sahen sich dadurch zu dem Vorwurf veranlasst, dass sich Klausmeier mehr um die theoretischen Grundsätze der Denkmalpflege kümmere als um die Darstellung der »Verantwortung der SED für das mörderische Grenzregime«. Befürworter des ausgewählten Entwurfs bezeichneten die Vorschläge, die Mauerteile zurückzubringen und die ehemalige Grenzzone zu rekonstruieren, hingegen als »Disney an der Bernauer«. Nachdem eine Entscheidung des Stiftungsrates über die weitere Vorgehensweise aufgrund massiver öffentlicher Kritik um einen Monat verschoben wurde, trat dieser schließlich am 3. März 2009 zusammen und beschloss, den Siegervorschlag weiterhin zu unterstützen, einschließlich des Vorhabens, die Lücken in der Mauer an der Bernauer Straße teilweise mit hohen dünnen Säulen aus Corten-Stahl anstatt mit den entfernten Mauersegmenten zu füllen. Da die Sophiengemeinde nunmehr sicher sein konnte, dass die Mauersegmente nicht an den Gedenkort an der Bernauer Straße zurückgeführt werden würden, stimmte sie zu, ihr Grundstück für die Erweiterung der Gedenkstätte zur Verfügung zu stellen. Jedoch wuchs nun der Druck auf die Stiftung Berliner Mauer und die Urheber des Siegerentwurfs, alles zu unterlassen, um die Mauer und ihre Geschichte zu verharmlosen. Natürlich lag dies den Beteiligten fern, da bereits die Wettbewerbsrichtlinien besagten, dass das zentrale Anliegen darin bestünde, die Brutalität der Mauer und des dazugehörigen Todesstreifens zu zeigen, die dazu beigetragen hatten, das SED-Regime zu stützen. Dass dieser Bestandteil der Richtlinien eingehalten wurde, zeigen die Entwicklungen an der Gedenkstätte Berliner Mauer seit Frühjahr 2009. Disneyland und die Sicht der Denkmalpflege Ein nicht mit Denkmalpflege befasster externer Beobachter würde sich wahrscheinlich auf die Seite derjenigen stellen, die die Rückgabe der Mauersegmente wünschten, damit ein umfassenderer Eindruck von der Mauer vermittelt würde. Heute bedauern viele Experten und interessierte Bürger, dass an keinem Ort in Berlin mehr von der Mauer und dem gesamten Todesstreifen erhalten wurde, damit die Menschen einen besseren Eindruck davon erhielten, wie es war, als die Mauer noch stand. Aber natürlich überrascht es nicht, dass die überwiegende Zahl der Menschen die Mauer nach 1989 so schnell wie möglich niederreißen wollte. Anders als in einigen Abschnitten der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze außerhalb Berlins, wo sehr viel mehr Land zur Verfügung steht, um Teile der früheren Grenze zu bewahren, war in der neuen deutschen Hauptstadt der Raum sehr knapp. Jetzt, da einige Jahre vergangen sind und viele Menschen auch in Berlin erkennen, wie wichtig es ist, die Geschichte der Mauer sichtbar zu machen, sind Diskussionen darüber entbrannt, ob einige der vielen authentischen Teile der Mauer, die in Berlin gelagert werden, nicht doch zurückgebracht oder rekonstruiert werden sollten. Allerdings sind Denkmalpfleger und einige andere zunehmend der Ansicht, dass die Rückführung von Teilen, seien sie nun authentisch oder nicht (und insbesondere, wenn sie es nicht sind), zur Schaffung einer Art Disneyland bzw. zu einer »Disneyfizierung« des Ortes beitragen würde. Allzu oft dient die Verwendung des Begriffes Disney jedoch als Vorwand, als schneller Weg, um die Erörterung des anstehenden Problems zu umgehen. Der Begriff ist inzwischen so weit verbreitet, dass es für viele Leute ausreicht, einer Sache das Label »Disneyfizierung« anzuhängen, um sie von vornherein zum Scheitern zu verurteilen. Doch im realen Disneyland geht es um Märchen, um Dinge, die sich niemals ereignet haben. Die Berliner Mauer jedoch ist etwas sehr Reales, etwas, das es definitiv gegeben hat. Oft wird der Begriff Disneyland von Denkmalschützern und Konservatoren verwendet, die zunehmend zu hundert Prozent auf Authentizität bestehen, ohne »Wiederherstellung« oder »Rekonstruktion«, Begriffe, die sie ebenso abwertend mit »Disneyfizierung« gleichsetzen. Doch es ist nicht immer so gewesen. Denkmalpfleger haben in der Vergangenheit oft ein höheres Maß an Rekonstruktion zugelassen, als sie es heute tun. Zum Beispiel sorgte die Stiftung Berliner Mauer rechtzeitig zum zwanzigsten Jahrestag im November 2009 dafür, dass ein authentischer Wachturm wieder an der Bernauer Straße aufgestellt wurde (sein früherer Standort befand sich allerdings an einem anderen Teil der Grenze). Die Stiftung war der Meinung, dass hier unbedingt ein Wachturm stehen müsse, um die Schlüsselrolle der Grenzposten im Todesstreifen zu demonstrieren. Diese Entscheidung war sinnvoll, damit Besucher heute nachvollziehen können, wie die Arbeit der Grenzposten aussah, wie Menschen auf der Flucht niedergeschossen wurden. Nun könnte man einwenden, wenn ein authentischer Wachturm zur Gedenkstätte zurückgebracht werden konnte, dann könnten mit gutem Recht auch authentische Mauersegmente an andere frühere Standorte der Mauer zwischen Ackerstraße und Brunnenstraße und darüber hinaus zurückgeführt werden. Allerdings ist dies aufgrund der Tatsache, dass man in der Denkmalpflege darin übereinstimmt, vom Standort entfernte Dinge nicht zurückzuführen, nicht sehr wahrscheinlich. Dennoch wäre der Berliner Senat gut beraten, für den Fall, dass sich die Grundsätze der Denkmalpflege und der allgemeine Konsens in Berlin in Bezug auf diese Frage in Zukunft irgendwann einmal ändern sollten, an den eingelagerten Mauersegmenten festzuhalten. Eine weitere Änderung, die an der Gedenkstätte der Bernauer Straße vorgenommen wurde, betrifft den verbleibenden zentralen Abschnitt der Mauer zwischen Ackerstraße und Bergstraße. Die Mauer war hier nicht mehr in demselben Zustand wie Ende November 1989 bzw. Oktober 1990. Zwischenzeitlich war sie mit Graffiti besprüht und von »Mauerspechten« ernsthaft beschädigt worden. Die Verwalter der Gedenkstätte ließen die Mauer daher instandsetzen und die Graffiti entfernen, da sie der Meinung waren, dass es wichtiger sei, den Menschen zu zeigen, wie die Mauer die meiste Zeit ausgesehen hatte, und nicht, wie bunt sie zum Schluss gewesen war. Sie wollten, dass die Betonung nicht auf den farbigen Bildern, sondern auf dem kalten Charakter der Mauer lag. Darüber hinaus sollte sichergestellt werden, dass die Mauer nicht einstürzen würde, und so womöglich Menschen durch herabfallende Mauerteile verletzt werden könnten. Denkmalpflegeexperten gehen auch heute noch der Frage nach, wie sie die Mauer an der Bernauer Straße und andernorts technisch und physisch langfristig bewahren können, damit sie als authentischer Ort des Gedenkens an die Geschichte erhalten bleibt. Die sechste Phase: 2009–2011 Die letzte entscheidende Phase in den Anfang der Neunzigerjahre eingeleiteten Entwicklungen an der Bernauer Straße begann im Herbst 2009 und wird am 13. August 2011 enden. Sie war bislang außergewöhnlich produktiv und erfolgreich was die Erweiterung der Gedenkstätte betrifft. Im Oktober 2009 eröffnete die Gedenkstätte im Nordbahnhof eine Ausstellung über Geisterbahnhöfe, also über diejenigen S- und U-Bahnhöfe, die geschlossen waren, solange die Mauer stand. Am 4. November 2009 wurden am südlichen Stadtrand von Berlin an Orten, an denen Menschen auf der Flucht getötet worden waren, im Beisein von Familienmitgliedern der Opfer sowie von Politikern vier Stelen enthüllt. Jede Stele trug das Bild eines Opfers und seine biografischen Daten. Anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Falls der Berliner Mauer am 9. November 2009 feierte Pfarrer Fischer wie üblich mit Familienmitgliedern früherer Opfer, Politikern und anderen einen Gottesdienst in der Versöhnungskapelle; anschließend wurden Kränze am Kohlhoff-Denkmal niedergelegt, bevor der Regierende Bürgermeister Wowereit, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Axel Klausmeier das neue Besucherzentrum eröffneten. Am 21. Mai 2010 wurde das zentrale Element der erweiterten Gedenkstätte der Öffentlichkeit vorgestellt: ein Fenster des Gedenkens zur Erinnerung an die Opfer der Mauer. Hiermit wurde ein ganz entscheidender, sehr erfolgreicher Wendepunkt in den Entwicklungen an der Gedenkstätte markiert: Das Fenster verlieh dem Ort Herz. Der sowohl vor als auch nach den Holzkreuzen von Alexandra Hildebrandt jahrelang erhobene Vorwurf, die Gedenkstätte wirke kalt und anonym, konnte damit nicht mehr aufrechterhalten werden. Das Fenster des Gedenkens, das auf dem ehemaligen Todesstreifen platziert wurde, steht neben der Außenmauer, die den letzten Teil des Todesstreifens vor der Grenze nach West-Berlin bildete; es enthält Fotografien mit Namen, Geburts- und Todesdaten von 128 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet worden waren. Bei der bewegenden Eröffnungszeremonie im Mai 2010 wurden die Familienmitglieder der Opfer in den Mittelpunkt gestellt; sie erhielten weiße Rosen und legten sie in die Fenster ihrer geliebten Verstorbenen. Wowereit, Neumann, Klausmeier, Holger Kulick von der Sophiengemeinde und Rainer Wagner von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V. (UOKG) betonten in ihren Reden den Charakter der Gedenkstätte als Ort des Trauerns, an dem Privatleute und Öffentlichkeit der Toten gedenken könnten. Getrennt vom Fenster des Gedenkens, aber dennoch in der Nähe, auf dem ehemaligen Todesstreifen wurde eine Säule aus Stahl errichtet, eine Informationsstele, die Auskunft über acht Grenzsoldaten gibt, die an der Grenze getötet worden sind. Dieses Element wurde nicht von allen Seiten befürwortet. Ein Kompromiss wurde gefunden, indem man die Informationen über die getöteten Grenzsoldaten zwar einbezog, jedoch abgesetzt von den zivilen Opfern präsentierte. Weitere Informationsstelen in der Außenausstellung geben Hinweise auf die Fundamente der Gebäude, die zerstört worden waren, um Platz für die Mauer zu schaffen, verweisen auf den Verlauf von Teilen des früheren Signalzauns und liefern weitere Informationen über die Geschichte des Ortes einschließlich des Standortes von Gräbern aus dem Zweiten Weltkrieg. Noch mehr Information wird bis zum fünfzigsten Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2011 entlang des Verlaufs der früheren Grenze zwischen Gartenstraße, Brunnenstraße und Schwedter Straße hinzukommen. Daneben wird es im Inneren des Dokumentationszentrums eine neue und erweiterte Ausstellung geben, rund um den Park am Nordbahnhof sowie den Mauerpark werden weitere Infostelen errichtet werden; das voraussichtliche Datum der Fertigstellung des Gesamtkomplexes ist 2012. Der Ausbau der Gedenkstätte Berliner Mauer zu einer informativen, sorgfältig durchdachten und bewegenden Gedenkstätte an authentischem Ort, die künftigen Generationen dabei helfen wird, zu verstehen, was die Berliner Mauer war und was sie für das Leben der Berliner bedeutete, ist also auf einem guten Weg. Gleichzeitig sind die Diskussionen darüber, was die Gedenkstätte umfassen sollte, und, allgemeiner noch, die Diskussionen über die Geschichte der Mauer an sich, weit davon entfernt, zum Abschluss zu kommen. Die Auseinandersetzung mit den Tätern Trotz der kürzlich erfolgten Aufstellung eines ehemaligen Wachturms an der Gedenkstätte Berliner Mauer bleibt die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Tätern an der Gedenkstätte und in der breiteren öffentlichen Diskussion weiterhin strittig. Einige, darunter ehemalige Opfer und ihre Familien, sind der Meinung, dass eine Einbeziehung der Täter eine Beleidigung für die Opfer darstelle und eine Art Gleichgewicht impliziere. Für viele bedeutet es auch eine schwierige, direkte Konfrontation mit einem zweiten Beispiel für deutsches Verbrechen im zwanzigsten Jahrhundert, ein Thema, für das nicht jeder Energie bzw. Interesse aufbringt. Wieder andere sind der Auffassung, dass die Konzentration auf DDR-Verbrechen eine Relativierung bzw. das Herunterspielen der Nazi-Verbrechen impliziere. Es ist in vielerlei Hinsicht einfacher, über die Opfer der Berliner Mauer zu sprechen und ihrer zu gedenken, als Nachforschungen über die Täter anzustellen. Für so manchen, insbesondere jene, die als Grenzsoldaten oder als Teil der politischen, Stasi- oder militärischen Bürokratie, welche die Grenze überwachte, gedient haben, ist es einfach zu sagen, dass sie nur ihre Arbeit getan haben und/oder dass die starre Grenze in Berlin dazu beigetragen habe, im Zentrum der globalen Konfrontation des Kalten Krieges den Frieden zu bewahren. Es gibt natürlich viele, die ihr gesamtes Berufsleben oder einen Teil davon in diesen Bürokratien verbracht haben. Besonders, wenn sie sich selbst als Opfer der Wiedervereinigung betrachten, die nicht mehr dasselbe Einkommen, die Sicherheit und den Respekt genießen wie zu DDR-Zeiten, mögen sie der Ansicht sein, dass eine Diskussion über die Täter im Zusammenhang mit der Berliner Mauer ein weiteres Beispiel für Siegerjustiz ist. Aufgrund dessen waren diejenigen Deutschen, die den Schwerpunkt aus verschiedenen Gründen auf den laufenden Prozess der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland legen wollten, sehr auf der Hut, was das Thema »Täter an der Berliner Mauer« anging. Andere wiederum, besonders einige Mitglieder der CDU, haben die Täterfrage aufgegriffen, um der Partei Die Linke vorzuwerfen, dass sie die Verbrechen der DDR nicht ausreichend aufgearbeitet habe. Grundsätzlich sollten damit auch allgemeine Zweifel an der derzeitigen Vertrauenswürdigkeit der Partei und ihrer Eignung für das öffentliche Amt zum Ausdruck gebracht werden. Für Nachgeborene und andere, die zu verstehen versuchen, was die Berliner Mauer war, sind die Täter ein wesentlicher Teil der Geschichte; dies umso mehr, da das Staatsoberhaupt der DDR Walter Ulbricht 1961 de facto eine Schlüsselrolle bei der hermetischen Abriegelung der Grenze in Berlin spielte. Ulbricht versuchte die Sowjets jahrelang dahingehend zu beeinflussen, ihm zu erlauben, das einzige noch verbleibende Schlupfloch für seine Bürger zu schließen: die offene Grenze in Berlin. Die Sowjets verweigerten dies allerdings mit der Begründung, dass ein derartiger Schritt der Welt zeigen würde, dass ihre Bestrebungen zur Etablierung eines dem Kapitalismus überlegenen Kommunismus fehlgeschlagen seien. Sie wussten auch, dass eine Schließung der Grenze die Ostdeutschen dazu bringen würde, die SED und das sowjetische Regime als ihre Feinde zu betrachten und die Beziehungen mit den westlichen Mächten gefährden würde. Schließlich sahen die Sowjets im Sommer 1961 jedoch angesichts des immer stärker anwachsenden Flüchtlingsstroms keine andere Möglichkeit, ihre kommunistischen Verbündeten in Ostdeutschland zu unterstützen, als der Schließung der Grenze in Berlin zuzustimmen. Die Entscheidung, die Grenze abzuriegeln und ein tödliches System an der Grenze zu errichten, war also in erster Linie eine ostdeutsche, und erst danach eine sowjetische Entscheidung.3 Schlussbetrachtung Die Berliner Mauer und all das, was sie schließlich bedeutete, einschließlich der Opfer und Täter, ist demzufolge Teil der deutschen Geschichte. Es können nicht ausschließlich die anderen, wie z. B. die Sowjets, oder die Umstände, wie der Kalte Krieg, dafür verantwortlich gemacht werden, wie Egon Krenz es bei seiner Gerichtsverhandlung nach der Wiedervereinigung versuchte. Dieser Teil der Geschichte muss auch an der Gedenkstätte Berliner Mauer, und nicht nur da, erzählt werden. Es überrascht nicht, dass es eine gewisse Zeit gedauert hat, bis man sich mit den schwierigsten Aspekten der Mauer – der Frage nach der Verantwortung, der Frage nach den Tätern – befasst hat. In seinem Bedürfnis nach mehr Zeit, um gut vorbereitet die schwierigen Aspekte seiner Vergangenheit zu ergründen, ist Deutschland nicht allein. Ländern in der ganzen Welt geht es ähnlich, und einige von ihnen, wie Japan, die Türkei und Russland, haben in diesem Zusammenhang weitaus mehr Zeit benötigt als Deutschland. Über die Geschichte der Berliner Mauer zu sprechen, ist nicht nur für so manchen aus dem Osten mit einem gewissen Unbehagen verbunden, das Gleiche gilt auch für einige im Westen. Zum Beispiel wurde der West-Berliner Polizei – kurz nach dem Abriegeln der Grenze am 13. August 1961 durch die Ostdeutschen – die Aufgabe übertragen, die Grenze auf der westlichen Seite zu schützen, um wütende West-Berliner und andere auf der westlichen Seite daran zu hindern, einen Grenzzwischenfall auszulösen, der in einem bewaffneten Konflikt zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt hätte eskalieren können. Und natürlich unternahmen die westlichen Mächte nichts, um die neue Grenze zu entfernen, sondern brachten nur verbal Protest zum Ausdruck, wieder aus Angst, einen militärischen Konflikt zu provozieren. Insbesondere auch, da die Ostdeutschen und die Sowjets größte Vorsicht walten ließen, um mit dem Stacheldrahtzaun und der Mauer nicht unbefugt auf West-Berliner Gebiet vorzudringen. Das umfassendere Thema der stillschweigenden Duldung der Berliner Mauer durch den Westen mag für viele Menschen aus dem Westen heute durchaus unangenehme Züge tragen. Jungen Deutschen fällt es heute schwer zu verstehen, wie es überhaupt zu der Mauer kommen konnte, ganz zu schweigen davon, wie es geschehen konnte, dass sie von den Menschen auf beiden Seiten in irgendeiner Weise akzeptiert wurde bzw. dass diese das Gefühl hatten, sie zwangsläufig akzeptieren zu müssen. Aus der Sicherheit der historischen Distanz heraus finden es die jungen Menschen oft absurd, dass es die Mauer gegeben hat, und sie fragen sich, wie ihre Eltern – im Osten wie im Westen – damit leben konnten und warum es den 9. November 1989 nicht schon früher gegeben hat. Die Funktion der Gedenkstätte Berliner Mauer sollte daher nicht nur darin bestehen, das zu zeigen, was im Zusammenhang mit der Geschichte der Berliner Mauer passiert ist, sondern auch, warum es passiert ist. Die künftige erweiterte Ausstellung an der Gedenkstätte wird den jungen Menschen hoffentlich Antworten darauf geben. Natürlich gibt es dafür nicht die eine, einfache Antwort, doch könnte aus der Perspektive unterschiedlicher Deutscher eine Vielzahl von Antworten angeführt werden, um die Menschen dazu zu veranlassen, über die Umstände der damaligen Zeit nachzudenken. Die Entwicklungen an der Bernauer Straße vollzogen sich seit 1989 im breiten Kontext der in Berlin und ganz Deutschland geführten Debatten, wie mit der Geschichte Ostdeutschlands, der SED, der Berliner Mauer und der deutschen Teilung umzugehen sei. Die Debatten und Kontroversen an der Bernauer Straße trugen in diesem Rahmen maßgeblich zum laufenden Prozess der Aufarbeitung der Geschichte der DDR, der SED, der deutschen Teilung sowie der Berliner Mauer bei. Je mehr die Gedenkstätte Berliner Mauer mit Mitteln ausgestattet wurde und sich eine Art institutioneller Kern mit einem größeren Mitarbeiterstab herausbildete, umso erfolgreicher konnte sie in ihrem Bemühen sein, authentische Relikte der Berliner Mauer zu zeigen und künftige Generationen über die Mauer zu unterrichten. Im Rahmen dieses Prozesses ist die Gedenkstätte Berliner Mauer von einem recht kalten Ort, der einige Informationen vermittelte, zu einer bewegenden Gedenkstätte mit einer vielschichtigen Darstellung und Erläuterung der Geschichte der Berliner Mauer geworden. Es bleibt immer noch viel zu tun, um die umfassendere Geschichte und den historischen Kontext der Berliner Mauer zu veranschaulichen, damit diejenigen, die das Glück hatten, nicht die reale Berliner Mauer erleben zu müssen, Verständnis dafür entwickeln können, wie und warum sie ihre Wirkung nicht verfehlte. Der laufende Prozess der Gestaltung und der Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer wird weiterhin ein produktiver Teil der Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland sein und der Gedenkstätte eine äußerst wichtige Rolle in Deutschland verleihen. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Der vorliegende Artikel basiert auf Interviews mit vielen wichtigen Beteiligten dieses Prozesses, darunter Manfred Fischer, Helmut Trotnow, Gabi Dolff-Bonekämper, Volker Hassemer, Gabriele Camphausen, Klaus Wowereit, Rainer Klemke, Maria Nooke, Gerhard Sälter, Alexandra Hildebrandt, Thomas Flierl, Günter Schlusche, Klaus-Dietmar Henke, Manfred Wilke, Joachim Gauck, Wolfgang Schäuble, Christian Freiesleben, Knut Nevermann, Susanne Olbertz, Wolfgang Thierse, Axel Klausmeier, Hans-Hermann Hertle, Monica Geyler-von Bernus, Rainer Wagner, Michael Cramer, Konrad Jarausch, Martin Sabrow, Sven Felix Kellerhoff und Thomas Rogalla. Einige von ihnen haben auch ihre persönlichen Unterlagen und Gesprächsnotizen zur Verfügung gestellt. 2 Peter Möbius/Helmut Trotnow: Mauern sind nicht für ewig gebaut, Berlin 1990. 3 Siehe dazu Hope M. Harrison: Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach, Berlin 2011.

JHK 2011

»Sowjetische KZs auf deutschem Boden«. Die sowjetischen Speziallager und der bundesdeutsche Antikommunismus

Andrew H. Beattie

Antikommunismus ist ein schillernder, unpräziser Begriff. Er bedarf ebenso der Differenzierung und Historisierung wie der Kommunismus selbst. Manche setzen ihn mit dem verbrecherischen Antibolschewismus Goebbel’scher Prägung oder dem unliberalen McCarthyismus gleich. Aus dieser Perspektive erscheint er bestenfalls als widersinnig, übertrieben und irrational. Andere betrachten den Antikommunismus positiver und sehen darin die notwendige Reaktion auf eine gefährliche Ideologie und Bewegung sowie eine repressive Staats- bzw. Besatzungsmacht. Für sie ist erstere Lesart eine durch den anti-antikommunistischen Zeitgeist der Entspannungsära geprägte Umkehrung, die, anstatt den Kommunismus abzuwenden, nunmehr den Antikommunismus bekämpft habe. Nach dem Ende der kommunistischen Diktaturen in Europa wurden geschichts- und forschungspolitische Auseinandersetzungen nicht nur um die Geschichte des Kommunismus, sondern auch um die Geschichte und die Bedeutung des Antikommunismus geführt. In der Bundesrepublik haben konservative Geschichtspolitiker einerseits den westdeutschen Anti-Antikommunismus kritisiert und andererseits versucht, die Existenz der vermeintlich vom Anti-Antikommunismus marginalisierten »Kalten Krieger« und Antikommunisten zu rechtfertigen und diese zu rehabilitieren,1 womit sie weniger erfolgreich waren als mit der Schwarzmalerei des Kommunismus selbst. Denn während Unterdrückung und Widerstand aktuell wieder das Bild von der SBZ und der DDR vor allem in den Vierziger- und Fünfzigerjahren beherrschen, haftet dem Antikommunismus immer noch ein negativer, undemokratischer Beigeschmack an. Meistens wird er eng und kritisch ausgelegt und auf seine extremsten Auswüchse wie die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« reduziert. Die Breite des Phänomens und dessen teilweise demokratischer Charakter werden dabei übersehen. Tatsächlich gilt für den westdeutschen und West-Berliner Antikommunismus, was auch für den amerikanischen festgestellt worden ist: »Anticommunism reflected the diversity of American society; its activists brought to the movement the distinct and often antagonistic interests of the communities that produced them [...] United only by their hatred of communism, these individuals often warred as fiercely among themselves as against the common enemy.«2 Nur wenn man den Antikommunismus auf diese Weise pluralistisch und wertfrei betrachtet, erkennt man seine Komplexität und kann zu der Einsicht gelangen, dass der Antikommunismus der Nachkriegszeit nicht nur Folge oder blasse Neuauflage seines nationalsozialistischen Vorgängers und/oder Produkt der Hysterie im Kalten Krieg war. Zu seiner Ausprägung trugen auch die historischen Erfahrungen mit dem Kommunismus seit dem Ersten Weltkrieg bei. Vor allem die Erfahrungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg lieferten Konservativen, Liberalen, Sozialdemokraten und selbst ehemals überzeugten Kommunisten viele Gründe, den Kommunismus prinzipiell und passioniert abzulehnen. So uneins sie in anderen Fragen waren, einte diese Gruppen der Glaube daran, dass der Kommunismus für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die eigene Nation eine existentielle Gefahr darstelle, die bekämpft werden müsse. Eben diese Überzeugung macht das Wesensmerkmal des Nachkriegsantikommunismus aus und unterscheidet ihn sowohl von normaler politischer Gegnerschaft als auch vom auf Volk und Rasse fokussierten nationalsozialistischen Antikommunismus. Die Erfahrungen mit der Besatzungsmacht wurden durch die Existenz der sowjetischen »Speziallager« in der SBZ geprägt. Welchen Einfluss diese Erfahrungen wiederum auf die Haltung der Menschen gegenüber dem Antikommunismus ausübten, gilt es in diesem Beitrag zu klären. Seit 1989/90 wird intensiv zur Geschichte der zehn Speziallager geforscht. Im Zentrum des Interesses standen zunächst Fragen zur historischen Einordnung der Lager, zur sowjetischen Internierungs- und Strafverfolgungspolitik sowie zur Zusammensetzung und zu den Erfahrungen der ca. 189 000 Häftlinge, von denen rund 154 000 Deutsche waren und mindestens 43 821 in den Lagern gestorben sind.3 Erst in den letzten Jahren hat sich das wissenschaftliche Interesse zum Teil von der Geschichte der Lager und der Erfahrungsgeschichte der Insassen auf die Wahrnehmungsgeschichte verlegt. Als erstes Ergebnis konnte die politische Instrumentalisierung des Themas im frühen Kalten Krieg belegt werden.4 In Gesprächen mit Überlebenden wird die Verbitterung ehemaliger Häftlinge über das aus ihrer Sicht unzureichende gesellschaftliche Interesse für ihre Schicksale deutlich.5 Ihre Ansichten wurden auch der erst ansatzweise erforschten öffentlichen Beschäftigung mit dem Thema gegenübergestellt.6 Von einer fundierten und facettenreichen Rezeptionsgeschichte, die über die Wahrnehmung der Betroffenen oder über deren eigene Darstellungen hinausgeht, kann allerdings noch nicht die Rede sein.7 Der vorliegende Aufsatz versteht sich in dreifacher Hinsicht als Beitrag zu einer solchen Rezeptionsgeschichte. Erstens identifiziert er verschiedene Akteure, die sich des Themas angenommen haben. Nur ein differenzierter akteursbezogener Ansatz hilft, über Verallgemeinerungen, über Ausmaß und Charakter der Wahrnehmung des Themas hinauszukommen. Bezeichnenderweise befinden sich unter den einflussreichen Akteuren Betroffene. Diese waren also nicht nur passive »Werkzeuge« politischer Instrumentalisierung oder Opfer der Vernachlässigung des Themas, wie sie in der Literatur oft dargestellt werden.8 Sie wirkten aktiv an der Rezeptionsgeschichte mit und das nicht nur, indem sie Erfahrungsberichte niederschrieben. Zweitens versucht der Aufsatz, sich von der gewohnten Periodisierung der Wahrnehmungsgeschichte der Speziallager zu lösen. Oft ist pauschal von der Instrumentalisierung des Themas und der undifferenzierten Gleichsetzung der sowjetischen Lager mit NS-Konzentrationslagern in den Fünfzigerjahren die Rede, worauf die nahezu vollständige »Verdrängung« ab den späten Sechzigerjahren und schließlich die umfassende »Aufarbeitung« (oder auch die weitergehende Marginalisierung) seit 1989 gefolgt seien.9 Auch wenn diese grobe Periodisierung ihre Berechtigung hat, weist eine genauere Betrachtung mehr Komplexität und insbesondere mehr Kontinuität auf. Drittens stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Speziallager für den west- bzw. bundesdeutschen Antikommunismus. Eine solche Bedeutung wird oft unterschätzt oder übersehen.10 Diesbezüglich stellt der Aufsatz folgende Thesen auf: erstens, dass die Auseinandersetzung mit den Speziallagern in den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren für die Entwicklung des westdeutschen Antikommunismus mitverantwortlich und konstitutiv war, und zweitens, dass die Lager seitdem dem bundesdeutschen Antikommunismus eines seiner wichtigsten Argumente liefern.11 Diese Thesen dürften eigentlich kaum überraschen, denn die Willkür vieler Gefangennahmen und die Abschottung genau wie das Massensterben der Insassen stellten die systembedingte Brutalität der sowjetischen Besatzung eindeutig unter Beweis. Sie stehen aber im Gegensatz zu wiederholten Behauptungen über die historische wie gegenwärtige Marginalität des Themas. Exemplarisch hierfür ist die von Eva Ochs referierte Empörung eines ehemaligen Insassen »über das öffentliche Beschweigen der Lager in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit: ›Gut, es gab ein paar Ansätze in den 50er Jahren ..., aber dann ist das sehr schnell aus den Gazetten und so weiter verschwunden‹«.12 Auch in der neuesten Forschung wird diese Sichtweise vertreten.13 Sicherlich sollte man die Bedeutung der Lager auch nicht überschätzen. Sie waren nur ein Aspekt von vielen, die auf den westdeutschen Antikommunismus Einfluss nahmen, einschließlich der persönlichen Erfahrungen beträchtlicher Teile der Bevölkerung.14 Bereits in den Fünfzigerjahren wurde die Lagerproblematik zum Teil von der Kriegsgefangenen- und Vertriebenenproblematik verdrängt bzw. schlichtweg nur als Teil dieser behandelt, was auch für neuere Debatten um die deutschen Kriegs- und Nachkriegsopfer gilt.15 Die Niederschlagung des Juni-Aufstandes 1953 und der Bau der Berliner Mauer 1961 lieferten neue Belege für die Unmenschlichkeit des ostdeutschen Regimes bzw. dessen sowjetischer Schutzmacht und nahmen damit den Speziallagern ihren »besonderen« Stellenwert.16 Ähnliches gilt für die Zeit ab 1990, als die Stasi mehr Aufmerksamkeit erfahren hat als die Speziallager. Von öffentlichem Beschweigen kann jedoch keine Rede sein, im Gegenteil. Die Auseinandersetzung mit den Lagern war gerade für den Aufbau des bundesdeutschen Antikommunismus prägend, und sie bleibt bis heute eine seiner wichtigsten Säulen. Indem er der Bedeutung der Speziallager in diesem Kontext nachgeht, liefert der Aufsatz auch einen Beitrag zum Versuch, »zu bestimmen, was Antikommunismus jeweils war bzw. ist, wie der situative Kontext aussah und welche Interessen mit dem Antikommunismus verbunden waren, inwieweit also Antikommunismus primär Auseinandersetzung mit kommunistischer Politik oder aber Ideologie war«.17 Bisher stand die Ideologie im Vordergrund der Diskussion um die Wahrnehmung der Speziallager, besonders, wenn es um die Frage ging, welchen Einfluss der Zeitgeist auf den wechselnden öffentlichen Umgang mit dem Thema nimmt. Ohne die Rolle der Ideologie bei der Wahrnehmung der Lager infrage zu stellen, soll in diesem Beitrag mehr Gewicht auf inhaltliche Aspekte, die Akteure und die Bedeutung der Erfahrungen von Betroffenen gelegt werden. Diese Aspekte sind es, die über alle Phasen des Wandels hinaus ein erhebliches Maß an Kontinuität aufweisen. In einem ersten Schritt werden die Bedeutung der Lager im West-Berliner und westdeutschen Antikommunismus und die Rolle beispielhafter institutioneller und individueller Akteure bis zum Mauerbau dargelegt. Im zweiten und dritten Abschnitt werden Kontinuität und Wandel bis 1989/90 und darüber hinaus diskutiert. I. Individuelle und institutionelle Akteure bis 1961 Im Gegensatz zu manch abwertender Einschätzung einer untergeordneten Stellung, erkennen einige Speziallagerforscher, dass die Lager eine »wesentliche Rolle innerhalb der Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg« spielten und im Westen zum »Symbol des kommunistischen Unrechts« wurden.18 Dasselbe kann man von der Forschung über den westdeutschen Antikommunismus nicht behaupten. Dort bleiben die Ausführungen zu den »konkreten politischen Entwicklungen« in der SBZ, die zur Ausprägung des Antikommunismus bzw. Antitotalitarismus der frühen Bundesrepublik beigetragen haben, oft unpräzise.19 Dazu gehörte aber sicherlich die sowjetische Internierungs- und Strafverfolgungspraxis, die die Einweisung in Speziallager zu einem Massenphänomen machte. Auch die Speziallagerforschung verkennt die tatsächliche Bedeutung des Themas, genauso wie die der ehemaligen Häftlinge. Letztere waren nicht nur »gern gesehene Zeugen im Kalten Krieg«, die von der damaligen Atmosphäre »profitierten«, oder deren Berichte sich »nahtlos in das große Bild klar konturierter antikommunistischer Stereotype ein[fügten]«.20 Vielmehr trugen sie selbst dazu bei, dass dieser Eindruck entstand, indem sie sich aktiv am Aufbau des Antikommunismus der Nachkriegszeit und seiner wichtigsten Organisationen beteiligten. Die konstitutive Bedeutung der Speziallager für den Nachkriegsantikommunismus lässt sich an der wohl bekanntesten antikommunistischen Vereinigung darstellen: der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Für diese spielten die Lager und die Häftlinge eine größere Rolle als oft bekannt.21 Die ersten Entlassungen aus den Lagern im Sommer 1948 waren der Anlass zur Gründung der KgU, die beim ersten öffentlichen Auftritt von ehemaligen Insassen im August und Oktober 1948 verkündet wurde.22 Neben den bekannten Lizenzträgern Rainer Hildebrandt, Ernst Tillich, Ernst Benda und Günther Birkenfeld, der 1950 für die Zeitschrift Der Monat einen wichtigen Aufsatz über die Lager verfassen sollte, befand sich unter den KgU-Gründern der aus dem Speziallager Sachsenhausen entflohene Erich Maedler, während andere ehemalige Häftlinge wie Gerhard Finn zu den ersten Aktivisten zählten.23 Die als »sowjetische Konzentrationslager« bezeichneten Lager spielten in der Propaganda der KgU eine herausragende Rolle. Sie hielt diese, laut Bettina Greiner, für »die schlimmste Ausformung des sowjetischen Terrorregimes«.24 Man mag die KgU wegen ihrer späteren Sabotageversuche als extremsten Auswuchs des westdeutschen Antikommunismus beurteilen, mit ihrer Empörung über die Speziallager stand sie jedoch nicht allein da.25 Die Speziallager lieferten auch den Sozialdemokraten einen weiteren Grund, im Kommunismus eine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu sehen. Schon 1945/46 waren Verhaftungen durch sowjetische Stellen für viele Sozialdemokraten auch ein Grund, eine Vereinigung mit der KPD abzulehnen.26 Nach der Zwangsvereinigung im Frühling 1946 wurden beharrliche Sozialdemokraten Opfer weiterer Verhaftungen und Verurteilungen durch sowjetische Militärtribunale (SMT), die in Einweisungen in die Speziallager mündeten. Schon vor der KgU prangerte der Parteivorsitzende Kurt Schumacher im April 1947 die »Konzentrationslager« der SBZ an.27 Ab Oktober 1947 versuchte die SPD mit der Veröffentlichung von Häftlingslisten und Anklageschriften, die Öffentlichkeit über die politischen Häftlinge der SBZ/DDR aufzuklären.28 Von 1948 bis 1951 dominierten mit den Speziallagern in Zusammenhang stehende Themen die sozialdemokratische Presse Berlins.29 Wie bei der KgU blieben die Lager ein wichtiges Element der öffentlichen Anklagen der SPD gegen den »Terror in der Ostzone«.30 Lange vor dem 17. Juni 1953 trugen sie bereits zur Ausprägung einer sozialdemokratischen Tradition antitotalitären Gedenkens bei.31 Im September 1950 gedachte Schumacher in Hannover der Speziallagerhäftlinge wie aller Diktaturopfer.32 Im April 1961 fand diese Tradition mit einem Kongress verfolgter Sozialdemokraten und einer Ausstellung zum »Deutsche[n] Freiheitskampf in der Sowjetzone« in Bad Godesberg mit klarem Speziallagerbezug ihren Höhepunkt. Wie viele andere Anlässe in den folgenden Jahrzehnten, sollte der Kongress auch als eine Antwort auf das Beschweigen der Lager im Rahmen des Gedenkens der NS-Verbrechen genutzt werden, wie es z. B. bei der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte (NMG) Sachsenhausen im gleichen Monat stattfand.33 Die Behandlung der Speziallager durch die SPD zeigt, dass es nicht unbedingt richtig ist, dieser »eine weitaus differenziertere Auseinandersetzung mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung« zu unterstellen, denn die Schärfe ihrer Darstellungen übertraf manchmal sogar diejenige der KgU.34 Die Thematisierung der Speziallager durch die SPD macht zudem deutlich, dass die Partei nicht primär Opfer des bürgerlichen Antikommunismus, sondern vor allem eine selbstbewusste und eifrige Kritikerin kommunistischer Politik war.35 Dies lag nicht zuletzt am Engagement entlassener Speziallagerhäftlinge, wie z. B. des SMT-Verurteilten Dieter Rieke, der sich über Jahrzehnte hinweg im Umfeld der SPD und öffentlich mit dem Thema auseinandersetzen sollte.36 Dass die SPD hier besonders hervortrat, lag primär daran, dass die Sozialdemokraten die größte parteipolitisch organisierte Gruppe unter den Speziallagerhäftlingen darstellten. Auch in Fragen der Fürsorge war die SPD ein sehr aktiver Befürworter, u. a. für eine Haftentschädigung und die Gleichstellung der Hilfeleistungen für die Opfer des Nationalsozialismus und Stalinismus. Im Gegensatz dazu waren die Regierungsparteien intern zerstritten und aus außen-, deutschland- und haushaltspoltischen Gründen zu einer gewissen Zurückhaltung gezwungen – eine parteipolitische Konstellation, die sich nach 1989 wiederholen sollte.37 Dennoch konnten sich die Speziallagerhäftlinge grundsätzlich der Unterstützung aller nichtkommunistischer Parteien und vor allem deren »Ostbüros« erfreuen.38 Waren die Speziallager für die Parteien ein wichtiges Thema unter vielen, widmeten sich einige Verbände fast ausschließlich dem Thema und den Interessen der Häftlinge. Während der Auflösung der letzten Lager gründeten ehemalige Insassen des Speziallagers Sachsenhausen im Februar 1950 in West-Berlin die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS). Bis in die Neunzigerjahre bildeten ehemalige Internierte und SMT-Verurteilte eine Mehrheit der Mitglieder. Die VOS engagierte sich für die Versorgung und Entschädigung ehemaliger Häftlinge, wozu sie Kontakte zum Bundeskanzleramt, zum Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (BMG) und zu Arbeitskreisen ehemaliger politischer Häftlinge in den Volksparteien pflegte. Sie bemühte sich auch um die Aufklärung »der freien Welt über die Gefahren des Kommunismus«, einschließlich des Unrechts, das mit den Speziallagern einherging.39 Das Gedenken der verstorbenen Häftlinge war ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld. Im November 1951 erfolgte die Errichtung des ersten den Opfern des Stalinismus gewidmeten Gedenksteins Deutschlands. Die Anlage am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg wurde ein zentraler Ort zur Erinnerung an die Verbrechen und Opfer des Kommunismus, z. B. 1960 beim ersten Besuch des neuen Bundespräsidenten Heinrich Lübke (CDU) in Berlin.40 Die politische Unterstützung der VOS zeigte sich im gleichen Jahr auch daran, dass die Vereinigung für ihre Gedenkfeier anlässlich des zehnjährigen Bestehens Bundeskanzler Adenauer gewinnen konnte, der die Mitglieder als »meine Kameraden« ansprach.41 Die angeführten Beispiele zeigen, dass ehemalige Speziallagerhäftlinge nicht (nur) »instrumentalisiert« wurden oder dem gesellschaftlichen Diskurs passiv gegenüberstanden, sondern sich aktiv am Aufbau und Erhalt des westdeutschen Antikommunismus beteiligten. Sie engagierten sich in weiteren Organisationen wie dem Heimkehrerverband oder dem Waldheim-Kameradschaftskreis.42 Sie waren auch in relevanten staatlichen Kontexten wie den Häftlingshilfe- oder Lastenausgleichsausschüssen der Kreise tätig.43 Manche brachten ihre Erfahrungen bei parteipolitischen Aktivitäten ein.44 Vergleichsweise viele beschäftigten sich beruflich oder ehrenamtlich mit der Deutschlandpolitik, sie waren z. B. beim Gesamtdeutschen Institut, der Bundeszentrale für politische Bildung oder dem BMG bzw. dem Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen tätig.45 Wie wenig man von passiven Betroffenen oder deren ungefragter Instrumentalisierung sprechen kann, lässt sich an den beiden Personen zeigen, die sich am kontinuierlichsten mit dem Thema auseinandersetzten. Wie schon erwähnt, engagierte sich der von 1945 bis 1948 in Buchenwald inhaftierte Gerhard Finn nach seiner Entlassung in der KgU. 1960 veröffentlichte er eine detaillierte Studie der Speziallager, der weitere Arbeiten folgten.46 Ebenso ist Karl Wilhelm Fricke zu nennen, dessen persönliche Erfahrungen mit dem Unrecht der SBZ/DDR nicht nur aus der eigenen Entführung, Verhaftung und Verurteilung von 1955/1956 herrühren, sondern auch im Schicksal seines 1946 verhafteten, 1950 nach Speziallagerhaft in Torgau und Buchenwald bei den »Waldheimer Prozessen« verurteilten und 1952 im Zuchthaus Waldheim verstorbenen Vaters begründet sind.47 Die Speziallager gehörten über fünf Jahrzehnte zu Frickes publizistischen Dauerthemen.48 Das Engagement dieser und anderer Betroffener legt nahe, dass der in der Auseinandersetzung mit den Speziallagern zum Ausdruck kommende und sich konstituierende westdeutsche Antikommunismus nicht nur reine Ideologie war, sondern wesentlich den realen Erfahrungen mit der kommunistischen Praxis entsprang. II. Die Phasen der Auseinandersetzung bis 1989 Die beschriebenen Beispiele zeugen auch von einer gewissen Kontinuität, die dem gängigen Bild der Wahrnehmungsgeschichte der Speziallager fremd ist. Obwohl sich die Forschung über den genauen Zeitpunkt (zwischen 1959 und 1970) und die spezifischen Ursachen (ob Entspannungspolitik, Zeitgeist oder NS-Vergangenheitsbewältigung) uneinig ist, gibt es kaum einen Zweifel daran, dass die ehemaligen Insassen »mit dem abrupten Wandel von den gefeierten Helden des Kalten Krieges zu den Randfiguren der Entspannungspolitik zurechtzukommen« hatten.49 Die unterschiedlichen Phasen der Speziallagerwahrnehmung weisen jedoch mehr Komplexität auf, als die grobe Periodisierung von der intensiven Thematisierung der Fünfzigerjahre und der ebenso massiven wie plötzlichen Verdrängung danach vermuten lässt. Das angebliche Beschweigen war weniger konsequent, und die vorherige Phase der Thematisierung weniger kontinuierlich als angenommen. Eine nähere Betrachtung deutet auch auf einen vernachlässigten Grund für das wechselnde Interesse an dem Thema hin: das Primat der Gegenwärtigkeit in der Auseinandersetzung mit der SBZ/DDR. In den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren erfuhren die Lager sicherlich mehr Aufmerksamkeit als danach, aber schon diese Phase weist erhebliche quantitative Schwankungen auf. Was Wolfram von Scheliha für die Presseberichterstattung zwischen 1946 und 1950 darlegt, gilt laut Friedhelm Boll auch für die folgenden Jahre: »Die Verhaftungs- und Entlassungswellen des Ostens [wurden] von Agitationswellen des Westens beantwortet.«50 Ohne dem Thema seinen anhaltenden Erfolgsstatus in dieser Phase absprechen zu wollen, muss festgehalten werden, dass sich die öffentliche Auseinandersetzung primär auf einige wenige aktuelle Ereignisse, wie die Entlassungsaktionen zwischen 1948 und 1956 oder die Einweihung der NMG Sachsenhausen 1961 konzentrierte. Eine solche puntkuelle Beschäftigung mit dem Thema ist charakteristisch für die Zeit bis 1989, allerdings mit einem Unterschied: die aktuellen Anlässe wurden seltener und beschränkten sich zunehmend auf erinnerungspolitische Ereignisse, wie die Jahrestage der Befreiung der NS-Konzentrationslager oder Besuche westdeutscher Politiker in den DDR-Gedenkstätten.51 Einen bisher unterschätzten Grund für das abnehmende Interesse stellten also weniger ein böswilliger Zeitgeist oder die Entspannungspolitk dar, die später eine Rolle spielen sollten, sondern dieser lag ganz einfach in der Natur der Sache. Denn die Debatten um die Speziallager richteten ihr besonderes Augenmerk von Anfang an auf die Bedürfnisse der Angehörigen und Entlassenen und noch mehr auf die Forderung nach Freilassung der Inhaftierten. Gerade die Gegenwärtigkeit der Lager wie der kommunistischen Diktatur überhaupt motivierte und legitimierte die Vorrangstellung des Antikommunismus im westdeutschen Antitotalitarismus der späten Vierziger- und Fünfzigerjahre. Die Behauptung, das aktuelle kommunistische Unrecht sei wichtiger und gefährlicher als der vergangene Nationalsozialismus, wird oft als moralisch problematischer Versuch empfunden, aus der Verantwortung für das Dritte Reich zu fliehen. Solche entlastenden Motive spielten sicherlich eine Rolle bei der Rezeption der Speziallager.52 Die Vorrangstellung des aktuellen Unrechts findet aber gerade in Bezug auf die politischen Häftlinge der SBZ/DDR ihre Berechtigung, die schwerlich geleugnet werden kann. Die Opfer stalinistischer Verfolgung verdienten und bekamen Aufmerksamkeit, denn »um diese Opfer konnte man noch kämpfen«.53 Mit der Auflösung der Lager und der Entlassung auch der meisten SMT- und Waldheim-Verurteilten im Verlauf der Fünfzigerjahre galt dies jedoch nicht mehr. Die gleichen Gründe, die dem Thema seine politische Brisanz wie auch seine Berechtigung verliehen, im Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen, bewirkten auch den Verlust derselben. Zur schwindenden Bedeutung des Themas trugen neben den Entlassungen der Lagerinsassen auch neue Beispiele kommunistischen Unrechts bei. Der westdeutsche Antikommunismus erhielt immer mehr Angriffsfläche, so dass die Speziallager etwas von ihrer anfänglichen Bedeutung und ihrem eigenständigen Profil verloren. Hatte sich dieses erst zwischen 1948 und 1950 geschärft, verlor es ab 1950 mit dem thematisch fließenden Übergang von den Speziallagern zu den Waldheimer Prozessen und den DDR-Gefängnissen schon wieder an Kontur. Das zeigt sich z. B. am Fall von Bautzen. »Im westdeutschen Gedächtnis«, so Silke Klewin, »verankerte sich seit Ende der vierziger Jahre der Topos Bautzen als ›Ostzonen-KZ im Gelben Elend‹«, woran sich die Erinnerung an Bautzen II als Stasi-Knast ab den Fünfzigerjahren »nahtlos anknüpfte«.54 Die Wahrnehmung der beiden Haftorte vermischte sich zunehmend im öffentlichen Bewusstsein, bis der Stasi-Knast schließlich doch dominierte, weil er weiterhin in Betrieb blieb. Weitere nationale wie internationale Beispiele kommunistischen Unrechts, wie z. B. die Verurteilung des Studenten Hermann Josef Flade 1950 oder der Koreakrieg, der 17. Juni 1953, der Ungarn-Aufstand oder der Mauerbau, zogen viel Aufmerksamkeit auf sich.55 Vor allem nach 1953 wurden die Speziallageropfer in das allgemeine antikommunistische bzw. antitotalitäre Gedenken aufgenommen.56 Der graduelle aber nie vollständige Bedeutungsverlust der Speziallager begann also lange vor dem Bau der Mauer. Das gängige Bild der Speziallagerwahrnehmung der Fünfzigerjahre bedarf auch der qualitativen Differenzierung. Bei aller Konsequenz gab es mehr Nuancen als man vermuten könnte und als die vorhandene Literatur nahelegt, in der zumeist nur von der »undifferenzierte[n] Gleichsetzung« von Speziallagern und NS-Konzentrationslagern die Rede ist.57 Zwar wurde die Bezeichnung als KZ als Inbegriff einer kritischen Deutung fast einheitlich und sehr plakativ benutzt. Dass sie aber auch von NS-Opfern wie Eugen Kogon verwendet wurde, zeigt, dass sie nicht nur der Relativierung oder Verdrängung der NS-Verbrechen diente.58 Mancher Vergleich der sowjetischen und nationalsozialistischen Lager wog die Ähnlichkeiten und Unterschiede ab. Zwar wurden oft diejenigen Bereiche hervorgehoben, in denen die sowjetischen Lager negativer erschienen, z. B. in Bezug auf die hygenischen Zustände und die Isolation der Häftlinge, gleichzeitig wurden andere Unterschiede, z. B. dass die Sowjets ihre Opfer nicht vergasten, relativiert. Häufig wurde aber auch betont, dass körperlicher Terror in den sowjetischen Lagern weitgehend fehlte.59 Die Feststellung von Unterschieden zugunsten der sowjetischen Lager wurde also nicht nur wie 1949/50 im Fall des Probst Heinrich Grüber, der die Speziallager für wesentlich humaner als die NS-Lager hielt, als Entlastung bzw. Verteidigung des sowjetischen Unrechts zurückgewiesen.60 Besonders im ersten Nachkriegsjahrzehnt ging es in der Tat »nicht um einen differenzierten, wissenschaftlich abgesicherten Vergleich von Verfolgungs- oder Lagersystemen«.61 Umso bemerkenswerter sind die tatsächlichen Differenzierungen sowie die Aussagen zur Anwesenheit von NS-Verbrechern unter den Insassen, die auch bei Kritikern wie Birkenfeld zu lesen sind.62 Allen Übertreibungen, Relativierungen und Instrumentalisierungen zum Trotz deuten solche Feststellungen und Nuancierungen wieder darauf hin, dass die Realität der Lager für deren Wahrnehmung mindestens ebenso wichtig war wie antikommunistische Vorurteile, Verblendung oder Ideologie. Die Fünfzigerjahre als einheitliche Epoche darzustellen, auf die eine scharfe Zäsur gefolgt sei, verkehrt die tatsächlichen Verhältnisse von Kontinuität und Wandel. Stattdessen muss man von graduellen qualitativen Änderungen bei gleichzeitiger Kontinuität sprechen. Einerseits begann schon in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre die Suche nach einem (noch) differenzierteren und fundierten und (noch) weniger ideologischen Umgang mit dem Thema. Dies galt vor allem für die SPD,63 aber auch für das BMG, das schon in den frühen Fünfzigerjahren Veröffentlichungen zu den Lagern herausgegeben hatte.64 Nicht erst unter der sozial-liberalen Regierung Ende der Sechzigerjahre, sondern schon unter der Adenauerregierung wollte man ein Jahrzehnt zuvor im BMG die Auseinandersetzung versachlichen. Zum Beispiel sollte eine geplante und von Karl Wilhelm Fricke zu bearbeitende Dokumentation der politischen Unterdrückung in der SBZ/DDR die simple Gleichsetzung mit den NS-Lagern vermeiden.65 Diese Tendenz entsprach dem Vorhaben zu mehr »Sachlichkeit« im sonstigen Umgang mit der DDR, und resultierte aus der Festigung der SED-Herrschaft und des Ost-West-Konflikts.66 Andererseits gab es bis in die Achtzigerjahre hinein Kontinuitäten, die eine vermeintliche Zäsur in den Sechzigerjahren relativieren. Der quantitative Rückgang in der Berichterstattung setzte sich nach dem Mauerbau verstärkt fort, aber das Thema verschwand nie vollständig aus dem öffentlichen Raum. Ab den späten Sechzigerjahren erschienen immerhin einige Erinnerungsberichte und Romane, manche davon bei rechtsradikalen Verlagen. Margret Bechlers Warten auf Antwort, das 1978 im Kindler Verlag erschien, traf den Geschmack vieler Leser und war überaus erfolgreich, was auch für Walter Kempowskis autobiografischen Roman Ein Kapitel für sich gilt.67 Dass sich einige Betroffene weiterhin aktiv an der öffentlichen Thematisierung beteiligten, der große Rest der Bevölkerung und der politischen Klasse es aber unterließ, hing sicherlich mit dem Generationswechsel, dem Zeitgeist und »Probleme[n] des Entspannungsdenkens« zusammen.68 Der ebenso mitverantwortliche und schon für die Fünfzigerjahre konstatierte punktuelle Charakter der Thematisierung wurde weiterhin in Diskussionen anlässlich der vierzigsten Jahrestage des Kriegsendes und der Befreiung der NS-Konzentrationslager sowie der von Michail Gorbačëv angestoßenen Rehabilitierungsdebatte in der UdSSR deutlich.69 Ein Blick auf die westdeutsche DDR-Forschung und -Publizistik der Sechziger- bis Achtzigerjahre bestätigt sowohl die marginale Präsenz des Themas als auch das weitere, nun sehr einsame Engagement der Betroffenen. Außer Gerhard Finn und Karl Wilhelm Fricke ist hier fast nur Hermann Weber zu nennen. Obwohl kein direkt Betroffener, hatte er eine eigene »erfahrungsgesättigte« Sicht auf das kommunistische Unrecht.70 Nicht nur das prädestinierte ihn dazu, fast der einzige Wissenschaftler zu sein, der für das Thema offen blieb. Sein Selbstverständnis als Historiker unterschied ihn auch von den meisten DDR-Forschern, deren Interesse in Übereinstimmung mit dem oben angeführten Primat der Gegenwärtigkeit den aktuellen Entwicklungen galt. Bei der nachträglichen Kritik des »weißen Flecks« im Hinblick auf die Speziallager in der DDR-Forschung wird dieser Unterschied oft übersehen. Neben (oder besser: dank) der personellen Kontinuität kann auch eine Kontinuität in der Deutung der Lager festgestellt werden. Trotz der neuen Sachlichkeit der späten Fünfzigerjahre und der veränderten Rahmenbedingungen der folgenden Jahrzehnte verzichteten Weber, Fricke und Finn bis in die Achtzigerjahre meist nicht auf den Begriff des Konzentrationslagers.71 Sie verwendeten höchstens den neutralen Terminus »Internierungslager«, referierten aber wohlwollend die schärfere Bezeichnung.72 Dieser Befund widerspricht der häufigen Annahme, dass der KZ-Begriff spätestens ab den frühen Sechzigerjahren nicht mehr verwendet wurde.73 Dass diese wenigen, die sich mit dem Thema beschäftigten und die Lager so darstellten, als »Kalte Krieger« bezeichnet wurden, sagt viel über den Anti-Antikommunismus dieser Jahre.74 Dass diese Autoren sich auch als Antikommunisten bzw. Antistalinisten verstanden, sagt aber ebenso viel über die anhaltende Bedeutung der Speziallager für den nicht mehr Ton angebenden, aber nie völlig erloschenen westdeutschen Antikommunismus aus. III. Die Speziallager und der deutsche Antikommunismus seit 1989/90 Mit der Entdeckung von Massengräbern verstorbener Speziallagerinsassen während des Umbruchs in der DDR 1989/90 wurde eine neue Phase in der Rezeptionsgeschichte der Lager eingeleitet. Erst jetzt konnten ehemalige Insassen, die in der DDR gelebt hatten, offen über ihre Erfahrungen sprechen und um Rehabilitierung und Entschädigung kämpfen. Erst jetzt konnte an den Originalorten die Geschichte der Lager erforscht und dargestellt und der Opfer gedacht werden. Außerdem konnte mit der teilweisen Öffnung der russischen Archive endlich eine quellengesättigte Forschung beginnen. Die Phase der »Verdrängung« in beiden deutschen Staaten war vorbei, die gesamtdeutsche »Aufarbeitung« konnte beginnen. Dennoch war dies kein völliger Neuanfang. In manchem ähnelte diese neue Phase der Ära des Kalten Krieges. So ist z. B. von Scheliha der Meinung, dass das Thema 1990 »in enger Anlehnung an die Debatte der 1940er und 1950er Jahre ... erneut für einige Monate zum Sinnbild des kommunistischen Unrechts« wurde.75 Schockierend wirkende Titel früher Nach-Wende-Veröffentlichungen, wie Lager des Grauens. Sowjetische KZs in der DDR nach 1945 oder Todesfabriken der Kommunisten erinnerten an die Sensationsmeldungen der Fünfzigerjahre.76 Mit der Zeit des Kalten Krieges verband die Jahre nach 1989 aber nicht nur kurzlebige Parallelen, sondern auch Kontinuitäten, die die dazwischen liegende Phase überbrückten und noch ins neue Jahrhundert hineinreichen sollten. Obwohl sich die Rahmenbedingungen geändert hatten und die Auseinandersetzung nun überwiegend im Kontext der Geschichts- und Erinnerungspolitik geführt wurde, behielten die Speziallager ihren wichtigen Platz in der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit der SBZ/DDR. Nach langen Jahren des einsamen Mahnens meldeten sich die einschlägigen Autoren erneut zu Wort und erfuhren jetzt wieder verstärkte Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit und der Politik.77 Nach einer Neuauflage seiner Studie von 1960 schrieb Gerhard Finn Gutachten über die Speziallager für die Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zu den Themen »Aufarbeitung« und »Überwindung« der SED-Diktatur.78 In der ersten Kommission arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die CDU/CSU, während er vor der zweiten Kommission die Interessen der Speziallageropfer in seiner Rolle als Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V. vertrat, die er von 1995 bis 2001 ausübte.79 Fricke und Weber waren sogar Mitglieder beider Enquete-Kommissionen, der eine für die CDU/CSU, der andere für die SPD. Dort engagierten sie sich für die Aufnahme kritischer Deutungen der Speziallager in die Gedenkstättenarbeit und die Erinnerungskultur.80 Wer sich einem Thema so kontinuierlich über einen so langen Zeitraum widmet, hat wohl das Recht, grundsätzlich den Vorwurf der Vernachlässigung des Themas zu erheben.81 Dieser wurde auch bei breit angelegten Anklagen anderer Antikommunisten gegen die Verharmlosung des Unrechts in der SBZ/DDR vonseiten der Bundesrepublik ins Feld geführt.82 Hier wurde weniger die Geschichte der Speziallager als vielmehr deren Rezeptionsgeschichte instrumentalisiert. Zu den bekannten Akteuren kamen jetzt neue hinzu, womit sich das Engagement der Betroffenen fortsetzte und ausdehnte. Neben den Autoren weiterer Erinnerungsberichte zählte der ehemalige Mühlberg-Lagerinsasse Achim Kilian zu den Betroffenen, die sich des Themas mit einem stärker wissenschaftlich geprägten Anspruch und politischer Unterstützung annahmen.83 Auch die Opferverbände intensivierten ihre Aktivitäten und wurden durch neue Mitglieder und Neugründungen u. a. von Lagergemeinschaften in den neuen Bundesländern verstärkt.84 Mit dem jährlich stattfindenden Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung institutionalisierte sich der Austausch zwischen den Opfern und Vertretern der Gedenkstätten, der Politik und der Wissenschaft.85 Das Engagement der Betroffenen und ihrer Fürsprecher stieß keinesfalls nur während der intensiven Auseinandersetzung der frühen Neunzigerjahre auf großen Widerhall in der Politik. 1992 beschloss der Bundestag eine Ehrenerklärung für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft, einschließlich der Speziallagerinsassen.86 Die zweite Enquete-Kommission sprach sich in ihrem Schlussbericht 1998 für das Gedenken der Speziallageropfer aus.87 Im Jahr 2000 drückte Bundespräsident Johannes Rau (SPD), den ehemalige Lagerinsassen 1985 wegen seiner Vernachlässigung des Themas während eines Buchenwald-Besuches heftig kritisiert hatten, der VOS seine Glückwünsche zum fünfzigjährigen Jubiläum aus.88 Für die diesbezügliche Festschrift lieferten auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der Regierende Bürgermeister Berlins Eberhard Diepgen (CDU) Grußworte.89 Wie ihre Bonner Vorgänger bekannte sich hier die politische Spitze der Berliner Republik zur Solidarität mit den Speziallagerhäftlingen und beschwor den auf deren Erfahrungen gegründeten antitotalitären Konsens. Bezeichnenderweise tat sie dies, ohne ein Wort über Nationalsozialisten in den Speziallagern zu verlieren. Für Rau belegten diese »blutigen Ausläufer« des Archipel Gulag, dass »auch im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands der Terror [wütete]«.90 Die alten Deutungsmuster und Begriffe blieben also weitgehend erhalten.91 Nach Bodo Ritscher hat die Bezeichnung der Speziallager als Teil des Gulag in den Neunzigerjahren die frühere Bezeichnung als sowjetisches KZ abgelöst.92 Das gilt für die einschlägige Speziallagerforschung und zum Teil für die Politik, wie das Rau-Beispiel zeigt. Der KZ-Begriff wurde aber auch nach den ersten – vorschnellen – Nach-Wende-Publikationen verwendet, keinesfalls nur von Außenseitern und Betroffenen. Vor der ersten Enquete-Kommission stellte der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Horst Möller 1994 fest: »In der Anfangsphase sind die ehemaligen KZ der Nationalsozialisten als sowjetische KZ gebraucht worden.«93 Auch Rainer Eckert beschrieb im 1997 erschienenen Lexikon des DDR-Sozialismus die Lager als »Konzentrationslager der sowjetischen Geheimpolizei«.94 Daher überrascht es kaum, dass 2000 bei Finn vom »Weiterbetrieb der Konzentrationslager in Form der sogenannten Speziallager« die Rede ist, oder dass sich Fricke 2006 für diesen Begriff einsetzte, was Bettina Greiner 2010 wiederholte.95 Der Kontext der Auseinandersetzung hatte sich jedoch geändert. Nach 1990 ging es weniger um eine Mahnung vor den Gefahren des Kommunismus oder eine Anklage gegen die aktuelle SBZ/DDR als um die Erörterung, welchen Platz diese in der deutschen Geschichte bzw. Erinnerungslandschaft einnehmen. Die Deutung der Speziallager wurde zum Stellvertreterkampf um das Verhältnis von DDR und Drittem Reich im öffentlichen Gedächtnis,96 dessen Verlauf hier nicht nachgezeichnet werden soll.97 Die vielfache Bedeutung der Speziallager für die öffentliche Erinnerung und Geschichtsschreibung lässt sich aber identifizieren. Erstens ist Bernd Faulenbach zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass die »Gedenkstätten für die Opfer des Stalinismus einer allzu weitgehenden Historisierung der DDR und des SED-Systems entgegen[wirken]«.98 Zweitens dienen die Speziallager und vor allem die Weiternutzung von Geländen ehemaliger NS-Konzentrationslager als Beleg gegen die Deutung der deutschen Niederlage 1945 als »Befreiung«.99 Sie sollen, drittens, auch beweisen, dass es keine ernst zu nehmende Entnazifizierung in der SBZ gab, und viertens, dass die SBZ/DDR keinen demokratischen Anfang hatte.100 Diese Argumente verstoßen nicht gegen das oft beschworene Verbot von der Gleichsetzung der Speziallager mit den NS-Konzentrationslagern.101 Stattdessen schenkt man den politisch demokratischen und anderen unschuldigen Häftlingen mehr Aufmerksamkeit als den ehemaligen Nationalsozialisten unter den Lagerinsassen und diskrediert damit die gesamte Internierungspraxis.102 Andere Zugänge werden als »Verharmlosung« des Unrechts der Speziallager aufgefasst, der, so Hartmut Koschyk (CSU) 1995, »von einer Mehrheit im Bundestag widersprochen werden« muss.103 Solche Aussagen belegen die anhaltende Bedeutung des Themas für den bundesdeutschen Antikommunismus auch unter den veränderten Umständen im wiedervereinigten Deutschland. IV. Zusammenfassung Dieser Aufsatz belegt die Notwendigkeit mehrfacher Korrekturen am gängigen Bild der Wahrnehmungsgeschichte der Speziallager. Zum einen betont er die wesentliche Rolle der »sowjetischen Konzentrationslager« beim Aufbau des westdeutschen Antikommunismus. Auch nach der Auflösung der Lager blieben sie ein wichtiges Thema und passten gut in das von Martin Sabrow beschriebene westdeutsche »Empörungsgedächtnis«.104 Dieser Begriff ist gerade deshalb für die Erinnerung an die Speziallager passend, weil die überlebenden Speziallagerhäftlinge nur allmählich entlassen wurden, während die Empörung um die immer noch Inhaftierten anhielt. Dass die Lager sukzessive bis Anfang 1950 geschlossen wurden, während die Geschichte des kommunistischen Unrechts noch weiterging, hat dem Thema zum anderen schon in den Fünfzigerjahren einen Teil seiner Bedeutung genommen, da es nicht mehr vom Primat der Gegenwärtigkeit profitieren konnte. Außerdem war die Deutung der Lager trotz der Bezeichnung als sowjetische Konzentrationslager von Anfang an differenzierter als oft angenommen. Darüber hinaus begann die Suche nach erhöhter Sachlichkeit und Differenzierung schon in den Fünfzigerjahren. Für die folgenden Jahrzehnte muss das Bild von tiefen Einbrüchen und dem zeitweiligen Verschwinden des Themas revidiert werden. Dass die Speziallager nach dem Mauerbau noch mehr Bedeutung einbüßten, lag gewiss auch am »Akzeptanzgedächtnis«, das das Empörungsgedächtnis weitgehend verdrängte.105 Dennoch wurden die Lager immer wieder, wenn auch zunehmend marginal thematisiert. Sogar über die Zäsur von 1989/90 hinweg bestanden Kontinuitäten, sowohl bei den Akteuren als auch bezüglich der teilweisen Beibehaltung des vermeintlich nur in den Fünfzigerjahren verwendeten KZ-Begriffs in der Geschichtspolitik und Teilen der Geschichtsschreibung. Die kritischsten Deutungen der Lager fanden politischen Widerhall, und die Lager nahmen einen wichtigen Platz im antitotalitären Konsens bzw. im »Diktaturgedächtnis« der erweiterten Bundesrepublik ein.106 Allen Beschwerden über das mangelnde Interesse für das Thema bzw. dessen Zweitrangigkeit hinter der NS-Vergangenheit zum Trotz haben die Speziallager stets mehr Aufmerksamkeit erfahren und mehr Unterstützung von »öffentlich anerkannten Fürsprechern« erhalten als gemeinhin angenommen.107 In jeder der beschriebenen Phasen lag dies vor allem am Engagement der Betroffenen. Das Interesse der Politik, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit hat sich mit der Zeit geändert, aber die Betroffenen ließen sich nie passiv instrumentalisiren oder ignorieren. Der »erfahrungsgesättigte« west- bzw. bundesdeutsche Antikommunismus baute seit den späten Vierzigerjahren gerade auf ihren Erfahrungen auf.108 Dass die Speziallager »such important symbols for the nature of repressive Soviet policies in Germany« wurden und auch blieben, lag weniger an Instrumentalisierung oder Ideologie als an den Erfahrungen und dem Engagement der Betroffenen.109 1 Andrew H. Beattie: A 1950s Revival? Cold War Culture in Reunified Germany, in: Thomas Lindenberger/Marcus M. Payk/Bernd Stoever/Annette Vowinckel (Hg.): European Cold War Cultures. Perspectives on Societies in the East and the West, New York im Erscheinen. 2 Richard Gid Powers: Anticommunism, in: Paul S. Boyer (Hg.): The Oxford Companion to United States History, Oxford 2001. 3 Siehe Alexander von Plato: Sowjetische Speziallager, in: Martin Sabrow (Hg.): Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 90–97, hier S. 93. Siehe auch Bodo Ritscher: Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager in der SBZ/DDR seit Beginn der 1990er Jahre – Zwischenbilanz und Ausblick, in: Petra Haustein u. a. (Hg.): Instrumentalisierung, Verdrängung, Aufarbeitung. Die sowjetischen Speziallager in der gesellschaftlichen Wahrnehmung 1945 bis heute, Göttingen 2006, S. 170–192. 4 Siehe Wolfram von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager. Ein Symbol des kommunistischen Unrechts in der publizistischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West bis zum Bau der Berliner Mauer 1961, in: Haustein u. a.: Instrumentalisierung (Anm. 3), S. 10–29. 5 Siehe Friedhelm Boll: Sprechen als Last und Befreiung. Holocaust-Überlebende und politisch Verfolgte zweier Diktaturen. Ein Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur, Bonn 2003; Eva Ochs: »Heute kann ich das ja sagen«. Lagerfahrungen von Insassen sowjetischer Speziallager in der SBZ/DDR, Köln 2006. 6 Siehe von Plato: Sowjetische Speziallager (Anm. 3), S. 96 f.; Eva Ochs: »Warten auf Antwort«. Öffentliche Wahrnehmung und individuelle Verarbeitung am Beispiel der Speziallagerhäftlinge in der Bundesrepublik Deutschland, in: BIOS 21 (2008), H. 1, S. 37–48. 7 Auch die neueste Behandlung des Themas versteht sich als »weitere Annäherung« und bietet primär Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Rezeption über den Umweg über die Betroffenen und ihre Vorstellungen von den Erwartungen der Öffentlichkeit. Siehe Bettina Greiner: Verdrängter Terror. Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, Hamburg 2010, S. 21. 8 Von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 28. 9 Haustein u. a.: Instrumentalisierung (Anm. 3); Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 40. 10 Siehe Patrick Major: The Death of the KPD. Communism and Anti-Communism in West Germany 1945–1956, Oxford 1997; Klaus Körner: »Die rote Gefahr«. Antikommunistische Propaganda in der Bundesrepublik 1950–2000, Hamburg 2002; Wolfgang Wippermann: Dämonisierung durch Vergleich. DDR und Drittes Reich, Berlin 2009, S. 60–72. 11 Siehe von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 26. 12 Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), S. 289. 13 Siehe Bettina Greiner: Speziallager? Was für Speziallager? Zum historischen Ort der stalinistischen Verfolgung in Deutschland, in: Mittelweg 36 18 (2009), H. 3, S. 93–112, hier S. 95; dies.: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 20. 14 Siehe Gesine Schwan: Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945, Baden-Baden 1999. 15 Siehe Greiner: Speziallager (Anm. 13), S. 98; Andrew H. Beattie: The Victims of Totalitarianism and the Centrality of Nazi Genocide. Continuity and Change in German Commemorative Politics, in: Bill Niven (Hg.): Germans as Victims. Contemporary Germany and the Third Reich, London 2006, S. 147–163. 16 Siehe von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 28. 17 Bernd Faulenbach: »Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsepoche, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK), Berlin 2008, S. 231–238, hier S. 238. 18 Petra Haustein: Geschichte im Dissens. Die Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Sachsenhausen nach dem Ende der DDR, Leipzig 2006, S. 258; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 10. 19 Siehe Hans Karl Rupp: Vom Antifaschismus zum Antikommunismus. Die Begründung der Bundesrepublik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 54 (2009), H. 5, S. 79–87, hier S. 80. Siehe Major: Death (Anm. 10); Körner: Rote Gefahr (Anm. 10), S. 12. 20 Von Plato: Sowjetische Speziallager (Anm. 3), S. 97; Greiner: Speziallager (Anm. 13), S. 106; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 433. 21 Siehe Sonja Isabel Krämer: Westdeutsche Propaganda im Kalten Krieg. Organisationen und Akteure, in: Jürgen Wilke (Hg.): Pressepolitik und Propaganda. Historische Studien vom Vormärz bis zum Kalten Krieg, Köln 1997, S. 333–371, hier S. 345; Jens Hüttmann: Die DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung, Berlin 2008, S. 68 f.; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 22 f.; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 22, 38–40, 343–376. 22 Siehe Gerhard Finn: Nichtstun ist Mord. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, Bad Münstereifel 2000, S. 11; Kai-Uwe Merz: Kalter Krieg als antikommunistischer Widerstand. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit 1948–1959, München 1987, S. 40. 23 Siehe ebd., S. 39; Haustein: Geschichte (Anm. 18), S. 259 u. 262; Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), S. 287; Finn: Nichtstun (Anm. 22); Günther Birkenfeld: Der NKWD-Staat. Aus den Berichten entlassener KZ-Insassen, in: Der Monat 2 (1950), H. 18, S. 628–643. 24 Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 345. Siehe auch Kampfbund gegen Unmenschlichkeit: Sowjetische Konzentrations-Lager auf deutschem Boden 1945–1950, Göttingen 1950; Hermann Just: Die sowjetischen Konzentrationslager auf deutschem Boden 1945–1950 (= Hefte der Kampfgruppe, Bd. 1), Berlin 1952. 25 Siehe Merz: Kalter Krieg (Anm. 22), S. 9. 26 Peter Erler: Berliner Sozialdemokraten und die Internierungspraxis des NKWD/MWD in der Nachkriegszeit, in: Klaus Schroeder (Hg.): Geschichte und Transformation des SED-Staates. Beiträge und Analysen, Berlin 1994, S. 71–84, hier S. 72; Dieter Rieke: Geliebtes Leben. Erlebtes und Ertragenes zwischen den Mahlsteinen jüngster deutscher Geschichte, Berlin 1999, S. 62, 67, 78 u. 104. 27 Mike Schmeitzner: Der Totalitarismusbegriff Kurt Schumachers. Politische Intention und praktische Wirksamkeit, in: ders. (Hg.): Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007, S. 249–281, hier S. 271. 28 Siehe Wolfgang Buschfort: Die Ära Adenauer. Die »roten KZs« und die Ostbüros der Parteien in den 1950er und 1960er Jahren, in: Haustein u. a.: Instrumentalisierung (Anm. 3), S. 30–43, hier S. 32. 29 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 278; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 13–15. 30 Parteivorstand der SPD (Hg.): Terror in der Ostzone. Tatsachen klagen an!, Hannover 1948; Vorstand der SPD (Hg.): Das System des kommunistischen Terrors in der Sowjetzone, Hannover 1950; ders. (Hg.): Die Straflager und Zuchthäuser der Sowjetzone. Gesundheitszustand und Lebensbedingungen der politischen Gefangenen, Bonn 1955. 31 Siehe Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999. 32 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 295 f. 33 Siehe ebd., S. 299–305; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 27. 34 Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit. Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969, Düsseldorf 2008, S. 461. Siehe auch Körner: Rote Gefahr (Anm. 10), S. 91; Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 282 u. 284 f. 35 Siehe Körner: Rote Gefahr (Anm. 10), S. 11. 36 Siehe Rieke: Geliebtes Leben (Anm. 26); Karl Wilhelm Fricke: Ein Mahner ist verstummt. Zum Tode von Dieter Rieke (1925–2009), in: Deutschland Archiv 42 (2009), H. 6, S. 975–977. Zum Engagement anderer Verfolgter in der SPD, siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 308–334. 37 Siehe Christian Widmaier: Häftlingshilfegesetz, DDR-Rehabilitierungsgesetz, SED-Unrechtsbereinigungsgesetze. Rehabilitierung und Wiedergutmachung von SBZ/DDR-Unrecht?, Frankfurt a.M. 1999, S. 76–85 u. 186–240. 38 Siehe Buschfort: Ära Adenauer (Anm. 28), S. 30. 39 Jörg Siegmund: Opfer ohne Lobby? Ziele, Strukturen und Arbeitsweise der Verbände der Opfer des DDR-Unrechts, Berlin 2002, S. 49 f. Siehe Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. (Hg.): Vergeßt uns nicht – wenn auch die Tage wandern und die Jahre. Eine Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Berlin 2000. 40 Siehe Annette Kaminsky (Hg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Leipzig 2004, S. 52; Günter Morsch/Ines Reich (Hg.): Sowjetisches Speziallager Nr. 7/Nr. 1 in Sachsenhausen (1945–1950). Katalog der Ausstellung in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Berlin 2005, S. 445. 41 Siehe ebd., S. 446. 42 Siehe Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), bes. S. 306 f. sowie S. 226, 312 f. u. 319. 43 Siehe ebd., S. 298. 44 Siehe ebd., S. 307 u. 319; Haustein: Geschichte (Anm. 18), S. 262; Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 325. 45 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 227, 245 u. 271–274. 46 Siehe Gerhard Finn: Die politischen Häftlinge der Sowjetzone 1945–1959, Pfaffenhofen 1960 (1. Aufl. 1958; Neuaufl. Köln 1989); ders.: Sachsenhausen 1936–1950. Geschichte eines Lagers, Bad Münstereifel 1991 (1. Aufl. 1988). 47 (Karl Wilhelm Fricke:) »Ich wollte die Sprache derer sprechen, die zum Schweigen verurteilt waren«. Ein Interview von Ilko-Sascha Kowalczuk mit Karl Wilhelm Fricke, in: Karl Wilhelm Fricke: Der Wahrheit verpflichtet. Texte aus fünf Jahrzehnten zur Geschichte der DDR, Berlin 2000, S. 13–115, hier S. 14–17. 48 Siehe z. B. ders.: Sachsenhausen mahnt. Ein Konzentrationslager unter zwei Diktaturen, in: SBZ-Archiv 12 (1961), H. 6, S. 90–92; Peter Dittmar/ders.: Zweimal Buchenwald, in: Deutschland Archiv 8 (1975), H. 5, S. 466–475; ders.: Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968, Köln 1979. Siehe Hüttmann: DDR-Geschichte (Anm. 21), S. 246–257. Fricke und Finn gelten also kaum als »neutrale Instanzen«. Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 426. 49 Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 246. Boll wertet diesen Satz als »überspitzt formuliert«. Er gibt aber eine in der Forschung und im erinnerungspolitischen Diskurs verbreitete Sichtweise korrekt wieder. Siehe Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 40 u. 377. 50 Von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 12–15. Siehe auch Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 220. 51 Siehe Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), S. 302 f. u. 320 f.; Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 318. 52 Siehe von Scheliha: Die sowjetischen Lager (Anm. 4), S. 26; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 39 u. 372. 53 Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 220. 54 Silke Klewin: Bautzen, in: Sabrow: Erinnerungsorte (Anm. 3), S. 43–54, hier S. 45 u. 54. Siehe auch Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 350. 55 Siehe Creuzberger: Kampf (Anm. 34), S. 477 f.; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 28; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 379. 56 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 298. 57 Haustein: Geschichte (Anm. 18), S. 256. 58 Siehe Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Frankfurt 1965 (1. Aufl. 1946), S. x u. 410. 59 Siehe exemplarisch: Birkenfeld: NKWD-Staat (Anm. 23). 60 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 284 u. 293; von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 23 f. 61 Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 293. 62 Siehe Birkenfeld: NKWD-Staat (Anm. 23), S. 629; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 451. 63 Siehe Buschfort: Ära Adenauer (Anm. 28), S. 33. 64 Siehe Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (Hg.): Unrecht als System. Dokumente über planmäßige Rechtsverletzungen im sowjetischen Besatzungsgebiet, Bonn 1952. 65 Siehe Creuzberger: Kampf (Anm. 34), S. 471; Fricke: Wahrheit (Anm. 47), S. 60–62; Hüttmann: DDR-Geschichte (Anm. 21), S. 255 f. 66 Creuzberger: Kampf (Anm. 34), S. 84 f., 273, 296, 314 f. u. 472; Hüttmann: DDR-Geschichte (Anm. 21), bes. S. 107 u. 152; Fricke: Wahrheit (Anm. 47), S. 27. 67 Margret Bechler: Warten auf Antwort. Ein deutsches Schicksal, München 1978; Walter Kempowski: Ein Kapitel für sich, München 1975. Siehe auch Ochs: Warten (Anm. 6), bes. S. 38; Greiner: Speziallager (Anm. 13); dies.: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 388. 68 Karl Dietrich Bracher: Politik und Zeitgeist. Tendenzen der siebziger Jahre, in: ders./Wolfgang Jäger/Werner Link: Republik im Wandel 1969–1974. Die Ära Brandt, Stuttgart 1986, S. 283–406, hier S. 362. Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 330. 69 Siehe Morsch/Reich: Sowjetisches Speziallager (Anm. 40), S. 451; Boll: Sprechen (Anm. 5) S. 262 u. 273. 70 Jens Hüttmann: »Erfahrungsgesättigte Rationalität«. Hermann Weber im Feld der bundesdeutschen DDR-Forschung seit den 1950er Jahren, in: JHK, Berlin 2008, S. 207–222. Zu seinem Selbstverständnis und seiner Herangehensweise als Historiker siehe ders.: DDR-Geschichte (Anm. 21). 71 Siehe z. B. Hermann Weber: Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 24 u. 27; ders.: Geschichte der DDR, München 1985, S. 109; Karl Wilhelm Fricke: Weder Konzentrationslager noch politische Gefangene in der DDR?, in: Deutschland Archiv 20 (1987), H. 2, S. 160–180; Gerhard Finn: Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland. Über den unechten Antifaschismus, in: Deutschland Archiv 12 (1979), H. 7, S. 736–741, hier S. 738. 72 Siehe Fricke: Politik (Anm. 48), S. 69. 73 Siehe Boll: Sprechen (Anm. 5), S. 218 u. 277; Ritscher: Wissenschaftliche Aufarbeitung (Anm. 3), S. 183. 74 Siehe Buschfort: Ära Adenauer (Anm. 28), S. 42; Boll: Sprechen (Anm. 5), 332. 75 Von Scheliha: Die sowjetischen Speziallager (Anm. 4), S. 29. 76 Uwe Greve: Lager des Grauens. Sowjetische KZs in der DDR nach 1945, Kiel 1990; Adrian Preissinger: Todesfabriken der Kommunisten. Von Sachsenhausen bis Buchenwald, Berg am See 1991. 77 Siehe Bernd Faulenbach: Die neue geschichtspolitische Konstellation der neunziger Jahre und ihre Auswirkungen auf Museen und Gedenkstätten, in: Volkhard Knigge/Ulrich Mählert (Hg.): Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Osteuropa, Köln 2005, S. 55–69, hier S. 60. 78 Siehe Finn: Die politischen Häftlinge (Anm. 46); ders.: Die Speziallager der sowjetischen Besatzungsmacht 1945–1950, in: Deutscher Bundestag (Hg.): Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Frankfurt a.M. 1995, Bd. IV, S. 337–398; ders.: Bericht zur neueren Literatur (ab 1990) über Zahl, Verbleib und Zusammensetzung der Häftlinge nach Internierungsgründen in den sowjetischen Speziallagern der Jahre 1945 bis 1950, in: Deutscher Bundestag (Hg.): Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit« (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Frankfurt a.M. 1999, Bd. VI, S. 205–246. 79 Siehe Bericht der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, in: Deutscher Bundestag: Materialien »Aufarbeitung« (Anm. 78), Bd. I., S. 178–778, hier S. 200; Deutscher Bundestag: Materialien »Überwindung« (Anm. 78), Bd. VI, S. 54–58; Union der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.: Vorstand: www.uokg.de/Text/vorstand.htm, ges. am 13. August 2010. 80 Siehe Deutscher Bundestag: Materialien »Überwindung« (Anm. 78), Bd. VI, S. 25, 28 f., 49 f., 65–67, 123 u. 143 f. Siehe Andrew H. Beattie: Playing Politics with History. The Bundestag Inquiries into East Germany, New York 2008, S. 215 u. 232. 81 Siehe Gerhard Finn: Wieder einmal nichts gewusst. »Vergangenheitsbewältigung« in Buchenwald, in: Deutschland Archiv 23 (1990), H. 8, S. 1251–1259. 82 Siehe Konrad Löw: ... bis zum Verrat der Freiheit. Die Gesellschaft der Bundesrepublik und die »DDR«, München 1993, S. 45 f. 83 Siehe Achim Kilian: Die Häftlinge in den sowjetischen Speziallagern der Jahre 1945–1950. Zusammenfassung des derzeitigen Kenntnisstandes hinsichtlich Zahl, Verbleib und Zusammensetzung nach Internierungsgründen, in: Deutscher Bundestag: Materialien »Überwindung« (Anm. 78), Bd. VI, S. 373–440. Siehe Ritscher: Wissenschaftliche Aufarbeitung (Anm. 3), S. 176 f. 84 Siehe z. B. zum Einsatz der 1990 gegründeten Torgauer VOS für eine Gedenkanlage am Ort des Torgauer Speziallagers Fort Zinna: Andrew H. Beattie: The Fight in the Prison Car Park. Memorializing Germany’s »Double Past« in Torgau, in: Bill Niven/Chloe Paver (Hg.): Memorialization in Germany since 1945, New York 2010, S. 328–338. 85 Siehe z. B. Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Leipzig (Hg.): Eine Zwischenbilanz der Aufarbeitung der SBZ/DDR-Diktatur 1989–1999. X. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig 1999. 86 Siehe Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 97 (1992), S. 7953. 87 Siehe Schlußbericht der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«, in: Deutscher Bundestag: Materialien »Überwindung« (Anm. 78), Bd. I, S. 142–803, hier S. 614 u. 617. 88 Siehe Johannes Rau: Grußwort zum fünfzigjährigen Bestehen der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, in: Vereinigung der Opfer des Stalinismus: Vergeßt (Anm. 39), S. 9–11, hier S. 9. Siehe auch Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), S. 302 f. 89 Siehe Gerhard Schröder: Grußwort, in: Vereinigung der Opfer des Stalinismus: Vergeßt (Anm. 39), S. 12 f., hier S. 12. 90 Rau: Grußwort (Anm. 88), S. 9. 91 Siehe Ochs: Lagererfahrungen (Anm. 5), S. 194; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 16, 428, 455. 92 Siehe Ritscher: Wissenschaftliche Aufarbeitung (Anm. 3), S. 184. 93 Deutscher Bundestag: Materialien »Aufarbeitung« (Anm. 78), Bd. IX, S. 587. 94 Rainer Eckert: Entnazifizierung, in: Rainer Eppelmann u. a. (Hg.): Lexikon des DDR-Sozialismus, Bd. 1, Paderborn 1997, S. 247–251, hier S. 248. 95 Finn: Nichtstun (Anm. 22), S. 7; Karl Wilhelm Fricke: »Konzentrationslager, Internierungslager, Speziallager«. Zur öffentlichen Wahrnehmung der NKWD/MWD-Lager in Deutschland, in: Haustein u. a.: Instrumentalisierung (Anm. 3), S. 44–62; Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 472. 96 Siehe Annette Kaminsky: Ausstellungen zu den sowjetischen Lagern in der SBZ/DDR – eine vergleichende Betrachtung, in: Haustein u. a.: Instrumentalisierung (Anm. 3), S. 149–169, hier S. 150; Volkhard Knigge: Buchenwald, in: Sabrow: Erinnerungsorte (Anm. 3), S. 118–127, hier S. 126 f. 97 Siehe Hasko Zimmer: Der Buchenwald-Konflikt. Zum Streit um Geschichte und Erinnerung im Kontext der deutschen Vereinigung, Münster 1999; Haustein: Geschichte (Anm. 18); Beattie: Playing Politics (Anm. 80), S. 213–219; ders.: Fight (Anm. 84). 98 Faulenbach: Neue geschichtspolitische Konstellation (Anm. 77), S. 62. 99 Löw: Bis zum Verrat (Anm. 82), S. 45 f.; Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Berlin 2005, S. 10. 100 Siehe Schlußbericht der Enquete-Kommission »Überwindung« (Anm. 87), S. 606 f. Siehe Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949–1990, München 1998, S. 66–70. 101 Siehe Bericht der Enquete-Kommission »Aufarbeitung« (Anm. 79), S. 281. 102 Siehe Günter Fippel: Demokratische Gegner und Willküropfer von Besatzungsmacht und SED in Sachsenhausen (1946 bis 1950). Das sowjetische Speziallager Sachsenhausen – Teil des Stalinschen Lagerimperiums, Leipzig 2008. 103 Debatte des Deutschen Bundestages am 22. Juni 1995, in: Deutscher Bundestag: Materialien »Überwindung« (Anm. 78), Bd. I, S. 24–53, hier S. 45. Siehe auch Schlußbericht der Enquete-Kommission »Überwindung« (Anm. 87), S. 602. 104 Martin Sabrow: Die DDR erinnern, in: ders.: Erinnerungsorte (Anm. 3), S. 11–27, hier S. 16. 105 Ebd., S. 17. 106 Ebd., S. 18. 107 Greiner: Verdrängter Terror (Anm. 7), S. 41. 108 Hüttmann: Erfahrungsgesättigte Rationalität (Anm. 70). 109 Norman M. Naimark: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation 1945–1949, Cambridge, MA 1995, S. 354.

JHK 2011

Kommunismuskritik im heutigen China? Ein Blick in das Werk des Essayisten Yu Jie

Monika Gänßbauer

Dieser Beitrag zeichnet Inhalte und Argumente im Werk des chinesischen Essayisten und Literaturwissenschaftlers Yu Jie nach und stellt die Frage, ob diese als antikommunistisch gelten können. Außerdem soll untersucht werden, ob Yu Jie mit seinen Haltungen repräsentativ für eine größere Gruppe chinesischer Intellektueller1 seiner Generation in China steht. Laut dem Historiker Ernst Nolte bedeutet Antikommunismus den bedingungslosen Ausschluss von Sozialismus im Sinne des östlichen Parteistaatskapitalismus.2 Die Politologin Gesine Schwan betont, dass der deutsche Antikommunismus genetisch aus den Erfahrungen mit dem Stalinismus entstand und sich inhaltlich im Wesentlichen zur Freiheit und zur westlich-liberalen Demokratie bekannte, also eine Absage an die totalitäre Zwangsherrschaft der kommunistischen Einparteidiktatur bedeutete.3 Begründungskomponenten des modernen Antikommunismus sind laut Schwan der liberale, politische Individualismus, das Recht auf individuelle und nationale Selbstbestimmung als Kern der liberalen Demokratie und als Gegensatz gegen Kollektivismus, politisches Machtmonopol. Darüber hinaus nennt Schwan als weitere Begründungskomponente ein Grundverständnis von christlich-abendländischer Kultur als Abwehr gegen Atheismus.4 Während Antikommunismus in Westdeutschland nach 1945 als »eine gesellschaftlich umfassende und funktional besonders bedeutsame Integrations- und Identifikationsideologie« gilt,5 lebt und arbeitet der Autor Yu Jie in der Volksrepublik China, einem autoritären und politisch bis heute von der Einparteienherrschaft der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) geprägten Land. Hier bildet der Marximus-Leninismus chinesischer Prägung noch immer eine zentrale geistige Grundlage für das Denken und Planen von Führungspersönlichkeiten.6 Den Schritt, demokratische Mitwirkungsrechte einzufordern und sich selbst politisch zu engagieren, haben die meisten Chinesen angesichts einer immer noch übermächtigen Staatsgewalt bisher nicht vollzogen, so der Politologe Sebastian Heilmann.7 Die Verfassung der VR China enthält weitreichende Einschränkungen der politischen und bürgerlichen Rechte, da ihre Ausübung den »Interessen des Staates, der Gesellschaft und des Kollektivs« untergeordnet wird (Art. 51). Das Festhalten am sozialistischen Weg, an der Führung durch die KPCh und am Marxismus-Leninismus ist in der Präambel der derzeit gültigen Verfassung von 1982 verankert. Ist unter solchen Umständen politische Systemkritik oder Kritik an der KPCh durch VR-chinesische Bürger in schriftlicher, publizierter Form überhaupt möglich? Wird dies nicht geahndet? Welche Freiräume können sich kritische Intellektuelle schaffen, um zu agieren? Im Jahr 2001 erschien ein Band mit Texten aus dem Nachlass des Sinologen Helmut Martin. Ein Beitrag darin stellt die pessimistische Frage: »Chinas und Taiwans moderne Literatur: Wohin ist sie entschwunden?«.8 Martin zieht am Ende der Neunzigerjahre ein desillusioniertes Fazit: Nach 1989 seien Intellektuelle und Autoren entweder ins Ausland gegangen oder hätten sich angepasst. Ihre gesellschaftliche Rolle als Kritiker oder Impulsgeber für Reformüberlegungen hätten sie aufgeben müssen. In der chinesischen Literatur herrschten Subversion, Zynismus oder »Substitution«, also wertlose Unterhaltungsliteratur.9 Ähnlich fiel im Jahr 2005 das Urteil Wolfgang Kubins aus. Kubin stellte für die chinesische Gegenwartsliteratur fest, »dass der Markt immer mehr das Schreiben bestimmt, dass jegliche Ideologie oder Botschaft, ja selbst ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Literatur in den Hintergrund« träten.10 Es gebe kein verbindliches Zentrum und keinen allgemein verbindlichen Wertekanon mehr. Die chinesischen Intellektuellen verlören ihre traditionelle gesellschaftliche Position als Mahner und Rufer.11 Daher erhoffte sich Kubin damals für die Zukunft eine Rückbesinnung auf die guten Traditionen des chinesischen Literaten, der »gefeit gegen jede Verlockung des Marktes – Wissen, Humor und Verantwortung in sich zu vereinigen wusste«.12 Möglicherweise vollzieht sich ja eine solche Rückbesinnung gerade – in der Generation jener Autoren, die in den Siebzigerjahren geboren sind und die nicht mehr mit dem lakonisch-unbeteiligten oder ironisch-zynischen Blick der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Geborenen auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft ihres Landes blicken, sondern sich erneut in die Tradition der 4. Mai-Bewegung13 stellen, gesellschaftskritisch aktiv werden und Intellektuelle zur Übernahme von Verantwortung aufrufen. Während der 4. Mai-Bewegung im Jahr 1919 hatten sich chinesische Intellektuelle gegen die Erstarrung des chinesischen Gesellschaftssystems gewandt und kulturelle sowie politische Modernisierung gefordert.14 Dieser und den nachfolgenden Bewegungen ging es darum, die Fähigkeit zu einer kritischen Haltung zu entwickeln und in der chinesischen Gesellschaft Meinungsfreiheit zu erringen.15 Xu Zhiyuan, Jahrgang 1976 und Absolvent der Beijing-Universität, schrieb 2004: »In unserem Erwachsen-Werden war für uns die Wahl der Wege, die wir einschlagen konnten, schon sehr eingegrenzt. Unsere Sprache und unsere Art zu denken wurden von einer überaus zynischen gesellschaftlichen Atmosphäre beeinflusst […] Reiner Idealismus war kaum zu finden und wurde normalerweise als Gefühlsimpuls betrachtet, der aus Unwissenheit heraus entsteht.«16 Die Generation der Siebzigerjahre sei in einer Zeit aufgewachsen, in der Ökonomie an die Stelle von Ethik trat.17 Xu sieht die Situation, die er und seine Generation vorgefunden haben, kritisch. Dies trifft auch für den Autor Yu Jie, Jahrgang 1973, zu. Seine Werke sind bislang im Westen kaum rezipiert. Meines Erachtens steht Yu Jie aber für einen möglichen Neuanfang in der Haltung jüngerer chinesischer Intellektueller gegenüber der chinesischen Vergangenheit und Gegenwart. Seine Äußerungen verdienen Beachtung, weil er mit ihnen dazu auffordert – entgegen den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte –, das Werk der Moderne18 in China engagiert fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen. Yu Jie – Person und Werk Yu Jie stammt aus der Provinz Chengdu und verbrachte einige Jahre bei seinen Großeltern auf dem Land. Yus Vater war Ingenieur, seine Mutter Arbeiterin. Sie stammte aus einer sogenannten Grundbesitzerfamilie, die nach 1949 enteignet worden war. Von 1992–2000 studierte Yu Jie Chinesische Literatur an der Beijing-Universität. Sein erstes Buch Huo yu bing [Feuer und Eis],19 das 1998 in einer Auflage von einer Million Exemplaren erschien, wurde in China zum Bestseller. Es folgten zahlreiche Essaybände, die zunächst auch auf dem chinesischen Festland, später aber vor allem in Hongkong oder Taiwan erschienen.20 Seit 1999 nutzt Yu Jie verstärkt das Internet für Publikationen.21 Im Jahr 2000, nach Abschluss seines Studiums, hatte Yu einen Anstellungsvertrag vom Institut für Moderne Chinesische Literatur in Beijing erhalten. Doch als er die Stelle antreten wollte, zog das Institut, wie Yu schreibt, auf Intervention des Chinesischen Schriftstellerverbandes, das Angebot zurück.22 Seitdem arbeitet Yu als freiberuflicher Autor und ist mittlerweile Stellvertretender Vorsitzender des Unabhängigen PEN-Verbandes chinesischsprachiger Schriftsteller. In den Jahren 2003–2008 hielt er sich mehrfach als Gastdozent in den USA und Europa auf und folgte 2008 zudem einer Einladung des Auswärtigen Amtes in Berlin. Yu ist Christ und Mitglied einer unabhängigen protestantischen Gemeinde in Beijing. Welche Themen charakterisieren Yu Jies Werk? Yu bemüht sich u. a. um eine Aufarbeitung der Kulturrevolution, übt Traditionskritik in der Nachfolge der 4. Mai-Bewegung und befasst sich mit den aktuellen sozialen Problemen Chinas. Ebenso reflektiert er die Geschichte des Kommunismus in seinem Land und dessen Folgen für China. Sein Werk ist von einem Ringen um Redefreiheit und freiheitliche Gestaltungsräume geprägt. Aufarbeitung der Kulturrevolution und Ablehnung historischer master narratives »Gleichgültigkeit ist ein Verbrechen« – so lautet die Überschrift eines Essays von Yu zur Erinnerung an die Kulturrevolution (1966–1976). Damals war es zu Massenaufmärschen und blinder Gewalt durch Jugendliche gekommen. Mao stellte sich hinter die Angreifer und rief zur Kritik an allen Autoritäten auf. In jenen Jahren geriet China an den Rand eines Bürgerkriegs. Yu Jie klagt an, dass man die zehn Jahre andauernde Katastrophe in China rasch dem Vergessen überlassen habe und ihr inzwischen gleichgültig begegne.23 Seine Kritik richtet sich auch gegen ältere Akademiker, die keine Verantwortung für das Desaster der Kulturrevolution übernehmen wollen, weil sie sich aus den Auseinandersetzungen damals »herausgehalten« hätten. Genau dieses Mitläufertum ist es, das Yu bemängelt.24 Mit dem renommierten Autor und früheren Rektor der Schanghaier Theaterhochschule Yu Qiuyu25 führte Yu Jie zur Frage des Umgangs mit der Kulturrevolution eine öffentliche Auseinandersetzung. Der Professor hatte dem jungen Essayisten vorgeworfen, zu jung zu sein, um die Kulturrevolution begreifen zu können. Dem hielt Yu Jie entgegen, dass wohl niemand die Kulturrevolution je ganz begreifen werde und man ihm daher nicht vorwerfen könne, diese Zeit nicht persönlich erlebt zu haben.26 Ohnehin hat die Kulturrevolution aus seiner Sicht bis heute nicht aufgehört. Sie sei in die geistige Struktur des chinesischen Volkes und das tägliche Leben der Menschen eingedrungen, so Yu.27 Er macht dies vor allem an der ideologischen Indoktrinierung und der gewalttätigen Sprache jener Zeit fest, von der er auch Spuren bei sich selbst entdeckt. Beispielsweise bezeichnete Yu Jie Professor Yu Qiuyu einmal als »übriggebliebenes Gesindel der Kulturrevolution« (wenge yunie),28 wofür er sich aber später entschuldigte. Auch den Autor Yu Hua, Jahrgang 1950 und Verfasser der in China bekannten Romane Leben (Huozhe) und Brüder (Dixiong), kritisierte Yu Jie dafür, Mao Zedong zu verherrlichen. Yu Huas Worte glichen denen eines »Geisteskranken«, so Yu Jie.29 Bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang Yus Sensibilität für die sprachliche Hinterlassenschaft der Kulturrevolution sowie seine Fähigkeit, persönliche Fehler einzugestehen. Er ist davon überzeugt, dass die Erinnerung an die Schrecken der Kulturrevolution der einzige Weg ist, der neues Leben ermöglicht.30 Yu führt dabei einen zentralen Begriff aus dem religiösen Bereich in den Diskurs ein: Reue bzw. Umkehr (chanhui). Reue sei etwas anderes als Bestrafung oder Beschämung, so der Autor. Ihr Ziel sei es, zwischen Menschen wieder Respekt und Vertrauen zu schaffen.31 Die Voraussetzung für Reue sei die Erkenntnis, dass Menschen immer wieder schuldig würden, so Yu Jie.32 Davon, dass die Kulturrevolution oft das zwischenmenschliche Vertrauen grundlegend zerstört hat, berichtete 2005 auch der Journalist Andreas Lorenz: Bei einem Diplomatenempfang in Beijing habe ein chinesischer Professor dem Journalisten beim Anblick des Vize-Außenministers zugeflüstert: »Dem gebe ich nicht die Hand. Der hat mich damals [während der Kulturrevolution] geschlagen und sich niemals dafür entschuldigt.«33 Die Politologin Gesine Schwan hält die Überwindung des Beschweigens von Schuld für absolut notwendig. Im Zusammenhang mit der deutschen NS-Geschichte beschreibt sie das Schweigen als Abwehr von Verantwortung oder als Blindheit gegenüber den eigenen Taten. Dadurch geschehe aber keine wirkliche Befreiung von Schuld. Beschwiegene Schuld bedeute die Preisgabe des Gewissens und der personalen Identität.34 Wolfram Eberhard hat in seiner Studie über Guilt and Sin in Traditional China von 1967 dargelegt, dass Menschen im China der Kaiserzeit dazu erzogen wurden, Schuld zu internalisieren.35 Dazu dienten vor allem volksbuddhistische und daoistische Konzepte. Die von ihm untersuchten Texte hätten gezeigt, dass es moralische Werte und Verhaltensregeln gab und dass jede Verletzung dieser Werte und Regeln, ob nun öffentlich oder geheim, ob mit oder ohne Absicht vollzogen, als Sünde betrachtet wurde. Ab dem 19. Jahrhundert allerdings habe die chinesische Elite das Gefühl für Scham und Sünde langsam verloren, so Eberhard. Yu Jie hält den Verlust der Aufrichtigkeit (chunzhen) für die größte Tragödie der Kulturrevolution.36 Seit jener Zeit seien die Menschen nicht mehr an moralischen Werten interessiert, sondern verfolgten nur noch eigene Interessen. Im März 2006 hatten 48 chinesische Autorinnen und Autoren in einem Antrag an die Politische Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes die Einrichtung eines Kulturrevolutionsmuseums gefordert.37 Yu Jie geht in seinen Forderungen zur Aufarbeitung der Kulturrevolution noch weiter. Für ihn ist eine gründliche Aufklärung der »Verbrechen Maos« die Voraussetzung für eine Demokratisierung Chinas. Bisher sei nichts in dieser Richtung geschehen.38 Deshalb liege Maos Schatten auch noch über dem Land.39 Für eine gründliche Aufarbeitung der Kulturrevolution fordert Yu Jie daher die Einsetzung einer »Wahrheitskommission« nach dem Vorbild Südafrikas. Auch solle Maos Leichnam nicht mehr im Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausgestellt und verehrt werden, denn dies käme einer andauernden Verehrung von Gewalt gleich.40 In einem Interview erklärte er: »Wir kritisieren den Yasukuni-Schrein, aber wir haben selbst einen Mao Zedong-Schrein mitten in Beijing stehen. Das beschämt mich, weil Mao mehr Chinesen getötet hat, als den Japanern zum Opfer gefallen sind.«41 Yu plädiert dafür, einen »Mao Zedong-Entschädigungsfonds« einzurichten, mit dessen Geldern den Opfern der Politik Maos geholfen werden könne.42 Den master narratives43 der neueren Geschichte Chinas verweigert sich Yu Jie und begründet seine Ablehnung der Revolution so: »Wenn die Mehrheit sich mit einer Partei zur Revolution verbündet, dann betrachtet man Menschen außerhalb dieses Bündnisses schnell als Konterrevolutionäre.«44 Sein Begriff von Freiheit orientiert sich an der Definition von Rosa Luxemburg: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.45 Yu nähert sich historischen Ereignissen lieber konkret und im Detail an, statt sich an umfassenden Geschichtsanalysen zu versuchen. So könne er möglicherweise einzelne wahre historische Szenen zum Leben erwecken, meint der Autor.46 Die sozialistische Meta-Erzählung hat, so auch Chamsy el-Ojeili, ihre Autorität längst verloren. Denn die totalisierende theoretische und historische Praxis des Sozialismus sei terroristisch und totalitär.47 Traditionskritik in der Nachfolge der 4. Mai-Bewegung In den Achtzigerjahren hatte die chinesische Regierung eine angeblich um sich greifende »bürgerliche Liberalisierung« (zichan jieji ziyouhua) kritisiert.48 Yu Jie hält dem entgegen, dass Liberalisierung doch ein positiver Begriff sei, denn er bezeichne eine Bewegung auf mehr Freiheit hin – dies sei sicher im Sinne von Marx gewesen.49 Yu kritisiert, dass die chinesischen Intellektuellen in den Neunzigerjahren die aufklärerische Tradition der 4. Mai-Bewegung fallen gelassen und keinerlei gesellschaftliche Verantwortung mehr übernommen hätten. Viele Intellektuelle hätten nach 1989 dem verstärkten ideologischen Druck nicht standgehalten und den ökonomischen Versuchungen der Marktwirtschaft nachgegeben.50 Nach der Öffnung und der freieren Diskussion der Achtzigerjahre sei das gesellschaftliche Klima Chinas seit 1989 von kultureller Erstarrung, Lügen und moralischem Niedergang geprägt.51 Yu Jie knüpft auch bewusst an kritische Argumente aus den Achtzigerjahren an. Damals hatten chinesische Intellektuelle einen Konflikt zwischen traditioneller Kultur und Modernisierung konstatiert und sich für eine stärkere Ausrichtung an westlichen Politik- und Kulturmodellen eingesetzt.52 Yu Jie greift ein Bild auf, das der taiwanesische Autor Bo Yang einst prägte, und erklärt: Nur das klare Benennen gesellschaftlicher Probleme könne das »Sojasoßenfass« (jianggang) der chinesischen Zivilisation zerbrechen und das chinesische Volk befreien, das in eine jahrhundertealte Einheits-Soße getunkt sei.53 Mit solchen Äußerungen begibt sich Yu Jie in klare Opposition zu aktuellen Strömungen einer kulturellen Renaissance in China, die »5000 Jahre glanzvoller chinesischer Kultur« beschwören. Solche Strömungen würden von den Herrschenden politisch instrumentalisiert, so Michael Lackner. Er sieht den Begriff der Kultur bei den Vertretern dieser kulturellen Renaissance auf ein »Chinatum« fixiert – so als gäbe es ein »komplettes, scheinbar autonomes und autochthones Bezugssystem mit chinesischen Werten und Maßstäben«.54 Dementgegen hält Yu es für seine Aufgabe, die Bürger Chinas über Sachverhalte aufzuklären, die eigentlich zum Allgemeinwissen gehören müssten, in China aber längst noch nicht dazu zählen. Darum äußere er sich zu Fragen wie Menschenrechten, Demokratie und den Grundsätzen einer verfassungsmäßigen Regierung.55 Wenn man sich in China für solche Konzepte einsetze, so Yu, werde man häufig als »Speichellecker des Westens« diffamiert. Dieses Urteil weist er zurück und erklärt, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte seien zwar ursprünglich westlich-abendländische Konzepte gewesen, heute aber seien sie Universaleigentum.56 Thematisierung sozialer Probleme in China Yu Jie hat in vielen Beiträgen auch konkrete soziale Missstände in der VR China kritisiert. So geht er anlässlich einer Brandkatastrophe in einem Vergnügungsklub der Frage nach, wer sich eigentlich der Arbeitsmigranten und ihrer Probleme annehme.57 Bei dem Brand fanden 47 Menschen den Tod, weil die Betreiber des Klubs die Türen aus Angst vor Polizeikontrollen verschlossen hielten. Dies verhinderte, dass die Besucher, überwiegend Arbeitsmigranten, entkommen konnten. An den Tod der Migranten habe nach dem Brand jedoch niemand erinnert, kritisiert Yu Jie und macht darauf auferksam, dass jede große Stadt Chinas mittlerweile Viertel hat, in denen Arbeitsmigranten unter slumähnlichen Bedingungen hausten. Weiter fragt er sich, wohin eine Gesellschaft gerate, die nur einer Minderheit von Menschen den Schutz der Menschenwürde gewährt.58 An anderer Stelle geißelt Yu Jie die Korruption der Polizeibehörden.59 So mancher Polizist wirke tagsüber als Beamter und nachts als Mitglied eines verbrecherischen Geheimbundes. Viele Menschen hätten vor Polizisten mehr Angst als vor Dieben. In China fehle eine wirksame Kontrolle der Polizei. In Die Grenzen von Liebe und Schmerz berichtet Yu Jie von einem Bauernmädchen, das in die Stadt zog, um der bitteren Armut auf dem Land zu entkommen. Dort geriet sie in die Prostitution und infizierte sich mit HIV.60 Weil sie keinen Zugang zu Medikamenten hatte, starb sie jung. Yus Blick für soziale Ungerechtigkeit und für die Situation der oft bitterarmen Landbevölkerung61 wurde durch die eigene Biografie geschärft. Er verbrachte einen großen Teil seiner Jugend bei seinen Großeltern auf dem Land. Heute diagnostiziert Yu auf Seiten der Landbevölkerung Hass auf die alten und neuen Oberschichten Chinas und hält eine erneute Revolution auf chinesischem Boden für nicht ausgeschlossen.62 Auch Heilmann hat im Jahr 2004 Szenarien der politischen Entwicklung Chinas entworfen. In einem dieser Szenarien, er nennt es das worst case-Szenario, geht er davon aus, dass die zentrale Führung Chinas durch interne Auseinandersetzungen, zunehmende soziale Unruhen, eine hohe Arbeitslosigkeit und die Verselbstständigung politischer und militärischer Cliquen in den Provinzen gelähmt wäre. Infolge dieses Szenarios könnte es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in China kommen.63 Die Kommunistische Partei Chinas habe sich längst zur Kapitalistischen Partei Chinas entwickelt, so Yu Jie.64 Auch Li Minqi, Ökonom an der Universität von Utah, rechnet die Bauern Chinas zum »Halbproletariat« und sieht durch die zunehmende Produktion von Weltmarktgütern in China eine enorme »Proletarisierungswelle« auf das Land zukommen.65 Chinas Klassenstruktur werde sich fundamental ändern und der Anteil »proletarischer und halbproletarischer Lohnarbeiter« an der Gesamtbevölkerung werde sich substanziell erhöhen.66 Die wachsende Verhandlungsmacht dieser Unterschichten werde großen Druck auf das chinesische Regime ausüben, prognostiziert Li. Yu Jie sieht den Sinn seines Schreibens darin, »die wahren Verhältnisse aufzudecken«.67 Deutschen Lesern, die in den Medien täglich über die genannten Probleme Chinas lesen, mögen Yus Texte möglicherweise unspektakulär und banal erscheinen. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass das Erscheinen solcher Beiträge in den Medien Chinas und Hongkongs für Autoren auf dem chinesischen Festland noch immer den Verlust einer Arbeitsstelle, Schreibverbot in den offiziell kontrollierten Medien oder gar Überwachung und Verhaftung bedeuten kann. Mit einigen dieser Konsequenzen sah sich Yu Jie bereits konfrontiert.68 Der Sinologe François Jullien resümiert in einem Beitrag über chinesisches Denken: »Wenn man so viele Gelehrtengenerationen lang die indirekte politische Rede gepflegt hat und sich vorwiegend in Anspielungen und Andeutungen erging, was für ein Kraftakt muss es da sein, auch nur – aber eben offen – zu sagen: j’accuse, ›ich klage an‹?«69 Diesen Mut zeigt Yu Jie. Ringen um Meinungsfreiheit und Gestaltungsräume Yus Werke können derzeit kaum in der VR China erscheinen. Sie werden in Hongkong oder Taiwan gedruckt. Im Kampf um seine Gestaltungsräume als Autor betrachtet Yu das Internet, das Recht sowie die Literatur als seine »Waffen« und fordert eine gesetzliche Gewährleistung von Pressefreiheit in China. 70 Anderenfalls könne die Presse ihr gesellschaftliches »Wächteramt« nicht wahrnehmen. Pressefreiheit sei ein wichtiger Indikator für den Zustand der Demokratie eines Landes71 und Journalisten sollten die Augen und Ohren der Menschen sein – statt mit geschlossenen Augen zu lügen.72 In den letzten Jahren habe das Internet die Gedanken- und Publikationsfreiheit chinesischer Intellektueller maßgeblich gefördert. Im Netz bilde sich eine machtvolle öffentliche Meinung, so Yu Jie. Von der zunehmend wichtigen Rolle des Internet bei der Bildung einer Zivilgesellschaft in China sind auch Yu Guoming, Medienforscher an der Renmin-Universität in Beijing,73 sowie der in den USA forschende chinesische Wissenschaftler Tai Zixue überzeugt.74 Zwar kontrolliere die chinesische Regierung das Internet noch immer rigide, so Yu Jie.75 Aber die »intellektuelle Gemeinschaft der Netizens« sei eine wichtige Kraft auf dem Weg zu geistiger Freiheit.76 Ein Beispiel dafür nennt auch Sebastian Heilmann: Ab 2002 entfaltete sich im chinesischen Internet eine rege und kontroverse Diskussion über die Frage, ob China eine Verfassungsreform brauche. Kuang Xinnian, ein Beijinger Hochschullehrer, erhob im Internet den Vorwurf, die Befürworter einer Verfassungsreform seien meist diejenigen, die im Zuge der Privatisierung von Staatsunternehmen durch illegale Methoden zu Wohlstand gekommen seien. Das Ziel dieser Leute sei es, so Kuang, in China eine »kapitalistische, faschistische Diktatur« zu errichten. Allein die Website www.pen123.net.cn verzeichnete im Juli 2003 mehrere Tausend Aufrufe zu diesem Thema, berichten Heilmann und seine Mitarbeiterinnen.77 Während Yu Jie im Jahr 1999 das Internet allerdings noch als eine Art des Runden Tisches lobte, um den herum alle Menschen mit gleichem Rederecht versammelt seien,78 setzte er sich 2001 kritisch mit anonymen Beiträgen im Internet auseinander. Es sei kein Wunder, dass viele Beiträge in China anonym im Netz erschienen – immerhin müsse man jederzeit damit rechnen, für seine Meinungsäußerung bestraft zu werden.79 Aber Anonymität bedeute auch die Preisgabe persönlicher Verantwortung, und er diskutiere nicht gern mit Menschen, die im Schutz der Anonymität andere diffamierten. Das Internet sei leider manchmal auch ein Ort, an dem Wölfe hausten.80 Explizite Kritik am Kommunismus und an seiner Wirkung auf China In einem Werk über chinesische Intellektuelle von 2009 befasst sich Yu Jie mit der Geschichte des Kommunismus in China.81 Er sieht die Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1949 als notwendiges Resultat von hundert Jahren Radikalisierung des chinesischen Denkens. Um Demokratie zu erreichen, hätten chinesische Intellektuelle sich in das Experiment des Kommunismus gestürzt, dabei aber leider nur die Etablierung einer Diktatur erreicht. Maos Art zu denken, zu sprechen und zu handeln habe das chinesische Volk von sich selbst entfremdet. Mao Zedong habe seinem Volk vorgelebt, was es bedeute, sich selbst zum Gott zu erheben. Eine solche Vergottung von Menschen sei für ihn als Christ aber nicht akzeptabel, so Yu. Der Kommunismus versuche, Moral, Gesetz und Sprache der Menschen zu vereinheitlichen und zu kontrollieren. Yu schließt sich damit dem Urteil des Reformers und Journalisten Liang Qichao an (1873–1929), der in seinen späten Jahren erkannt habe, dass unter der Herrschaft der KPCh Massen von Menschen ihr Leben lassen würden und das Land zu einer Wüste werde. Mit dem Massaker von 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei der Kommunismus in China in sich zusammengebrochen. Die Partei versuche dieses Vakuum mit Nationalismus und Patriotismus zu füllen.82 Heute sei es jedoch nötig, zu einer konservativen, liberalen Tradition zurückzukehren, die sich im modernen China auch herausgebildet habe. Fazit Gesine Schwan nennt als Begründungskomponenten des modernen Antikommunismus einen liberalen, politischen Individualismus sowie ein Bekenntnis zur christlichen Kultur. Beides findet sich auch bei Yu Jie. Yu Jie ist ein mutiger Kritiker, der sich für Aufklärung und mehr Freiheit im autoritär regierten China einsetzt. Seine Stärken liegen wahrscheinlich nicht im Aufzeigen konkreter Lösungswege, die zu gesellschaftlicher Veränderung führen, und er ist sicher kein begnadeter Erzähler, wie sein literarisches Werk Xiang cao shan [Der Berg des duftenden Grases] zeigt.83 Doch er stellt sich in die Tradition der unvollendeten 4. Mai-Bewegung und formuliert entgegen von Strömungen der Gleichgültigkeit und des Zynismus notwendige Traditions- und Gesellschaftskritik – auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlt. Denn die Freiräume kritischer Intellektueller sind in der VR China noch immer deutlich eingeschränkt. Yus Texte haben – das zeigen die hohen Auflagen seiner Bücher und die zahlreichen Reaktionen auf seine Texte im Internet – starken Einfluss auf seine und nachfolgende Generationen. Eine Abwendung vom gleichgültigen bzw. zynischen Weltbild ihrer Vorgänger-Generation und eine Hinwendung zum Idealismus lassen auch Autoren wie Xu Zhiyuan erkennen. Eine wachsende Zahl chinesischer Intellektueller wirft die Frage nach Pressefreiheit, Mehrparteiensystem und stärkerer politischer Modernisierung auf, zuletzt in der Charta 08. Diese wurde am 10. Dezember 2008 anlässlich des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in China veröffentlicht. Ihr Name ist eine Anlehnung an die Charta 77, mit der in den Siebzigerjahren Dissidenten in der Tschechoslowakei Kritik an der kommunistischen Führung übten.84 Yu Jie beschreibt, wie vehement offizielle Stellen in China versuchen, seine Redefreiheit weiter einzuschränken. Er werde immer wieder verhört und unter Hausarrest gestellt. Von Universitäten werde er immer öfter ausgeladen oder in seiner Lehrtätigkeit sabotiert: Manchmal gehe plötzlich im Saal das Licht aus und der Strom falle aus, wenn er zu sprechen beginne. Er fühle sich wie ein Drachen, dessen Schnur gekappt sei und der immer höher in den Himmel hinaufsteige – ein Bild für Freiheit, aber auch für Gefahr.85 Yu Jie selbst ist davon überzeugt, dass er zu Lebzeiten noch Zeuge eines demokratischen China wird. Die Autorin dieses Beitrags ist in dieser Hinsicht allerdings skeptischer. 1 Für wertvolle Anregungen zu diesem Beitrag danke ich Michael Lackner, Sebastian Heilmann und Klaus Schmutzler. Intellektuelle kennzeichnet eine Haltung, die stets danach fragt – und dies ist eine für die politische Kultur unverzichtbare Tätigkeit –, was im Prozess der Produktion bzw. Zirkulation von Wissen in und zwischen Gesellschaften und Kulturen geschieht. Siehe Steffi Richter/Annette Schad-Seifert: Einleitung: Cultural Studies and Japan, in: dies. (Hg.): Cultural Studies and Japan, Leipzig 2001, S. 7–20, 20. 2 Ernst Nolte: Deutschland und der Kalte Krieg, München 1974, S. 252. 3 Gesine Schwan: Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945, Baden-Baden 1999, S. 21. 4 Ebd., S. 40. 5 Ebd., S. 17. 6 Harro von Senger: Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte, München 2008, S. 4. 7 Sebastian Heilmann: Das politische System der Volksrepublik China, Wiesbaden 2004, S. 202. 8 Helmut Martin: Chinas und Taiwans moderne Literatur: Wohin ist sie entschwunden?, in: ders.: Das kulturelle China und die Chinawissenschaften (= Chinabilder, Bd. VII), Bochum 2001, S. 479–515. 9 Ebd., S. 494 und 499 f. 10 Wolfgang Kubin: Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert (= Geschichte der chinesischen Literatur, Bd. 7), München 2005, S. 382. 11 Ebd., S. 396 u. 398. 12 Ebd., S. 408. 13 Das erste Heft der Neuen Jugend [Xin Qingnian] von 1919 enthielt einen Aufruf Chen Duxius an die Jugend. Dort hieß es u. a.: »Seid unabhängig und nicht servil! Seid fortschrittlich und nicht konservativ! […] Seid kosmopolitisch und nicht isolationistisch!«, in: Wolfgang Franke: Chinas kulturelle Revolution. Die Bewegung vom 4. Mai 1919, München 1957, S. 38. 14 Modernisierung verstehe ich als in sich widersprüchlichen Prozess, der aber mit Zielen der Aufklärung verbunden ist. Politische Modernisierung würde v.a. Übertragung der staatlichen Souveränität von einer kleinen Gruppe von Machthabern auf das Volk sowie die Verankerung und Durchsetzung von Meinungs- und Publikationsfreiheit bedeuten. 15 Wolfgang Franke: Chinas kulturelle Revolution (Anm. 13), S. 122 und 285. 1989 schlossen sich Tausende von Studierenden in Beijing einem Aufruf an, in dem es hieß: »Jetzt müssen wir mehr denn je die Erfahrungen und Lektionen vieler Studentenbewegungen seit der 4. Mai-Bewegung zusammenfassen, um ein demokratisches System zu etablieren.«, in: Christopher R. Hughes: Chinese Nationalism in the Global Era, London u. a. 2006, S. 53. 16 Xu Zhiyuan: Zhe yi dai de Zhongguo yishi [Das Bewusstsein Chinas in dieser Generation], Hangzhou 2004, S. 10. 17 Ebd., S. 103. 18 Moderne soll hier im Sinne der 4. Mai-Tradition verstanden werden. 19 Keines der Werke Yu Jies ist bisher in westliche Sprachen übersetzt. Ich beziehe mich daher im Folgenden stets auf die chinesischen Originalausgaben. 20 Siehe z. B. Yu Jie: Ai yu tong de bianyuan [Die Grenzen von Liebe und Schmerz], 2. Aufl. Hongkong 2002; ders.: Jujue huangyan [Lügen zurückweisen], 2. Aufl. Hongkong 2003; ders.: Tiananmen zhi zi [Ein Sohn des Tiananmen], Hongkong 2005; ders.: Laoshu ai dami [Mäuse mögen Reis], 2. Aufl. Hongkong 2005 (Erstveröffentlichung: 2001); ders.: Panghuang yingxiong lu [Unschlüssig am Weg des Helden stehen], Taipeh 2009. Die Bände Ai yu tong de bianyuan und Laoshu ai dami wurden zuerst auf dem Festland veröffentlicht und später auch in Hongkong publiziert. Yu Jies neuestes Werk ist Zhongguo ying di Wen Jiabao [Wen Jiabao: der beste Schauspieler Chinas], Hongkong 2010. 21 Er nennt selbst folgende Internetseiten: Sixiang de jingjie [Das Reich des Denkens], Wenti yu zhuyi [Fragen und Ismen], Beida xin qingnian [Die Neue Jugend der Beijing-Universität] und Shijie luntan [Redebühne der Welt]. Siehe Yu Jie: Jujue (Anm. 20), S. 253. Allerdings seien diese unanhängigen Internetseiten immer wieder von Schließung bedroht, so Yu. Für ihn sei die Schließung einer Website immer wie der Tod eines Freundes. Siehe Tiananmen (Anm. 20), S. 85. 22 Auch Kubin äußerte sich in einem Interview mit der Deutschen Welle kritisch zum offiziellen Chinesischen Schriftstellerverband: »Dieser Schriftstellerverband dient keinerlei Zwecken. Sie können alle Schriftsteller in Festlandchina fragen. Keiner von ihnen wird freiwillig über den Schriftstellerverband sprechen.«, in: http://www.zonaeuropa.com/culture/c20061214_1.htm, ges. am 2. Juni 2010. 23 Yu Jie: Laoshu ai dami (Anm. 20), S. 146. Wenn man zu oft vergesse, werde man zum Idioten, so Yu Jie, in: ders.: Xiang cao shan [Der Berg des duftenden Grases], Wuhan 1999, S. 255. 24 Ders.: Ai yu tong (Anm. 20), S. 117. Der Autor Zhao Jian hat darauf hingewiesen, dass während der Kulturrevolution viele Menschen zu Tätern wurden, sich aber nach der Kulturrevolution seltsamerweise plötzlich nur noch Opfer der Kulturrevolution fanden. Siehe in: Liang Jialin: Ziyouzhuyi yu jidu xinyang – jiu shi niandai zhishifenzi Yu Jie shujie [Liberalismus und christlicher Glaube – Yu Jie, ein Intellektueller der Neunzigerjahre], in: Jian Dao Xuekan [Wissenschaftliches Organ zur Etablierung des Weges] 24 (2005), S. 91–155, 121. 25 Yu Qiuyu wurde 1946 in Zhejiang geboren. Er ist Kunsttheoretiker, Literaturhistoriker und Essayist. 26 Yu Jie: Ai yu tong (Anm. 20), S. 133. 27 Für beunruhigend hält Yu beispielsweise, dass viele Filme Hongkonger Regisseure von einer »Ästhetik der Gewalt« geprägt seien. Siehe ders.: Laoshu (Anm. 20), S. 145. 28 Yu Jie: Ai yu tong (Anm. 20), S. 147. 29 Ders.: Jujue (Anm. 20), S. 126. 30 Ders.: Ai yu tong (Anm. 20), S. 151. 31 Ebd., S. 153. 32 Auch der Religionswissenschaftler Zhuo Xinping schrieb 1997: »Der Optimismus und Enthusiasmus früherer Zeiten ist verschwunden, China ist heute von Pessimismus geprägt. Angesichts grassierender Korruption und anderer hässlicher Gesellschaftsphänomene hat sich vielen Chinesen die tiefe Einsicht erschlossen, die hinter dem christlichen Begriff der Sünde steht.« Ders.: Die Bedeutung des Christentums für Chinas Modernisierung, in: Monika Gänßbauer (Hg.): Christentum im Reich der Mitte. Aktuelle Thesen und Texte aus China, Hamburg 1998, S. 78–86, 84. 33 Andreas Lorenz: Immer in meinem Herzen, in: Der Spiegel vom 1. Oktober 2005, S. 140 f., 141. 34 Gesine Schwan: Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens, Frankfurt a. M. 1997, S. 217 f. 35 Wolfram Eberhard: Guilt and Sin in Traditional China, Berkeley u. a. 1967, S. 120. 36 Yu Jie: Ai yu tong (Anm. 20), S. 314. 37 Siehe dazu South China Morning Post vom 13. März 2006. Die Politische Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes ist ein Konsultativorgan ohne Entscheidungsbefugnisse. Ihre Aufgabe ist es, der Partei- und Staatsführung Vorschläge für politische Maßnahmen zu unterbreiten. Manche Verbände und Gruppen nutzen die Konsultativkonferenz mittlerweile bewusst als politisches Forum. 38 Yu Jie: Jujue (Anm. 20), S. 20. 39 Ders.: Ai yu tong (Anm. 20), S. 77. 40 Ders.: Tiananmen (Anm. 20), S. 101 f. 41 Zit. in: Jonathan Mirsky: China: A maverick dares to challenge the Party line, in: New York Times vom 24. August 2005. Im Yasukuni-Schrein werden Angehörige des japanischen Militärs als Helden verehrt, die in Japans Kriegen in Asien oder gegen die Vereinigten Staaten im Kampf gefallen sind. 42 Yu Jie: Tiananmen (Anm. 20), S. 174. 43 Mit »master narratives« sind nach Hayden White Gesamtdarstellungen der Geschichte gemeint, die einem leitmotivischen Interpretationsmuster folgen. Eine »master narrative« der chinesischen Geschichte ist die Revolution. Siehe Klaus Mühlhahn: Nation, Markt und Moderne: Paradigmen der chinabezogenen Geschichtswissenschaft, in: Asien Afrika Lateinamerika 25 (1997), S. 629–650. 44 Zit. in: Liang Jialin: Ziyouzhuyi (Anm. 24), S. 146. 45 Siehe Yu Jie: Laoshu (Anm. 20), S. 173. 46 Zit. in: Liang, Jialin: Ziyouzhuyi (Anm. 24), S. 147. 47 Chamsy el-Ojeili: From Left Communism to Post-Modernism. Reconsidering Emancipatory Discourse, New York u. a. 2003, S. 17. 48 Diese »bürgerliche Liberalisierung« sei das Einfallstor für gesellschaftlichen Pessimismus, nationalen Nihilismus und dekadente Kunstrichtungen, erklärte die KPCh bereits 1981. 1987 entwickelte sich dann eine Kampagne dagegen. 49 Yu Jie: Laoshu (Anm. 20), S. 173. 50 Ders.: Jujue (Anm. 20), S. 85. Sebastian Heilmann konstatiert für die Zeit ab 1989 eine zunächst gewaltsame, dann ökonomistische Zerschlagung der Tradition der 4. Mai-Bewegung in China und eine Umlenkung fast aller intellektueller Ideale und Energien in die Business-Aktivität. Siehe Schreiben an die Autorin vom 9. Februar 2010. 51 Siehe Yu Jie: Jujue (Anm. 20), S. 254. 52 Deutlich wurde dies an der öffentlichen Diskussion um die Fernsehserie Heshang. Siehe hierzu Christina Neder: Flußelegie. Chinas Identitätskrise. Die Debatte um die chinesische Fernsehserie Heshang 1988–1994, Dortmund 1996. 53 Zit. in: Liang Jialin: Ziyouzhuyi (Anm. 24), S. 135. Zu Bo Yang siehe Helmut Martin: Der oppositionelle Bo Yang und der Sojasoßentopf der chinesischen Kultur, in: ders.: Taiwanesische Literatur – Postkoloniale Auswege (= Chinabilder, Bd. III), Dortmund 1996, S. 125–129. 54 Michael Lackner: Die Renaissance der chinesischen Kultur: Erfindung oder Rückbesinnung?, in: Gunther Wanke (Hg.): Über das Verhältnis von Kultur und Religion. Fünf Vorträge, Erlangen 2004, S. 69–97, 91. 55 Yu Jie: Ai yu tong (Anm. 20), S. 78–81. 56 Zit. in: Liang Jialin: Ziyouzhuyi (Anm. 24), S. 109. 57 Yu Jie: Laoshu (Anm. 20), S. 164 f. 58 Ders.: Tiananmen (Anm. 20), S. 285. 59 Ders.: Laoshu (Anm. 20), S. 154 f. 60 Ders.: Ai yu tong (Anm. 20), S. 7. 61 Die oft erschütternd miserable Situation der Bauern in China haben auch Chen Guidi und Wu Chuntao dargestellt. Siehe dies.: Zur Lage der chinesischen Bauern. Eine Reportage, Frankfurt 2006. Siehe auch Monika Gänßbauer: »Die Lage der Bauern ist heute unser größtes gesellschaftliches Problem. Ein couragierter Bericht über die ländlichen Regionen Chinas«, in: Das neue China (3) 2004, S. 22–24. 62 Yu Jie: Jujue (Anm. 20), S. 148. 63 Sebastian Heilmann: Das politische System (Anm. 7), S. 287 f. Die Szenarien I und II sehen so aus (siehe S. 284–286): Szenario I: politische gelenkte Transformation, mit einer aufgeklärten zentralen Führung und breiten politischen Konsultationen, anhaltendem Wirtschaftswachstum und sozialem Ausgleich. Es vollzöge sich der Übergang zu einem demokratischen und föderalen Verfassungsstaat. Szenario II: permanentes Krisenmanagement, mit einer dauerhaft ungefestigten Regierungs- und Rechtsordnung, oligarchischen Machtstrukturen, organisierter Kriminalität und einer nationalistisch-populistischen Politik. Es könnte zu internationalen Spannungen und eventuell zu militärischen Konfrontationen kommen. 64 Yu Jie: Tiananmen (Anm. 20), S. 90. 65 Li Minqi: Der Aufstieg Chinas und das Zeitalter des Übergangs, in: Das Argument (5/6) 2006, S. 105–111. 66 Zwar ist Chamsy el-Ojeili zuzustimmen, wenn er schreibt: »Die Sprache des Sozialismus, die uns zunehmend irreal und naiv anmutet, scheint nahezu tot zu sein.« Siehe ders.: From Left Communism (Anm. 47), S. 9. Dennoch zeigt Li Minqis marxistische Analyse reale Entwicklungstendenzen auf. 67 Yu Jie: Ai yu tong (Anm. 20), S. 10. 68 Im Jahr 2004 wurde Yu polizeilich verhört. 2005 wurde ein Telefoninterview mit der BBC unterbrochen. Siehe ders.: Tiananmen (Anm. 20), S. 11 f. und 314 f. Zum Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Tiananmen wurde Yu 2009 für 14 Tage unter Hausarrest gestellt. Siehe Johnny Erling: Das Gewissen soll ruhig bleiben, in: Die Welt vom 11. Juni 2009. Yu empfindet diese Eingriffe als zerstörerisch. Siehe ders.: Tiananmen (Anm. 20), S. 316. 69 François Jullien: Die Mitte als Ort der Möglichkeiten, in: Edition Le Monde diplomatique (1) 2007, S. 99–103, 103. 70 Yu Jie: Laoshu (Anm. 20), S. i. 71 Ders.: Ai yu tong (Anm. 20), S. 289 f. 72 Yu greift das Zitat eines Theologen auf, der Schuld auf sich laden damit vergleicht, dass ein Mensch die Augen geschlossen hält. Ebd., S. 154. 73 Siehe Tai Zixue: The Internet in China. Cyberspace and Civil Society, New York u. a. 2006, S. xix. 74 Ebd., S. 51. 75 Yu Jie: Tiananmen (Anm. 20), S. 14 f. 76 Ebd., S. 18. 77 Sebastian Heilmann/Nicole Schulte-Kulkmann/Lea Shih: »Die Farbe der Macht hat sich geändert«: Kontroversen um die Verfassungsreform in der VR China, China Analysis 31 (Februar 2004), http://www.chinapolitik.de/studien/china_analysis/no_31.pdf, ges. am 2. Juni 2010. 78 Yu Jie: Xiang cao shan (Anm. 23), S. 77. 79 Ders.: Jujue (Anm. 20), S. 87. 80 Ebd., S. 90. 81 Ders.: Panghuang (Anm. 20), S. 455 f. 82 Zit. in: New York Times vom 25. August 2005. 83 Der Roman Xiang cao shan (Anm. 23) erschien erstmals 1999 in Wuhan. Dieser Kurzroman ist großteils in Briefform gehalten und beschreibt in sentimentaler Form eine Liebesgeschichte, die sich ab dem Jahrestag des Tiananmen-Massakers 1999 entwickelte. 84 Für den Text der Charta 08 siehe http://eu-china.net/web/cms/upload/pdf/materialien/rudolph_2009_charta_08.pdf, ges. am 2. Juni 2010. 85 Yu Jie: Jujue (Anm. 20), S. 254.

JHK 2011

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im heutigen Russland

Jörg Morré

Im Mai flattern in Russland überall die orange-schwarzen Georgsbändchen; sei es am Heck des wuchtigen Geländewagens eines Moskauer Neureichen, am Koffergriff des unscheinbaren Mitreisenden am Flughafen oder lässig am Handgelenk eines Jugendlichen. Es ist die in der russischen Gesellschaft allgegenwärtige Erinnerung an den Sieg der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg, den die Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland errang und an den in Russland traditionell am 9. Mai erinnert wird. In diesem Jahr fielen die Feierlichkeiten wegen des 65. Jahrestages etwas umfangreicher aus. Irina Ščerbakova, Historikerin und Leiterin des Bildungsprogrammes von Memorial, brandmarkt das Phänomen der Georgsbändchen, das die russische Regierung zum 60. Jahrestag 2005 ins Leben rief, als »ritualisierte, nichtssagende Symbolik, mit der die historische Wahrheit verborgen werden soll«.1 Aber es funktioniert, weil – das ist die These des folgenden Beitrages – es dem russischen Staat gelungen ist, eine von ihm autorisierte Geschichtserinnerung an das Volk weiterzugeben, das daneben noch eine vollkommen eigene Erinnerung pflegt. In Russland stehen auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch alle Denkmäler, die an den Sieg der Roten Armee 1945 erinnern. Die komplette sowjetische Symbolik ist erhalten geblieben. Und selbstverständlich ist auf den Inschriften immer nur das Zahlenpaar 1941–1945 zu lesen. Es markiert die Periode des sogenannten Großen Vaterländischen Krieges, der am 22. Juni 1941 mit dem deutschen Überfall begann und die Sowjetunion in einen opferreichen Abwehrkampf zwang, und der mit einem vollständigen Sieg über Deutschland endete, das am 8. Mai 1945 bedingungslos kapitulieren musste. Diese Sicht blendet viele Aspekte aus: den Hitler-Stalin-Pakt (»Molotov-Ribbentrop-Pakt« in der russischen Geschichtsschreibung), den darauf folgenden Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, an dem die Sowjetunion ebenso beteiligt war, und die sowjetische Provokation des Winterkrieges gegen Finnland von 1939/1940. Nichtsdestotrotz werden die mitunter monumentalen Gedenkanlagen zahlreich von Schulklassen, Jugendgruppen und traditionell auch von frisch vermählten Brautpaaren besucht. In Wolgograd waren in diesem Jahr sogar Jungen und Mädchen zu beobachten, die in Uniform und mit umgehängter Maschinenpistole Ehrenwache vor der ewigen Flamme zum Gedenken an den unbekannten Soldaten hielten. Nowgorod feierte seinen ihm jüngst verliehenen Ehrentitel »Stadt des ruhmreichen Kampfes« (»gorod voinskoj slavy«); eine Ehrung, die seit dem 9. Mai 2006 vergeben wird. An der Moskauer Kremlmauer wurde deswegen das Denkmal der sowjetischen »Heldenstädte« (»goroda geroi«) um die Namen der russischen »Ruhmesstädte« erweitert. Die Intention liegt auf der Hand: Man setzt die in der Sowjetunion entwickelten Erinnerungsformen in einer russifizierten Variante fort und schafft sich dort, wo dies auf Probleme stößt, entsprechende Äquivalente. Weil von den 13 Heldenstädten nur sieben auf dem Territorium der heutigen Russischen Föderation liegen, gibt es nun daneben 27 Ruhmesstädte. Es ist alles wieder so wie früher, denkt man. Und man irrt. Es gibt Veränderungen. In der öffentlichen Erinnerung wird der Sieg nicht mehr nur für das eigene Land beansprucht. So ist in den letzten Jahren zu beobachten gewesen, dass der Anteil der Alliierten am Sieg stärker betont wird; eine Tatsache, die zu Sowjetzeiten eher verschwiegen wurde. Neben wissenschaftlichen Darstellungen zur Militärhilfe der Westalliierten (Lend-Lease-Act) wurde das alliierte Engagement auch in einer Sonderausstellung im Zentralen Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges auf dem »Verneigungshügel« in Moskau – eine 1995 eingeweihte, ganz in der Tradition der sowjetischen Erinnerungskultur stehende Monumentalgedenkanlage – gewürdigt. Erstmals marschierten in diesem Jahr auf der alljährlichen Siegesparade auf dem Roten Platz Soldaten der damaligen Verbündeten mit. Im universitären Bereich wird auf Tagungen zunehmend häufiger über regional angesiedelte Forschungsprojekte zur Kriegszeit vorgetragen, die die Zerstörungen und gesellschaftlichen Folgen zum Gegenstand haben. Die Bestände in den Gebietsarchiven (die meistens die aufgelösten Parteiarchive der KPdSU übernommen haben) werden daraufhin geprüft, und man versucht, auch jene der lokalen Archive des Föderalen Sicherheitsdienstes einzubeziehen. Daneben ist die Gattung der biografischen Quellen entdeckt worden, das heißt, Briefe, Tagebücher, unveröffentlichte Memoiren und auch Zeichnungen (Fotos seltener, weil die wenigsten in der Kriegszeit über einen Fotoapparat verfügten), die meistens privat gesammelt werden. Es gibt auch Feldexkursionen, die vornehmlich der Totensuche gelten, aber manchmal auch die Topografie von Lagern, Schlachtfeldern und dergleichen freilegen und dabei eine Fülle von Überresten zutage fördern. Alle diese Initiativen vermeiden bewusst den Kontakt mit Moskau, denn man befürchtet, dass Zentralarchive oder Nationalmuseen die gesammelten Dokumente und Exponate für sich beanspruchen könnten. Die Totensuche leitet schnell über zu der Problematik der Bestattung und damit auch zu der der Identifizierung, die wiederum zu einem individuellen Erinnern führt. Örtliche Initiativen nehmen sich dabei häufig ein Beispiel an der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Es findet große Anerkennung, sich um die Bergung und Beisetzung seiner Kriegstoten zu kümmern. Das geht so weit, dass der Kriegstod eines deutschen Soldaten ebenso als familiäre Tragödie betrachtet wird, wie dies für den Verlust eines eigenen Angehörigen gilt – ein echter Akt der Versöhnung. Dennoch liegt dem politisch korrekten Deutschen dann auf der Zunge, dass eben dieser Großvater als Soldat einer faschistischen Wehrmacht die Sowjetunion mit einem Vernichtungskrieg überzogen hat. Aber darum geht es aus russischer Sicht nicht. Das heutige Russland ist im Begriff, seine Kriegstoten beisetzen zu können: Man will die Toten finden, von ihrem Schicksal erfahren, ihren Tod würdigen und zugleich das besitzen, was die Vorfahren erkämpft haben – den Sieg. Und genau dort liegt der Berührungspunkt zwischen Volksempfinden und staatlich gelenktem Erinnern. Die vom Staat geförderten bzw. inszenierten Formen des Erinnerns garantieren der russischen Gesellschaft eine als wohltuend empfundene Kontinuität zu den sowjetischen Riten. Sie finden vollkommen isoliert vom persönlichen Erinnern statt, das – auf lokaler Ebene – zunehmend öffentlicher wird. Aber das private und das öffentliche Gedenken sind mitnichten deckungsgleich. »Die Macht« (vlast’) – eine im Russischen allseits gebräuchliche Bezeichnung für den Staat – bestimmt auch auf lokaler Ebene den Rahmen öffentlichen Gedenkens. Trotzdem schöpfen Forscher und lokale Initiativen aus den von ihnen privat gesammelten oder meistens außerhalb von staatlichen Archiven eingesehenen biografischen Quellen (Museen sind in dieser Hinsicht interessant geworden). Als ein derartiger neuer Quellenbestand kann auch der von Memorial schon vor Jahren initiierte Schreibwettbewerb gelten, der durch das Aufschreiben von Familiengeschichte(n) tatsächlich eine vollkommen neue Quellenbasis hervorbrachte.2 Interessanterweise mangelt es im Umgang mit diesen biografischen Quellen oft an jeglicher Quellenkritik, weil ganz selbstverständlich von einem »Volkserinnern« (»narodnaja pamjat’«) ausgegangen wird, das in Abgrenzung zum »staatlichen Erinnern« »der Macht« steht. Der Versuch, beides als ein »gesellschaftliches Erinnern« zusammenzubringen wird gar nicht erst gemacht. Eben deswegen ist in Russland der deutsche Begriff der »Erinnerungskultur«, dem ja die Vorstellung von einem gesamtgesellschaftlich ausgetragenen Ringen um ein gemeinsames Geschichtsbild zugrunde liegt, vollkommen fremd. Die Bevölkerung Russlands gibt das öffentliche Erinnern bereitwillig an den Staat ab. »Die Macht« setzt die Akzente, die auch im Ausland wahrgenommen werden: ein großer Sieg, der in der Hauptsache von der Roten Armee errungen wurde, wobei der Anteil der Alliierten inzwischen mehr gewürdigt wird als früher; Russland als Befreier Europas vom Faschismus, was in Zeiten der europäischen Einigung, zumal sie sich nach Osten ausstreckt, nicht vergessen werden soll; die wichtigste historische Lehre aus dem unter großen Opfern errungenen Sieg ist die notwendige Stärke des heutigen Russlands zur Wahrung seiner Interessen. Der Staat tut alles, um dieses Geschichtsbild in die nächste Generation zu tragen.3 Und der Staat setzt demonstrativ eine Kommission zur Bekämpfung von Geschichtsfälschungen ein.4 Das ist eine ernstzunehmende Drohung an diejenigen, die dem staatlichen Geschichtsbild offen, dass heißt so, dass es »der Macht« schaden könnte, widersprechen wollen. Aber in erster Linie erfüllt die Kommission, über die in akademischen Kreisen offen abwertend gesprochen wird, ihren Zweck allein durch ihre Existenz. Alle im Lande wissen um das staatlich beanspruchte Deutungsmonopol. Dieses lässt durchaus die oben beschriebenen regionalen Initiativen zu, denn in der Regel wirken sie nicht über den Ort ihres Entstehens hinaus; geschweige denn, dass sie innerhalb des riesigen Landes vernetzt sind. Hinzu kommt, dass in den etablierten akademischen Kreisen Ansätze wie Alltagsgeschichte oder oral history überwiegend belächelt werden. Die zumeist jungen Kolleginnen und Kollegen, die diese Forschungsansätze wählen, werden sich auf dem Weg ihrer weiteren Berufslaufbahn nicht allzu lange damit aufhalten können, wenn sie anerkannt werden wollen. So nehmen in der Russischen Föderation neben dem scheinbar monolithischen Staatsgedenken individuelle Formen des Erinnerns zu. Auffällig ist zum Beispiel, dass mehr und mehr regional zu Kriegsereignissen publiziert wird. Allerdings geschieht dies in kleinen Auflagen und ohne ein Buchvertriebssystem, sodass die Verbreitung fast nur über den persönlichen Bekanntenkreis der Autoren realisiert werden kann. Aber der Buchmarkt insgesamt weitet sich aus. Die Moskauer Buchläden quellen über vor Literatur zum Zweiten Weltkrieg. Zum einen ist es die wohl unvermeidliche Militarialiteratur, die aber den deutschen Waffen und Heerführern mindestens so viel Aufmerksamkeit widmet wie denen der Roten Armee. Dann sind es Darstellungen, die Legenden zerstören, Mythen entzaubern und die ganze Wahrheit vor dem Leser ausbreiten wollen.5 Und es gibt zäh zu lesende Schlachtengeschichten, die sich aber bemühen, alle Details zu rekonstruieren und zu belegen.6 Daneben gibt es Autoren, die ihre Bücher als Projekte verstehen, um Erinnerungen des »einfachen Soldaten« zu publizieren.7 »Die Macht« veröffentlicht darüber hinaus unter Einbeziehung der nur ihr zugänglichen Archivquellen ihre Sicht der Dinge, die sie allerdings nicht in den Kontext einer Auseinandersetzung mit der bestehenden Literatur zum Thema setzt.8 Und schließlich haben die Veteranen angefangen, ihre Erinnerungen in einem groß angelegten Projekt zu verschriftlichen.9 Es sind zunehmend mehr Quellen auf dem Markt, die in ganz unterschiedlichen Erinnerungszusammenhängen genutzt werden. Dabei geht es nicht darum, die hier sogenannte Volkserinnerung, die ihren Platz vornehmlich – aber eben nicht nur – in der Familie hat, gegen die staatliche Erinnerung anzuführen.10 Beide existieren nebeneinander, und fangen an, sich zu beeinflussen. So wird mehr und mehr beklagt, dass staatliche Archive immer noch recht verschlossen sind (vor allem das des Verteidigungsministeriums in Podol’sk). Die Schilderungen der Veteranen werden nicht mehr als Ersatz für das Fehlen von historischen Quellen gesehen. Stattdessen werden Ereignisse des Krieges auf lokaler Ebene hinterfragt und mit den dort zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erforscht. Georgsbändchen als Massenphänomen sind dabei nur die eine, von außen als irritierend wahrgenommene Seite der Medaille. 1 Irina Ščerbakova: Wenn Stumme mit Tauben reden. Generationendialog und Geschichtspolitik in Russland, in: Osteuropa 60 (2010), H. 5, S. 17–25, hier S. 24; offizielle Website der Aktion »Georgsbändchen« siehe in: www.gl.9may.ru, ges. am 17. November 2010. 2 Irina Ščerbakova (Hg.): Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichte, Hamburg 2003. 3 Siehe Russland-Analysen Nr. 196 vom 12. Februar 2010; online siehe in: www.laender-analysen.de/russland/pdf/Russlandanalysen196.pdf, ges. am 17. November 2011. 4 Für den Wortlaut des Erlasses siehe Russland kämpft. Gesetz und Kommission gegen Geschichtsfälscher, in: Osteuropa 59 (2009), H. 7/8, S. 273–275. 5 Siehe die auf fünf Bände angelegte Reihe »200 mifov o Velikoj Otečestvennoj Vojne« [200 Mythen des Großen Vaterländischen Krieges] von A. B. Martirosjan ; www.veche.ru/books/catalog/200-mif-o-velikoy-otechestvennoi-voine, ges. am 17. November 2010. 6 Siehe die Reihen »Triumfy i tragedii Velikoj vojny« [Triumphe und Tragödien des Großen Krieges] und »Voennye tajny xx veka« [Kriegsgeheimnisse des 20. Jahrhunderts]; www.veche.ru/books/catalog/istoriya/xx-vek-i-sovremennaya-istoriya/Triymfi-i-tragedii-velikoi-voini und www.veche.ru/books/catalog/istoriya/xx-vek-i-sovremennaya-istoriya/voennye-tainy-xx-veka, ges. am 17. November 2010. 7 Siehe in: www.iremember.ru, ges. am 17. November 2010. 8 Velikaja Otecčestvennaja bez grifa sekretnosti. Kniga poter’ [Der Große Vaterländische Krieg ohne Geheimhaltungsvermerk. Buch der Verluste], hg. von G. F. Krivoščeev u. a., Moskau 2010. 9 Siehe die bislang zwölfbändige Reihe »Ot soldata do generala« [Vom Soldaten bis zum General] der Akademie für historische Wissenschaften, in: www.ainros.ru, ges. am 17. November 2010. 10 Siehe Bosis Dubin: Erinnern als staatliche Veranstaltung. Geschichte und Herrschaft in Russland, in: Osteuropa 58 (2008), H. 6, S. 57–66, hier S. 64.

JHK 2011

Die Rolle der exkommunistischen Intellektuellen beim Kongress für kulturelle Freiheit

Daniela Muraca

Am Tag, an dem in Berlin die Gründungsveranstaltung des Kongresses für kulturelle Freiheit (Congress for Cultural Freedom, CCF) stattfand, schrieb die Presseagentur United Press über deren Ziele: »Das fünftägige Treffen wird die vermeintlichen Freiheiten des sowjetisch beherrschten Ostblocks kritisch hinterfragen und versuchen, die in der Sowjetunion stattfindenden und von ihr finanzierten ›Friedens‹-Demonstrationen als rein politische Manöver zu entlarven.«1 Wenige Tage nach dem Ende der Konferenz notierte dann Melvin Lasky mit offensichtlicher Befriedigung: »Dieser Kongress zerstörte endlich das Propagandamonopol, das die von den Sowjets kontrollierten ›Friedenspartisanen‹ und ähnliche Frontorganisationen im kulturellen Bereich innehatten (das Schostakowitsch-Picasso-Ehrenburg-Treffen in Breslau, New York, Paris).«2 Um eine Vorstellung davon zu vermitteln, inwieweit diese neue Organisation als Katalysator für die Mobilisierung der internationalen Intellektuellen dienen könnte, verwies Lasky auf die Doppelstrategie der Komintern: Zum einen nannte er das propagandistische »Sonnensystem«, das seit den Zwanzigerjahren von Willi Münzenberg koordiniert wurde. Zum anderen erinnerte er an die diversen Kampagnen, die auf die Umdeutung des Friedensbegriffs im prosowjetischen Sinne zielten, wie die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit im Jahr 1927, der Internationale Kongress gegen den Krieg 1932 in Amsterdam, der Weltkongress der Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur, der im Juni 1935 in Paris stattfand, und schließlich die Nachkriegsinitiativen, wie zum Beispiel der Erste Deutsche Schriftstellerkongress (Oktober 1947), der Weltkongress der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens in Wrocław (September 1948) und die Friedenskonferenzen in New York (März 1949), Paris und Prag (April 1949), Mexiko Stadt (September 1949) und Stockholm (März 1950). Es ist kein Zufall, dass Lasky die Propagandamaschinerie der Komintern als Vergleich für den neu geschaffenen CCF heranzog. Der CCF bildete, betrachtet man seinen Entstehungsprozess, eine Art Sammelbecken für all jene, die diesseits oder jenseits des Atlantiks grundlegende Erfahrungen mit dem »kulturellen Antistalinismus« gemacht hatten – Erfahrungen, die nun unter neuen Vorzeichen zusammenflossen. In Amerika waren dies in erster Linie die Aktivitäten der New York Intellectuals,3 die, obgleich mit einer bedeutsamen Verspätung von zehn Jahren in Bewegung gesetzt, mit ähnlichen Initiativen wie den genannten aufwarteten. Die Gründung des CCF im Jahr 1939, die Schaffung der Europe-America Groups im Jahr 1948 und die Gegenoffensive, die von den Americans for Intellectual Freedom während der Friedenskonferenz im Waldorf Astoria in New York im März 1949 organisiert wurde – all diese Initiativen gehörten zu den vielen Versuchen, intellektuelle Aktivisten für die Verteidigung der Freiheit der Kultur zu gewinnen. Dort konnte man bereits einigen Akteuren begegnen, die später beim CCF eine wichtige Rolle spielen sollten: Sidney Hook und James Burnham, Sol Levitas und Arthur Schlesinger jr., Dwight Macdonald und Mary McCarthy, Irving Kristol, Lionel und Diana Trilling, sie alle stammten aus dem Umfeld des New Leader bzw. des Partisan Review.4 In Europa trafen die Aktivitäten der New York Intellectuals auf andere bedeutende Experimente antikommunistischer Kulturkonfrontation militanter Prägung. Als treibende Kraft kann hier allen voran Melvin Lasky gelten, der als freier Journalist in Deutschland tätig war und im Jahr 1948 – unterstützt vom Office of Military Government for Germany (OMGUS) – mit Der Monat ein Zeitschriftenprojekt realisieren konnte, das sich an die deutsche Sozialdemokratie und nicht-kommunistische Linke richtete. Die Zeitschrift war vor allem darauf ausgerichtet, gemeinsame soziale und kulturelle Gepflogenheiten der »freien Welt« zu festigen, mit mehr oder weniger offensichtlichen antikommunistischen Zielen. In Frankreich bauten David Rousset und andere aus dem Umfeld von Franc-Tireur mit dem Journée internationale de la résistance à la dictature et à la guerre [Internationaler Tag des Widerstands gegen die Diktatur und den Krieg] (April 1949) eine wichtige Brücke zwischen den beiden atlantischen Ufern des linken kulturellen Antistalinismus. Diese Initiativen, die zunächst lose nebeneinanderher existiert und eher selbstreferentielle Züge gezeigt hatten, jedenfalls nicht in der Lage gewesen waren, die Bildung einer internationalen antistalinistischen Kulturfront einzuleiten, fanden im CCF plötzlich eine einende Identität sowie Zusammenhalt. Gemeinsam entwickelten sie sich zur größten Organisation der antitotalitären Intellektuellen im Kalten Krieg. Die Ursache dieses generellen Kurswechsels ist darin zu sehen, dass der CCF ein Auffangbecken für all jene war, die die Auseinandersetzung mit der propagandistischen Ebene auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs erlebt hatten und somit differenzierte und komplexe Beiträge liefern konnten: Arthur Koestler und Manès Sperber, einst Schlüsselfiguren in dem von Willi Münzenberg geführten Propagandaapparat des Kominform; Theodor Plievier, Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ignazio Silone, der zu einer zentralen Figur der Organisation werden sollte. Oftmals konnten gerade diese ehemalig kommunistischen Intellektuellen die antitotalitären Initiativen – die sich bis zu diesem Zeitpunkt ebenso entschlossen wie episodisch gezeigt hatten – darin unterstützen, ihre Botschaften zu optimieren und die eigene Außenwirkung damit zu verbessern. Es ist also kein Zufall, dass Lasky in der Bilanz des Berliner Kongresses seinen Vergleich mit dem Kulturpropaganda-Apparat der Komintern mit dem Hinweis schließt, der CCF sei grundsätzlich »strukturell ähnlich, politisch entgegengesetzt (d. h. antitotalitaristisch)«5: Ein ambitioniertes Projekt, dessen Erfolg in besonderem Maße im Zusammentreffen der Mittel und Ziele der beiden Seelen dieser »Geistesschlacht« begründet läge. Koestler und Sperber: Das Vermächtnis des Münzenberg-Konzerns Die Zeitschrift Der Monat existierte bereits seit einer Weile und entwickelte sich gut, als Melvin Lasky und Sidney Hook im Jahr 1949 ein Treffen mit zwei berühmten exkommunistischen Intellektuellen, Ruth Fischer und Franz Borkenau, in Frankfurt anberaumten. Bei dieser Gelegenheit wurde ausdrücklich über den Plan gesprochen, in Berlin – dem symbolischen Zentrum des Kalten Kriegs – eine internationale Konferenz für die nicht-kommunistische Linke zu organisieren. Die Anwesenheit von Franz Borkenau und Ruth Fischer, die in ihren Aufzeichnungen über das Treffen die Rolle der Exkommunisten bei der geplanten Gegenoffensive nachdrücklich hervorhob, ist schon ein Hinweis darauf, wie wichtig die Rolle der exkommunistischen Intellektuellen bei der Gründung des CCF war. Während der siebzehn Jahre seiner Existenz – von 1950 bis 1967 – zählte »die wichtigste Waffe der USA im kulturellen Kalten Krieg«6 viele der größten Intellektuellen Europas und Amerikas zu ihren Mitgliedern. Schriftsteller, Historiker, Philosophen, Soziologen, Künstler und Wissenschaftler beteiligten sich. Beim Gründungsakt konnte sich der CCF rühmen, so herausragende Philosophen wie Benedetto Croce, John Dewey, Karl Jaspers, Jacques Maritain und Bertrand Russell als Ehrenpräsidenten gewonnen zu haben. Nachdem der CCF sich anfänglich für eine direkte Konfrontation mit der internationalen kommunistischen Bewegung aussprach und seine eigene Ausrichtung als progressiv beschrieb, wandelte er sich schließlich bewusst zu einem kulturellen Netzwerk mit scharfem politischen Profil und einer eindeutig nicht neutralen Haltung gegenüber dem Kalten Krieg. Außerdem bemühte sich die Organisation darum, vornehmlich über kulturelle Kanäle zu agieren, zum Beispiel über das Sponsoring wichtiger Veranstaltungen oder die Einrichtung eines nahezu weltweiten Netzes von nationalen Komitees und Zeitschriften. Zwischen 1951 und 1956 gesellten sich zu Der Monat Magazine aus ganz Europa: die französischsprachige Zeitschrift Preuves, die von dem Schweizer Schriftsteller und Publikationsleiter des CCF François Bondy herausgegeben wurde, der englischsprachige Encounter, der der Leitung von Stephen Spender und Irving Kristol, später Melvin Lasky, unterstand, das spanische Magazin Cuadernos unter der Leitung von Julián Gorkin und die italienische Zeitschrift Tempo presente von Ignazio Silone und Nicola Chiaromonte. Die Verbreitung der Organisation über den ganzen Globus ermöglichte außerdem Veröffentlichungen, die sich an indische, arabische, japanische, australische und afrikanische Leser richteten. Dieser grobe Überblick weist bereits auf alle Grundelemente hin, die in ihrem Zusammenwirken den fast zwanzig Jahre anhaltenden Erfolg des kulturpropagandistischen Experiments CCF bestimmten: unter anderem die Einbeziehung herausragender Persönlichkeiten mit untadeliger Reputation, vorzugsweise ohne politische Zugehörigkeit und aus jeweils unterschiedlichen Bereichen der Kultur oder die Gründung diverser Initiativen, die sich kleinerer lokaler Komitees bedienten und sich mit den verschiedensten Themen befassten (diese waren dazu vorgesehen, überparteiliche Solidarität hervorzurufen und somit zu tatsächlichen Katalysatoren der Bewegung der Intelligenz zu werden). Auch mediale Mittel wurden eingesetzt: von der Publikation von Zeitschriften und Broschüren zur Bereitstellung von Informationen – je nach Anlass in hohen Auflagen oder auch nur für eine klar umgrenzte Lesergruppe – bis hin zur Erkenntnis, dass die Massenmedien, insbesondere das Radio und das Kino, eine immer wichtigere Rolle spielen würden. All diese Charakteristika entsprachen auf überraschende Weise jenen, die zwanzig Jahre zuvor den Erfolg der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) begründet hatten. Im Jahr 1921 von Münzenberg geschaffen, war sie die erste organisierte Aktion zur Mobilisierung herausragender Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler der verschiedensten Richtungen zugunsten eines humanitären Programms, das zumindest formell als apolitisch galt. Offiziell unterstützt von angesehenen Persönlichkeiten wie Albert Einstein, George Bernard Shaw, Henri Barbusse und Anatole France, erreichte die IAH äußerst erfolgreich ihre beiden Hauptziele, nämlich einerseits Geldmittel zur Linderung der russischen Hungersnot zu beschaffen sowie andererseits hinsichtlich der sowjetischen »causa« Gleichgesinnte zu versammeln, indem man sich geschickt des einen bediente, um das andere attraktiv zu machen. Die Organisation funktionierte über ein enges Netz nationaler und lokaler Hilfsorganisationen, deren Ziel die Mitgliedergewinnung war – für die Initiative wurden Mitwirkende jeden Alters, verschiedenster sozialer Herkunft und mit den unterschiedlichsten Berufen gesucht. Alle möglichen Kommunikationsmittel wurden äußerst wirkungsvoll eingesetzt: Neben der Verbreitung russischer Bücher und Filme, der Streuung von Propagandafilmen, -fotografien und -postkarten gab die IAH direkt oder indirekt Tageszeitungen und Monatszeitschriften von großer agitatorischer Bedeutung mit hohen Auflagen heraus (Berlin am Morgen, Die Welt am Abend, Film und Volk, Der Eulenspiegel). Aus dem Mitteilungsblatt der Organisation – Sowjetrussland im Bild – ging die Arbeiter Illustrierte Zeitung hervor, die wichtigste mit vielen Fotografien und Fotomontagen illustrierte Zeitschrift für Arbeiter in den Dreißigerjahren. Ebenfalls über die IAH gründete Münzenberg einen Verlag, der nicht an die Komintern gebunden war, den Neuen Deutschen Verlag. Im Rahmen des von Münzenberg aufgebauten Propagandaapparates gesellten sich nach und nach weitere Massenorganisationen zur IAH, als deren bedeutendste die Liga gegen den Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit gilt.7 David Cesarani, Arthur Koestlers Biograf, schreibt: »Koestler übernahm von Münzenberg eine Affinität zur Propaganda in all ihren Formen. Er lernte die öffentliche Meinung einzuschätzen und politische Appelle an das Gefühl ebenso wie an den Verstand zu richten. Münzenberg lehrte ihn, wie man eine Kampagne organisiert und prominente Persönlichkeiten dafür gewinnt. Wichtiger noch, er half ihm zu sehen, wo die Grenzen der konventionellen kommunistischen Propaganda lagen, und zu begreifen, warum der Faschismus einen so starken Einfluss auf die Fantasie des Volkes haben konnte. Als Koestler Antikommunist wurde, wandte er all die Tricks, die er von Willi gelernt hatte, gegen seine ehemaligen Arbeitgeber an.«8 Einige Monate nachdem Koestler im Herbst 1933 zum Münzenberg-Konzern gestoßen war, wurde er gebeten, sich um die Veröffentlichungen des neu gegründeten Institut pour l’étude du fascisme (Institut für Faschismusstudien, INFA) zu kümmern, eine Einrichtung, die sich vor allem mit den Forschungen zu den Ursprüngen des Faschismus und der Produktion von Beiträgen zur aktuellen antifaschistischen Kampagne beschäftigen sollte. Chefideologe des Instituts wurde Manès Sperber, der gerade nach Paris gezogen war. Eine seiner ersten Aufgaben bestand darin, in London Kontakt mit einigen kommunistischen Intellektuellen bzw. Sympathisanten aufzunehmen, um Mitarbeiter für die Veröffentlichungen des Instituts zu finden. Überdies war Sperber bei der INFA für die Planung einer internationalen antifaschistischen Ausstellung verantwortlich, die mit Unterstützung der Gewerkschaften und der Liga für Menschenrechte in Paris stattfinden sollte.9 Betrachtet man die Rollen eingehender, die Koestler und Sperber bei der INFA und ganz allgemein als »Männer Münzenbergs« innehatten, wird eine gewisse Komplementarität zwischen den beiden Männern deutlich: Koestler war fast ausschließlich mit Aufgaben befasst, die mit dem geschriebenen Wort und mit den Medien zu tun hatten, insbesondere mit dem Schreiben von Texten und der Koordination verlegerischer Unternehmungen. Sperbers Aktivitäten waren meist darauf ausgerichtet, Sitzungen und öffentliche Veranstaltungen zu organisieren und Kontakte zu pflegen. Die in diesen einander ergänzenden Bereichen – der publizistischen Arbeit und der Planung öffentlicher Veranstaltungen – gewonnene Erfahrung und die Fähigkeit Münzenbergs, Menschen einschätzen und für die richtigen Aufgaben einteilen zu können, sind wesentliche Elemente des Münzenberg-Konzerns, die sich im CCF wiederfinden sollten. Darüber hinaus entfalteten andere Aspekte eine gewisse Signalwirkung für Sperbers spätere Tätigkeit. Als ordentliches Mitglied des Netzwerkes war er als Koordinator des von der Komintern gegründeten und verwalteten Komitees der internationalen antifaschistischen Jugend tätig. In dieser Funktion verwaltete er unter anderem die »estampille Münzenberg«, wie er es selbst nannte, d. h. die schließlich systematisch vom CCF übernommene Praxis, jeder öffentlichen und privaten Verlautbarung eine komplette Liste all jener berühmten Intellektuellen voranzustellen, die die Organisation unterstützten und deren Wirken förderten.10 Außerdem war er für die Durchführung von Kongressen und Ausstellungen verantwortlich, deren Konzeption in vielen Fällen bereits die Leitlinien des späteren CCF für die Planung von Veranstaltungen vorwegzunehmen schien. Bei Koestler wurde deutlich, dass er sich dem Aufbau eines Propagandasystems mit großer Sorgfalt widmete, indem er die Aktionen immer speziell auf den jeweiligen Anlass und seine Adressaten zuschnitt. Dies reichte vom Versuch einer satirischen Wochenzeitschrift, Die Saar-Ente, die als Agitationsinstrument für die Kampagne zur Volksabstimmung im Saarland im Januar 1935 geplant war, über die Niederschrift eines Romans mit Antikriegsthematik11 bis hin zu seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter in Spanien – Koestler war von Münzenberg in die von den Nationalisten kontrollierten Gebiete geschickt worden.12 Als er von seiner zweiten Spanienreise zurückkehrte, forderte Münzenberg ihn auf, einen Bericht über die Ursachen des Spanischen Bürgerkriegs zu verfassen und dabei alles vor Ort gesammelte Material zu verwenden, um die Verantwortung der faschistischen Staaten und die von den nationalistischen Truppen vollbrachten Grausamkeiten anzuprangern. In seinen Erinnerungen schreibt Koestler, dass er wiederholt gedrängt worden sei, den Text so weit wie möglich zuzuspitzen und nicht an Details zu sparen, die die internationale Öffentlichkeit aufheizen könnten, auch wenn diese nicht immer glaubwürdig gewesen seien.13 Alle Erfahrungen, die Koestler in den vielen Jahren, in denen er in Kontakt mit Münzenberg stand, hatte sammeln können, prägten offenbar entscheidend das erste, von Koestler selbst unmittelbar nach dem Krieg initiierte Projekt einer internationalen Bewegung antistalinistischer Intellektueller zur Verteidigung der Gedankenfreiheit. Er plante, die von George Orwell im Herbst 1945 projektierte Liga für Menschenrechte wiederzubeleben. Das Manifest wurde an etwa hundert prominente Persönlichkeiten weltweit geschickt und benannte als einzige Möglichkeit, die destabilisierenden Spannungen zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs zu entschärfen, die »psychologische Entwaffnung«, d. h. die Beseitigung jeglicher Behinderung des freien Gedankenaustauschs. Es wurde vorgeschlagen, das Manifest den Vereinten Nationen als Vorbedingung für politische, wirtschaftliche oder finanzielle Zugeständnisse vorzulegen. Sperber war einer der ersten Intellektuellen, die in das Projekt eingebunden wurden, zusammen mit Michael Polanyi, André Malraux und anfangs auch Bertrand Russell. Obgleich diese Initiative letztlich erfolglos war und im Laufe eines Jahres gänzlich versandete, kann das von Koestler und Orwell erarbeitete Dokument doch als eine der wichtigsten Grundlagen für die Gründung des CCF angesehen werden. Lasky selbst hatte Orwell ausdrücklich als Hauptinspiration für die 1950 gegründete Organisation benannt.14 Die exkommunistischen Intellektuellen bei der Konferenz in Berlin Der Kongress für kulturelle Freiheit wurde am 26. Juni 1950 im amerikanischen Sektor von Berlin eröffnet. Unter den Mitgliedern des Organisationskomitees war auch der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter, der als Sozialdemokrat und kommunistischer Dissident bekannt war. In seiner Auftaktrede führte er Delegierten und Teilnehmern die schwierige Situation Berlins nach einem traumatischen Blockadejahr vor Augen und endete mit einer Gedenkminute für all jene, die im Kampf für die Freiheit gefallen waren.15 Diese Rede war beispielhaft für die allgemeine Stimmung in der Versammlung, denn die aktuellen Meldungen über die Invasion nordkoreanischer Truppen in Südkorea hatten eine tiefe Betroffenheit ausgelöst. Die grundlegenden Leitlinien, entlang derer sich die Aktivitäten des CCF entwickeln würden, lassen sich schon deutlich an der Zusammensetzung der unterschiedlichen Gruppen von Intellektuellen, die an der Berliner Konferenz teilnahmen, ablesen. Die Zahl der Vertreter des europäischen nicht-kommunistischen Widerstands und derjenigen, die mit dem Movimento Federalista Europeo [Föderalistische Vereinigung für die Europäische Integration] in Verbindung standen, war beeindruckend hoch. Dies kann als starkes Signal dafür gewertet werden, dass die Kongressorganisatoren die politische und kulturelle Neugründung Nachkriegseuropas auf Grundlage dessen vorantreiben wollten, was sie für die einzigen europäisch »unabhängigen« und nicht an die internationale kommunistische Bewegung gebundenen Denkströmungen hielten. Auf der anderen Seite zeigt die große Zahl von Exkommunisten – unter diesen Arthur Koestler und Richard Löwenthal auf britischer Seite, Fritz Borkenau und Theodor Plievier als deutsche Vertreter und Ignazio Silone und Altiero Spinelli als italienische Delegierte16 –, von Emigranten aus den Ostblock-Staaten und zahlreichen »Andersdenkenden« der intellektuellen Linken den unmittelbaren Erfolg der jungen Organisation. Diese hatte es sich zum Ziel gesetzt, einen politisch-kulturellen Raum zu schaffen, in dem die »nicht linientreuen« Linken, die die Verbannung in ein intellektuelles Niemandsland einte, Identität und Zugehörigkeit finden konnten. In diesem Sinne kann auch die Vehemenz interpretiert werden, mit der der CCF die Exkommunisten ermutigte, Berichte und Zeugnisse zur anschließenden Weiterverbreitung zu verfassen. Von den sechs Autoren, die eingewilligt hatten, an der Anthologie von Berichten über den Kommunismus, Ein Gott, der keiner war, mitzuwirken – Arthur Koestler, Ignazio Silone, Richard Wright, André Gide, Louis Fischer, Stephen Spender – waren vier an der Gründung und an der politisch-kulturellen Aktivität des CCF beteiligt. Koestler und Silone, die an der Gründungsveranstaltung teilnahmen, wurden bald zu Symbolfiguren des CCF; Spender wurde Mitglied des Exekutivkomitees und war seit 1953 Chefredakteur der Zeitschrift Encounter; Fischer wurde der erste Generalsekretär des CCF und nahm bis zur Auflösung der Organisation an den wichtigsten Treffen teil.17 In seiner abschließenden Bewertung der Berliner Kongressveranstaltung schrieb Lasky später, dass man im CCF eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen zwei Tendenzen ausmachen könne: »Die einen (Vertreter: Koestler und Burnham) betonten vor allem das Streben des sowjetischen Imperialismus nach der Weltherrschaft und die dringende Notwendigkeit von Widerstandsprogrammen. Die zweite Strömung (Vertreter: die meisten Franzosen, Italiener, Briten und Deutschen außerhalb Berlins) konzentrierte sich auf die Stärkung der Idee der westeuropäischen Einheit, auf soziale und wirtschaftliche Reformen (um die Unzufriedenheit in den kommunistischen Hochburgen zu eliminieren) und eine weniger polemische Haltung gegenüber Moskau.«18 Der zweite Trend, der die Verteidigung der kulturellen Freiheit eher über die Schaffung eines transnationalen Dialogs als über den Rekurs auf eine direkte Konfrontation vorsah, wurde in Berlin von Hugh Trevor-Roper und vor allem von Ignazio Silone vertreten. Der Gegensatz zwischen Silone und Koestler wurde zur fast schon paradigmatisch zu nennenden historiografischen Referenz für zwei verschiedene Oppositionsformen gegen den Kommunismus. Die erste war argumentativ und im Ton gemessen, die zweite hingegen durch einen kämpferischen, unerbittlichen und leidenschaftlichen Antikommunismus charakterisiert. Die wesentlichen Züge dieses Gegensatzes – der die weitere Entwicklung des CCF entscheidend beeinflussen würde – zeichneten sich bereits bei der Eröffnungssitzung auf der Berliner Konferenz ab. Koestler verurteilte in seiner Rede ganz offen die zurückhaltende Distanz jener Intellektuellen, die eine neutrale Position forderten (»neither-nor-attitude«). Sie zeigten damit, dass sie nicht erkannten, wie sehr die Dramatik der internationalen Lage, die durch die Aggressivität der totalitären Regime bedroht sei, eine deutliche Entscheidung für eine Seite erforderlich mache, ohne Anzeichen von Unklarheit oder Unentschlossenheit. Am Schluss seiner Rede beschimpfte er die »clever imbecilles« verächtlich, dass sie sich darauf versteiften, den Neutralismus zu predigen, während ein der Beulenpest vergleichbares Phänomen um sich griffe.19 Völlig anders klang hingegen der Beitrag Silones. Er sah im Kongress von Berlin eine überzeugende Antwort auf die dringende Notwendigkeit eines internationalen Dialogs, der von Künstlern und Schriftstellern geführt werden müsse, mit dem doppelten Ziel, die jeweiligen Unterschiede herauszustellen und den Geist gegenseitiger Solidarität, der die Jahre des Widerstands beseelt habe, wieder zum Leben zu erwecken. Der Gegensatz zwischen den beiden Strömungen war in der vierten und letzten Arbeitsgruppe, die dem Thema »Frieden und Freiheit« gewidmet war, schließlich unübersehbar. Zu Beginn der Sitzung erreichte die Teilnehmer die Nachricht, dass die USA und die Vereinten Nationen ein Truppenkontingent zur Verteidigung Südkoreas entsandt hatten. Dann folgte die berühmte Rede Burnhams, »The Rhetoric of Peace«, in der er im Rekurs auf die Atombombe behauptete, dass es einen moralischen Unterschied gäbe, je nachdem, welcher der beiden Blöcke sie benutze.20 Im nachfolgenden Beitrag mit dem Titel »The false Dilemma« intervenierte Koestler mit der These, dass die traditionellen Gegensätze Linke-Rechte und Sozialismus-Kapitalismus plötzlich haltlos seien. In gewisser Hinsicht dem Schlüsselthema der späteren Debatte über »das Ende der Ideologie« vorgreifend, unterstrich Koestler den grundlegenden Bedeutungsverlust des Begriffs »Linke«, der für eine nicht existierende Kontinuität zwischen der liberalen und sozialdemokratischen Linken und der extremen totalitären Linken herhalten müsse. In gleicher Weise lehnte er eine starre Verwendung des Begriffs »Sozialismus« ab, der aus dem neunzehnten Jahrhundert stamme und dessen Problem darin bestünde, dass er die wirkliche Tragweite der historischen Veränderungen verschleiere. Nach Koestlers Auffassung war der eigentliche Konflikt des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr derjenige zwischen Kapitalismus auf der einen und Sozialismus auf der anderen Seite, sondern der zwischen totalitärer Tyrannei und relativer Freiheit.21 Als Antwort auf diesen neuen provokanten Ansatz konstatierte Altiero Spinelli besorgt die Gefahr einer antikommunistischen Intoleranz, die Exkommunisten wie Koestler entwickelt hätten. Gleichzeitig erinnerte er die Zuhörerschaft ganz offen daran, dass auch er dem Kreis der Exkommunisten angehöre, und führte seine Haltung Koestler gegenüber als Beweis für die Tatsache an, dass es im Umfeld des CCF keine spezielle Gruppe und kein einhelliges Verhalten unter den Exkommunisten gäbe; im Gegenteil, gerade diese Meinungsvielfalt sei es, die den Diskussionen Lebendigkeit verliehe und als Inspiration diene. Fast als Untermauerung dieser These kann die Erwiderung Franz Borkenaus auf Spinelli gelten, der erklärte, er sei stolz darauf, ein kommunistischer Dissident zu sein, und der mit Vehemenz die These vertrat, die Intellektuellen, die die totalitäre Utopie unmittelbar erfahren hätten, besäßen das Vermögen und die Pflicht, ihren Beitrag zur Schaffung einer auf neoliberale Werte gegründeten Demokratie zu leisten. Unter Applaus aber auch heftigen Protesten berief sich Borkenau auf die Ankündigung, dass westliche Militärkontingente mit Ziel Korea bereitstünden, und begrüßte die Entscheidung des Westens, sich endlich auf dem Schlachtfeld mit dem Kommunismus zu messen.22 Die Reaktionen der internationalen Presse zeigten, dass diese offenbar für die Unnachgiebigkeit, die ein Großteil der Exkommunisten in Berlin an den Tag gelegt hatte, kein Verständnis aufbrachte. Vorhersehbar und in gewisser Weise erwartet worden waren die Reaktionen der kommunistischen beziehungsweise kommunismusfreundlichen Presse. Aus Ostdeutschland bezeichnete Gerhart Eisler die Teilnehmer des CCF als »literarische Affen« und »amerikanische Spione«. In Frankreich gab L’Observateur der Konferenz in Berlin den Spitznamen »KKK« (Koestlers Kultur Kongress) mit offensichtlicher Bezugnahme auf den Ku-Klux-Klan.23 Weniger vorhersehbar und viel bedeutsamer fielen die negativen Reaktionen der linksliberalen Presse aus, vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Im Manchester Guardian war ein Artikel mit heftigen Anschuldigungen von Hugh Trevor-Roper erschienen, der den Berliner Kongress als politische Veranstaltung ohne jegliche Intellektualität qualifizierte, als ein »umgekehrtes Wrocław«, das wie »eine Allianz zwischen [...] den Exkommunisten unter den Delegierten [...] und den deutschen Nationalisten unter den Zuhörern« organisiert und durchgeführt worden sei.24 Sein letztinstanzliches Urteil über die exkommunistischen Intellektuellen fiel so aus: »Ich sehe mich in meiner Ansicht bestärkt, dass eine befriedigendere Lösung von denjenigen kommen wird, die jenen obskurantistischen doktrinären Unsinn, dessen Bodensatz nie ganz aus dem System ausgeschieden werden kann, nie geschluckt haben und somit auch nicht erbrechen mussten.«25 Peter de Mendelssohn nahm im New Statesman die von Trevor-Roper über Koestler und Burnham gefällten Urteile auf und beschuldigte diese obendrein, mit ihren extremen dialektischen Vereinfachungen jeglicher Diskussion den Boden entzogen zu haben, mit dem Ziel, die westlichen Intellektuellen in eine schlichte »Kampfgruppe« umzufunktionieren.26 Die Haltung Peter de Mendelssohns gegenüber den Exkommunisten wird in einem Brief illustriert, mit dem er auf die Einwände Laskys zu der im New Statesman erschienenen Kritik antwortete: »Die Tatsache, dass sowohl Plisnier wie Borkenau nur einmal und nur je fünf Minuten sprachen, ist irrelevant. Der Eindruck, den sie hinterließen, wäre kein anderer gewesen, hätten sie fünf Stunden lang gesprochen (oder besser gebrüllt). Dieses wütende Gebrüll klingt mir immer noch in den Ohren. Ihre These lautete, dass die Führung des antikommunistischen Kreuzzugs naturgemäß den reformierten Exkommunisten gebühre. Ich wende mich gegen diesen Anspruch und das Argument, mit dem er untermauert wird. Ich glaube nicht, dass man ein Kommunist gewesen sein muss, um das Ausmaß der Bedrohung der westlichen Zivilisation durch den Kommunismus vollständig zu ermessen. Wenn ich mit den Exkommunisten im Streit liege, dann in diesem Punkt. Es gibt keinen anderen. […] Bezeichnenderweise schlossen sich Silone und andere ›geläuterte Gefolgsleute des Gottes, der keiner war‹, diesem Anspruch nicht an.«27 Nicht »anti«, sondern »pro«: Von Koestler zu Silone »Ne koestlerisons pas« [Lasst uns nicht koestlerieren], hatte die französische Zeitschrift Esprit in ihrem Kommentar zu der Berliner Versammlung gefordert.28 Die Verlagerung der ideologischen Achse des CCF von einer aktiven und kämpferischen antikommunistischen Haltung zu Positionen, die sich mehr an einer kritischen, jedoch dem politisch-kulturellen Dialog gegenüber offenen Konfrontation orientierten, zog in der Tat eine stetige und rasche Marginalisierung der Rolle Koestlers nach sich, und das trotz der großen Bedeutung, die der »Mann Münzenbergs« in den Monaten unmittelbar nach der Berliner Konferenz im strategischen und organisatorischen Bereich des CCF innegehabt hatte. In den ersten, von organisatorischen Tätigkeiten geprägten Monaten war der aktivistische Ansatz Koestlers bei den führenden Köpfen des CCF offenbar grundsätzlich auf Begeisterung gestoßen. Einige Aufzeichnungen nach einer Begegnung zwischen Irving Brown, Lasky und Koestler im Juli 1950 in der Pariser Wohnung Koestlers – ein erster Keim eines Exekutivkomitees – lassen den Schluss zu, dass die drei eine Einigung darüber erzielten, die Aktivitäten stärker in Richtung direkter politischer Aktionen zu verschieben: »Wir waren uns einig, dass Korea die Perspektive des Kongressvorhabens verändert hat. Das Tempo muss erhöht und der Schwerpunkt von ausschließlich an die Intelligenz gerichteten Vorhaben auf unmittelbare politische Aktionen verlagert werden.«29 In diesem Zusammenhang wurde auch ein Projekt Koestlers diskutiert: Er wollte über die Schaffung eines Netzes von Vereinigungen und Komitees eine Bewegung »von unten« zur Demokratieerziehung in Gang setzen. Dieses Netzwerk sollte in enger Verbindung mit dem CCF arbeiten und sich durch Engmaschigkeit auszeichnen. Auf diese Weise würde der CCF den eigenen Theorien eine breite und solide Basis verschaffen und außerdem Alternativen zu den von der kommunistischen Bewegung organisierten soziokulturellen Aktivitäten entwickeln können. In der Struktur der geplanten Organisation wurden – aus dem Kontext gerissen und unter anderen Vorzeichen, aber dennoch ganz offensichtlich wiederverwertet – einige Schlüsselelemente des Propagandasystems des Kominform sichtbar: Ein »Deminform«,30 das sich an möglichst viele, möglichst unterschiedliche Arten von Empfängern richtete (Arbeiter, Gewerkschafter, Studenten, Jugendgruppen im Allgemeinen), gegliedert in lokale Komitees, die sich durch organisatorische Flexibilität auszeichneten, wobei die zu vermittelnden Inhalte zentral bestimmt wurden. Letztere wurden explizit so gewählt, dass sie hinsichtlich der formal apolitischen Haltung der Organisation Konsens erzielten. »Durch die Betonung der Kultur«, so ist im erwähnten Memorandum des primären Exekutivkomitees zu lesen, »hofft man, Parteiquerelen auf lokaler Ebene zu umgehen.«31 Wie schon beim Berliner Manifest an die freien Menschen waren es Koestler und Sperber, die sich um die Niederschrift der Broschüre mit dem Titel Que veulent les Amis de la Liberté? [Was wollen die Freunde der Freiheit?] kümmerten, in der die Ziele und das Programm des Netzwerks präsentiert wurden.32 Viele der dort genannten Aktionen tragen ganz offensichtlich den Stempel der militanten Unnachgiebigkeit, die für die Kreuzzugsmentalität Koestlers charakteristisch war. In der Einleitung der Broschüre reiht er das stalinistische Russland in eine historische Kontinuität ein, die vom militaristischen Preußen über das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland bis zum imperialen Japan reicht, also Nationen, die die Begierde einte, »die Welt im Namen einer Ideologie oder einer Mystik zu erobern«. Weiter proklamiert Koestler die Notwendigkeit eines »Programms geistiger Hygiene«, um die westliche Gesellschaft von der hypnotischen Macht der Scheinideologie zu erlösen, die der stalinistische Kommunismus darstelle. Dies genau sollte die Aufgabe des CCF und der Amis de la liberté [Freunde der Freiheit] werden: »Wenn wir hier versagen, dann machen wir uns eines neuen ›Verrats der Intellektuellen‹ schuldig und tragen dafür die Verantwortung vor der Geschichte.«33 Die Broschüre wurde unzählige Male von den Autoren überarbeitet, immer im Versuch, den Fragen und Problemen, auf die die Bewegung mit der Zeit stoßen würde, vorzugreifen.34 Trotz allem wurde Koestlers Auffassung, dass eine direkte Konfrontation mit der kommunistisch-sowjetischen Welt die einzig wirksame Aktionsform der Organisation sei, verworfen. Koestler selbst merkte das und versuchte, sich im August 1951 erstmals aus dem Exekutivkomitee zurückziehen, indem er gesundheitliche Probleme anführte.35 Es verging noch ein Jahr mit Höhen und Tiefen, mit Anfällen fiebriger Aktivität, heftigen Protesten und Phasen völliger Untätigkeit, bevor Koestler endgültig aus den Entscheidungsgremien des CCF schied. Dies geschah schließlich im Zusammenhang mit den Planungen für einen neuen internationalen Kongress, der im Jahr 1952 in Paris stattfinden sollte. Die Entscheidung, daraus ein großes Kunst- und Musikfestival zu machen, eine Gesamtschau der Kunstproduktion Europas und der USA, stieß bei Koestler auf heftige Ablehnung. »Was als politische Kraft gegründet wurde, hat sich in eine verweichlichte Kunstbewegung verwandelt«,36 ließ er im Juli 1951 verlauten und erklärte nur dreizehn Monate nach der Gründungskonferenz in Berlin gegenüber Nicolas Nabokov, Generalsekretär des CCF sowie planender Kopf und Organisator des Pariser Festivals, seinen endgültigen Rücktritt.37 Diese Situation führte zu einer ganzen Reihe von Kontroversen zwischen dem europäischen Sekretariat und dem nationalen Komitee der USA, dem American Committee for Cultural Freedom (ACCF), das den militanten Ansatz der »Linie Koestler-Burnham« unterstützte und der Weigerung der europäischen Büros, eine ausdrücklich antikommunistische Haltung einzunehmen, mit massiver Kritik begegnete.38 Im Verlauf des folgenden Jahrzehnts wurde Koestler zwar nach wie vor über die Aktivitäten des Kongresses informiert, doch seine machtvolle Rolle als Schlüsselfigur der ideellen Ausrichtung des CCF hatte er definitiv eingebüßt. Der Kampf darum, dem CCF eine neue Identität zu verleihen und offen antikommunistisch, d. h. politisch aktiv zu sein, war verloren. Das Wissen, dass er nichts weiter als ein Hindernis auf dem Weg zu einem neuen Kurs des CCF gewesen war, und dass sein Versuch, diese Wende zu verhindern, gescheitert war, wird deutlich, als Koestler Sperber über seinen geplanten Rücktritt informiert: »Ich habe mich nicht aus dieser Bewegung zurückgezogen. Ich wurde auf freundliche und effektive Weise dazu gebracht, mich zurückzuziehen.«39 Die Referenzfiguren für die neue Leitlinie des CCF wurden Denis de Rougemont, der rasch zum Präsidenten des Exekutivkomitees ernannt wurde, außerdem Raymond Aron, dessen Rolle im CCF mit der Publikation von L’opium des intellectuels [Das Opium der Intellektuellen]40 und der Aufnahme der Debatte über das Ende der Ideologie sehr gestärkt wurde. Doch vor allem Ignazio Silone entwickelte sich zur wichtigen Leitfigur. Der Wechsel von der »Koestler-Linie« zur »Silone-Linie« hatte sich bereits nach der Sitzung des internationalen Komitees im November 1950 in Brüssel abgezeichnet. In seinem Schlussbeitrag auf der dortigen Plenumsveranstaltung rief Silone Intellektuelle und Künstler zum Engagement in der »Frage der Freiheit« auf, die (»heute wie immer«) als grundlegend für die Verteidigung der Rechte der Menschen und der Gesellschaft gegen die Willkür des Staates zu sehen sei. Silone lud dazu ein, sich von der moralischen Pflicht zu befreien, das eigene Engagement unter überkommene politisch-soziale Banner zu stellen: »Das Problem der Wahrheit ist auch, dass man die Verteidigung geistiger Werte nicht an die überkommenen sozialen Formen binden darf.«41 Er bezog sich dabei ausdrücklich auf die sowjetischen Zwangsarbeitslager und die Schauprozesse gegen den katholischen Klerus in Prag – die damals noch in vollem Gange waren – und bezeichnete das Jahrhundert des Totalitarismus als Zeitalter der Spaltung der Seele, dessen Folgen nicht weniger gefährlich für das Überleben der Menschheit seien als die aktuelle Entdeckung der Atomspaltung. Er schloss: »Ihr wisst alle, welch großer Schritt für die Freiheit in Europa das Habeas Corpus war. [...] Angesichts der Bedrohung, der wir uns gegenübersehen, muss unsere Parole die universellste, die einfachste und zugleich die radikalste sein, das Bekenntnis zum heiligen und unveräußerlichen Wesen der menschlichen Seele, Habeas Animam: Jedwedes Lebewesen, welches auch immer, hat das Recht auf seine Seele.«42 Habeas Animam: Dieser Ausdruck, so schreibt Pierre Grémion, »trifft den Nagel auf den Kopf und heiligt seinen Autor«.43 Von diesem Moment an erschien die Formulierung regelmäßig in den Propagandabroschüren und Präsentationsprospekten des CCF. Eine neue Devise für eine neue Identität, die sich die Organisation in Europa schließlich selbst gegeben hatte. Unter den im CCF aktiven Intellektuellen ist Silone sicherlich derjenige, bei dem der Anspruch, die ideologische Ambiguität des Kommunismus und den diktatorischen Charakter seiner historischen Umsetzung aufzuzeigen, unauflöslich mit einer wesentlich umfassenderen und komplexeren politisch-kulturellen Aktivität zusammenhängt, die eindeutig antitotalitär, sozialistisch und der Verteidigung der Gedankenfreiheit und der Autonomie des Gewissens gewidmet war. Dies bezeugt – nimmt man nur die mit dem CCF zusammenhängenden Aktivitäten Silones in den Blick – auch der große Aktionsradius, den die italienische Vereinigung für die Freiheit der Kultur abdeckte und deren ideologische Seele und organisatorische Stütze Silone war. Silone führte die italienische Tochter des CCF in eine Richtung, die sie verpflichtete, an mehreren Fronten tätig zu werden. Diese reichten von der Verurteilung der Exzesse des Stalinismus über den Kampf gegen die Zensur und gegen die Methoden sozialer Kontrolle im Namen von Religion und Moral bis hin zum Einsatz für die Beachtung der Verfassung und die definitive Abschaffung der faschistischen Gesetze. In der ersten Ausgabe von Tempo presente schloss Silone seinen Leitartikel in Anlehnung an das Zitat Rosa Luxemburgs: »Jede Freiheit ist solidarisch. Freiheit ist immer nur die Freiheit der Andersdenkenden.«44 Auf Rosa Luxemburg bezog sich Silone auch im März 1956 anlässlich eines Kulturaustauschs zwischen osteuropäischen und westeuropäischen Schriftstellern, der von der Società europea di cultura [Europäische Kulturgesellschaft] organisiert worden war, um die eigene kritische Position gegenüber dem »totalitären Kommunismus aus dem Blickwinkel der freien Arbeiterbewegung«45 zu bekräftigen. Bei dieser Gelegenheit ermahnte er die Intellektuellen, die eigene Unabhängigkeit als ihren kostbarsten Besitz zu verteidigen: »Der Schriftsteller gehört der Gesellschaft, nicht dem Staat.«46 Das Engagement Silones im Zusammenhang mit dem kulturellen Kalten Krieg drückte sich vor allem auf zwei Arten aus: Auf der einen Seite sah er sich aufgrund seiner persönlichen Erfahrung in einer historischen Verantwortung, die aus seiner tiefen Kenntnis der kommunistischen Bewegung, ihrer Ideologie und ihrer Verkörperung und Entartung rührte; auf der anderen Seite suchte er nach einer gemeinsamen Ebene für einen Dialog mit den Intellektuellen jenseits des Eisernen Vorhangs. Sein Engagement zeigte sich auch in seiner beharrlichen Teilnahme an Initiativen, die von Institutionen wie der Europäischen Kulturgesellschaft und dem Pen-Club wie auch dem CCF selbst organisiert wurden. Auch wenn es mehr als deutlich war, auf welche Seite Silone sich an der Front des kulturellen Kalten Kriegs geschlagen hatte, muss man ihm attestieren, dass er an seiner eigenen Unabhängigkeit festhielt – einer Unabhängigkeit, die ihn davor bewahrte, zum passiven Instrument in einer bipolaren Auseinandersetzung zu werden. Seine Weigerung, Initiativen zu unterstützen, die ausdrücklich und ausschließlich antikommunistisch waren, hatte Silone im Übrigen bereits in der Organisationsphase der CCF-Gründungskonferenz klar zum Ausdruck gebracht, als er nämlich den ersten, ihm von Lasky vorgelegten Einladungsentwurf zum Berliner Treffen zurückwies: »Ich finde den Text dieses Aufrufs unmöglich. Es handelt sich dabei um ein Traktat zu Zwecken der politischen Agitation und nicht um eine Einladung an Intellektuelle und Wissenschaftler. Ein Kongress, der auf dieser Grundlage einberufen wird, ist praktisch sinnlos.« Silone argumentierte, dass die Forderung nach der Universalität von Wissenschaften, Künsten und freiem Gedankenaustausch zwischen den Menschen wesentlich geeigneter sei, um hinter dem Eisernen Vorhang Erfolge verzeichnen zu können, als irgendwelche summarischen Urteile über die politischen Kräfte auf dem Feld: »Ihr Aufruf läuft Gefahr, der westlichen Kultur die Sprache Fadeevs und Ehrenburgs zu verleihen […] Wenn Sie glauben, dass die Aufregung in Berlin so groß ist, dass man schreien muss, um sich Gehör zu verschaffen, vermute ich, dass eine Reihe der Geladenen, darunter ich selbst, eine unnütze Reise unternehmen werden.«47 Die Beharrlichkeit, mit der Silone für den CCF einforderte, er solle »nicht anti, sondern pro« sein, lässt sich deutlich aus den Schriften in den Archiven des Kongresses herauslesen. In einem Bericht über die Aktivitäten in Italien, den er im November 1953 dem Exekutivkomitee vorlegte, erklärt er unmissverständlich: »Die Wirksamkeit unseres Kampfes gegen den Kommunismus beruht auf der Tatsache, dass er demokratisch ist und dass wir – mit einigem Erfolg übrigens – versucht haben, dem Kommunismus die Initiative abzunehmen sowie das Monopol – das er vorher besaß – darauf, eine gute Sache zu verfechten. […] Ich sage, dass die Wirksamkeit dieses Vorgehens auf der Tatsache beruht, dass wir Demokraten sind und bleiben, selbst wenn der Kommunismus nicht existieren würde. Unser Kampf für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Kultur entspricht unseren Grundsätzen, unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz des Kommunismus.«48 Vom kulturellen Kalten Krieg zur Ideologie der Antiideologie Mit der Konferenz von Bandung, der Entstehung der Bewegung der blockfreien Staaten, der Gipfelkonferenz in Genf, den ersten Anzeichen der Entspannung der internationalen Beziehungen in der poststalinistischen Ära und der Debatte über das »Ende der Ideologien«49 änderte sich Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre die globale Lage, und der Blick auf die internationale Politik erfuhr einen Paradigmenwechsel. In dieser Situation sah sich der CCF vor die Notwendigkeit gestellt, seine Existenzberechtigung und seine Rolle als Kritiker der Beschneidung der kulturellen Freiheit zu hinterfragen, die die Organisation während der entscheidenden Jahre des Kalten Kriegs gepflegt hatte. Die Tatsache, dass die großen ideologischen Gegensätze, die das erste Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg so tiefgreifend bestimmt hatten, sich jetzt nicht mehr dazu eigneten, die Komplexität der neuen Epoche zu beschreiben, schien nun auch die Sinnhaftigkeit des politischen Engagements der Intellektuellen unwiderruflich infrage gestellt zu haben. In einem Klima radikaler Veränderungen – mit dem vor allem durch das Wirken von Michael Polany, Edward Shils und Daniel Bell, den neuen Referenzfiguren der Organisation, auch eine grundlegende Umstellung der Aktivitäten des CCF einherging – musste sich auch die Rolle der ehemaligen Kommunisten ändern: Gerade diese wurden in vielen Fällen zu idealen Vermittlern bei einer nahezu krampfhaften Suche nach einem gemeinsamen Aktionsfeld in einer sich plötzlich öffnenden und die Blockfreien aufnehmenden Realität. Obgleich Koestler nicht mehr Mitglied der Führungsriege des CCF war, fungierte er bei mehreren Gelegenheiten als Vermittler zwischen der Organisation und den aus den osteuropäischen Ländern emigrierten Intellektuellen, vor allem für jene, die nach 1956 aus Ungarn geflohen waren. Im Herbst 1958 kontaktierte der CCF auf Koestlers Vermittlung hin zum Beispiel den Dichter György Faludy und den Schriftsteller und Publizisten Paul Ignotus, der in London eine Zeitschrift für die politischen Emigranten aus Ungarn plante.50 Koestler war außerdem mit der Koordination des Fund for Intellectual Freedom (FIF) befasst, den er parallel zum CCF gegründet hatte. Dieser sollte emigrierten Schriftstellern eine finanzielle Unterstützung bieten.51 Nach Auffassung Silones musste der Niedergang des ideologischen Konflikts, der sich zwischen den beiden Polen des kulturellen Kalten Kriegs festgefahren hatte, zu einem parteiübergreifenden Dialog zwischen Intellektuellen führen, zu einer Auseinandersetzung, die frei von Vorurteilen und politischen Restriktionen sein müsse. Auch bei der internationalen Konferenz The Future of Freedom – auf der die Debatte über das Ende der Ideologien ihren Anfang nahm –, die vom CCF im September 1955 in Mailand unterstützt worden war, befasste sich Silone in seinem Schlussbeitrag fast ausschließlich mit der Notwendigkeit, die kulturellen Grenzen zwischen den Blöcken einzureißen: »Manche befürchten, der Westen werde infolge des Tauwetters überschwemmt werden und untergehen. Das sind meines Erachtens unberechtigte und lächerliche Ängste. [...] Es liegt in der Natur der freien Kultur, offen und in jedem Moment zur Konfrontation mit ihren Gegnern bereit zu sein. […] Wir müssen uns dazu bekennen, Befürworter der Freizügigkeit von Menschen und Ideen zu sein.«52 In den frühen Sechzigerjahren schaltete sich Silone in die schwierige Debatte des CCF über die kaum lösbar erscheinende Identitätskrise ein, übte harsche Kritik an dem Begriff vom »Ende« der Ideologien und warnte die Anwesenden davor, eine »Ideologie der Antiideologie«53 zu schaffen. In den Grundzügen war die Haltung Sperbers ähnlich, der im Rahmen einer Sitzung des Exekutivkomitees im Januar 1958 ausdrücklich die Frage aufwarf, ob man den Aktionsradius des CCF angesichts der neuen Verantwortung, die sich nach den tiefgreifenden Veränderungen auf der internationalen Bühne ergeben habe, nicht erweitern solle: »Das Herz und die Ohren so vieler Menschen, die uns verschlossen waren, sind nun geöffnet oder halb geöffnet.« Wenn man die möglichen Folgen, die eine solche Veränderung notwendigerweise für die Perspektiven des CCF mit sich bringe, unberücksichtigt lasse, bedeute dies »sowohl unsere Aufgaben als auch die Möglichkeiten ihrer Erfüllung völlig misszuverstehen«.54 Es müsse also die oberste Pflicht der Organisation sein, im Zuge der Auflösung der strengen Bipolarität, die die entscheidenden Phasen des kulturellen Kalten Kriegs charakterisiert habe, jede Gelegenheit zu ergreifen und jedes Mittel zu nutzen, um eine größtmögliche Verbreitung der eigenen Botschaft zu gewährleisten.55 Sperber betonte vor allem die unabdingbare Notwendigkeit, zuallererst die Kommunikationsmodalitäten des CCF anzupassen, denn, wenn dieser seine Legitimierung nicht völlig verlieren wolle, dürfe er sich nicht als Hüter von Werten erweisen, die sich auf einen bereits inexistenten ideologischen Gegensatz bezögen, sondern müsse sich als Verfechter einer glänzenden und mit allen teilbaren Zukunft präsentieren: »Sprechen wir zu ihnen nicht wie zu Feinden […], sprechen wir nicht als Verteidiger der Vergangenheit, die wir nicht sind, sprechen wir als Förderer einer Zukunft, die sie in Gedanken anstrebten, als sie von den finstersten Mächten der Vergangenheit ergriffen wurden.«56 Exkommunisten und Engagés: Vom Sinn eines Engagements Bei einer Sitzung des Exekutivkomitees im Februar 1960 stellte Silone fest, dass man unmöglich weiterhin den Begriff des »Engagements« der Intellektuellen verwenden könne, wobei er besonders auf die Absurdität abhob, die den Versuchen anhafte, dieses Konzept einfach so in die neuen nationalen Realitäten zu »exportieren«, in die der CCF seine Wurzeln ausstrecke: »Das einzig mögliche Engagement ist eines, das einer persönlichen Berufung entspringt. Wenn du dich engagieren willst, kann man dir das nicht verbieten, aber man kann nicht der gesamten intellektuellen Klasse eines ganzen Landes, die bei ihrem Volk sein will, die lebendig sein will, die zum Fortschritt des Volkes beitragen will, den Befehl geben, sich zu engagieren und aktiv zu werden. Auf diese Art von Problemen werden wir, so fürchte ich, stoßen, wenn wir mit den Intellektuellen der neuen Länder Kontakt aufnehmen.«57 In Uscita di sicurezza [Notausgang] erzählt Silone, dass er sich eines Tages mit folgendem Satz an Togliatti gewandt habe: »Der letzte Kampf wird der zwischen Kommunisten und Exkommunisten sein.«58 Man muss zweifelsfrei anerkennen, dass die am kulturellen Kalten Krieg aktiv teilnehmenden intellektuellen Exkommunisten in dessen Dynamik eine starke Rolle spielten, wobei sie allerdings die Kritik ignorierten, sie würden allzu sehr über den Dingen schweben und sich nur auf einen Beobachtungsposten beschränken. Dies hatte Isaac Deutscher in seinem unmittelbaren Kommentar zu der Publikation von Ein Gott, der keiner war »als einzig würdevolle Haltung, die ein exkommunistischer Intellektueller einnehmen kann« bezeichnet.59 Anders als bei anderen im Rahmen des CCF und des kulturellen Kalten Kriegs aktiven Gruppen beeindruckt auf jeden Fall die Tendenz dieser Menschen, sich nicht als eine »Kategorie« zu betrachten und nicht als ein »Lager« zu agieren, welches sich über gemeinsame Werte, Methoden und Ziele definiert. Wie weit das Engagement bei jedem einzelnen der ehemaligen Kommunisten ging und inwieweit der Einzelne von seiner eigentlichen Richtung abwich, war immer eine individuelle Entscheidung. Diese Charakteristik stellte Deutscher ebenfalls ausdrücklich heraus und unterstrich dabei ganz besonders die jeweiligen Unterschiede in der Art und Weise der Abkehr vom Kommunismus und der Wahl des Zeitpunkts: »Die ›Legion‹ der Exkommunisten marschierte nicht in geschlossener Formation, sie ist in alle Richtungen verstreut, und ihre Mitglieder ähneln sich sehr, auch wenn sie sich voneinander unterscheiden. Sie haben gemeinsame Eigenschaften und individuelle Merkmale. Alle haben ein Heer und ein Schlachtfeld verlassen – einige aus Gewissensgründen, andere als Deserteure, andere sogar als Plünderer.«60 In der fast zwanzigjährigen Geschichte des CCF war die einzige Gelegenheit, bei der eine bestimmte Anzahl herausragender exkommunistischer Intellektueller eine Gruppenidentität forderte, gerade die Gründungskonferenz in Berlin. Wie gezeigt wurde, hatten bei dieser Gelegenheit Koestler, Plisnier und Borkenau eindrücklich darauf beharrt, dass die Exkommunisten im Bereich der sich gerade konstituierenden »antitotalitären Allianz« ganz zu Recht die Hauptrolle spielten, da sie die einzigen seien, die eine unmittelbare Erfahrung mit dem Stalinismus gemacht hätten.61 »Wir sind die Einzigen auf eurer Seite, die wirklich wissen, wie die Dinge stehen«, so die Aussage Koestlers laut Richard Crossman in der Einleitung zu Ein Gott, der keiner war.62 In dieses mehrstimmige Werk wurden die verschiedenen Autoren eben gerade deswegen eingebunden, weil sie Exkommunisten waren, »die allein in der Lage sein würden, die Wahrheit über sich selbst zu sagen«.63 Das Dokument zeigt mit großer Deutlichkeit, wie jeder reagiert und schriftlich die eigene Annäherung an die Politik und an die Kultur auf grobe und individuelle Weise definiert hatte. Außerdem macht es auf die Unterschiede in den jeweiligen Haltungen aufmerksam, die jedoch durch die gemeinsame Erfahrung der »verratenen Hoffnung«64 und durch das Bewusstsein von der Notwendigkeit, gegen die totalitären Abwege des Kommunismus aktiv Position zu beziehen, gemildert wurden. Aus dem Italienischen übersetzt von Birgitta Höpken 1 The New York Times vom 26. Juni 1950, zitiert in Christopher Lasch: The Agony of the American Left. New York 1969, S. 63. Zum CCF in deutscher Sprache siehe die Untersuchungen von Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für Kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998; siehe auch von Ulrike Ackermann: Sündenfall der Intellektuellen, Stuttgart 2000. Ulrike Ackermann war außerdem mit der Durchführung der Konferenz »Freiheit in die Offensive. 50 Jahre Kongress für die kulturelle Freiheit« betraut, die im Juni 2000 an der Freien Universität Berlin stattgefunden hat. 2 Melvin Lasky: The Congress for Cultural Freedom. Part I: Proceedings, in: Special Collections Research Center, Regenstein Library, University of Chicago, Congress for Cultural Freedom/International Association for Cultural Freedom (im Folgenden: CCF/IACF), S. III, B. 1, F. 1. Über Melvin Lasky und seine Rolle innerhalb des CCF siehe Giles Scott-Smith: A Radical Democratic Political Offensive: Melvin J. Lasky, Der Monat, and the Congress for Cultural Freedom, in: Journal of Contemporary History 35 (April 2000), H. 2, S. 263–280. 3 Über die New York Intellectuals siehe insbesondere Alexander Bloom: Prodigal Sons: The New York Intellectuals and Their World, New York 1986; Terry A. Cooney: The Rise of the New York Intellectuals. Partisan Review and Its Circle, Madison 1986; Alan M. Wald: The New York Intellectuals. The Rise and Decline of the Antistalinist Left from the 1930s to the 1980s, Chapel Hill 1987. 4 Siehe Stephen A. Longstaff: The New York Intellectuals and the Cultural Cold War: 1945–1950, in: New Politics 2 (Winter 1989), H. 2, S. 156–170. 5 Lasky: The Congress for Cultural Freedom (Anm. 2), Part II: Evaluations. 6 Hugh Wilford: The CIA, the British Left and the Cold War: Calling the Tune?, London 2003, S. 101. 7 Über Willi Münzenberg siehe Willi Münzenberg: Un homme contre [Ein Mann dagegen], in: Actes du Colloque International [Internationales Kolloquium], Aix-en-Provence, 26. bis 29. März 1992, Marseille 1993; Stephen Koch: Double lives: Stalin, Willi Münzenberg and the Seduction of the Intellectuals, London 1995. 8 David Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind, London 1998, S. 104. 9 Siehe Manès Sperber: Au delà de l’oubli [Jenseits des Vergessens], Paris 1979, S. 46–54 u. 61. 10 Siehe ebd., S. 98. 11 Siehe dazu Arthur Koestler: La scrittura invisibile. Autobiografia, 1932–1940 [engl. Original: The Invisible Writing], Bologna 1991, S. 118. 12 Es handelt sich dabei um drei Reisen, festgehalten von Koestler in: A Spanish Testament, London 1937. 13 Siehe Koestler: La scrittura invisibile (Anm. 11), S. 391 f. 14 Siehe Giles Scott-Smith: The Politics of Apolitical Culture. The Congress for Cultural Freedom, the CIA and Post-War American Hegemony, New York 2002, S. 93. 15 Siehe Frances Stonor Saunders: La guerra fredda culturale. La CIA e il mondo delle lettere e delle arti [im Original: The Cultural Cold War: The CIA and the World of Arts and Letters], Rom 2004, S. 72. 16 Sperber, der nicht an der Gründungsveranstaltung teilnahm, kümmerte sich dennoch um die Redaktion des Abschlussdokuments und wurde auch bald Mitglied des Exekutivkomitees, in dem er bis zum Ende eine tragende Rolle spielte. 17 André Gide nahm nicht an der Berliner Konferenz teil, übermittelte jedoch ein Unterstützungsschreiben; Richard Wright hatte bereits auf der Gegenkonferenz im Vorjahr in Paris seiner Missbilligung über Initiativen, die er für allzu deutlich antikommunistisch hielt, Ausdruck verliehen. Siehe Peter Coleman: The Liberal Conspiracy: The Congress for Cultural Freedom and the Struggle for the Mind of Postwar Europe, New York 1989, S. 7 u. 22. 18 Lasky: The Congress for Cultural Freedom. Part I: Proceedings (Anm. 2). 19 Arthur Koestler: Two Methods of Action, in: ders.: The Trail of the Dinosaur and Other Essays, New York 1956, S. 183 f. 20 In seiner Rede unterschied Burnham zwischen »bösen« Bomben – jenen aus russischer Herstellung, die allein der Zerstörung der westlichen Zivilisation dienten – und »guten« Bomben – den amerikanischen Nuklearsprengköpfen –, die er als einzige und effektive Verteidigung der europäischen Freiheit in den seit dem Krieg vergangenen fünf Jahren bezeichnete. Siehe Pierre Grémion: Intelligence de l’anticommunisme: Le Congrès pour la Liberté de la Culture à Paris (1950–1975) [Antikommunistische Intellektuelle: Der Kongress für kulturelle Freiheit (1950–1975)], Paris 1995, S. 37; und Coleman: The Liberal Conspiracy (Anm. 17), S. 31. 21 Arthur Koestler: An Outgrown Dilemma, in: ders.: The Trail of the Dinosaur (Anm. 19), S. 186–195. Nach der Konferenz veröffentlichte Henry Stuart Hughes in der Zeitschrift Measure einen Artikel mit dem Titel The End of Political Ideology, in dem er auf polemische Weise die Koestler-Burnham-Linie von Berlin angriff und darlegte, wie die militante Konfrontation gegen den Kommunismus dazu geführt habe, dass sich die ideologisch-politischen Gegensätze zwischen den liberalen, sozialdemokratischen und konservativen Intellektuellen im Namen der Verteidigung der freien Welt nivelliert hätten. Zitiert in: Giles Scott-Smith: The Congress for Cultural Freedom, the End of Ideology and the 1955 Milan Conference: ›Defining the Parameters of Discourse‹, in: Journal of Contemporary History 37 (2002), H. 3, S. 440. 22 Founding Conference, Berlin 1950: Proceedings and Reports, in: CCF/IACF, S. III, B. 1, F. 1; siehe auch Coleman: The Liberal Conspiracy (Anm. 17), S. 30; Grémion: Intelligence de l’anticommunisme (Anm. 17), S. 39. 23 Siehe Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind (Anm. 8), S. 363. 24 Hugh Trevor-Roper in: Manchester Guardian Weekly vom 20. Juli1950, zitiert in: Coleman: The Liberal Conspiracy (Anm. 17), S. 35 f.; siehe auch Lasch: The Agony of the American Left (Anm. 1), S. 67. 25 Hugh Trevor-Roper, zitiert in: Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind (Anm. 8), S. 364. 26 Peter de Mendelssohn im New Statesman, ebd. 27 Mendelssohn, unleserlicher Adressat, 22. August 1950, in: CCF/IACF, S. II, B. 45, F. 7. 28 Zitiert in: Coleman: The Liberal Conspiracy (Anm. 17), S. 33. 29 Fontaine le Port, 18. Juli 1950, in: CCF/IACF, S. II, B. 2, F. 8. 30 Ebd. Zur Verwendung des Begriffs siehe auch Saunders: La guerra fredda culturale (Anm. 15), S. 55 ff. 31 Fontaine le Port, 18. Juli 1950 (Anm. 29). 32 Der dort formulierte betont militante Ansatz wurde in der praktischen Umsetzung jedoch fast völlig von der Organisation außer Acht gelassen. Die Ausrichtung der Aktionen der Freunde der Freiheit wurde bevorzugt im Sinne soziokultureller Veranstaltungen/Konzepte für die Basis gesehen, es wurden Clubs gegründet, die mit Bibliotheken und Lesesälen ausgestattet waren, und Seminare, Themenabende und literarische Zirkel gefördert. 33 Que veulent les Amis de la Liberté? [Was wollen die Freunde der Freiheit?], Paris, o.D. (wahrscheinlich 1950), S. 3 f. 34 Siehe Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind (Anm. 8), S. 366. 35 Siehe Koestler an Bondy, 18. August 1950, in: CCF/IACF, S. II, B. 197, F. 11. 36 Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind (Anm. 8), S. 382. 37 Siehe Koestler an Nabokov, 30. Juli 1951, in: CCF/IACF, S. II, B. 197, F. 11. 38 Zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Zweig des CCF bestand eine tiefe Uneinigkeit, ob der Kongress eine politische Handlungskraft besäße oder nicht: eine Uneinigkeit, die auf lange Sicht eine Reihe von tiefen inneren Spaltungen hervorrufen würde, vom Streit über den Fall Rosenberg, die Auflösung und schließliche Wiedereinrichtung des amerikanischen Komitees, über die tumultuösen Ereignisse um den Rücktritt Bertrand Russells bis hin zu dem aufsehenerregenden Abgang des Vorsitzenden des ACCF James T. Farrell. Siehe Coleman: The Liberal Conspiracy (Anm. 17), S. 160 f. 39 Koestler an Sperber, 25. April 1951, zitiert in: Cesarani: Arthur Koestler: The Homeless Mind (Anm. 8), S. 383. 40 Raymond Aron: L’opium des intellectuels [Das Opium der Intellektuellen], Paris 1955. 41 Allocution de M. Ignazio Silone [Ansprache von Ignazio Silone], o.D., in: CCF/IACF, S. II, B. 2, F. 8. Die Rede wurde auch in der Ausgabe des Franc-Tireur vom 4. Dezember 1950 abgedruckt. 42 Ignazio Silone: Habeas Animam! (Discorso tenuto alla manifestazione di chiusura della conferenza di Bruxelles del Movimento per la libertà della cultura, 3 novembre 1950) [Rede beim Schlussplenum der Konferenz der Bewegung für kulturelle Freiheit in Brüssel am 3. November 1950], in: La Fiera letteraria [Die Literaturmesse] vom 22. April 1951, S. 1, jetzt auch in: Bruno Falcetto (Hg.): Ignazio Silone, Romanzi e saggi [Romane und Essays], Bd. II, Mailand 1999, S. 1025. 43 Grémion: Intelligence de l’anticommunisme (Anm. 17), S. 95. 44 Ignazio Silone: Agenda, in: Tempo Presente, April 1956, S. 7. 45 Ignazio Silone: Scrittori, Società, Stato [Schriftsteller, Gesellschaft, Staat], in: Volontà [Wille], September 1956, S. 97–102, jetzt in: Alessandro Bresolin (Hg.): Le cose per cui mi batto [Die Dinge, für die ich mich schlage], Santa Maria Capua Vetere 2004, S. 33. 46 Ebd., S. 37. 47 Dieses und das vorige Zitat: Silone an Lasky, 31. März 1950, in: Archivio Silone, Fondazione di Studi Storici Filippo Turati di Firenze, Corrispondenza generale/Silone-Archiv, Stiftung für historische Studien Filippo Turati in Florenz, allgemeine Korrespondenz], Band 1950. 48 Italie. Rapport de M. Ignazio Silone, riunione del Comitato esecutivo, Parigi, 7 novembre 1953 [Italien. Bericht von Ignazio Silone, Sitzung des Exekutivkomitees, Paris, 7. November 1953], in: CCF/IACF, S. II, B. 3, F. 4. 49 Zur Diskussion über das »Ende der Ideologien« siehe Scott-Smith: The Congress for Cultural Freedom (Anm. 21); Job L. Dittberner: The End of Ideology and American Social Thought: 1930–1960, Ann Arbor 1979; Chaim Isaac Waxman (Hg.): The End of Ideology Debate, New York 1968. 50 Siehe Briefwechsel zwischen Koestler und Michael Josselson in: CCF/IACF, S. II, B. 197, F. 12. 51 Gegründet von Koestler zusammen mit Graham Greene, John Dos Passos, James Farrell und Aldous Huxley, sollte der FIF ursprünglich mit einem Teil der Honorare aus der Verwertung der Werke der mitwirkenden Autoren finanziert werden. Bis 1959 oblag die Leitung vornehmlich Koestler, danach wurde der FIF vom CCF übernommen, der Sperber als Leiter einsetzte. 52 Intervento di Silone: L’avvenire della libertà, Milano, Assemblea generale, 18 settembre 1955 [Beitrag von Silone: Die Zukunft der Freiheit, Mailand, Generalversammlung, 18. September 1955], in: CCF/IACF, S. III, B. 7, F. 5. 53 Intervento di Silone, riunione del Comitato esecutivo, 10–11 marzo 1962 [Beitrag von Silone, Sitzung des Exekutivkomitees, 10.–11. März 1962], in: CCF/IACF, S. II, B. 4, F. 4. 54 Intervento di Sperber, 19 gennaio 1958 [Beitrag von Sperber, 19. Januar 1958], in: CCF/IACF, S. II, B. 5, F. 1. 55 Hier schlug Sperber die Nutzung des Rundfunks vor, um den lebhaften Debatten zu den verschiedenen Aspekten des intellektuellen Lebens im Rahmen der Entwicklung der internationalen und jeweils landesspezifischen politischen Lage eine möglichst große Verbreitung zu sichern. Siehe ebd. 56 Ebd. 57 Intervento di Silone, riunione del Comitato esecutivo, 11 febbraio 1960 [Beitrag von Silone, Sitzung des Exekutivkomitees, 11. Februar 1960], in: CCF/IACF, S. II, B. 4, F. 4. 58 Ignazio Silone: Uscita di sicurezza [Notausgang], Milano 2001, S. 113; und ders. u. a.: Il dio che è fallito. Testimonianze sul comunismo, Mailand 1992, S. 145 [dt. Ausgabe: Ein Gott, der keiner war. Arthur Koestler, André Gide, Ignazio Silone, Louis Fischer, Richard Wright, Stephen Spender schildern ihren Weg zum Kommunismus und ihre Abkehr, Konstanz/Zürich/Wien 1952]. 59 Isaac Deutscher: Profilo dell’ex comunista, in: Armando Saitta: Storia e miti del ‘900. Antologia di critica storica [Geschichte und Mythen des 20. Jahrhunderts, Historisch-kritische Anthologie], Bari 1960, S. 684. Die englische Originalfassung von Deutschers Essay – The Ex-Communist’s Conscience, in: ders.: Heretics and Renegades, London 1955, S. 9–22 – wurde ursprünglich als Rezension von Ein Gott, der keiner war, in The Reporter vom April 1950, veröffentlicht. 60 Ebd., S. 673. 61 Bei dieser Gelegenheit bezogen sich auch die Kritiker des im Entstehen begriffenen CCF häufig auf die Exkommunisten als Kategorie, wenn sie auch zugleich die Notwendigkeit verspürten, nicht in übertriebene Verallgemeinerungen zu verfallen, und durchaus einen Unterschied im Verhalten einiger der herausragenden Persönlichkeiten unter den kommunistischen Dissidenten konstatierten, allen voran Silone. 62 Arthur Koestler, zitiert in: Silone u. a.: Il dio che è fallito (Anm. 58), S. 23 (Vorwort von Crossman). 63 Ebd. 64 Ebd., S. 675.

JHK 2011

Mobilisierung für den Vernichtungskrieg? Nationalsozialistische Propaganda und Stalinismus 1933–1941

Moritz Florin

Nicht im Traume dachten sie [»die Demokratien«, M.F.] daran, daß es notwendig sein könnte, sich der Jahrhunderte alten Verbindungen zu erinnern, die Deutschland und Rußland verknüpfen. Gewohnt vom Tage zu leben, dämmerte es ihnen nicht, daß in einer Zeit so gewaltiger Entscheidungen weitblickende und verantwortungsbewußte Volksführer junger Nationen Augenblickshindernisse überspringen und die große historische Linie wieder auf-nehmen können.1                                                                                          Völkischer Beobachter, 24. August 1939 Noch wenige Monate bevor der Journalist Theodor Seibert diese Zeilen im quasi-regierungsoffiziellen Völkischen Beobachter veröffentlichte, hatte die deutsche Presse die Sowjetunion mit »Kübeln von Jauche überschüttet«, wie Josef Stalin einst durchaus treffend bemerkte.2 Stalin galt der deutschen Presse bis Mai 1939 als »Marionette der Juden« und die UdSSR als »Weltfeind Nr. 1«. Bereits zwei Tage nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts musste es den Lesern der Kommentare deutscher Zeitungen hingegen erscheinen, als seien der Antibolschewismus, die antibolschewistische Ideologie, nur ein »Augenblickshindernis« für eine Annäherung gewesen. In Hitler und Stalin hatten sich laut Theodor Seibert zwei »verantwortungsbewusste Volksführer junger Nationen« wiedergefunden. Für die nationalsozialistische Partei war die Frage nach der Haltung gegenüber dem Bolschewismus eine von entscheidender ideologischer Bedeutung, die man nicht einfach beiseiteschieben konnte; in den Zwanzigerjahren hatte gerade diese Frage beinahe zur Spaltung geführt. Der sogenannte nationalbolschewistische Flügel der Partei befürwortete bereits damals ein Bündnis der »jungen Nationen« Deutschland und UdSSR gegen den Westen.3 Für Hitler und den stark durch russische Emigranten beeinflussten antibolschewistischen Flügel der Partei waren hingegen Antikommunismus, Antibolschewismus und Antisemitismus untrennbar miteinander verbunden und standen im Zentrum der nationalsozialistischen »Weltanschauung«.4 Zu Beginn der Dreißigerjahre hatte sich die radikal antibolschewistische innerparteiliche Strömung durchgesetzt und abweichende Meinungen in dieser Frage wurden nicht mehr geduldet. Gerade der radikale Antibolschewismus entwickelte sich in Kombination mit dem Antisemitismus zum scheinbaren Dreh- und Angelpunkt nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda.5 Da sich das Regime in dieser Frage vollkommen eindeutig positionierte und Deutschland damit letztlich in die Katastrophe des Kriegs gegen die UdSSR führte, spielt der Antibolschewismus auch innerhalb der Forschung eine zentrale Rolle. Ernst Noltes These eines kausalen Nexus zwischen russischer Revolution und Nationalsozialismus ist dabei heftig diskutiert und in der Wissenschaft meist abgelehnt worden. Doch selbst wenn Noltes Vereinfachung hinterfragt wurde, bleibt die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Antibolschewismus, Antisemitismus, Herrschaftsdynamik und Mobilisierung für die Forschung zentral. Lässt sich der Krieg gegen die UdSSR als ideologischer »Kreuzzug« beschreiben, wie Arno Mayer formuliert?6 Taugen Ideologie und Indoktrination als ein Element der Erklärung der Bereitwilligkeit deutscher militärischer Eliten und einfacher Soldaten, sich im Krieg gegen die UdSSR an Verbrechen noch nie dagewesenen Ausmaßes zu beteiligen? Anders formuliert: Sorgten sich deutsche Soldaten im Krieg in erster Linie um ihr Überleben? Oder hatten sie die antibolschewistische Ideologie zu Beginn des Krieges bereits verinnerlicht, waren sie also Überzeugungstäter?7 Diese Fragen sind in der Forschung kontrovers diskutiert und unterschiedlich beantwortet worden.8 Als ein Element, das scheinbar Unerklärliche, Unfassbare zu beschreiben, dient dabei immer wieder der deutsche Antibolschewismus. Ian Kershaw beispielsweise schreibt: Die »entsetzliche Brutalität des Vernichtungskrieges im Osten war [...] fraglos […] eine Folge des ideologischen Hasses auf den ›jüdischen Bolschewismus‹, mit dem die Deutschen unter dem Naziregime jahrelang indoktriniert worden waren«.9 Diese These setzt voraus, dass die nationalsozialistische antibolschewistische Vorkriegspropaganda wirksam war und zu weit verbreitetem »ideologischen Hass« auf die UdSSR führte. Einzig: Der Moment der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts passt nicht in dieses Bild. Von »ideologischem Hass« ist weder in den Kommentaren des Völkischen Beobachters noch in den unmittelbaren Reaktionen der deutschen Bevölkerung etwas zu9 spüren.10 Theodor Seibert lässt am Tag nach der Unterzeichnung in seinem Kommentar sogar nationalbolschewistische Ideen wieder aufleben: Stalin als verantwortungsbewussten »Volksführer einer jungen Nation« zu bezeichnen, kennzeichnet zumindest ein Versatzstück dieses Gedankenguts.11 Wenn aber der Antibolschewismus als einer der Dreh- und Angelpunkte nationalsozialistischer Ideologie und Vorkriegspropaganda von einem Tag auf den anderen durch nationalbolschewistische Kommentare ersetzt werden konnte, welche Bedeutung hatte dann der Antibolschewismus als ein Element nationalsozialistischer Ideologie für Parteimitglieder und für die Hauptzielgruppe der Propaganda, die deutsche Bevölkerung? Und: Welche Bedeutung hatte der Antibolschewismus für die Mobilisierung, für den Vernichtungskrieg? Bevor der Versuch unternommen werden kann, diese Fragen zu beantworten, muss man einen Schritt zurückgehen und die nationalsozialistische antibolschewistische Pressekampagne der Vorkriegszeit etwas näher analysieren. So sind die durchaus vielfältigen Reaktionen auf den Hitler-Stalin-Pakt nur dann zu erklären, wenn bekannt ist, wie die deutsche Presse zuvor über die UdSSR berichtet hatte, auf welche Weise die Deutschen also »indoktriniert wurden«. Dabei ist unzweifelhaft, dass sich ab 1935 allmählich eine antibolschewistische Pressekampagne steigerte, die in einem Schwall antisemitisch-antibolschewistischer Beschimpfungen in den Jahren 1937/1938 kulminierte. Ab Mai 1939 wurde diese Kampagne eingestellt und Ende August ins Gegenteil verkehrt: Aus antibolschewistischer wurde tendenziell neutrale oder gar nationalbolschewistische Propaganda, woran sich auch bis zum Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 nichts Grundsätzliches ändern sollte.12 Dieser Umschwung lässt sich recht einfach anhand einer stichprobenartigen Auswertung des »wichtigsten Massenmediums der nationalsozialistischen Gesellschaft«, der Tagespresse, nachweisen.13 Die Grundzüge der Propaganda sind bereits oft beschrieben worden. Die Reduktion auf die wesentlichen Merkmale und Wendepunkte verdeckt jedoch, dass die Propaganda in sich widersprüchlich und der Kommunikationsprozess wesentlich komplexer war: Am Anfang standen die Ziele des nationalsozialistischen Regimes. Außenpolitisch diente die Propaganda dem Schmieden antikommunistischer Koalitionen (dabei ist insbesondere an den sogenannten Antikominternpakt zu denken), innenpolitisch wollte man die Mobilisierung der »Volksgemeinschaft« gegen einen gemeinsamen Feind erreichen.14 Gleichzeitig versuchte eine Vielzahl von Gruppierungen die Sowjetunionpropaganda mit ihren jeweils spezifischen Zielsetzungen zu beeinflussen: Hier sind das Propagandaministerium mit der Unterabteilung Antikomintern, die Pressestelle des Auswärtigen Amts, das Amt Osten unter der Ägide Alfred Rosenbergs, verschiedene Emigrantenorganisationen und sonstige, wirtschaftliche, politische oder militärische Interessenverbände zu nennen.15 In diesem Aufsatz können diese Verflechtungen nicht im Einzelnen nachvollzogen werden, entscheidend ist daran jedoch, dass sich die verschiedenen Interessen und internen Konflikte in den Presseanweisungen und in der deutschen Propaganda niederschlugen. Ohne im Detail zu untersuchen, wer die Presseanweisungen in Auftrag gab oder zu beeinflussen versuchte, sind hier die wesentlichen internen inhaltlichen Meinungsverschiedenheiten recht gut ablesbar. Auch Differenzen zwischen den Weisungsgebern und den Propagandisten sind gerade in den Presseanweisungen zu erkennen.16 Die Analyse der in sich widersprüchlichen antisowjetischen Kampagne der Jahre zwischen 1933 und 1939 soll zur Beantwortung der zentralen, bereits im Titel gestellten Frage führen: Erreichte das Regime mit seiner Propaganda das selbstgesteckte Ziel der Mobilisierung für den Krieg? Dabei kann man davon ausgehen, dass Mobilisierung »Gleichschaltung« voraussetzt. Die Grundlage von Gleichschaltung wiederum ist Eindeutigkeit bzw. ein verbindliches, einheitliches Bild von der UdSSR. Dieses einheitliche Bild musste das Regime mithilfe seiner Propaganda erst erschaffen: In den Zwanzigerjahren, das haben unter anderem die Arbeiten von Gerd Koenen gezeigt, existierte in Deutschland kein einheitlich negatives Russland- oder Sowjetunionbild.17 Gelang es dem Regime also in den Dreißigerjahren, ein einheitliches Bild des Gegners Sowjetunion zu vermitteln und damit bereits in der Vorkriegszeit in breiteren Bevölkerungsschichten »ideologischen Hass« auf die UdSSR zu entfachen? Phasen einer widersprüchlichen Kampagne Noch bis zu Beginn des Jahres 1935 wurden die Zeitungen in der täglichen Pressekonferenz beharrlich ermahnt, nicht zu negativ über die UdSSR zu berichten. So musste zum Beispiel das quasi-regierungsoffizielle Parteiorgan Völkischer Beobachter, das unter der Ägide des deutschbaltischen Emigranten und Antibolschewisten Alfred Rosenberg stand, in seiner Radikalität tendenziell gebremst werden.18 Noch erschien es außenpolitisch inopportun, sich die Sowjetunion zum erklärten Feind zu machen.19 Andererseits versuchte die Regierung gleichzeitig, die Veröffentlichung auch nationalbolschewistischen Gedankenguts zu unterbinden. Eine zentrale Bedeutung hatte hierbei der sogenannte Röhm-Putsch, der zur Ausschaltung eines Großteils derjenigen Kräfte führte, die noch immer an einem antikapitalistischen und teilweise nationalbolschewistischen Vokabular festhielten.20 Auch das Verbot der von Ernst Niekisch herausgegebenen Zeitung Widerstand im Dezember 1934 schwächte den Nationalbolschewismus in Deutschland empfindlich.21 Sowohl Antibolschewismus als auch Nationalbolschewismus waren demzufolge unerwünscht, man kann also durchaus von dem Versuch einer ideologischen Entradikalisierung des Verhältnisses zur Sowjetunion sprechen. Ein deutlicher Umschwung wird ab April 1935 in den Presseanweisungen deutlich. Die Inhalte erwecken den Eindruck, dass diese Kursänderung außenpolitische Ursachen hatte: Das Bemühen der UdSSR, Verträge mit Frankreich zu schließen, war Anlass für erste deutliche propagandistische Angriffe gegen die UdSSR.22 Vermutlich diente die Außenpolitik aber nur als Vorwand für eine zunehmende sowohl ideologisch als auch pragmatisch motivierte »Gleichschaltung« und Propagandisierung der Berichterstattung über die Sowjetunion in den Jahren 1935 bis 1937. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs und die deutsch-sowjetische Verstrickung in eben jenen verstärkten diese Tendenz. Wiederholt wurde die Presse jetzt angewiesen, die Sowjetunion propagandistisch anzugehen; zunehmend wurde auch verlangt, antisemitische Elemente in die Berichterstattung aufzunehmen.23 Man sollte jedoch keineswegs annehmen, dass einige wenige Presseanweisungen genügten, um die Presse »gleichzuschalten«. Erstaunlich ist vielmehr, wie beharrlich das Propagandaministerium mahnen musste, wie oft die Zeitungen kritisiert wurden, bis sie auf den radikal antibolschewistischen Kurs einschwenkten. So wurden die Zeitungen beispielsweise im Mai 1935 in einer Pressekonferenz deutlich dafür gerügt, dass »wieder einmal« die Rede davon sei, dass »Sowjetrussland kein Proletarierstaat mehr sei.«24 Selbst unmittelbar nach dem Nürnberger Parteitag des Jahres 1936, der gemeinhin als erster Höhepunkt der antibolschewistisch-antisemitischen Hetze gilt, hielten sich nicht alle Zeitungen an die Anweisungen. Es sei »vollkommen unerfindlich« wieso nach dem Parteitag eine Meldung, derzufolge in der Sowjetunion derzeit eine antisemitische Strömung herrsche, in die deutschen Zeitungen gelange, hieß es beispielsweise in der Pressekonferenz vom 1. Oktober 1936.25 Im Dezember 1936 wurde kritisiert, dass »immer noch« »falsche« Nachrichten über die Sowjetarmee verbreitet würden. So sei es »natürlich irrsinnig« zu behaupten, dass die Sowjetarmee nicht kommunistisch dächte.26 Die Propagandisten hatten damit zu kämpfen, dass die Ereignisse in der Sowjetunion immer weniger in das ideologische Raster zu passen schienen, das der antibolschewistische Flügel der nationalsozialistischen Partei sich zurechtgelegt hatte: Der Kult um Stalin, die Verfolgung innersowjetischer, auch – laut deutscher Presse – jüdischer Gegner,27 die Aufbruchsstimmung, die Planwirtschaft und die Verwirklichung monumentaler Prestigeprojekte schienen zu bestätigen, dass die Sowjetunion sich zu einem totalitären »Führerstaat« entwickelte. So wurde die Presse auch im Jahr 1937 noch belehrt, dass unter anderem die folgenden Thesen fehlerhaft seien: »1.) Der Bolschewismus in der Sowjet-Union sei eine russische Angelegenheit; er entwickele sich zu einer Art ›Nationalsozialismus‹; Stalin sei der ›Führer‹ Rußlands 2.) Der Bolschewismus habe die ›Weltrevolution aufgegeben‹ … 3.) Der Bolschewismus sei abzulehnen, weil er asiatisch sei.«28 Letzterer Hinweis diente vor allem dazu, jede Abweichung vom antisemitischen Kurs zu vermeiden.29 Auch diese Anweisung musste mehrfach wiederholt werden, bis die Zeitungen sich daran hielten.30 Es wird deutlich, dass derartige Versatzstücke nationalbolschewistischer Ideen erstaunlich lange in der Presse überlebten. Die Vordenker der nationalbolschewistischen Strömung in Deutschland waren also zwar seit dem Röhm-Putsch weitgehend ausgeschaltet, ihr ideologisch gefärbtes Bild von der Sowjetunion spielte aber trotz zahlreicher Ermahnungen in der Presse und das heißt durchaus öffentlich weiter eine Rolle. Es stellt sich dabei die Frage, inwieweit dieses Abweichen von der antibolschewistischen Generallinie als interner Protest gegen den »Westkurs« der Regierung gedeutet werden kann. Dabei ist zu beachten, dass – soweit nachvollziehbar – vor allem dezidiert nationalsozialistische Zeitungen der Abweichung in der Berichterstattung über die Sowjetunion bezichtigt wurden. Insbesondere der Angriff verstieß wiederholt gegen die antibolschewistischen Richtlinien.31 Gerade den Mitarbeitern dieser Zeitung dürften die ideologischen Implikationen der Sowjetunionberichterstattung und die grundsätzliche Haltung der Regierung in diesem Zusammenhang jedoch bekannt gewesen sein. Hier kann man also durchaus von einer innerparteilichen Kritik an der Regierungsposition sprechen.32 Wenn man die Presse insgesamt betrachtet, so ist bemerkenswert, auf wie wenig Begeisterung die antibolschewistische Pressekampagne stieß. In den Pressekonferenzen wurde wiederholt angemerkt, dass die Redaktionen sich nicht genug für dieses Thema erwärmten. Auffallend häufig wurden den Zeitungen »schärfste« Sanktionen für den Fall angedroht, dass sie sich nicht in ausreichendem Maße an der antibolschewistischen Kampagne beteiligten.33 Von einer allgemeinen antibolschewistischen Grundstimmung in den Redaktionen oder gar von Begeisterung für den antibolschewistischen Kurs der Regierung kann daher keineswegs die Rede sein. Besonders interessant ist das Verhältnis zwischen interner Kommunikation und öffentlicher Propaganda: Intern waren die Moskauer Ereignisse bekannt und die Propagandisten waren sich durchaus der ideologischen Implikationen bewusst. Gleichzeitig sollte sich die Propaganda in den Jahren 1937/1938 nach außen immer weiter radikalisieren. Gerade die geforderte Ideologisierung machte eine halbwegs faktengetreue Berichterstattung immer unmöglicher. Die Berichte aus der UdSSR erscheinen deshalb zunehmend unglaubwürdig und widersprüchlich. So hieß es bereits 1937 in einer Presseanweisung: »An manchen Stellen faenden sich wieder allerhand Meldungen ueber Sowjetrußland, von denen man nicht recht sagen koenne, ob sie war oder falsch seien. Die Grundlagen der neulich geruegten Nachrichten [...] habe man inzwischen noch einmal nachgeprüft und festgestellt, daß sie recht truebe gewesen seien. Wenn man dann solche Nachrichten groß herausbringe, dann glaube schließlich ueberhaupt niemand mehr etwas von den Nachrichten ueber Sowjetrußland.«34 Schon allein das »ueberhaupt niemand« deutet darauf hin, dass den Propagandisten durchaus bewusst war, dass es ihnen nicht gelang, die gewünschte Eindeutigkeit in der Sowjetunionpropaganda zu erreichen. Trotz aller vorübergehenden internen Widerstände erreichte die Propaganda in den Jahren 1937/1938 – auf dem Höhepunkt des Krieges in Spanien – eine geradezu groteske ideologisch antisemitisch-antibolschewistische Übersteigerung. Die schrille Propaganda diente dabei nicht nur der innenpolitischen Mobilisierung, sondern sollte auch im Ausland gehört werden: Das nationalsozialistische Regime versuchte, gegen Volksfrontpolitik und kollektive Sicherheit Partner im Geiste des Antikommunismus zu gewinnen. Die antibolschewistische Propaganda wurde dabei gezielt eingesetzt, um die Sowjetunion international zu isolieren. Die Propaganda der Jahre von 1936 bis 1939 stand also im Zeichen einer Proliferation der propagandistischen Ziele und Adressaten, sowie einer damit gewollt einhergehenden Radikalisierung. Die Unklarheit, an wen die Propaganda sich eigentlich wandte, trug dazu bei, dass sie immer weniger nachvollziehbar oder verifizierbar wurde. Intern hieß es im Juni 1937: »Im ganzen muesse – dies selbstverstaendlich besonders vertraulich – gesagt werden, daß die Meldungen ueber die russischen Verhaeltnisse unzuverlaessig seien und dass man genaue Kenntnis nur in geringem Umfange besitze.«35 Der Einfluss antikommunistischer Emigrantenvereinigungen, obskurer Informanten und rassistischer Sektierer vom Schlage eines Alfred Rosenberg wurde zunehmend unübersehbar. In derlei sektiererischen Veröffentlichungen wimmelte es von Widersprüchen und Ungereimtheiten. Verschiedene Emigrantenorganisationen buhlten um die Aufmerksamkeit der führenden nationalsozialistischen Politiker; auch der Zwist zwischen Joseph Goebbels’ »Antikomintern« und Alfred Rosenbergs »Amt Osten« blieb nicht ohne Auswirkungen. Revisionistische, nationalkonservative, rassistische, völkische, prorussische, antirussische, proukrainische, propolnische, antipolnische, antisemitische, antibolschewistische und expansionistische Konstrukte verbanden sich zu einem komplexen, ständig wandelbaren, in sich vollkommen widersprüchlichen Geflecht. Je nach Opportunität wurde die ohnehin eklektische Ideologie angepasst, wobei vor allem ein gemeinsamer Nenner zunächst erhalten blieb: Der Antibolschewismus in Verbindung mit dem Antisemitismus hielt die Berichterstattung der deutschen Presse über Osteuropa und die Sowjetunion scheinbar zusammen.36 So widersprüchlich die antibolschewistische Pressekampagne auch gewesen sein mag, vollkommen unübersehbar wurde dies erst mit dem politischen Umschwung des Jahres 1939. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass es nicht etwa bei einer neutralen Haltung blieb, sondern dass diese von einem ideologischen Extrem ins andere umschlug. Obwohl in der Pressekonferenz die klare Anweisung ausgegeben wurde, dass »ueber weltanschauliche Fragen, die zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus liegen, nichts gesagt werden« sollte,37 lebten beispielsweise im Völkischen Beobachter, der zu diesem Zeitpunkt auflagenstärksten deutschen Zeitung, nationalbolschewistische Tendenzen wieder auf. Der eingangs erwähnte Leiter des Auslandsressorts, Theodor Seibert, schrieb zahlreiche Kommentare, in denen er die Regierungspolitik ideologisch zu begründen versuchte: Die »jungen«, »sozialistischen«, »totalitären«, »revolutionären« Nationen des Kontinentes – Italien, Spanien, Deutschland und auch das ostasiatische Japan – hätten sich zusammengetan gegen das »alte«, »reaktionäre«, »demokratische«, »kapitalistisch-plutokratische« England, schrieb er.38 Angesichts derartiger Kommentare ist es kaum verwunderlich, dass viele Zeitgenossen – insbesondere aus der internationalen Arbeiterbewegung – in große Verwirrung gestürzt wurden. Zwar ahnten viele, dass der Pakt ein taktisches Manöver war, die Zweifel konnte dies aber nicht vertreiben. Da deutsche Zeitungen – insbesondere das Sprachrohr der Regierung, der Völkische Beobachter – ganz unmissverständlich versuchten, das Bündnis mit der Sowjetunion auch weltanschaulich zu rechtfertigen, verzweifelten auf beiden Seiten die jeweiligen treuen Anhänger an der einstweiligen scheinbaren Konvergenz der Systeme.39 Der Versuch, Eindeutigkeit herzustellen, war angesichts der politischen Wandlungen und angesichts der innerparteilich unterschiedlichen Ansichten mit Bezug auf die Sowjetunion von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Anstatt ein einheitliches, verbindliches Bild von der Sowjetunion zu propagieren, hatten sich die Propagandisten in ihrem antibolschewistischen Eifer in unauflösliche Widersprüche verstrickt. Der endgültig entscheidende Widerspruch ergab sich mit der Unterzeichnung des Paktes mit der UdSSR. Welchen Eindruck, welche Wirkung hatte die widersprüchliche Pressekampagne aber hinterlassen? Überlegungen zur Wirkung der antibolschewistischen Vorkriegspropaganda Der Historiker Ian Kershaw geht davon aus, dass Propaganda vor allem dann wirksam war, wenn sie auf bereits bestehende Einstellungen aufbauen konnte.40 Da Kershaw von einem antibolschewistischen Grundkonsens in Deutschland ausgeht, folgert er, dass die Ausnutzung der antikommunistischen Hysterie eine der populärsten Handlungen des Regimes gewesen sei.41 In seinem Standardwerk über Geschichtsinterpretationen und Kontroversen zum NS-Staat behauptet er dementsprechend, dass die entsetzliche Brutalität des »Vernichtungskrieges im Osten [...] fraglos […] eine Folge des ideologischen Hasses auf den ›jüdischen Bolschewismus‹«, gewesen sei, »mit dem die Deutschen unter dem Naziregime jahrelang indoktriniert worden waren.«42 Damit vertritt Kershaw mit wissenschaftlichen Argumenten eine These, die in der Nachkriegszeit entstanden ist und der Rechtfertigung begangener Verbrechen diente. So behauptete der berüchtigte SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski nach dem Krieg in Nürnberg: »Wenn man jahrelang predigt, jahrzehntelang predigt, daß die slawische Rasse eine Unterrasse ist, daß die Juden überhaupt keine Menschen sind, dann muß es zu einer solchen Explosion kommen.«43 Zu dieser Behauptung, der Kershaw in dieser Zuspitzung auf die Rechtfertigung begangener Kriegsverbrechen sicher nicht zustimmen würde, die aber so oder so ähnlich immer noch von einigen Historikern übernommen wird,44 sind folgende Anmerkungen zu machen: Kershaw übersieht in seiner Interpretation, dass im deutschen politisch rechten Lager in den Zwanzigerjahren eine innenpolitisch scharf antikommunistische Haltung, aber gleichzeitige außenpolitische Offenheit gegenüber der Sowjetunion weit verbreitet waren.45 Dies hatte einerseits natürlich mit der gemeinsamen deutsch-sowjetischen Ablehnung des Versailler Vertrags zu tun, andererseits – wie Gerd Koenen gezeigt hat – auch mit einer Faszination für den russischen irrationalen »Seelenmenschen«, für die Tatkraft, Rücksichtslosigkeit und autoritäre Zielstrebigkeit der Bolschewiki, für Revolution und staatlich geplante Wirtschaft als Alternative zu dem vom Westen auferlegten Gesellschaftsmodell.46 Donal O’Sullivan kommt in seiner Untersuchung der Bilder von der Sowjetunion und Russland in der deutschen Sowjetunionliteratur der Zwanzigerjahre jedenfalls zu dem Schluss: »Die schärfsten Gegner des Bolschewismus und der sowjetischen Gesellschaftsordnung waren in Deutschland die Sozialdemokraten und die katholische Kirche. [...] Keine andere Partei (von der NSDAP abgesehen, in der es aber auch Bewunderung für Stalin gab) grenzte sich so entschieden vom Kommunismus ab wie die SPD.«47 Allerdings war das sozialdemokratische Russlandbild keineswegs rassistisch, und während man die katholische Kirche zwar durchaus als antibolschewistisch bezeichnen kann, schloss dies jedoch nicht in gleicher Weise wie bei der SPD auch eine althergebrachte russophobe Einstellung mit ein. Im Gegenteil, es herrschte sogar eine gewisse Faszination für die russische Mystik und die Festigkeit des Glaubens bei vielen Russen trotz Revolution und Unterdrückung.48 Die Auswertung der Presseanweisungen der Vorkriegszeit hat zudem gezeigt, dass die Redakteure deutscher Zeitungen sich selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten keineswegs für die antibolschewistische Pressekampagne begeisterten. Damit ist Ian Kershaws Argument, dass es einen von den Nationalsozialisten ausgenutzten antikommunistisch-antibolschewistischen Konsens gegeben habe, der sich auf die angeblich weit verbreitete »Russophobie« habe stützen können, zumindest fragwürdig. Kershaw behauptet weiterhin, dass die Deutschen bereits vor dem Krieg »jahrelang« mit dem Feindbild vom »jüdischen Bolschewismus« »indoktriniert« worden seien. Auch dieses Argument kann nicht zu überzeugen: Zwar mag es angehen, dass ein SS-Obergruppenführer wie von dem Bach-Zelewski bereits »jahrzehntelang« antibolschewistisches Schrifttum las – die nationalsozialistische Pressekampagne dauerte allerdings nur etwa vier Jahre (von 1935 bis 1939). Die Auswertung der Presseanweisungen hat zudem gezeigt, dass die Berichterstattung lange Zeit in sich widersprüchlich blieb und dass auch in den Redaktionen der deutschen Zeitungen wenig Begeisterung für den Kurs der Regierung vorherrschte. Mindestens bis 1937 war die Presse deshalb keineswegs »gleichgeschaltet« und nur zwei Jahre (von 1937 bis 1939) war die Propaganda eindeutig antibolschewistisch. Von einer »jahrzehntelangen« Indoktrination kann somit keine Rede sein. Kershaws Nachkriegsargument, die Deutschen seien »jahrelang« propagandistisch auf den »Vernichtungskrieg« vorbereitet worden, ist jedoch insoweit zuzustimmen, als die nationalsozialistische Propaganda tatsächlich durchgängig stark antisemitisch gefärbt war.49 Dieses Feindbild war jedoch extrem wandelbar und konnte mal auf die kapitalistischen Westmächte, mal auf die bolschewistische Sowjetunion angewendet werden. In diesem Sinn ist der Antisemitismus eher als eine Art »ideologischer Metapher« zu verstehen, die nicht ausschließlich mit der Sowjetunion und dem Bolschewismus verbunden war, sondern zur Diffamierung jedes Gegners eingesetzt werden konnte. In diesem Sinne wäre zunächst einmal zu klären, wie wirksam die antisemitische Propaganda war, eine Frage, die unter Historikern heftig umstritten ist.50 Erich von dem Bach-Zelewski ging jedoch nach dem Krieg in seiner Rechtfertigung der begangenen Verbrechen noch weiter: Er behauptete, auch »jahrzehntelang« »Predigten« darüber gehört zu haben, dass die »slawische Rasse« eine »Unterrasse« sei. Möglicherweise spielte von dem Bach-Zelewski damit auf die Werke und Reden Alfred Rosenbergs oder Adolf Hitlers an, die er als Nationalsozialist vermutlich gelesen hatte. Ansonsten galt für die deutsche Propaganda bis 1939 aber grundsätzlich, dass sie sich nicht gegen Russen oder Slawen, sondern gegen Juden richten sollte. Der Journalist Fritz Sänger paraphrasierte die Richtlinie folgendermaßen: »Wir seien nicht gegen die Russen, sondern hätten sogar viel Sympathien für das russische Volk, das unter der jüdisch-bolschewistischen Unterdrückung zu leiden habe. Wir seien gegen die Sowjets. Das gelte für Spanien und überall, wo Bolschewisten seien. Dies müsse auch in den Leitartikeln beachtet werden.«51 Die Zeitungen berichteten demzufolge von einer Unterdrückung der russischen, ukrainischen und sonstigen Völker der UdSSR durch »die Juden«. Das nationalsozialistische Deutschland habe es sich zur Aufgabe gemacht, diese Völker vom »jüdischen Joch« zu befreien. Die Propaganda war also durchaus stark antisemitisch, aber nicht auch antirussisch oder allgemein antislawisch. Dabei spielten zwar negative Stereotype und deutsch-nationalistisches Überlegenheitsdenken eine Rolle, von antislawischer Untermenschenpropaganda kann jedoch keine Rede sein.52 Ein letztes Argument gegen die Vermutung, bereits die Vorkriegspropaganda habe die deutsche Bevölkerung effektiv auf den Vernichtungskrieg vorbereitet, ergibt sich aus der Reaktion der Leser deutscher Zeitungen auf den Hitler-Stalin-Pakt. Obwohl unter anderem der regierungsoffizielle Völkische Beobachter im August 1939 von radikal antibolschewistischer auf tendenziell nationalbolschewistische Propaganda umschwenkte, regte sich – von einigen Ausnahmen abgesehen auch innerparteilich – kaum Protest.53 Man kann dies damit erklären, dass das Regime soeben erfolgreich einen Krieg abgewendet hatte, der für Deutschland böse hätte enden können. Man kann dies aber auch mit der unzureichenden antibolschewistischen Indoktrination erklären. So zeigt der Hitler-Stalin-Pakt vor allem eines deutlich: Dass es letztlich für die Ausübung nationalsozialistischer Herrschaft gleichgültig war, ob das Regime sich antibolschewistisch gab oder sich mit dem Bolschewismus verbündete und dabei im zentralen Parteiorgan nationalbolschewistische Propaganda verbreitete. Die Reinhaltung der angeblich einheitlichen nationalsozialistischen Ideologie spielte für die Popularität des Regimes eine geringere Rolle als die Dynamik, die Hitler mit der Entscheidung für ein Bündnis mit der UdSSR erneut unter Beweis stellte.54 Den Krieg gegen Polen konnte Hitler jedenfalls ganz ohne ideologisch antibolschewistische Untermalung anzetteln. Fazit Konnten also Antikommunismus bzw. Antibolschewismus als mobilisierende und legitimierende Ideologie Voraussetzung sein, um den brutalen »Vernichtungskrieg« gegen die UdSSR anzuzetteln?55 Drei Gründe, so habe ich versucht in diesem Aufsatz zu zeigen, sprechen dagegen: Erstens: Die deutsche Haltung gegenüber der Sowjetunion war auch im Lager der politischen Rechten zumindest in der Vorkriegszeit keineswegs so eindeutig, wie oft in der Forschung angenommen wurde. Bislang wurden diese Untertöne weitgehend ignoriert: Während die deutschen Russland- und Sowjetunionbilder der Zeit der Weimarer Republik bereits ausführlich erforscht sind, geht die Forschung für die Dreißigerjahre von einem relativ einheitlichen deutschen Antibolschewismus aus.56 Auch wenn Gerd Koenen in seiner Studie über den »Russlandkomplex« bereits auf die merkwürdige Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit der deutschen Haltungen gegenüber der Sowjetunion hingewiesen hat, liegt bisher noch keine ausführliche Untersuchung dieses Themas vor.57 Die Auswertung der Presseanweisungen der Vorkriegszeit hat deutlich gezeigt, dass das nationalsozialistische Regime damit zu kämpfen hatten, dass das deutsche Russlandbild und auch das Bild, das sich die deutsche Rechte von der russischen Revolution und dem Bolschewismus zurechtgelegt hatte, keineswegs so eindeutig war, wie nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs oft angenommen wurde. Auch innerparteilich war die Begeisterung für den antibolschewistischen »Westkurs« der Regierung nicht besonders groß. Zweitens: Die Pressekampagne gegen die UdSSR war in sich widersprüchlich, die Begeisterung der angeblich »gleichgeschalteten« deutschen Presse für die antibolschewistische Ideologisierung war überaus gering. Dies führte dazu, dass antibolschewistische Sektierer im Umkreis Alfred Rosenbergs zunehmend an Einfluss auf die Presseberichterstattung gewannen. Die sektiererische Radikalität der Propaganda der Jahre von 1937 bis 1939 – so darf man wohl annehmen – erhöhte ihre Wirksamkeit keineswegs.58 Drittens: Der Zweite Weltkrieg begann im Zeichen des Hitler-Stalin-Paktes und damit ganz ohne antibolschewistische Propaganda. So wurden bereits im Krieg gegen Polen – dem »Auftakt zum Vernichtungskrieg« (Jochen Böhler) – Ghettos und Konzentrationslager errichtet, ohne dass der Antikommunismus dabei eine besondere Rolle gespielt hätte.59 Auch die Mobilisierung gegen die UdSSR verlief weitgehend ohne eine propagandistisch-antibolschewistische Vorbereitung (da Deutschland bis 1941 ja offiziell noch Verbündeter der UdSSR war). Für Mobilisierung und Brutalisierung war der Antibolschewismus in den ereignisreichen Jahren 1939 bis 1941 irrelevant. Die These, dass antibolschewistische Propaganda und Ideologie kaum zur Mobilisierung beitrugen, provoziert anschließende – hier unbeantwortet gebliebene – Fragen: Welche Rolle spielte die antibolschewistische Ideologie im Krieg? In welchem Verhältnis standen vorgefasste Meinungen und Dispositionen zu Indoktrinationsversuchen? Wie stark war unter einfachen Soldaten der Glaube daran, in einem gerechten Krieg, in einem »Kreuzzug« zu kämpfen? Welche Rolle spielte dies für individuelle Entscheidungen?60 Nicht zuletzt: In welchem Verhältnis stand die Vorkriegspropaganda – von der dieser Aufsatz handelt – zur Propaganda des Krieges? Dabei wäre es sicher falsch zu argumentieren, dass die antibolschewistische Vorkriegspropaganda vollkommen spurlos an ihrer Zielgruppe, der deutschen Bevölkerung, vorbeigegangen sei. So ist zu vermuten, dass die ideologischen Versatzstücke, die in der Vorkriegszeit noch recht unvermittelt nebeneinanderstanden, allen Beteiligten – wie Hannes Heer formuliert – »Legitimationsangebote« lieferten, die eine Mehrheit – das hat die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Wehrmacht gezeigt – auch annahm.61 So führte die Tatsache, dass die Propaganda extrem widersprüchlich, verwirrend und nicht verifizierbar war, zu einer extremen Unkenntnis und Fehleinschätzung des Gegners und öffnete Tür und Tor für die Wiederbelebung stereotyper Vorstellungen. Gerade dies sollte sich dann im Krieg als besonders fatal erweisen.62 1 Dr. Theodor Seibert: Die neue Ordnung, in: Völkischer Beobachter, Norddeutsche Ausgabe vom 24. August 1939, S. 1. 2 Zitiert in: Internationaler Gerichtshof Nürnberg: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1947, Bd. X, S. 354. 3 Zu diesem Thema siehe u. a. Otto-Ernst Schüddekopf: Nationalbolschewismus in Deutschland, 1918–1933, Frankfurt a. M. 1973. 4 Zum Einfluss russischer Emigranten siehe Michael Kellogg: The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the Making of National Socialism, 1917–1945, Cambridge 2005. Für eine Zusammenfassung der Diskussion über die zentralen Elemente und allgemeiner über die Bedeutung der nationalsozialistischen »Weltanschauung« siehe Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Erweiterte und bearbeitete Neuausgabe, 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2006. 5 Die ausführlichste Zusammenfassung der wesentlichen inhaltlichen Elemente nationalsozialistischer Vorkriegspropaganda bietet immer noch Jutta Sywottek: Mobilmachung für den totalen Krieg. Die propagandistische Vorbereitung der deutschen Bevölkerung auf den Zweiten Weltkrieg, Opladen 1976. 6 Arno Mayer: Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die »Endlösung«, Reinbek bei Hamburg 1989. 7 Für eine Diskussion mit Bezug auf die Wehrmacht siehe die beiden klassischen Studien: Manfred Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination, Hamburg 1969 und Omer Bartov: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Reinbek bei Hamburg 1999, insbes. S. 163–266. 8 Siehe Christian Hartmann u. a. (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005, insbesondere den Beitrag von Krisztián Ungváry. 9 Kershaw: Der NS-Staat (Anm. 4), S. 104. Eine ähnliche, allerdings stärker auf das Russlandbild bezogene These vertritt z. B. Wolfram Wette, indem er schreibt, dass das nationalsozialistische »Rußlandbild« mit seinen »unvergleichlich negativen und aggressiven Zügen [...] der ideelle beziehungsweise ideologische Motor für jene historisch beispiellose Auseinandersetzung, die wir als ›Vernichtungskrieg‹ bezeichnen« 9 10 gewesen sei. Siehe ders.: Das Rußlandbild in der NS-Propaganda. Ein Problemaufriß, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.): Das Rußlandbild im Dritten Reich, Köln u. a. 1994, S. 55–78, hier S. 57. Siehe auch ausführlich Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt a. M. 2002, S. 14–35. Kershaw und Wette formulieren sehr zugespitzt, sehen aber keineswegs – auch wenn es in den Zitaten so scheinen mag – die Propaganda als alleinige Ursache der Brutalität des Vernichtungskriegs. Für eine allgemeine Diskussion des Verhältnisses von Vernichtungskrieg zu Ideologie und Propaganda siehe auch Messerschmidt: Wehrmacht im NS-Staat und Bartov: Hitlers Wehrmacht (Anm. 7). Im Übrigen gibt es auch gegenteilige Ansichten, wie z. B. in einem viel diskutierten, meist abgelehnten Buch von Jörg Friederich, in dem dieser unter anderem nachzuweisen versucht, dass die Ideologie für die Brutalisierung im Krieg kaum eine Rolle gespielt habe. Siehe Jörg Friedrich: Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland, München 1996. 10 Siehe hierzu: Moritz Florin: Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums. Der »Völkische Beobachter« über die UdSSR im Jahre 1939, Münster u. a. 2009, S.143–159. 11 Der in der Folge immer wieder verwendete Begriff »nationalbolschewistisch« wird hier im weitesten Sinne für Strömungen innerhalb und außerhalb der nationalsozialistischen Partei verwendet, die eine Koopera-tion mit der Sowjetunion aus ideologischen Motiven befürworteten. In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder folgende Versatzstücke eines nationalbolschewistischen Sowjetunionbildes auf: Russland sei – wie Deutschland und im Gegensatz zum »Westen« – eine »junge Nation«, die russische Revolution sei eine »nationale« »russische« Revolution, Stalin sei ein »junger Volksführer«, usw. 12 Siehe Elke Vagts: Die nationalsozialistische Pressepolitik gegenüber der Sowjetunion in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 bis 1941, Phil. Diss., Berlin 1993. 13 Siehe Karl Christian Führer: Die Tageszeitung als wichtigstes Massenmedium der Nationalsozialistischen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 55 (2007), H. 5, S. 411–434. Als Beispiel für eine Auswertung der Tagespresse siehe Florin: Der Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 10). 14 Siehe Ian Kershaw: How Effective Was Nazi Propaganda?, in: David Welch: Nazi Propaganda. The Power and the Limitations, London u. a. 1983, S. 182. 15 Siehe Jürgen Wilke: Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg, Drittes Reich, DDR, Köln u. a. 2007, S. 125 f. Zur Pressestelle des Auswärtigen Amtes siehe Peter Longerich: Propa-gandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop, München 1987. Zum Amt Osten unter der Ägide Alfred Rosenbergs siehe u. a. Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005. Zu ukrainischen Emigranten in Deutschland siehe aktuell Frank Golczewski: Deutsche und Ukrainer, 1914–1939, Paderborn 2010. Eine Studie zur sogenannten Antikomintern steht noch aus. Zum Russlandbild, bzw. der Russlandpropaganda im Dritten Reich siehe auch Volkmann (Hg.): Das Rußlandbild (Anm. 9). 16 Die erhaltenen Presseanweisungen liegen als Edition für die gesamte Vorkriegszeit vor. Sie wurden aber bisher noch nicht systematisch zu verschiedenen Aspekten ausgewertet: NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Edition und Dokumentation (im Folgenden: NSPV), 7 Bde. (mit Teilbdn.), hg. v. Hans Bohrmann und Gabriele Toepser-Ziegert, München u. a. 1984–2001. 17 Siehe Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005. 18 Lars Jockheck hat anhand der Polenberichterstattung des Völkischen Beobachters den Übergang vom »Kampfblatt« zur »Regierungszeitung« analysiert. Siehe Lars Jockheck: Der »Völkische Beobachter« über Polen 1932–1934. Eine Fallstudie zum Übergang vom »Kampfblatt« zur »Regierungszeitung«, Hamburg 1999. 19 Siehe u. a. Walter Laqueur: Deutschland und Rußland, Berlin 1966, S. 187 f. 20 Siehe Michael Pittwald: Ernst Niekisch. Völkischer Sozialismus, nationale Revolution, deutsches Endimperium, Köln 2002, S. 75–77. 21 Ebd., S. 74. 22 Siehe Presseanweisung vom 6. April 1935, in: NSPV, ZSg. 102/1/63 (1) und Presseanweisung vom 4. Mai 1935, in: NSPV, ZSg. 102/1/65 (2). 23 Siehe ebd.; Presseanweisung vom 14. Mai 1935, in: NSPV, ZSg. 101/5/156/Nr. 1316; Presseanweisung vom 26. Juli 1935, in: NSPV, ZSg. 102/1/88 (1). 24 Presseanweisung vom 4. Mai 1935, in: NSPV, ZSg. 102/1/65 (2), Hervorhebung des Autors. 25 Presseanweisung vom 1. Oktober 1936, in: NSPV, ZSg.102/3/96/51. 26 Presseanweisung vom 12. Dezember 1936, in: NSPV, ZSg. 101/8/409/Nr. 1361. 27 Dass in der Sowjetunion auch Politiker jüdischer Herkunft dem Terror zum Opfer fielen, war vor allem deshalb nicht zu verheimlichen, da die Presse angewiesen war, die jüdische Herkunft eines Politikers besonders hervorzuheben. So wurde z. B. für Grigorij Zinov’ev zur Kennzeichnung seiner Herkunft der Name »Sinowjew-Apfelbaum« verwendet. 28 Die ausführlichste Anweisung zur Berichterstattung ist abgedruckt in: Bianca Pietrow-Ennker: Die Sowjetunion in der Propaganda des Dritten Reiches. Das Beispiel der Wochenschau findet sich in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 46 (1989), H. 2, S. 97. Siehe auch: Presseanweisung vom 6. Februar 1937, in: NSPV, Nr. 325, ZSg 101/9/99-101/Nr. 189. 29 Gerd Koenen erklärt dies damit, dass der asiatische Charakter auf das Stalin’sche System besser zu passen schien und sich auch leichter mit positiven Konnotationen verbinden ließ. Letzteres erscheint jedoch im Zusammenhang mit der rassistischen nationalsozialistischen Ideologie nur wenig überzeugend. Siehe Koenen: Russlandkomplex (Anm. 17), S. 416. 30 Siehe Presseanweisung vom 8. Februar 1937, in: NSPV, Nr. 338, ZSg. 102/4/89/36 (3) und Pressean-weisung vom 11. Februar 1937, in: NSPV, ZSg 102/9/117/Nr. 221. Am 26. Februar 1937 hieß es in einer Anweisung zum Thema »Bolschewismus und Judentum«, es sei bekannt, »daß immer noch einige Kreise in Deutschland von […] [der] antisemitischen Propaganda nichts wissen wollten«. Siehe Presse-anweisung vom 26. Februar 1937, in: NSPV, Nr. 501, ZSg. 102/4/139/(1). In insgesamt acht weiteren Anweisungen bis August 1937 wurde von den Zeitungen gefordert, die Propagandaaktion gegen Juden in der Sowjetunion fortzusetzen. Allgemein wurde die Berichterstattung über die Sowjetunion häufig kritisiert. Im Juni wurde sogar gedroht, dass, wenn sich in diesem Zusammenhang nichts ändere, nur noch die Agenturmeldungen des Deutschen Nachrichtenbüros (DNB) abgedruckt werden dürften. Siehe Presseanweisung vom 11. Juni 1937, in: NSPV, ZSg. 101/9/433/Nr. 739. Auch diese Anweisung wurde im Juli und im Oktober wiederholt. 31 Siehe Presseanweisung vom 6. Februar 1937, in: NSPV, ZSg. 101/9/101/Nr.190. 32 Man könnte dies als Beleg für die »Polykratie« des Systems (Hans Mommsen) lesen. Andererseits sollte man in diesem Zusammenhang Hitler nicht lediglich als von innerparteilichen Strömungen Getriebenen betrachten. Ideologische Differenzen, die innerparteilich immer wieder aufbrachen, eröffneten vielmehr Optionen, die sich Hitler – wie z. B. im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes – spontan zunutze machen konnte. 33 Siehe u. a. Presseanweisung vom 20. August 1936, in: NSPV, ZSg. 102/3/30/36 (5) und Presseanweisung vom 21. August 1936, in: NSPV, ZSg. 101/8/111/Nr. 859. 34 Presseanweisung vom 4. Februar 1937, in: NSPV, ZSg. 102/4/113 (2). 35 Presseanweisung vom 11. Juni 1937, in: NSPV, ZSg. 102/5/374/54 (6). 36 Ich habe dies in einer Arbeit über die Sowjetunionberichterstattung des Jahres 1939 exemplarisch nachzuweisen versucht. Siehe Florin: Der Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 10), S. 76–80, S.101–105, S.131–136. 37 Presseanweisung vom 22. August 1939, in: NSPV, Nr. 2862, ZSg. 102/18/395/26. 38 Insgesamt veröffentlichte Seibert von der Unterzeichnung des Paktes bis zum Jahresende 1939 23 Kommentare, in denen er das aktuelle Weltgeschehen und insbesondere die deutsch-sowjetische Annäherung ausführlich kommentierte. Siehe insbesondere Th[eodor] S[eibert]: Das Recht wird siegen, in: Völkischer Beobachter, Norddeutsche Ausgabe, 27. August 1939, S. 1. 39 Zur sowjetischen Seite siehe Bernhard Bayerlein: »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität (= Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 4), Berlin 2008. Zur deutschen Seite siehe Florin: Der Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 10), S. 145–159. 40 Siehe Kershaw: How Effective (Anm. 14), S. 184. Kershaw befindet sich dabei auf einer Linie mit den Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaft, siehe Klaus Merten: Struktur und Funktion von Propaganda, in: Publizistik 45 (2000), H. 2, S. 143–162. 41 Ebd., S. 192. 42 Kershaw: Der NS-Staat (Anm. 4), S. 104. 43 Zitiert in: Wolfram Wette: »Rassenfeind«. Die rassistischen Elemente in der deutschen Propaganda gegen die Sowjetunion, in: Hans-Adolf Jacobsen/Oleg Prudkov (Hg.): Deutsch-russische Zeitenwende. Krieg und Frieden 1941–1995, Baden-Baden 1995, S. 175–201, hier S. 175. 44 Wolfram Wette schreibt zu diesem Zitat von dem Bach-Zelewskis: »Daß es diese Kausalität [zwischen Ideologie und Vernichtung, M.F.] in der Tat gegeben hat, dürfte auch kaum zu bestreiten sein. Insofern haben wir eine durchaus einleuchtende Erklärung für den Zusammenhang von NS-Propaganda und der Praxis des Vernichtungskrieges gegen Juden und Slawen vor uns.« Ebd. 45 Siehe Laqueur: Deutschland und Rußland (Anm. 19), S. 143 f. 46 Siehe Koenen: Russlandkomplex (Anm. 17). 47 Donal O’Sullivan: Furcht und Faszination. Deutsche und britische Rußlandbilder, 1921–1933, Köln 1996, S. 322. Siehe auch Koenen: Russlandkomplex (Anm. 17). 48 Laut Heribert Smolinsky existierte in der katholischen Kirche der Wunsch nach Überwindung der Kirchenspaltung bei gleichzeitiger Bewunderung der russischen Mystik. Denn trotz der Verfolgung von Priestern und Gläubigen bestehe im russischen Volk die Religiosität weiter. Siehe Heribert Smolinsky: Das katholische Rußlandbild in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und im Dritten Reich, in: Volkmann (Hg.): Das Rußlandbild (Anm. 9), S. 322–342, hier S. 323, S. 325 und Donal O’Sullivan: Furcht und Faszination (Anm. 47), S. 253. Über die ebenfalls ambivalente, teilweise von nationalbolschewistischem Gedankengut beeinflusste Haltung der evangelischen Kirche siehe Kurt Meier: Sowjetrußland im Urteil der evangelischen Kirche (1917–1945), in: Volkmann (Hg.): Das Rußlandbild (Anm. 9), S. 285–321, hier S. 296–298, S. 308 f. 49 Peter Longerich macht zwar Schwankungen aus, insgesamt wurde der Antisemitismus jedoch kontinuierlich propagiert. Peter Longerich: »Davon haben wir nichts gewusst«. Die Deutschen und die Judenver-folgung, 1933–1945, München 2006, S. 314. 50 U. a. kommen Ian Kershaw, Sarah Gordon und Peter Longerich zu dem Schluss, dass in der deutschen Bevölkerung, abgesehen von einer kleinen radikalen Minderheit, weitgehend »Indifferenz« in der »Judenfrage« vorherrschend gewesen sei. Otto Dov Kulka hat u. a. versucht, dies zu widerlegen. Siehe Ian Kershaw: Antisemitismus und Volksmeinung. Reaktionen auf die Judenverfolgung, in: Martin Broszat/Elke Fröhlich/Hartmut Mehringer (Hg.): Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt (= Bayern in der NS-Zeit, Bd. 2), München u. a. 1979, S. 281–348; Sarah Gordon: Hitler, Germans and the »Jewish Question«, Princeton 1984; Peter Longerich: Davon (Anm. 49); Otto Dov Kulka: »Public Opinion« in Nazi Germany and the »Jewish Question«, in: Michael Marrus (Hg.): The Nazi Holocaust. Historical Articles on the Destruction of European Jews, Bd. 5/1: Public Opinion and Relations to the Jews in Nazi Europe, London 1989, S. 115–138. Eine weitere Diskussion betrifft die Frage, inwieweit – unabhängig von der Propaganda – von einer ideologischen Disposition gesprochen werden kann, die sich dann im Krieg fatal auswirkte. Diese Frage ist im Zusammenhang mit der Goldhagen-Kontroverse diskutiert worden, und anschließend auch im Zusammenhang mit der Wehrmachtsausstellung. Für eine Diskussion der Begriffe Disposition und Situation siehe u. a. Hannes Heer: Tote Zonen. Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront, Hamburg 1999, S. 97–109, S. 159–167. Siehe auch Hartmann u. a. (Hg.): Verbrechen (Anm. 8). 51 Presseanweisung vom 11. Juni 1937, ZSg. 110/5/84-85. 52 Siehe Florin: Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 10), S. 59–62, S. 101–105. 53 Ebd., S. 150–155. 54 Hitler befand sich im Jahre 1939 dank der unblutigen außenpolitischen Erfolge auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Siehe z. B. Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999. Auch neuere Studien haben an dieser Auffassung nichts Grundsätzliches geändert, auch wenn stärker betont wird, dass der Kriegsbeginn im September 1939 keineswegs Begeisterung hervorrief und die Popularität Hitlers eher zurückging. Siehe zum Beispiel den Versuch einer »historischen Demoskopie« in: Götz Aly: Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 2006. 55 Siehe Kershaw: Der NS-Staat (Anm. 4), S. 104. 56 Siehe z. B. Volkmann (Hg.): Das Rußlandbild (Anm. 9). 57 Siehe Koenen: Russlandkomplex (Anm. 17), S. 272. 58 Die Annahme, dass die Radikalität der Propaganda ihre Wirksamkeit keineswegs erhöhte, ist in der Forschung vor allem im Zusammenhang mit der antisemitischen Propaganda vermutet worden. Siehe David Bankier: Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die »Endlösung« und die Deutschen. Eine Berichtigung, Berlin 1995, S. 28. Zur Frage der Wirksamkeit der Propaganda siehe auch Daniel Mühlenfeld: Zur Bedeutung der NS-Propaganda für die Eroberung staatlicher Macht und die Sicherung politischer Loyalität, in: Christian Braun/Michael Mayer/Sebastian Weitkamp (Hg.): Deformationen der Gesellschaft. Neue Forschungen zum Nationalsozialismus, Berlin 2008, S. 93–118. 59 Siehe Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a. M. 2006. 60 Dies sind Fragen, die im Zusammenhang mit der Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht bereits diskutiert worden sind, siehe Hartmann: Verbrechen (Anm. 8). 61 Siehe Heer: Tote Zonen (Anm. 50). 62 Einen ähnlichen Gedanken formuliert z. B. Wette: Wehrmacht (Anm. 9), S. 31 f. Siehe auch Florin: Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 10), S. 158 f. Hoffmanns Antikommunistische Bildtafeln, Juli 1937. Die Bildtafel ist auf dem Höhepunkt der antibolschewistischen Pressekampagne entstanden. Bemerkenswert ist, wie sehr die Propagandisten den Nationalsozialismus zum »Beschützer der europäischen Kultur« und hierbei vor allem der Christenheit stilisierten. Die Parole der Woche, Parteiamtliche Wandzeitung der NSDAP, 26. Mai bis 1. Juni 1938. Die Propagandisten bemühten sich darum, den Terror in der Sowjetunion propagandistisch einzuordnen. Der Antisemitismus trat dabei in den Hintergrund, die Schauprozesse wurden von den Propagandisten nicht analysiert oder ideologisch eingeordnet. Polen, Brześć Litewski (heute Brest in Weißrussland). Deutsch-sowjetische Siegesparade, deutsche und sowjetische Offiziere im Gespräch. 22. September 1939. Diese Fotografie verdeutlicht das Ausmaß der Annäherung. Derartige Abbildungen wurden allerdings nicht in der deutschen Presse veröffentlicht, der Vorbeimarsch deutscher und sowjetischer Truppen wurde lediglich vermeldet, so am 24. September 1939 auf Seite eins des Völkischen Beobachters. Karikatur vom 28. September 1939 auf Seite zwei des Schwarzen Korps unter dem Titel: »Die Einkreisung. Ein Meisterstück der englischen Diplomatie«. Die Karikatur drückt einen Gedanken aus, der auch in den gleichzeitig erscheinenden Kommentaren der Zeitungen immer wieder auftauchte: Dass Deutschland sich in eine Koalition mit den anderen »totalitären« Staaten gegen »die Demokratien« begeben habe, dass der Hitler-Stalin-Pakt also den Aufbruch in ein ganz neues politisches Zeitalter bedeute.

JHK 2011

»Der staatliche Arbeiter« - Zur Rolle von Arbeitern, Angestellten und Gewerkschaften im »Arbeiterstaat« DDR im Spiegel der neueren Literatur

Klaus J. Becker

Jens Hildebrandt: Gewerkschaften im geteilten Deutschland. Die Beziehungen zwischen DGB und FDGB vom Kalten Krieg bis zur Neuen Ostpolitik 1955 bis 1969, St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2010, 723 S., ISBN 978-3-86110-476-6 Renate Hürtgen: Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Industrieangestellten in der DDR, Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2009, 309 S., ISBN 978-3-89691-774-4 Christoph Kleßmann: Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell, westdeutsches Magnetfeld (1945 bis 1971), Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2007, 896 S., ISBN 978-3-8012-5034-8 Klaus Schönhoven/Hermann Weber (Hg.): Die Interzonenkonferenzen der deutschen Gewerkschaften 1946–1948 (= Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 14), eingeleitet und bearbeitet von Werner Müller, Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2007, 519 S., ISBN 978-3-8012-4158-2 »Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.«1 Mit dem Gesetz zur Ergänzung und Änderung der Verfassung vom 7. Oktober 1974, sollte die DDR-Verfassung zum 25. Jahrestag der Staatsgründung in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gebracht werden.2 Im Anspruchsdenken der SED hatte sich die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung mit der DDR also vollendet: Die Arbeiterklasse hatte dank der Führung durch die »Partei«, laut deren Eigenperzeption und Verfassungstext von 1974, den Sozialismus auf dem Boden Ostdeutschlands verwirklicht. Eine kritische Studie, die die sozialen Konturen der neuen »sozialistischen« Gesellschaft nachzeichnet, blieb die SED jedoch bis 1989 schuldig. Dieser Aufgabe hat sich Christoph Kleßmann mit seinem Buch Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR gestellt, in dem er für die Ära Ulbricht (1945 bis 1971) die Spannungslinien und Interessenkonflikte zwischen der »Arbeiterklasse« sowie ihrer selbsternannten Avantgarde umfassend darstellt. Er folgt der zentralen Fragestellung, was es eigentlich bedeutete, Arbeiter im »Arbeiterstaat« gewesen zu sein. War die »führende Klasse« in der ehemaligen DDR tatsächlich die führende Klasse? Folgerichtig beschäftigt sich Kleßmann ausführlich mit der sozialen und ökonomischen Entwicklung der Arbeiterschaft in der DDR. Dabei stützt er sich auf eine Fülle verschiedenster Quellen und beweist eine souveräne Kenntnis der einschlägigen Literatur. Kleßmann macht deutlich, dass von den freiheitlichen deutschen Traditionen der Arbeiterbewegung nach dem Terror des Nationalsozialismus und aufgrund des den Arbeitern nachfolgend übergestülpten sowjetischen Diktaturmodells nur wenig geblieben war – auch wenn sie im missionarischen Eifer der KPD/SED (»Schulungshefte am laufenden Band«3) ständig betont wurden. Allerdings war noch genug übrig, um hinhaltenden Widerstand gegen die Pseudogewerkschaft FDGB zu leisten, zu deren Hauptaufgaben es nach dem sowjetischen Modell gehörte, durch Ausübung von Druck Produktivitätssteigerungen zu erzwingen. Gleichzeitig büßte die SED unter den Arbeitern so viel an Reputation ein, dass diese sich am 17. Juni 1953 offen gegen »ihre« Partei erhoben. Kleßmann analysiert daneben ausführlich das System der Brigaden, die als neue kollektive Arbeitsorganisationen unrealistische Planvorgaben umsetzen sollten. Sie entwickelten jedoch eine erstaunliche Eigendynamik4 und widersprachen im Verlauf der DDR-Geschichte immer mehr den allumfassenden Steuerungsinteressen von SED und FDGB. Auch durch die am 10. Juli 1958 von Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED vollmundig vorgebrachte Ankündigung, dass die »Lebenshaltung in der Deutschen Demokratischen Republik die Westdeutschlands schon Ende 1961 übertrifft«,5 verbesserte sich das Verhältnis zwischen der Arbeiterklasse und »ihrer Partei« nicht, da sich diese Aussage als reine Luftblase entpuppte.6 Der dazu notwendige Übergang von einer industriellen hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft war durch das Festhalten der SED an der nach sowjetischem Vorbild ausgelegten Schwerindustriepolitik blockiert worden. Diese systembedingte mangelnde Arbeitsproduktivität ließ, verbunden mit der Unterdrückung der Eigenkreativität, die aus einer Fabrikarbeitermasse im Verlauf der Industriellen Revolution erst eine Arbeiterklasse hatte entstehen lassen, den »Arbeiterstaat« DDR letztlich an dem von ihm generierten »staatlichen Arbeiter« scheitern. Auf 896 Seiten ist es Kleßmann gelungen, umfassend die essenziellen Gründe für das Scheitern der SED als Arbeiterpartei aufzuzeigen. Seine Darstellung ist damit auch für zukünftige Gesamtdeutungen der DDR-Geschichte unverzichtbar. Wertvolle Ergänzungen zur Arbeit von Christoph Kleßmann bietet die von Renate Hürtgen 2009 vorgelegte Studie Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Industrieangestellten in der DDR. Mit den Angestellten wendet sich Hürtgen einer sozialen Gruppe zu, die in Ostdeutschland seit den Sechzigerjahren nur noch unter dem Oberbegriff »Arbeiter und Angestellte« subsummiert wurde. Dennoch nahm die Zahl der zu »Facharbeitern« transformierten Angestellten auch in den Jahren danach innerhalb der planwirtschaftlichen Produktionsabläufe weiter zu. Ihr Aufgabenspektrum reichte von niedrig bezahlten und in der Regel von Frauen ausgeführten Tätigkeiten im Verwaltungsbereich der Staatsbetriebe bis zu privilegierten Leitungsfunktionen in den Kombinaten. Lediglich der Dienstleistungssektor spielte in der DDR aus den oben genannten Gründen eine untergeordnete Rolle. Neben die traditionellen Vorurteile aus der Arbeiterschaft gegen die »Träger der weißen Kittel« trat in der DDR noch die Ablehnung der leitenden Angestellten als Repräsentanten der »Partei« in den Betrieben. Die Angestellten in der DDR waren insgesamt durch SED-Mitgliedschaft und unterschiedlichste Funktionen weit stärker in das politische Herrschaftssystem eingebunden als die laut Honecker-Verfassung von 1974 führende Arbeiterklasse. Die leitenden Angestellten profitierten nicht nur in Form eines deutlich höheren Einkommens, sondern waren auch Adressaten, wenn es um die Verteilung von begehrten Konsumgütern (»Bückware«) über Beziehungen ging – ein System an dem mitunter auch die niedriger bezahlten Angestellten teilhatten. So hatte schon in den Fünfzigerjahren jeder zweite Angestellte mindestens einen Ferienreisescheck des FDGB einlösen können, aber nur zwölf Prozent der Arbeiter. Im Gegensatz zu dem den Arbeitern im »Arbeiterstaat« gewidmeten »Opus magnum« von Kleßmann kann Hürtgen auf 309 Seiten zwar den Prozess der Milieubildung der DDR-Angestellten nicht vollständig erfassen, dennoch bietet sie die Grundlage zur weiteren Erforschung der »Angestelltenfrage in der DDR« – einem Milieu, das aus Sicht der Betriebsarbeiter im »Faultierhaus« der Werkleitung ansässig war und sich selbst als diszipliniert, anpassungsfähig und politisch »vernünftiger« als die Arbeiter aus der Produktion wahrnahm. Trotz dieser »Vernunft« und »Disziplin« war nicht nur bei den »staatlichen Arbeitern«, sondern auch bei den zu »Facharbeitern« transformierten Angestellten der Systemvergleich mit Westdeutschland ständig präsent. Zwar saß z. B. nach Auffassung von freigestellten Betriebsratsmitgliedern mit DKP-Parteibuch in der BASF in Ludwigshafen – namentlich Otto Zimpelmann, Heinz Kissel und Erich Schach – bei den Tarifauseinandersetzungen in der Chemieindustrie selbst in den Siebzigerjahren die »DDR immer mit am Verhandlungstisch«.7 Allerdings herrschte beim Ost-West-Vergleich unter den Arbeitnehmern längst keine Symmetrie mehr, denn je länger die SED-Diktatur andauerte, desto stärker schaute die DDR-Seite auf den Westen. Umgekehrt hatte die Entwicklung Ostdeutschlands für westdeutsche Arbeitnehmer jeglichen Modellcharakter verloren. Jedoch wurde diese deutsche »asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte«8 von den Repräsentanten der deutschen Arbeiterbewegung nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 in ihren Besatzungszonen keineswegs als gegeben hingenommen. Anschaulich macht dies die Quellenedition zu den Interzonenkonferenzen der deutschen Gewerkschaften zwischen 1946 und 1948, die Werner Müller eingeleitet und bearbeitet hat. Zu diesem Zeitpunkt strebten die Gewerkschaften noch eine Zusammenarbeit über die vier Zonengrenzen hinweg an. Ausgehend von der ersten Konferenz im Juli 1946 in Frankfurt am Main bis zur neunten Interzonenkonferenz im August 1948 behandelten die Delegierten der Gewerkschaftsverbände wichtige Grundfragen und Probleme ihrer Zeit. Themen waren dabei u. a. eine »Zentralstelle für sämtliche Zonen«, das Sozialversicherungssystem, Tarifpolitik und Tarifverträge, Betriebsräte und Mitbestimmung, die Organisationsfrage von Angestellten, Frauen und Jugend, aber auch die »Neuordnung der Wirtschaft« und die Entnazifizierung. Die fünfte Interzonenkonferenz in Badenweiler debattierte im August 1947 noch über einen deutschen Gewerkschaftskongress und die Bildung eines gesamtdeutschen Dachverbandes. Natürlich wurde dabei hinreichend deutlich, dass der im SED-Fahrwasser agierende ostdeutsche FDGB noch immer den gewerkschaftsspalterischen Positionen der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition vor 1933 anhing, während sich die westdeutschen Gewerkschafter mehrheitlich wie die ADGB-Verbände vor 1933 eindeutig zur parlamentarisch-pluralistischen Demokratie mit freien Wahlen, Mehrheitsprinzip, Schutz der Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Freiheit von Furcht bekannten. Zwangsläufig musste es deshalb auf der neunten Interzonenkonferenz bei der Diskussion über die Hinzuziehung der Berliner »Unabhängigen Gewerkschaftsopposition« zum Bruch kommen. Diese zwei einander ausschließenden Grundrichtungen innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung und der zeitgleich offene Ausbruch des Ost-West-Konflikts bildeten unüberbrückbare Gegensätze, an denen die seit 1946 angestrebte Gewerkschaftseinheit in einem vereinten Deutschland scheitern musste. Dennoch belegt Müllers Edition, dass die Repräsentanten der deutschen Arbeitnehmer sich neben den beiden großen Kirchen nach 1945 zunächst am intensivsten für einen Zusammenhalt der vier Besatzungszonen einsetzten. Mit dem offenen Ausbruch des Kalten Krieges fanden sich DGB und FDGB an vorderster Front wieder. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen den beiden deutschen Gewerkschaftszentralverbänden stand der Wettbewerb um die gesamtdeutsche »Arbeiternehmerschaft« – verbunden jeweils mit einer Debatte über Ziele und Mittel der Deutschland- und Sozialpolitik. Dabei hielten DGB und FDGB bis zum Mauerbau an der Wiedervereinigungsoption fest. Erst nach 1961 wurden beiderseits neue deutschlandpolitische Perspektiven diskutiert und eine Neuinterpretation der internationalen Lage vorgenommen. Doch erst mit dem Antritt der Großen Koalition in Bonn 1966 wurden zögerlich wieder innerdeutsche Gewerkschaftsbeziehungen aufgenommen. Wie konfrontativ die Auseinandersetzungen bis zum Amtsantritt der Regierung Brandt/Scheel waren, zeigt die 2010 vorgelegte Studie von Jens Hildebrandt zu den Beziehungen zwischen DGB und FDGB in den Jahren von 1955 bis 1969. Diese werden von Hildebrandt akribisch nachgezeichnet – gestützt auf die erstmalige umfassende Auswertung des zentralen Quellenmaterials für die Spitzenorgane der Gewerkschaften in Ost und West. Die streng chronologisch aufgebaute Arbeit liest sich trotz des großen Umfangs (723 Seiten) flüssig und spannend. Ausgehend vom Bundeskongress des DGB im Oktober 1954, auf dem die Delegierten einerseits unmissverständlich den Gesprächsofferten des FDGB eine Absage erteilten, anderseits aber noch einmal Viktor Agartz’ linkssozialistischen Positionen applaudierten, behandelt Hildebrandt in seinem ersten Großkapitel, das den Zeitraum zwischen 1955 und 1958 umfasst, zunächst den Alleinvertretungsanspruch des DGB in der Deutschlandpolitik. Diesem stellte sich die mit hohem organisatorischem und materiellem Aufwand betriebene »Westarbeit« des FDGB entgegen, wobei bekanntermaßen der politische Gewinn in keinem Verhältnis zum Aufwand stand,9 sondern nicht selten sogar das Gegenteil des Gewollten erreichte. Entsprechend wünschte Walter Ulbricht schon 1955 eine Kontrolle westdeutscher Arbeiterdelegationen, da deren Besuche zuweilen mehr Interesse am Weststaat bei den Gastgebern als Begeisterung für die DDR bei den Besuchern hervorriefen. Gleiches galt auch für die Besuchsreisen westdeutscher kirchlicher Gruppen nach Ostdeutschland, und selbst bei KPD- und später dann DKP-Delegationen ließ die Begeisterung für die DDR aus Sicht der SED immer mehr zu wünschen übrig. In seinem zweiten Großkapitel arbeitet Hildebrandt den Schulterschluss zwischen DGB und Bundesregierung in der Deutschlandpolitik bis zum Mauerbau 1961 heraus, den SED und FDGB mit einer Schmutzkampagne gegen die »Richter-Gruppe« im DGB zu kontern versuchten. Die Abriegelung West-Berlins machte auf der DGB-Seite zwangsläufig eine deutschlandpolitische Diskursverschiebung notwendig. Zwar blieben Beziehungen zu Funktionären des FDGB, der FDJ und der SED untersagt, grundsätzlich war gewerkschaftlichen Delegationen aber das Reisen nach Osteuropa ab Oktober 1964 gestattet. Während SED und FDGB dahinter die neuerliche Gefahr der Marginalisierung der DDR innerhalb des Ostblocks witterten, suchten westdeutsche Spitzenfunktionäre wie der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker ab 1967 den Weg der Aussöhnung mit den osteuropäischen Staaten. Unterbrochen durch die Niederschlagung des Prager Frühlings, auf die der DGB noch einmal kurzfristig mit dem Aussetzen der Beziehungen zu den Ostblockstaaten reagierte, wurde die Strategie Klunckers ab Mai 1969 offiziell vom DGB mitgetragen und zu einem Bestandteil der Neuen Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel ab September 1969. Hildebrandts Darstellung ist durchgängig fundiert, literatur- und insbesondere quellengestützt – unvermeidlich ist jedoch der Hinweis auf die von Hermann Weber schon 1994 angestoßene Kontroverse zum Aussagewert von DDR-Akten.10 So konstatiert der FDGB z. B. im Juni 1957 (!) (bei Hildebrandt siehe S. 240), dass es zufriedenstellende deutsch-deutsche Kontakte nur zum Betriebsratsvorsitzenden der BASF in Ludwigshafen gebe, der einer gewerkschaftlichen Einheitsliste zugestimmt habe, »in der z. B. sechs ehemalige KPD-Mitglieder aufgenommen wurden, obwohl er vor ca. drei Jahren sich noch gegen die Aktionseinheit mit den Kommunisten ausgesprochen hatte.« Tatsächlich waren aber schon 1951 (!) keine Mitglieder der KPD von den Vertrauensmännerversammlungen der IG Chemie in der BASF für den Betriebsrat nominiert worden. Daraufhin hatte die KPD bei der Betriebsratswahl 1953 eine eigene Liste aufgestellt und acht Betriebsratssitze errungen. Zur Eindämmung des KPD-Einflusses in der BASF öffnete die IG-Chemie daraufhin bereits bei der nachfolgenden Betriebsratswahl 1955 ihre Liste wieder für KPD-Mitglieder – nominiert und gewählt wurden – wie auch 1957 – allerdings nur noch vier Kommunisten. Ganz offensichtlich zählte der FDGB also in seiner bescheidenen Erfolgsmeldung zwei bereits vor 1953 von der KPD zur SPD übergetretene Betriebsratsmitglieder mit!11 Alle vier Studien machen deutlich, dass die deutsche Arbeiterbewegung und ihre Traditionen trotz unnachsichtiger Verfolgung durch den Nationalsozialismus 1945 keineswegs völlig zerstört waren. Aber durch die Übernahme des sowjetischen Diktaturmodells – verbunden mit der Rückkehr zu den sektiererischen Positionen der KPD aus der Endphase der Weimarer Republik – wurde ein gemeinsamer Neubeginn sowohl auf der Partei- als auch auf der Gewerkschaftsebene unmöglich gemacht. Dadurch verlor das in der DDR praktizierte Politikmodell binnen kürzester Zeit nicht nur jede Akzeptanz bei der westdeutschen Arbeiterschaft – selbst in den ehemaligen KPD-Hochburgen –, sondern konnte auch zu keinem Zeitpunkt auf dem Gebiet des »Arbeiter- und Bauernstaates« die Mehrheit der Arbeitnehmer hinter sich bringen. Erstarrt in inhaltsleere Rituale, die zwar der Arbeiterbewegung entliehen waren, aber aufgrund von Routine jede Attraktivität verloren hatten, entfernte sich die selbsternannte Avantgarde immer mehr von ihrer ursprünglichen Basis. Diese nahm »ihren Staat« als eine durch die Sowjetunion implantierte Diktatur wahr, deren Struktur sie kaum beeinflussen konnte. Auch auf der betrieblichen Ebene lag die Macht nicht bei der »führenden Klasse«, sondern bei einer der Parteidisziplin ergebenen mittleren und höheren Angestelltenstruktur, die von den Arbeitern paradoxerweise als »rote Socken« empfunden wurden, was die Distanz zu ihrem »Arbeiterstaat« schlagwortartig zusammenfasste. Während Christoph Kleßmann dem durch die Staatspartei stilisierten »Staatsarbeiter« besonders in seinem letzten Kapitel »Arbeiterleben im Arbeiter- und Bauern-Staat« ein reales Bild gibt, skizziert Renate Hürtgen mit den Angestellten im VEB die Gruppe, auf die sich letztlich die SED-Diktatur stützte. So stellten die zu Facharbeitern mutierten angestellten SED-Mitglieder z. B. die Mehrheit in den Betriebskampfgruppen – optische Anleihen an die Wehrverbände der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik konnten so kaum glaubhaft mit Leben erfüllt werden. Den vergeblichen Kampf um das Festhalten und Fortführen gemeinsamer gewerkschaftlicher Traditionslinien in Ost und West dokumentiert ausführlich Werner Müller, während Jens Hildebrandt anhand der Beziehungen zwischen DGB und FDBG zwischen 1955 und 1969 verdeutlicht, dass auch auf der Gewerkschaftsebene erst durch die Akzeptanz von Spaltung und Trennung letztlich deren Überwindung 1989 möglich war. Mit der vorgelegten umfassenden Aufarbeitung der Ulbricht-Ära steht die noch ausstehende Forschung zur Rolle von Arbeitern, Angestellten und Gewerkschaften im »Arbeiterstaat« DDR während der Honecker-Ära auf einer fundierten Basis. 1 Erster Satz des Artikel 1 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968 in der Fassung des Gesetzes zur Ergänzung und Änderung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1974. 2 Siehe Hermann Weber: Die DDR 1945–1990, 3. , überarb. und erw. Aufl. München 1999, S. 84. 3 Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Köln/Berlin [West] 1955, S. 416. 4 Bildhaft umgesetzt in dem DEFA-Film Spur der Steine von Frank Beyer, der 1966 bereits nach drei Tagen wegen »antisozialistischer Tendenzen« aus dem Programm genommen wurde. 5 Protokoll der Verhandlungen des V. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Bd. 1, Berlin [Ost] 1959, S. 23. 6 Konsequenterweise wurde diese Passage schon 1964 aus Ulbrichts Parteitagsrede im siebten Band seiner ausgewählten Reden und Aufsätze gestrichen. Siehe Walter Ulbricht: Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. VII: 1957–1959, Berlin [Ost] 1964, S. 284. Hierzu auch: Hermann Weber: Ulbricht fälscht Geschichte, Köln 1964. 7 Klaus J. Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz, Mainz 2001, S. 522. 8 Bernd Faulenbach/Franz J. Jelich (Hg.): Asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte? Die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR in Ausstellungen, Museen und Gedenkstätten, Essen 2005 sowie Christoph Kleßmann: Spaltung und Verflechtung – Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hg.): Teilung und Integration, Bonn 2005, S. 20–36. 9 Siehe Josef Kaiser: »Der politische Gewinn steht in keinem Verhältnis zum Aufwand«. Zur Westarbeit des FDGB im Kalten Krieg, in: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK), Berlin 1996, S. 106–131. 10 Siehe Hermann Weber: Zum Umgang mit DDR-Archivalien – am Beispiel von Berichten über die Weltjugendfestspiele 1959, in: JHK, Berlin 1994, S. 165–178 und ders.: Was beweisen die Akten? Anmerkungen zu Veröffentlichungen von Archivalien aus der DDR, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 33 (1997), H. 2, S. 232–243. 11 Siehe Becker: Die KPD (Anm. 7), S. 261–264 und 309.

JHK 2011

Der Kommunismus als Plusquamperfekt in Ungarn. Randbemerkungen zur Optik der Erinnerung

György Dalos

Das Haus Erinnerung hat tausend Türen. Und du hast doch den Weg umsonst gemacht. Du weißt nicht mehr, wohin die Türen führen. Und in den Korridoren lehnt die Nacht. (Erich Kästner) Am 1. September 1930 fand in Budapest die größte Arbeiterdemonstration der Zwischenkriegszeit statt. 150 000 Menschen marschierten durch die Andrássy-Straße unter der Losung: »Arbeit und Brot«. Die Horthy-Polizei eröffnete im Stadtpark das Feuer auf die Demonstranten. Hunderte wurden verletzt und der achtundzwanzigjährige Bauarbeiter Pál Darnyik fand den Tod. Obwohl hinter der Massenkundgebung die ansonsten eher gemäßigte sozialdemokratische Partei und die ebenso gemäßigten Gewerkschaften standen, verlieh ihr die wegen der katastrophalen Weltwirtschaftskrise verzweifelte Stimmung der Arbeiterschaft eine besondere Radikalität. Das Regime hatte panische Angst vor einer Revolution und witterte in jedem Protest Umtriebe der verbotenen und höchstens 5000 Mitglieder zählenden Kommunistischen Partei. Nach der kommunistischen Machtübernahme verwandelte sich der 1. September in einen offiziellen Erinnerungstag, wurde die Kundgebung zu einer mustergültigen Klassenschlacht hochstilisiert und der tote Bauarbeiter postum zum illegalen Genossen erklärt. Am 25. Jahrestag der Kundgebung saß sogar Darnyiks Witwe, eine alte Arbeiterfrau mit Kopftuch, im Präsidium der Gedenkveranstaltung. An der Wand der Kunsthalle im Stadtpark befestigte man eine Tafel, welche den proletarischen Protest von damals verewigen sollte. Obwohl Historiker die Ereignisse jenes Herbsttages später etwas differenzierter behandelt haben, gehörten diese nunmehr untrennbar zum kanonisierten Erbe der KP – zumal sich auch der damals junge Kommunist János Kádár unter den Demonstranten befand. Kurz vor dem 80. Jahrestag der Arbeiterkundgebung stellte der in Budapest lebende britische Journalist Bob Dent 2010 fest, dass die Gedenktafel von der Wand der Kunsthalle verschwunden war. Offensichtlich fiel sie keineswegs irgendeiner antikommunistischen Götzenzerstörung zum Opfer, aber sie wurde weder wiederhergestellt noch erneuert – wahrscheinlich samt ihrer Inschrift schlicht und einfach vergessen. Davon zeugt nicht zuletzt die Tatsache, das bei den runden Jahrestagen des 1. Septembers, so anno 1990 und 2000, die linken Blätter Népszabadság und die ursprünglich sozialdemokratische Népszava das historische Ereignis offenkundig nicht als erinnerungswürdig befanden. Um den Arbeiterprotest von einst, sei er kommunistisch oder sozialdemokratisch gewesen, ist es im postmodernen Ungarn recht still geworden. »Diese Stille ist verständlich, obwohl bedauerlich«, fasste Bob Dent seine ergebnislosen Recherchen zusammen. »Verständlich, weil die Menschen die Geschichte der Arbeiterbewegung mit derjenigen der Kommunistischen Partei verbinden, die sie vergessen wollen, obwohl die beiden nicht identisch sind. Und es ist bedauerlich, dass die von der KP manipulierte Propaganda, Geschichtsschreibung und Ideologie bis heute nachwirkt.« Es wäre federleicht, die obige Geschichte als Beweis dafür zu betrachten, dass die Kommunisten an allem, selbst an ihrer Verdammung durch die Nachwelt, schuld sind – ganz unschuldig sind sie daran sicher nicht. Trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass man das Vergessen eines historischen Ereignisses niemals auf einen einzigen Grund zurückführen kann. In unserem Fall geht es nämlich auch darum, dass den Arbeiterprotest von vor 80 Jahren keine sozial relevante Gruppe in ihre Erinnerung aufnehmen will, was womöglich auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass im heutigen Ungarn kein Protest wegen Mangel an Arbeit und Brot Menschen auf die Straße treibt. Hingegen gelingt es einem anderen Jubiläum, dem 90. Jahrestag des Friedens von Trianon (4. Juni 1920), die Öffentlichkeit in seinen Bann zu ziehen. Der damalige Verlust von zwei Dritteln des Landesterritoriums samt mehrerer Millionen Ungarn bewog das Budapester Parlament dazu, per Gesetz einen »Tag der nationalen Zusammengehörigkeit« einzurichten. In dieser Weise kann die politische Entwicklung ein historisches Faktum ins Nichts verbannen und gleichzeitig dem anderen eine Quasiaktualität verleihen. *** Für meine Generation war das Bild des Vorkriegssystems in der offiziellen kommunistischen Lesart fertig vorgegeben. Die Herrschaft zwischen 1919 und 1945 bezeichneten Politiker und Historiker pauschal als Horthy-Faschismus, in dem die Arbeiter und Bauern Hunger und Unterdrückung zu erleiden hatten, bis endlich die Rote Armee Ungarn befreite und eine Volksdemokratie entstand, welche das Wohlergehen der Werktätigen zu garantieren versprach. Erst in den Sechziger-, Siebzigerjahren begann eine differenziertere Betrachtung der ein Vierteljahrhundert währenden Amtszeit des Reichsverwesers Nikolaus von Horthy. Vor allem verfuhr die neue Interpretation chronologisch – auf die Phase des weißen Terrors (1919–1920) folgte die Konsolidierung des Regimes (1921–1928), die Wirtschaftskrise (1928–1932), der erneute Aufschwung (1933–1939), Ungarns Beteiligung im Krieg an der Seite Hitlerdeutschlands (1940–1944) und schließlich die Agonie des Systems, die in der fürchterlichen Herrschaft der Pfeilkreuzler mündete (Ende 1944). Statt »faschistisch« operierte man mit Begriffen wie »halbfeudal«, »autoritär« und »reaktionär«. In den Achtzigerjahren konnten sich Wissenschaftler in Teilfragen eine relativ objektive Darstellung erlauben, politisch liberale und wirtschaftlich erfolgreiche Tendenzen wahrnehmen. Nach der Wende begann eine seltsame »Metamorphose« der Ära Horthy in der Öffentlichkeit. Die neuen Publikationen befriedigten den offenkundigen Nachholbedarf und korrigierten die frühere Einseitigkeit der kommunistischen Sichtweise. Erst in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre kippte das Gleichgewicht um: Immer häufiger und von immer mehr Personen der Öffentlichkeit wurde das Vorkriegsregime beschönigt, ja, idealisiert, manche seiner Repräsentanten wie der erzkonservative Regierungschef der Zwanzigerjahre, Graf Bethlen sogar zum Vorbild der Fidesz-Regierung zwischen 1998 und 2002 erkoren. Aufgrund seiner tatsächlich vorhandenen, obwohl wenig wirksamen pluralistischen Institutionen, rühmten die Ideologen der »Bürgerpartei« das damalige System als Demokratie, und versuchten, selbst so manifeste Gegenbeweise wie dessen offen antisemitischen Charakter zu relativieren. Diese Meinungsmacher behandeln gleichzeitig die Jahre zwischen 1945 und 1990 als eine einzige »Willkürherrschaft« und sehen keinen Unterschied zwischen ihren Phasen. Dabei existiert im historischen Rückblick eine ziemlich klare Trennlinie: Der Volksaufstand 1956. Obwohl dieser mithilfe sowjetischer Panzer und durch Terror brutal unterdrückt wurde, war das Ungarn davor und danach bei Weitem nicht das gleiche Land. Der herrschenden Partei gelang es nicht mehr, ihre absolute Kontrolle über die Gesellschaft wiederherzustellen, es entstanden Freiräume vor allem im Bereich Konsum und Kultur. Chronologisch lässt sich die Differenzierung ziemlich exakt festsetzen: Die begrenzte Nachkriegsdemokratie (1945–1948) wurde durch die stalinistische Diktatur abgelöst (1948–1953), darauf folgte eine kurzlebige Reformperiode (1953–1956), die bereits erwähnte Trennlinie 1956, die mit Vergeltungen und kleinen Zugeständnissen erkämpfte Restauration des Regimes (1957–1961), die Entstehung des »Gulaschkommunismus« (1962–1968), die angefangene und gescheiterte Wirtschaftsreform (1968–1972), die stabilen Siebzigerjahre und schließlich die Entfaltung der Systemkrise, welche ihre Lösung in dem friedlichen Übergang zu pluralistischen Strukturen fand (1985–1989). *** Eine »Aufarbeitung« der vorsozialistischen Vergangenheit konnte den Kommunisten nicht gelingen, weil sie jede Beziehung zu dieser leugnen wollten. Die 1990 entstandenen neuen mitteleuropäischen Demokratien lavieren bis heute zwischen Bruch und Kontinuität, was ihnen eine ausgewogene Beurteilung ihrer Vorgänger ungemein erschwert. Die mangelnde Distanz zeigt sich in einer Sehnsucht nach der sogenannten weichen Diktatur mit ihren kleinen Freiheiten und bescheidenem aber garantierten Wohlstand. Gleichzeitig und besonders auf der Ebene der großen Politik dominiert ein posthumer Antikommunismus, der immer weniger mit seinem vermeintlichen Gegenstand zu tun hat. Vielmehr wird der Begriff »Kommunist« als Schimpfwort gegen den jeweiligen politischen Rivalen eingesetzt, als hätten die Beteiligten die entsprechenden sarkastischen Sätze des Manifestes illustrieren wollen: »Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte?« Der Kommunismus wird nicht als Praxis und Theorie der nahen Vergangenheit aufs Korn genommen, sondern als Teufel an die Wand gemalt. Angesichts des konkreten und aktuellen Auftauchens dieses Beelzebubs wirken manche Personen der Öffentlichkeit eher ratlos. Im Sommer 2010 löste ein Dokumentarfilm geradezu Furore in der Öffentlichkeit aus.1 Zwei jungen Journalisten gelang es durch verschiedene Tricks, den früheren Innenminister der Ära Kádár, Béla Biszku, zu einem langen Interview zu überreden. Der heute neunzigjährige Biszku war eine Schlüsselfigur des auf den Volksaufstand 1956 folgenden blutigen Terrors, er hatte sogar in einer Rede vor dem Politbüro seinerzeit die »Zahl der physischen Vernichtungen« für zu niedrig gehalten. Offensichtlich fanden die Autoren das bei ihm gesammelte Material zu dünn, denn sie befragten parallel zu Biszku auch überlebende Opfer, Historiker sowie Kollegen des Spitzenfunktionärs. Selbst mit diesen Interviews hinterließ der Film Verbrechen und Straffreiheit einen unbefriedigenden Eindruck, vor allem deswegen, weil die jungen Leute mangels konkreter historischer Kenntnisse nicht die richtigen Fragen an ihren Protagonisten stellen konnten. Biszku erwies sich sowohl im Film als auch in einem Fernsehinterview als geistig frisch und selbstbewusst, verdammte wie stets die »Konterrevolution« und ging mit seinen »Fakten« ziemlich frei um, ohne auf offene Polemik seitens der Fragesteller zu stoßen. Die konservativen Zeitungen sprachen von dem kommunistischen Mörder, verknüpften den Terror von 1957/1958 mit den Korruptionsaffären der Sozialisten zwischen 2002 und 2010, die anonymen Online-Leserbriefe verlangten gar das Todesurteil. Die Sensation dauerte aber nur einige Tage und was ausblieb, war die gründlichere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, die tiefere Durchleuchtung des Funktionierens jenes Systems, das den Terror ermöglichte. Der Kommunismus in Ungarn und Osteuropa ist zum Plusquamperfekt geworden, eine Rückkehr zu ihm so gut wie ausgeschlossen, seine Anhänger scharen sich um isolierte und einander befehdende Sekten. Einerseits erscheint es uns so, als hätten die heutige Welt Sternjahre von der gestrigen getrennt, andererseits wissen wir, dass die Diktatur kaum mehr als ein Menschenalter zurückliegt. Auf halbem Wege zwischen Gestern und Heute gibt es vielleicht noch die Chance, dieses historische Phänomen der nachfolgenden Generation zu vermitteln. Man braucht dazu jedoch viel Wissen und vielleicht sogar noch mehr Vorstellungs- und Überzeugungskraft, um die Wahrheit über die bereits weit zurückliegende Epoche vermitteln zu können. 1 Siehe auch den Aufsatz von Krisztián Ungváry in diesem Band.

JHK 2011

Antistalinismus oder Antikommunismus? Ruth Fischer als »Kronzeugin« gegen die »kommunistische Verschwörung« in den USA

Mario Keßler

Ruth Fischer (1895–1961) war in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine der prominentesten Frauengestalten in Deutschland, sogar in Europa. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte sie zu den Begründern der Kommunistischen Partei Österreichs und erlangte 1924/25 als Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands internationale Berühmtheit. Nach 1945 wurde sie in den USA als »Kronzeugin« gegen die in der Öffentlichkeit immer wieder beschworene »kommunistische Gefahr« bekannt, für deren Anwachsen nicht zuletzt ihr eigener Bruder Gerhart Eisler als »gefährlichster sowjetischer Agent« verantwortlich war, so Ruth Fischer. Weniger bekannt ist, dass sie 1956 nach dem XX. Parteitag der KPdSU wieder Hoffnungen in die Sowjetunion setzte. Diese könne nunmehr die Erblast des Stalinismus abwerfen. Sie sei keine Antikommunistin, wohl aber Antistalinistin, teilte Ruth Fischer Isaac Deutscher im November des gleichen Jahres in London mit. Nachdem dieser zuerst ein Treffen abgelehnt, aber dann doch mit ihr gesprochen hatte, schrieb er seinem Freund Heinrich Brandler, Ruth Fischers altem Rivalen aus KPD-Zeiten: »Sie drückte mir gegenüber ihr Bedauern aus wegen der Haltung, die sie in den vergangenen Jahren eingenommen hatte, und gestand, dass sie sich in vielerlei Hinsicht geirrt hatte. Ganz allgemein sprach sie recht einfühlsam zur Sache, als ob das Gewissen einer alten Kommunistin wieder in ihr erwacht sei.«1 Die folgenden Bemerkungen versuchen Ruth Fischers antistalinistische Haltung nachzuzeichnen. War diese, erstens, die spezifische, individuelle Version eines linken Antikommunismus und orientierte sie sich, zweitens, an demokratischen Werten, die ihrerseits einer genauen Bestimmung bedürfen? Im Zentrum des Beitrags steht Ruth Fischer als politische Akteurin in den USA ab 1941. Nach einem Überblick ihrer wechselvollen politischen Entwicklung bis zur Ankunft in New York und einer Diskussion ihrer Haltung und Handlungen in den Jahren danach, wird zuletzt gefragt, inwieweit ihre Neuorientierung ab 1956 eine demokratisch fundierte Auseinandersetzung mit dem Kommunismus oder gar eine demokratische Variante kommunistischen Denkens bedeutete. Ruth Fischer als Kommunistin Ruth Fischer wurde am 11. Dezember 1895 in Leipzig geboren. Ihre Eltern gaben ihr den Vornamen Elfriede und heirateten erst kurz nach ihrer Geburt. So erhielt sie den Mädchennamen Eisler. Sie wuchs in Wien auf, wo ihr Vater Rudolf Eisler (1873–1926) als Philosophiedozent an der Universität arbeitete, aber, da er sich als agnostischer Jude nicht taufen ließ, keine Professur bekam. Ihre aus Leipzig stammende Mutter Ida geb. Fischer (1876–1929) war Protestantin und bis zur Heirat als Haushaltshilfe tätig. Ruth Fischers Brüder Gerhart (1897–1968) und Hanns (1898–1962) erlangten internationale Bedeutung: Gerhart Eisler als kommunistischer Politiker und Hanns Eisler als Komponist. Ab 1914 studierte Elfriede Eisler in Wien Pädagogik, Ökonomie und Philosophie und schloss ihr Studium im Oktober 1918 mit einer sozialwissenschaftlichen Staatsexamensarbeit ab.2 Unmittelbar nach Kriegsbeginn 1914 gründete sie zusammen mit ihren Brüdern eine strikt den Krieg ablehnende Studentengruppe. Außerdem gehörte sie zum Kreis um den Psychologen Siegfried Bernfeld, einen linksgerichteten Freudianer, den sie wahrscheinlich durch ihren Bruder Gerhart kennengelernt hatte.3 Ein anderes Mitglied des Kreises war ihr Kommilitone Paul Friedländer, den sie 1917 heiratete. Im Dezember des gleichen Jahres wurde ihr Sohn (Friedrich) Gerhard geboren. Fast ein Jahr später, am 3. November 1918, gründete eine achtköpfige Gruppe die Kommunistische Partei Österreichs. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten, neben ihr selbst, auch der Ehemann und die Brüder von Elfriede Eisler. Diese erhielt die Mitgliedskarte Nummer Eins und führte fortan in der Öffentlichkeit den Namen Ruth Fischer, angelehnt an den Mädchennamen ihrer Mutter.4 Schon bald danach entschied sie sich, nach Deutschland zu gehen, wo sie im August 1919 mit ihrem Sohn eintraf. Ihr Ehemann war in Wien geblieben, 1922 wurde die Ehe geschieden. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, ging Ruth Fischer ein Jahr darauf eine Scheinehe mit dem KPD-Funktionär Gustav Golke ein. Mithilfe Paul Levis fand sie eine Anstellung im Frauensekretariat der KPD und arbeitete später, vermittelt durch Karl Radek, im Westeuropäischen Sekretariat der Komintern. Im Oktober 1920 gehörte Ruth Fischer zu den KPD-Delegierten, die in Halle mit dem linken Flügel der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) die VKPD (Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands) konstituierten. Ihre politische Umtriebigkeit empfahl sie für das Amt der Vorsitzenden des Parteibezirks Berlin-Brandenburg, der größten Provinz-organisation der Partei. Sie fand Unterstützung in Arkadij Maslow, der ihr politischer Weggefährte und Lebenspartner wurde.5 Maslow (1891–1941), in der Ukraine unter dem Namen Isaak Čemerinskij geboren, hatte vielversprechende Karriereaussichten sowohl als Konzertpianist wie als Mathematiker aufgegeben, um sein Leben der Politik zu widmen. Im November 1920 wurde er in das Zentralkomitee der KPD gewählt, und ab 1921 leitete er mit Ruth Fischer die Bezirksorganisation Berlin-Brandenburg. Im gleichen Jahr wurde er auch Redakteur der Roten Fahne und war verantwortlich für den außenpolitischen Teil der Zeitung. Die linksradikale Gruppe um Fischer und Maslow wurde bekannt als »Berliner Opposition«, die jeden Versuch einer politischen Zusammenarbeit mit der SPD kritisierte.5 1923 spitzte sich durch die französisch-belgische Ruhrbesetzung und die Inflation die politische Lage in Deutschland zu. Die KPD-Zentrale verließ sich jedoch (anders als früher) auf Anweisung der Komintern nicht auf revolutionäre Aktionen, sondern zunächst auf die Bildung von KPD-SPD-Koalitionsregierungen in Sachsen und Thüringen. Im Oktober setzte Reichspräsident Ebert aber beide Regierungen ab. Daraufhin entschied sich ein Teil der KPD, von der sowjetischen Führung angestachelt, für den revolutionären Aufstand, den der KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler allerdings angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse zu verhindern suchte. Durch mangelnde Abstimmung kam es schließlich nur in Hamburg zum Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wurde. In der Folge wurde die KPD für ein halbes Jahr verboten, und die Spitzen von Komintern und sowjetischer KP schoben Brandler das Scheitern des angeblichen »deutschen Oktober« in die Schuhe. Die bisherige Parteiführung wurde abgesetzt. Mit dem Frankfurter Parteitag im April 1924 übernahmen die ultralinken Kräfte um Fischer und Maslow die Führung der Partei. Ruth Fischer gelangte als Vorsitzende an deren Spitze. Maslow wurde Ko-Vorsitzender. Fischer wurde auch Kandidatin des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) und ab Mitte 1924 Reichstagsabgeordnete sowie Abgeordnete des preußischen Landtages für die KPD.6 Sie war maßgeblich an der »Bolschewisierung« der KPD beteiligt, d. h. an der Unterordnung der deutschen Partei unter die Moskauer Gebote. Nur einige Monate später, im August, geriet die als »Gruppe Maslow-Fischer« bezeichnete Parteispitze wegen »ultralinker Tendenzen« in die Kritik der sowjetischen und der Komintern-Führung, denn Ruth Fischer ließ realistischere Ansätze in ihrer Politik erkennen.7 Im Juli 1925 korrigierte der X. KPD-Parteitag in Berlin auf Druck Zinov’evs und mit Unterstützung Fischers die unrealistische Prognose, wonach der deutsche Kapitalismus dem Ende entgegengehe.8 Nach einer Unterredung mit Stalin in Moskau wurde Ruth Fischer von August 1925 bis Juni 1926 an einer Rückkehr nach Deutschland gehindert.9 Währenddessen wurde Maslow in Berlin wegen »Hochverrats« zeitweilig in Untersuchungshaft festgehalten. Am 20. August 1925 unterschrieb Fischer in Moskau den von einer EKKI-Kommission unter Bucharins Leitung abgefassten Offenen Brief, der eine »proletarische« Führung für die KPD einforderte.10 Dies ermöglichte Ernst Thälmann de facto am 1. September, offiziell am 1. November die Führung der KPD zu übernehmen. Im August 1926 wurden Fischer und Maslow schließlich aus der Partei ausgeschlossen. Als Mitglieder der Reichstagsgruppe Linke Kommunisten versuchten sie in der Folgezeit gemeinsam mit Zinov’ev, die Arbeit der Linksopposition gegen die Politik Stalins und (damals noch) Bucharins zu koordinieren. Kurzzeitig schlossen sie sich 1928 der KPD-Linksabspaltung Leninbund an, verließen die Gruppierung jedoch wieder, weil sie eine mit der KPD konkurrierende Kandidatur zu den Reichstagwahlen ablehnten. Ihre Hoffnung, nach der Kapitulation Zinov’evs und Kamenevs von Stalin wieder in die KPD aufgenommen zu werden, war jedoch vergeblich.11 So zog sich Ruth Fischer nach dem Verlust des Reichstagsmandates aus der aktiven Politik zurück und arbeitete bis 1933 als Sozialhelferin. Mit dem befreundeten Kinderarzt Franz Heimann schrieb sie die Deutsche Kinderfibel, eine Untersuchung der erschütternden Zustände, in denen sich Kinder in durch die Weltwirtschaftskrise verelendeten Proletarierfamilien befanden.12 Mit Beginn der Naziherrschaft mussten Fischer, die auf der ersten Ausbürgerungsliste des Regimes stand, und Maslow fliehen. Über Prag entkamen sie nach Paris. Fischers minderjähriger Sohn wurde trotz seines österreichischen Passes zunächst von der Gestapo festgenommen und verhört, bevor er schließlich nach England gelangte. Ruth Fischer fand eine Anstellung als Sozialarbeiterin bei der Stadtverwaltung von St. Denis.13 Sie wurde durch eine zweite Scheinehe französische Staatsbürgerin und hieß jetzt offiziell Elfriede Pleuchot. In Artikeln linkskommunistischer Blätter griff sie das Stalinregime als neue Klassengesellschaft an und überwarf sich wegen der Frage nach dem Klassencharakter der Sowjetunion auch mit Trockij, dem sie zeitweilig nahegestanden und den sie in seinem Exil in Barbizon besucht hatte. Dennoch ernannte Trockij sie zum Mitglied des Internationalen Sekretariats, des Leitungsgremiums der zunächst nur auf dem Papier existierenden Vierten Internationale.14 Dies fand eine sehr drastische Antwort in Moskau: Im August 1936 wurden Fischer und Maslow im ersten Moskauer Prozess in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Moissej Lurje, ihr einstiger Freund, wurde durch Zwang zum »Geständnis« genötigt, er habe ihnen Hinweise übermittelt, die dazu dienten, Stalin umzubringen.15 Die deutsche Invasion Frankreichs bedrohte 1940 auch Ruth Fischers Leben. Es gelang ihr und Maslow, aus Paris über Marseille nach Lissabon zu fliehen. Mithilfe Varian Frys erhielt sie eine Einreisegenehmigung für die USA, die Maslow jedoch verweigert wurde. So blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Kuba zu gehen, dem einzigen Land, das ihm die Einreise gestattete. Am 20. November 1941 verstarb er völlig unerwartet in Havanna. Nach dem offiziellen Obduktionsbefund war ein Herzstillstand die Todesursache. Ruth Fischer war und blieb hingegen überzeugt, dass Maslow im Auftrag Stalins ermordet worden war.16 Im Zeugenstand gegen Stalin und ihre Brüder: Ruth Fischer in den USA Bis zu Maslows Tod führte Ruth Fischer, die sich seit dem 21. April 1941 in New York aufhielt, ein zurückgezogenes Leben. Zunächst betätigte sie sich als Sozialarbeiterin und erhielt zusätzlich finanzielle Unterstützung von Freunden. Nach Maslows Tod war sie fast ein Jahr krank; sechs Monate lang konnte sie die Wohnung nicht verlassen. Maslow war die große Liebe ihres Lebens gewesen. Nach seinem Tod wollte sie nicht mehr mit einem anderen Mann zusammen sein. Doch äußerlich erholte sie sich bald von dem Schicksalsschlag und beantragte eine Reihe von Forschungsstipendien. Im Oktober 1942 erhielt sie vom Emergency Committee in Aid for Displaced Foreign Scholars ein einjähriges Stipendium. Für ein weiteres Jahr wurde sie vom Institute for International Education, einer gewerkschaftsnahen Einrichtung, unterstützt.17 Sie schrieb an einem Manuskript, The End of Socialism in Europe, das sie als Aufruf zur Einheit der antistalinistischen Linken verstand, doch blieb die Arbeit im fragmentarischen Stadium stecken.18 In einer ihrer ersten Publikationen in den USA warnte Ruth Fischer vor einem »Kollektivismus ohne die ›Bill of Rights‹«, der, wie es in Stalins Russland der Fall sei, »nichts als eine Sklaverei« hervorrufe.19 Doch in der Zeit der amerikanisch-sowjetischen Allianz war diese Haltung sogar unter stalinkritischen Linken kaum populär. Mithilfe finanzieller Unterstützung der American Federation of Labor (AFL) begann Ruth Fischer 1944 The Network zu publizieren, eine Zeitschrift, die sie mit dem ehemaligen KPD-Mitglied Adolph Weingarten herausgab. Die anderen namentlich nicht genannten Autoren waren Weingartens Frau Carola, Heinz Langerhans und Helmut Wickel.20 The Network stellte sich (in anonym verfassten Artikeln) die Aufgabe, »antistalinistische Aufklärungsarbeit in Form eines Rundbriefes zu betreiben, der sich mit stalinistischen Organisationen und Organisationsformen befasst. Darüber soll vom Standpunkt eines Beobachters berichtet werden, der die stalinistischen Praktiken wie auch die rapide anwachsende stalinistische Bewegung in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten von innen her kennt.«21 Ein Aufsatz von The Network trug die Überschrift »Who is who among the Free Germans in the United States«. Es sollte versucht werden klarzustellen, dass die gesamte »Parteihierarchie« der KPD, einschließlich der im Exil tätigen Organisationen »eine Abteilung der GPU« bilde, die von »russischen Agenten und Werkzeugen« angeleitet werde. Die deutschen Kommunisten würden dabei »noch immer vom Ansehen der Parteigründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zehren«, die einst »viele der Besten aus der deutschen Arbeiterklasse« begeistert hatten.22 Spätere Ausgaben der Zeitschrift waren mit dem Untertitel »Information Bulletin on Stalinist Organizations and Organizational Forms« überschrieben. The Network »setzte sich zum Ziel, die Mechanismen der fortschreitenden Stalinisierung Europas zu enthüllen« und jene »Progressiven« zu warnen, die »sich leicht vom scheinbar demokratischen Verhalten der Stalinisten übertölpeln« ließen.23 Dies sollte eine Warnung vor dem Free German Committee und seinem Nachfolger, dem Council for a Democratic Germany bedeuten, dem der protestantische Theologe Paul Tillich vorstand. Beide Organisationen verstanden sich als linke Sammlungsbewegungen, die Pläne für den Wiederaufbau Deutschlands nach Hitler entwarfen. Doch bestehe, laut Ruth Fischer, ihr wahrer Zweck darin, die westlichen Demokratien und deren Arbeiterbewegungen zu unterwandern. Der »stalinistischen Unterwanderung« der Gewerkschaften werde »besondere Aufmerksamkeit zuteil«, wie Ruth Fischer in einem Memorandum an ihre Förderer in der AFL schrieb.24 Sie setzte diese Aktivitäten in der Nachfolgepublikation des Network fort, die von 1946 bis 1947 unter dem Titel The Russian State Party: Newsletter on Contemporary Communism herauskam, doch schon nach nur vier Nummern ihr Erscheinen wieder einstellte. Noch zur Jahreswende 1942/43 hatte Ruth Fischer ihren Bruder Hanns und dessen Frau Lou in Kalifornien besucht.25 Doch spätestens 1944 kam sie zu der Ansicht, dass ihre Brüder, vor allem Gerhart, einen Anteil an der stalinistischen Hetzkampagne gegen sie und Maslow gehabt hätten. Seit 1925 hatten Fischer und Gerhart Eisler in der KPD gegensätzliche politische Positionen vertreten. Eisler, obgleich als sogenannter »Versöhnler« zeitweilig im Konflikt mit der Thälmann-Führung, war ein wichtiger Funktionär in der KPD und der Komintern. Von 1929 bis 1931 war er als Komintern-Beauftragter in China und anschließend in den USA tätig gewesen. Im Spanischen Bürgerkrieg leitete er den Radiosender Deutscher Freiheitssender 29,8. 1939 wurde er für mehr als zwei Jahre in Frankreich interniert und kehrte 1941 in die USA zurück, wo er entscheidend an der Bildung des Council for a Democratic Germany beteiligt war.26 In New York hoffte Ruth Fischer auf eine Wiederannäherung ihrer beiden Standpunkte, was sich jedoch als unmöglich erwies. Am 27. April 1944 schrieb sie einen Brief an Gerhart, Hanns und Lou Eisler. Darin klagte sie ihre Verwandten an, diese hätten jede Einzelheit aus ihrem und Maslows Leben, die ihnen bekannt war, nach Moskau an die GPU berichtet. »Ich habe einen Augenblick geglaubt«, schrieb sie, »dass der russisch-deutsche Vertrag 1939–1941 Euch echt vom Apparat getrennt hätte. [...] Ich lebte einen Moment in der Illusion, dass Menschen, die so tief Einblick haben in die Brutalität dieses Herrschafts- und Unterdrückungssystems, nicht mehr zurückkehren könnten oder würden. Diese, meine unentschlossene, nicht ernsthaft zu Ende gedachte Haltung habe ich teuer bezahlt.« Jetzt aber würde sie bis zuletzt darum kämpfen, dass die stalinistischen Machenschaften in der Öffentlichkeit bekannt würden. »Ich organisiere mich gegen Euch und zwar gründlich. Dabei kann ich natürlich doch den kürzeren ziehen.« Dies sei vor allem an Gerharts Adresse gerichtet, »dessen Ausbildung in 15 Jahren Verrat« an seinen Genossen bestehe.27 Nunmehr griff Ruth Fischer ihren Bruder also als Schlüsselfigur im kommunistischen Netzwerk in den USA an, der unter dem Namen Hans Berger die diesbezüglichen Aktivitäten steuere.28 Sie bezeichnete ihn sogar als das »Haupt der deutschen Kommunisten in der westlichen Hemisphäre« sowie als »einen der Schlüsselagenten des kommunistischen Apparates hier und eine Schlüsselfigur der amerikanischen kommunistischen Partei«.29 Zugleich informierte sie das OSS (Office for Strategic Services), den Vorgänger der CIA, über den Council for a Democratic Germany.30 Aufgrund ihrer Informationen fertigte das OSS einen Bericht zu politischen Aktivitäten ausländischer Organisationen in den USA an und hielt darin ausdrücklich fest, dass »Antistalinisten, unter denen Ruth Fischer die wichtigste ist«, die besten Informanten seien. Weiterhin warnte er vor kommunistischer Agitation unter deutschen Kriegsgefangenen in den USA.31 Am 17. November 1944 schrieb FBI-Direktor J. Edgar Hoover dem Botschaftsattaché in Lissabon, dass Gerhart Eisler ein »Komintern-Agent« sei. Eislers Frau Brunhilde könne »gleichfalls eine Reihe kommunistischer Aktivitäten nachgewiesen werden«.32 Doch diese blieben während des amerikanisch-sowjetischen Bündnisses gegen Hitler ohne Folgen für die Betroffenen. Mit Beginn des Kalten Krieges änderte sich jedoch das politische Klima in den USA drastisch. Ende 1946 belebte das US-Repräsentantenhaus das bereits 1938 gegründete Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit (House Un-American Activities Committee, HUAC), das zunächst zur treibenden Kraft des Antikommunismus wurde. Das Komitee begann seine Nachkriegsarbeit mit jener Untersuchung, die als »Eisler-Fischer-Affäre« alsbald Gegenstand eines breiten Medieninteresses wurde. Ab Februar 1950 übernahm der mit dem Namen Joseph McCarthys verbundene Untersuchungsausschuss des Senats diese Rolle.33 Am 24. Januar 1947 wurde Ruth Fischer in ihrer New Yorker Wohnung von einem Spezialagenten des FBI befragt. Sie informierte ihn umfassend über Gerhart Eislers Rolle in der KPD und der Komintern sowie über seinen politischen Werdegang.34 Zur gleichen Zeit bezeichnete auch der andere »Kronzeuge« dieser Kampagne, Louis Budenz, ein früherer Chefredakteur des KP-Organs Daily Worker, Gerhart Eisler als »Moskaus Kommunist[en] Nummer Eins« in den Vereinigten Staaten.35 Unter dem Vorwand, er habe bei seiner Einwanderung falsche Angaben zur Person gemacht, wurde Eisler am 4. Februar 1947 in New York festgenommen. Zwei Tage darauf wurde er zur Anhörung vor das HUAC geladen. Dessen Vorsitzender J. Parnell Thomas erklärte, das Komitee sehe »die Kommunistische Partei der Vereinigten Staaten als eine subversive Organisation, und die Untersuchung des Denkens und des Handelns jeder einzelnen Person«, die mit dieser Partei in Verbindung stehe, »liege in der Vollmacht dieses Komitees«. Eisler erklärte, er sehe sich als politischer Gefangener der USA. Er lehne es ab, sich vereidigen zu lassen, solange es ihm nicht erlaubt sei, einige Bemerkungen in eigener Sache zu machen. Das Komitee wies dies zurück und beantragte, Eisler wegen »Missachtung« zu belangen. Er wurde dem Bezirksgericht der US-Hauptstadt Washington überstellt.36 Unmittelbar nach Eislers Anhörung trat Ruth Fischer in den Zeugenstand.37 Sie wurde zur entscheidenden Belastungszeugin gegen ihren Bruder, den sie als »Haupt der Komintern-Aktivitäten in diesem Land« bezeichnete, »oder, um es besser auszudrücken, als das Haupt eines Agentennetzwerkes der russischen geheimen Staatspolizei«.38 Robert Stripling, der Vorsitzende des Hauptausschusses des Komitees, forderte Ruth Fischer auf, wichtige Stationen ihrer Biografie darzulegen und insbesondere die Frage zu beantworten, wie sie und ihr Bruder zur kommunistischen Bewegung gekommen waren. Sie erklärte: »Ich war ein Gründungsmitglied der österreichischen kommunistischen Partei, und als mein Bruder aus dem Krieg zurückkam, trat er ihr – wir waren beide sehr jung – auf mein Drängen hin bei. In Berlin, wo ich mich in der kommunistischen Organisation sehr aktiv betätigte, wurde Gerhart rasch zum Organisator und Propagandisten in der KPD. Zu dieser Zeit war unsere Beziehung sehr gut, nicht nur wegen der gemeinsamen familiären Herkunft – wir sind fast gleichaltrig und zusammen aufgewachsen –, sondern auch, weil wir die gleichen politischen Anschauungen vertraten. Diese politische und persönliche Freundschaft dauerte bis zum Jahre 1923, dem Jahr der Ruhrbesetzung durch die französische Armee, als wir eine schwere Auseinandersetzung wegen der Politik der kommunistischen Partei hatten. Von diesem Moment an war unsere politische Beziehung zerbrochen, und im Jahre 1926 wurde ich aus der KPD wegen meiner Opposition gegenüber Stalin, der Komintern und dem Politbüro ausgeschlossen. Meine Beziehung zu Gerhart wurde zunehmend feindlicher und erreichte den Punkt, an dem ich mich gezwungen sehe, gegen ihn auszusagen, da ich ihn als einen der gefährlichsten Terroristen sowohl gegenüber dem amerikanischen wie dem deutschen Volk ansehe. Er möchte nach Deutschland zurückkehren, das er vorgibt, so sehr zu lieben.«39 Nach Aussage seiner Schwester war Gerhart Eisler für die Festlegung der jeweiligen taktischen Linie der amerikanischen KP hauptverantwortlich, sowohl bei den kommunistischen Angriffen auf Präsident Roosevelt, der als »Faschist« gebrandmarkt worden war, als auch bei der Wendung hin zur Volksfront-Politik, zur »Einheitsfront mit all jenen Elementen, die mit Russland und den Kommunisten gemeinsam kämpfen wollten«.40 Sie fuhr fort: »Die russische Staatspartei mag zu bestimmten Zeiten die kommunistischen Aktivitäten zügeln und sie zu anderen Zeiten befördern. Das macht die Sache für den Außenstehenden so schwer durchschaubar, aber es gibt dabei immer den einen springenden Punkt, den des russischen Staatsinteresses, und alle kommunistischen Organisationen stehen unter Kontrolle des kommunistischen Staates. Wenn das Politbüro aus dem einen oder anderen Grund die Aktivitäten ganz oder teilweise stoppen will, dann werden diese gezügelt oder gestoppt und später wieder aufgenommen. Aber die gesamte Organisation ist ein Geheimbund, der mit dem System der Geheimpolizei verbunden ist, die in jedem Fall die Befehle erteilt.«41 Ruth Fischer ging so weit, ihren Bruder zu bezichtigen, er habe bei der Ermordung von Nikolaj Bucharin und Hugo Eberlein »seine Hand im Spiel« gehabt, ebenso wie bei der Auslieferung deutscher Kommunisten von Stalin an Hitler im Gefolge des deutsch-sowjetischen Paktes von 1939.42 Eisler wies dies zurück. Er betonte, er sei zum Zeitpunkt von Maslows Tod noch in einem französischen Konzentrationslager gefangen gehalten worden, obwohl er sich damals tatsächlich bereits in den USA befand.43 Nach seiner Ankunft in New York am 13. Juni 1941 war er zunächst in Ellis Island interniert, im September jedoch wieder entlassen worden.44 Richard Nixon, einer der Mitglieder des Ausschusses, fragte Fischer, inwieweit sie noch immer »Sympathie mit der marxistischen Philosophie und mit den Zielen [hat], die der Kommunismus zu vertreten vorgibt«, und nur Stalins Methoden ablehne. Sie antwortete: »Was wir zu diesem Zeitpunkt sehen, ist ein Stalin’sches Weltreich, das sich anschickt, in vielen Ländern Fuß zu fassen. Wir müssen dessen terroristische Methoden bekämpfen und alles in unserer Macht Stehende tun, um diese Bewegung zu stoppen.«45 Fischer betonte, dass die Beziehung zu ihrem Bruder Hanns ebenso feindlich sei und dass es »einige Tausend« Kommunisten in den USA gäbe, die von Moskau kontrolliert würden.46 Am 16. Juni 1947 bekräftigte sie vor dem Washingtoner Bezirksgericht ihre Aussage, wonach ihr Bruder in die USA geschickt worden sei, um hier die »idiotische kommunistische Parteilinie [...] aufzupolieren«.47 Sie bezeichnete ihn erneut als »gefährlichsten Terroristen« und als »perfekten Terroristentypen«.48 Zwei ehemalige Mitglieder der KP der USA erklärten darüber hinaus, Eisler habe die Kommunisten aufgefordert, für eine »unabhängige Negerrepublik« zu kämpfen.49 Als »Mann aus Moskau« habe »er in einer Welt gelebt, in der Ehre, Freundschaft, sogar die Familie nichts bedeutete«.50 Im September 1947 wurde Hanns Eisler vom HUAC vernommen. Der Zweck der Befragung war der gleiche wie bei seinem Bruder: Es ging allgemein um den versuchten Nachweis kommunistischer Betätigung und speziell um eine Mitgliedschaft in der KPD sowie die Zusammenarbeit mit kommunistischen Organisationen in der Sowjetunion und in den USA.51 Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht hatte auch dieser am 30. Oktober 1947 vor dem Komitee zu erscheinen.52 Bereits im April 1944 hatte Ruth Fischer ihren einstigen Freund Brecht als »Minnesänger der GPU« angegriffen. Sie bezeichnete Brechts Stück Die Maßnahme, das dieser 1931 in enger Zusammenarbeit mit Hanns Eisler verfasst hatte, als eine literarische Vorwegnahme der Stalin’schen Schauprozesse.53 Ihr Urteil über Brechts Maßnahme spielte eine wesentliche Rolle während seiner Anhörung vor dem HUAC, als Stripling verschiedene Passagen des Stückes verlas, um seinen Autor des Kommunismus zu bezichtigen.54 Gerhart Eisler wurde zu einer Haftstrafe von ein bis drei Jahren verurteilt, aber schon bald gegen Kaution freigelassen. Einer drohenden erneuten Verhaftung entzog er sich im Mai 1949 durch die Flucht mit einem nach England auslaufenden polnischen Frachter. Von England aus ging er dann nach Ost-Berlin. Seine Frau Hilde wurde dagegen in den USA verhaftet, interniert und später abgeschoben. Sie folgte ihrem Mann nach Ostdeutschland. Auch Brecht ging nach Ost-Berlin und entfaltete dort die bekannte kulturelle und kulturpolitische Wirksamkeit. Am 10. Mai 1949 sagte Ruth Fischer vor einer Abteilung des Rechtsauschusses des US-Senats aus, dem Unterausschuss für Fragen der Einwanderung und Einbürgerung. Vorsitzender dieses Unterausschusses war der offen faschistische Sympathien bekundende Senator Patrick McCarran. Einst ein Linker, hatte er sich zum vehementen Verteidiger von Diktatoren entwickelt, die wie Franco die demokratischen Freiheiten in ihren Ländern gewaltsam beseitigt hatten.55 Fischer warnte den Unterausschuss davor, die kleine KP der USA zu unterschätzen. Die Partei sei nichts als ein Werkzeug der sowjetischen Botschaft. Einige Tausend Menschen, grundsätzlich alle amerikanische Kommunisten, würden für Sabotageakte trainiert. Mithilfe amerikanischer Mitläufer Stalins hätten Tausende ausländische Kommunisten in die USA einwandern können und dort lukrative Jobs gefunden. Hingegen sei es vielen früheren Kommunisten verwehrt, das Land auch nur besuchsweise zu betreten. Fischer schlug »eine enge Zusammenarbeit« offizieller amerikanischer Stellen mit denen vor, »die aus ihrer persönlichen Erfahrung gelernt haben, dass der Stalinismus die reaktionärste Kraft in der Welt ist und die diesen bekämpfen wollen«. Keine Anstrengung sei zu scheuen, um »die hiesigen Agenten einer fremden Macht am Betreten der USA zu hindern oder, falls sie schon hier sind, sie zu deportieren«. Ehemalige Kommunisten, die »ein und für allemal« mit ihrer früheren Überzeugung gebrochen hätten, sollten hingegen jederzeit in das Land einreisen dürfen.56 Ruth Fischer war nicht zu stoppen: Zu jenen Personen, so erklärte sie weiter, die ihr amerikanisches Visum zur kommunistischen Unterwanderung der Gesellschaft missbraucht hätten, gehörten Marie-Claude Vaillant-Couturier, die Generalsekretärin der kommunistisch gesteuerten Internationalen Frauenföderation, die Physikerin Irène Joliot-Curie und Hermann Budzislawski, inzwischen Professor in Leipzig. Weiterhin seien Heinrich und Thomas Mann geradezu »Heilige innerhalb der kommunistischen Familie«. Erika Mann sei, »ich muss es so sagen, eine Agentin«, Alfred Kantorowicz sei offiziell ein »Verbindungsoffizier« der Interbrigaden, in Wahrheit jedoch ein GPU-Agent in Spanien gewesen.57 Ruth Fischer nannte immer weitere Namen. McCarran lobte sie: »Wir sind Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie vor dem Komitee ausgesagt haben.«58 Es war jener McCarran, der die als Internal Security Act bekannte Verordnung initiierte, die im September 1950 vom US-Kongress, der Präsident Trumans Veto überstimmen konnte, verabschiedet wurde. Obgleich Jahre später Teile der Verordnung als verfassungswidrig galten, gab sie die Handhabe zur Überwachung von Millionen Amerikanern, gleich ob diese von Regierungsstellen beschäftigt wurden oder nicht. Sie wurden systematischen »Loyalitätsprüfungen« unterworfen und mussten nicht nur über ihre politische Einstellung, sondern auch über ihr Privatleben bis hin zu ihrer Kindheit Auskunft geben. Ruth Fischers Beitrag zu dieser unheilvollen Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Sie wurde in der amerikanischen Presse – oft reißerisch – als »die frühere Rote« dargestellt, die »Bescheid weiß«.59 Sie habe entscheidend dazu beigetragen, ihren Bruder als Schlüsselfigur des groß angelegten kommunistischen Komplotts zu entlarven. Mit der Nennung vieler Namen habe sie im Kampf gegen Moskau wichtige Hilfe geleistet, hieß es in zahlreichen Presseberichten, die seit Februar 1947 erschienen.60 Zum Hintergrund dieser Geschehnisse gehörte natürlich der Vormarsch des internationalen Kommunismus an so vielen Fronten. Die Spaltung Deutschlands, die kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei, der erste sowjetische Atombombentest und der Sieg der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg waren Marksteine der politischen Entwicklung, und überall mussten die USA Niederlagen einstecken. Die deshalb weiter wachsende Furcht vor Kommunisten verleitete einige der politischen Meinungsführer der USA dazu, Stärke und Wirkungsgrad der Kommunisten innerhalb der USA grotesk zu überschätzen. Dennoch, die Furcht vor einer »fünften Kolonne« der Sowjetunion in den USA, so sehr sie übertrieben wurde, war nicht ganz grundlos, wie neuere Studien zu sowjetischen Geheimdienstaktivitäten in den USA gezeigt haben. Allerdings machten die Ergebnisse des Venona-Projektes auch deutlich, dass Gerhart Eisler kein sowjetischer Geheimdienstagent war, sondern das, was schon zeitgenössische FBI-Beobachter festgestellt hatten: ein Agent der Komintern. Zwar hatte sich auch die Komintern, wo immer es ihr nötig schien, einer konspirativen Arbeitsweise bedient, doch war Eislers Wirkungsgrad mit der Auflösung der Organisation 1943 deutlich eingegrenzt worden. Bereits am 29. Mai 1944 wurde in einer Denkschrift des FBI festgehalten, dass Eisler »selbst nicht mit der GPU in Verbindung steht, da er dafür zu gebildet ist«.61 Inzwischen hatte Ruth Fischer ihr Buch Stalin and German Communism fertiggestellt. Es erschien 1948 bei der Harvard University Press und zwei Jahre später im Verlag der Frankfurter Hefte in der Übersetzung von Heinz Langerhans. Das Buch behandelt die wechselvolle Geschichte der KPD und speziell ihr Verhältnis zur Sowjetunion in der Zeit der Weimarer Republik. Eine ausführliche Inhaltsangabe liegt jenseits des Anliegens dieses Aufsatzes, doch sei festgehalten, dass Fischer einige frühere politische Positionen – ohne diese explizit zu benennen – korrigierte. So schrieb sie, dass die »Katastrophe des deutschen Kommunismus im Jahre 1923 [...] einerseits der inneren Struktur der Sozialdemokratie und des Kommunismus in Deutschland zuzuschreiben [war], ihrer angeborenen Schwäche, der Unreife der Kommunistischen Partei und der Behäbigkeit der Sozialdemokratischen Partei, andererseits der Tatsache, dass die Übertragung der leninistischen Grundsätze auf ein hochindustrialisiertes westliches Land mehr enthalten musste als die Übersetzung einer Anzahl dogmatischer Formeln aus dem Russischen ins Deutsche«.62 Darüber hinaus widmete Ruth Fischer weite Passagen des Buches jener Entwicklung, die sie zu Recht als Stalinisierung der KPD bezeichnete, für die sie aber mit der Bolschewisierungs-Kampagne einst selbst eine wichtige Weichenstellung geliefert hatte. Sie legte detailliert dar, in welchem Maße die innerparteiliche Opposition nach ihrer Absetzung als KPD-Führerin unterdrückt wurde, scheute sich aber nicht, ihre sehr persönlich gefärbten Vorwürfe beispielsweise gegen Bertolt Brecht zu wiederholen. Stalins Apparat-Leute hätten schließlich jene Partei zerstört, die sie, Ruth Fischer, einst »mitaufgebaut hatte«.63 Die Reaktionen auf das Buch waren unterschiedlich. Während George Orwell es als antistalinistisches Meisterwerk pries,64 äußerten sich die Rezensenten teilweise kritischer. Ein Kritiker lobte Fischers »beeindruckende Selbstdisziplin und Objektivität«.65 Hingegen schrieb Time, dass sie wie viele Ex-Kommunisten »dazu neigt, Lenin zu verherrlichen und alle Schuld auf Stalin abzuladen«.66 Philip Mosely betonte, dass laut Fischer eine sowjetische Einmischung in Angelegenheiten der deutschen Partei »stets dann gerechtfertigt war, wenn diese zugunsten ihrer Politik erfolgte«.67 Für E. H. Carr war ihre Arbeitsweise als Historikerin ebenso von Ressentiments bestimmt wie einst ihre Politik.68 Die Ereignisse seien, so William Harvey Maehl, in dem gleichzeitig publizierten Buch Ossip Flechtheims über Die KPD in der Weimarer Republik weit zuverlässiger dargestellt.69 Das Buch wurde nicht nur zum oft zitierten Referenztext im Kalten Krieg, sondern sicherte auch die materielle Existenz seiner Autorin, die seit 1947 Staatsbürgerin der USA war. Die Widener Library der Harvard University stellte sie als Dokumentalistin für europäische Literatur zur Arbeiterbewegung und Kommunismusforschung an, und auch als sie 1955 ihren Wohnsitz nach Paris verlegte, blieb sie der Bibliothek verbunden, nun als auswärtige Mitarbeiterin. Eine umfangreiche Vortragstätigkeit, vor allem bei der SPD und dem DGB, trug daneben zur Aufbesserung ihres Gehaltes bei. Mit ihrem Buch und noch mehr mit ihren publikumswirksamen Auftritten schien Ruth Fischer einen Teil ihrer Ressentiments begraben zu haben. Jedenfalls wurde der Ton ihrer publizistischen Beiträge allmählich sachlicher. Der Kommunismus müsse nicht auf den Stalinismus beschränkt bleiben, und es sei abzuwarten, in welche Richtung die Entwicklung in Jugoslawien verlaufe.70 Dabei blieb Fischer auch praktisch-politisch aktiv: 1949 gehörte sie zu den Initiatoren des Kongresses für kulturelle Freiheit, nahm jedoch, wohl wegen der Nähe zum sowjetischen Herrschaftsbereich, nicht an dessen Gründungsveranstaltung 1950 in West-Berlin teil.71 Eine wichtige, auch von ihren Freunden so kaum erwartete nochmalige politische Wende vollzog sie jedoch nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956. Die letzte Wendung Im Jahre 1954 beantragte Ruth Fischer bei der Bundesregierung eine finanzielle Kompensation für die durch die Nazis erlittene Verfolgung. Dies wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, die Antragstellerin habe in der Weimarer Republik alles getan, um »die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes [zu] bekämpfen«. Sie sei daher von jeder finanziellen »Wiedergutmachung« ausgeschlossen.72 Diese Entscheidung trug angesichts der Tatsache, dass ehemalige Nazibeamte teilweise hohe Pensionen bezogen, sicher dazu bei, dass Ruth Fischer davon Abstand nahm, in der Bundesrepublik ihren Wohnsitz zu nehmen. Auch Österreich schied aus, da es teilweise noch von sowjetischen Truppen besetzt war. Erst 1957, zwei Jahre nach Abschluss des Staatsvertrages und dem Abzug der Sowjetarmee aus Wien, kehrte Ruth Fischer besuchsweise in die Stadt ihrer Jugend zurück. Ihre verständliche Furcht, sich in die Nähe sowjetischer Macht zu begeben, hinderte sie nicht an einer politischen Neubewertung der UdSSR nach Chruščëvs »Geheimrede« auf dem XX. KPdSU-Parteitag. Dies zeigte sich in ihrem Buch Von Lenin zu Mao. Kommunismus in der Bandung-Ära, das Ende 1956 herauskam, wie auch in der zwei Jahre später erschienenen Dokumentation über Die Umformung der Sowjetgesellschaft, die Buchausgabe ihrer in den Frankfurter Heften in acht Folgen publizierten »Chronik der Entstalinisierung«. Eine Biografie ihres Lebenspartners Maslow blieb unvollendet. Voller Zuversicht meinte Ruth Fischer, der XX. Parteitag leite »eine neue Phase, die Phase der Umformung der Parteidiktatur in ein System der Partei- und Sowjetdemokratie, ein«. Ungeachtet aller Schwierigkeiten, diesen Reformkurs beizubehalten, sei »eine Rückkehr zum Stalinismus nicht mehr möglich«.73 Sogar die sowjetische Intervention in Ungarn sei nur ein zeitweiliger Rückschlag in diesem Reformprozess.74 Von dieser optimistischen Bewertung ausgehend entwarf sie ein detail- und facettenreiches Bild der kommunistischen Bewegungen in Europa und Asien. Sie stellte dem Buch Von Lenin zu Mao eine Sequenz aus Bertolt Brechts Bei Durchsicht meiner ersten Stücke voran und zitierte ihn mit den Zeilen: »Die Geschichte macht vielleicht einen reinen Tisch, aber sie scheut den leeren.« Doch war Ruth Fischer selbst auch nur halbherzig bereit, reinen Tisch zu machen: Ihre Aussagen zur Politik der Sowjetunion waren in der Tat von einem neuen Geist geprägt. Lenin wurde als qualitativ verschieden von Stalin geschildert, doch nicht als unfehlbarer Führer. Jedoch vermissten informierte Leser – wie auch schon in Fischers vorherigem Buch – jede selbstkritische Reflexion über eigene Versäumnisse und Fehlurteile der Vergangenheit. Dies lässt sich an ihrer Bewertung der Rolle Senator McCarthys belegen. Der McCarthyismus, so schrieb sie, stelle »eine eigentümliche amerikanische Abart des Stalinismus dar, indem er genau wie sein großes Vorbild zunächst einen Hauptschuldigen fixiert, den ›Kommunisten‹, der im selben Atemzuge als ›der Spion einer ausländischen Macht‹ definiert wird. Es gab keine anderen Kommunisten als Spione und kaum andere Spione als Kommunisten. In derselben Weise verfuhr Stalin bekanntlich mit Trotzkij und den Trotzkisten.«75 Ruth Fischer hatte natürlich Recht, wenn sie schrieb, dass »in Amerika die Verfolgungswelle niemals diese terroristische Rasanz« erreichte wie unter Stalin. Doch ihre Ansicht, dass den Opfern des McCarthyismus »im allgemeinen nichts Schlimmeres zu[stieß], als aus Staats- oder Universitätsfunktionen entfernt zu werden«, war eine Beschönigung der Situation.76 Die antikommunistische Hysterie der frühen Fünfzigerjahre trug bittere Früchte, deren Langzeitwirkung nicht übersehen werden darf. Über die systematische und massenhafte Zerstörung beruflicher Existenzen hinaus – nicht nur im Staats- oder Universitätsbereich – bewirkte der McCarthyismus, auch nachdem sein Protagonist politisch entmachtet worden war, ein noch lange spürbares Klima der Angst und des Duckmäusertums.77 Ruth Fischers Anteil an der Frühphase der antikommunistischen Kampagne kann schwerlich übersehen werden, auch wenn sie diesen Anteil später dem historischen Vergessen überantworten wollte. Entgegen ihren späteren Beteuerungen war Ruth Fischer am Ende der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts nicht nur eine Antistalinistin, sondern eine aktive Antikommunistin.78 Bekanntlich deckt der Antikommunismus ein weites Feld politischer Grundhaltungen ab und kann sich jeweils in spezifischer Weise gegen den Kommunismus als Ideologie, Bewegung und Herrschaftsform richten oder seine sozialutopische Dimension verwerfen. Oftmals aber spielen Antikommunisten die Vielgestaltigkeit und inneren Widersprüche kommunistischer Theorie und Praxis, vor allem innerkommunistischer Opposition gegen kommunistische Diktaturen, herunter. Indem Ruth Fischer mit ihren Aussagen vor dem HUAC, dem Washingtoner Bezirksgericht und dem Rechtsausschuss des Senates die kommunistische Bewegung als bloße von Moskau gesteuerte Verschwörung zeichnete, machte sie sich zur Sprecherin einer undifferenzierten, liberal-demokratische Werte infrage stellenden Variante des Antikommunismus. In ihrem Buch über Stalin und den deutschen Kommunismus beschrieb sie zwar die Existenz verschiedener Fraktionen innerhalb der KPD, die auch unterschiedliche ethisch-moralische Ansprüche und Zielvorstellungen hatten, doch sprach sie nur den Anschauungen, die sie – retrospektiv – sich selbst zubilligte, ein moralisch positives Werturteil zu. Den Sieg Stalins, Thälmanns und ihrer Parteigänger erklärte sie teilweise korrekt mit den inneren Widersprüchen der KPD sowie der wachsenden Abhängigkeit der Partei von der Sowjetunion. Da sie sich selbst jedoch von jeder Verantwortung für die der Stalinisierung vorausgehende Bolschewisierung der KPD ausnahm, legte sie ihrer Leserschaft geradezu zwingend nahe, eine innerparteiliche Opposition gegen Stalin müsse in jene Haltung münden, die Ruth Fischer als militante Antikommunistin am Ende der Vierzigerjahre vertrat. Sie ersetzte die rationale Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, der eine engagierte Kritik beinhalten konnte, durch eine klassische Verschwörungstheorie. Dabei orientierte sie sich keineswegs an demokratischen Werten: Ihr Engagement für die amerikanische Gesellschaft bemaß sich nicht an der Verteidigung bürgerlicher Grundrechte, sondern nur daran, inwieweit diese Gesellschaft bereit war, Ruth Fischers Gesinnung Rechnung zu tragen. Von einem Antikommunismus, der auf sozialistischen oder liberalen Grundsätzen beruhte, war nichts zu spüren; vielmehr war sie zur Zusammenarbeit mit Kräften bereit, die in Teilen der damaligen Öffentlichkeit sowie später in der gesamten ernsthaften Forschung als rechtsradikal galten. Wie sich Ruth Fischer von dieser Besessenheit aber schließlich löste, zeigt eindrucksvoll die Korrespondenz mit ihrem Neffen, dem damals in Wien lebenden Maler Georg Eisler (1928–1998). Hanns Eislers Sohn hielt auch in der Zeit schwerster familiärer Konflikte den Kontakt mit ihr aufrecht. Ihm schrieb Ruth Fischer 1958 voller Hoffnung, dass sich die Sowjetunion »in guter Richtung hin« entwickele.79 Chruščëv habe »sich solche Mühe gegeben [...], die ›Friedenspartei‹ in Amerika anzusprechen«, meinte sie 1960, kurz nach dem Abschuss eines amerikanischen Spionageflugzeuges über der Sowjetunion.80 Wenig später berichtete sie von einem Angebot, über die Entstehung der KP Österreichs zu publizieren, das sie ablehnte, da es in einer »ganz blödsinnig antikommunistisch« orientierten Zeitschrift erscheinen sollte.81 Der Kontakt mit den Brüdern ließ sich nicht wieder herstellen, obgleich Ruth Fischer dies nun leidenschaftlich wünschte.82 Doch nicht nur Wolfgang Abendroth, der 1953 die »Sehr geehrte Frau Fischer« um Auskünfte bat, trug ihrer geänderten Einstellung Rechnung, als er 1960 einen Brief an die »Liebe Genossin Ruth Fischer« richtete.83 Nach vielen Wandlungen und Brüchen, nachdem ihr kommunistischer Erlösungsglaube sich als irrig und der Antikommunismus sich als fragwürdiges Gegengift erwiesen hatte, rang Ruth Fischer zuletzt um ein demokratisches Verständnis des Kommunismus. Diese Suche hätte in eine rationale, demokratische Variante kommunistischen Denkens einmünden können – eine Suche, die mit ihrem Tod am 13. März 1961 in Paris abbrach. 1 Isaac Deutscher an Heinrich Brandler, Brief vom 30. November 1956, in: Hermann Weber (Hg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949 bis 1967, Berlin 1981, S. 157. 2 Siehe Elfriede Friedländer: Sexualethik des Kommunismus. Eine prinzipielle Studie, Wien 1920. 3 Siehe Ronald Friedmann: Ulbrichts Rundfunkmann. Eine Gerhart-Eisler-Biographie, Berlin 2007, S. 18 f. 4 Siehe Hans Hautmann: Die Anfänge der linksradikalen Bewegung und der kommunistischen Partei Deutschösterreichs 1916–1919, Wien 1970, S. 60 f. 5 Zur Biografie Fischers und Maslows siehe Peter Lübbe (Hg.): Ruth Fischer-Arkadij Maslow: Abtrünnig wider Willen. Aus Reden und Manuskripten des Exils, München 1990, S. 1–48 (zit. als: Abtrünnig wider Willen); Sabine Hering/Kurt Schilde (Hg.): Kampfname Ruth Fischer. Wandlungen einer deutschen Kommunistin, Frankfurt a. M. 1995, S. 7–75. Wichtig sind Fischers »Autobiographical Notes« [1944],in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen, S. 442–477. Lübbes Dokumentation beruht hauptsächlich auf Ruth Fischers Nachlass in der Houghton Library, Harvard University, Cambridge, MA. (Im Folgenden wird die Sammlung (bMS Ger 204: Ruth Fischer Papers) als Ruth Fischer Papers zitiert.) 6 Siehe Fischers Reichstagsreden mit scharfer Kritik am Parlamentarismus und besonders an der SPD, z. T. abgedruckt in: Hering/Schilde: Kampfname Ruth Fischer (Anm. 5), S. 154–241. 7 So wandte sie sich gegen die nunmehr als »ultralinks« bezeichneten putschistischen Tendenzen innerhalb der KPD um Karl Korsch und Iwan Katz. Siehe Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, 4. Aufl. Frankfurt a. M. 1976, S. 205–211; Ben Fowkes: Communism in Germany under the Weimar Republic, New York 1984, S. 122–125; Klaus Kinner: Die Weimarer Zeit (= Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität, Bd. 1), Berlin 1999, S. 67–78. 8 Siehe Bericht über die Verhandlungen des X. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), abgehalten in Berlin vom 12. bis 17. Juli 1925, Berlin 1925, bes. S. 167–177. 9 Siehe Fischer: Autobiographical Notes, in: Lübbe: Abrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 460. 10 Der Offene Brief erschien am 20. September 1925 in der Roten Fahne und in anderen KPD-Zeitungen. 11 Siehe Rüdiger Zimmermann: Der Leninbund. Linke Kommunisten in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1978, bes. S. 107–117, 177–182. 12 Siehe Ruth Fischer/Franz Heimann: Deutsche Kinderfibel, Berlin 1933. Neudruck Düsseldorf 1986. 13 Über die wie in Berlin erschütternden sozialen Zustände, unter denen ein Großteil der Proletarierkinder in St. Denis leben musste, berichtet Fischer in ihren Autbiographical Notes, siehe in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 440–442. 14 Siehe The Houghton Library, Harvard University, bMS Russ 13.1, The Trotskii Collection: Briefwechsel Trotzki-Fischer, Nr. 1001–1015. 15 Siehe Prozessbericht über die Strafsache des trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums, Moskau 1936, S. 106–109. 16 Siehe Ruth Fischers Korrespondenz mit Heinrich Brandler und Franz Pfemfert in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 143–153. 17 Siehe New York Public Library, Manuscript and Archives Division, Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars, Akte Ruth Fischer: Institute of International Education, New York, Assistant Director, Brief an Ruth Fischer vom 23. November 1943. 18 Siehe Ruth Fischers Brief an Arkadij Gurland vom 24. Januar 1944, in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 157 f. und Gurlands kritische Bemerkungen vom 25. März 1944 in: Ruth Fischer Papers (Anm. 5), Mappe 138. 19 Ruth Fischer: Germany after Hitler, in: The Workmen’s Circle Call, Dezember 1944, S. 4 f. 20 Siehe Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 27. 21 Ruth Fischer: Memorandum on The Network (November 1944), in: ebd., S. 481. 22 Siehe The Network 1 (Mai 1944), H. 5, S. 3. 23 Siehe The Network, 2 (Dezember 1944), H. 11, S. 2. 24 Das Memorandum vom November 1945 ist abgedruckt in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 481–483. 25 Siehe Jürgen Schebera: Hanns Eisler. Eine Biographie in Texten, Bildern und Dokumenten, Mainz 1998, S. 198 f. 26 Zur Biografie Gerhart Eislers siehe Friedmann: Ulbrichts Rundfunkmann (Anm. 3). 27 Ruth Fischers Brief an Hanns, Gerhart und Lou Eisler ist abgedruckt in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 160 f. 28 Siehe The Network (Anm. 22), S. 7. 29 Frederick Woltman: Kremlin Agent in U.S. Identified, in: World Telegram vom 17. Oktober 1946. Dieser und zahlreiche weitere Zeitungsberichte befinden sich in der in Anm. 32 genannten FBI-Akte Gerhart Eislers, die auch die relevanten Informationen über seine Schwester enthält. 30 Siehe FOIA CIA Electronic Reading Room: Office of Strategic Services, Interoffice Memo, 6 May 1944: Ruth Fischer Comment on Council for a Democratic Germany, in: www.foia.cia.gov/browse_docs_full.asp, ges. am 29. Juni 2010. 31 Siehe Foreign Nationality Groups in the United States. Memorandum by the Foreign Nationalities Branch to the Director of Strategic Services, 12 May 1944, in: ebd. 32 Eine Kopie von Eislers FBI-Akte befindet sich jetzt in den Robert F. Wagner Labor Archives der Tamiment Library in New York. Siehe Collection FBI, Freedom of Information/Privacy Acts Releases, Series/Contents: Gerhart Eisler (im Folgenden: Gerhart Eisler FBI File), hier Box 1, Mappe 5: J. Edgar Hoover an D. A. Flinn, Lisbon, Portugal, Brief vom 17. November 1944. 33 Die offizielle Bezeichnung des Ausschusses lautete Subcommittee on the Investigation of Loyalty of State Department Employees [Unterausschuss zur Überprüfung der Staatstreue von Angestellten des Außenministeriums]. 34 Siehe den FBI-Bericht NY 100-12376 (Confidential) in: Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), Box. No. 2, Folder 5, Bl. 17. 35 Siehe Ex-Editor of Daily Worker Names Director of U.S. Reds, in: Washington Post vom 18. Oktober 1946; Louis F. Budenz: This is my Story, New York/London 1947, S. 241. 36 Eislers Befragung ist abgedruckt in: House Committee on Un-American Activities, 80th Congress, 1st Session, Washington, D.C. 1947. Sie ist z. T. wiederabgedruckt in: Eric Bentley (Hg.): Thirty Years of Treason: Excerpts from the Hearings before the House Committee on Un-American Activities, 1938–1968, New York 1971, hier S. 57–59. Seine Befragung durch das Washingtoner Bezirksgericht befindet sich in mehreren Kopien in Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), Box No. 3, verschiedene Folder. 37 Ihre Befragung ist dokumentiert in: House Committee (Anm. 36), S. 29–35 u. 46–55, und wiederabgedruckt in: Bentley (Hg.): Thirty Years (Anm. 36), S. 59–73 (daraus wird hier zitiert). 38 Ebd., S. 67. 39 Ebd., S. 61. 40 Ebd., S. 66. 41 Ebd., S. 70. 42 Ebd., S. 72. 43 Siehe Gerhart Eisler: My Side of the Story. The Statement the Newspapers Refused to Print, hg. vom Civil Rights Congress, New York 1947. 44 Siehe Friedmann: Ulbrichts Rundfunkmann (Anm. 3), S. 156 f. 45 Bentley (Hg.): Thirty Years (Anm. 36), S. 71. 46 Ebd., S. 73. 47 Ted Ayers: Sister Says Eisler Hit Party Line of U.S. Commies as »Idiotic«, in: Washington Times Herald vom 17. Juli 1947; Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), Box Nr. 2, Mappe 2. 48 Sister Testifies Again Today on Eisler Link to Communist Party, in: Washington Evening Star vom 17. Juli 1947; Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), Box Nr. 2, Mappe 2. 49 Ted Ayers: Eisler Plotted Negro Republic in South, Ex-Communists Testify, in: Washington Times Herald vom 18. Juli 1947; Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), Box Nr. 2, Mappe 2. 50 Communists: The Man from Moscow, in: Time vom 17. Februar 1947. 51 Siehe Bentley (Hg.): Thirty Years (Anm. 36), S. 73–109; Hanns Eisler Backs His Brother, in: Daily Worker vom 8. Februar 1947. 52 Siehe Bentley (Hg.): Thirty Years (Anm. 36), S. 207–225. 53 Ruth Fischer, Bert Brecht: Minstrel of the GPU, in: Politics (April 1944), S. 88 f. 54 Siehe Bentley (Hg.): Thirty Years (Anm. 36), S. 207–225 u. 959–976. Die Hanns Eisler und Bertolt Brecht überwachenden FBI-Agenten analysierten Die Maßnahme sorgfältig. Siehe ihre FBI-Akten, die z. T.. im Internet (FBI Electronic Reading Room) einzusehen sind. Siehe Hanns Eislers Akte: http://foia.fbi.gov/eisler/eisler1a.pdf, ges. am 29. Juni 2010, S. 25–74, sowie D. M. Ladd, Office Memorandum, 28. Februar 1947, in: http://foia.fbi.gov/eisler/eisler2a.pdf, ges. am 29. Juni 2010, S. 24–31, mit Informationen u. a. von Ruth Fischer. 55 Zu McCarran siehe Michael Ybarra: Washington Gone Crazy. Senator Pat McCarran and the Great American Communist Hunt, Hanover, NH 2004. 56 Communist Activities among Aliens and National Groups: Hearings before the Subcommittee on Immigration and Naturalization of the Committee on the Judiciary, U.S. Senate, 81st Session, Washington 1950, S. 33. 57 Ebd., S. 35. Doch unterhielt Erika Mann selbst Kontakte zum FBI. Siehe Alexander Stephan: Im Visier des FBI. Deutsche Exilschriftsteller in den Akten amerikanischer Geheimdienste, Berlin 1998, S. 109–121. 58 Communist Activities (Anm. 56), S. 40. 59 Communists: The Brain, in: Time vom 28. Oktober 1947. 60 I Started Gerhart on Red Road, Sister Says, in: Washington Times Herald vom 7. Februar 1947; Plot to Overthrow U.S. Government Is Charged to Eisler: Commie Agent Dangerous Terrorist, Sister Tells Un-American Committee, in: ebd., 17. Februar 1947. Zahlreiche weitere Beispiele finden sich in: Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32). 61 Gerhart Eisler FBI File (Anm. 32), hier Box No. 1, Mappe 1: Memorandum, Re: Gerhart Eisler alias Hans Berger, 29. Mai 1944. Das Standardwerk zur amerikanischen und britischen Gegenspionage gegen sowjetische Geheimdienstaktivitäten erwähnt Gerhart Eisler nur kurz im Zusammenhang mit seinem falschen Pass, den er zwischen 1935 und 1941 benutzt hatte. Siehe John Earl Haynes/Harvey Klehr: Venona. Decoding Soviet Espionage in America, New Haven/London 2000, S. 81. 62 Ruth Fischer: Stalin und der deutsche Kommunismus. Der Übergang zur Konterrevolution, Frankfurt a. M. [1950], S. 766. 63 Ebd., S. 625. 64 Siehe Orwells Brief an Ruth Fischer vom 21. April 1949, abgedruckt in: Lübbe: Abtrünnig wider Willen (Anm. 5), S. 256 f. 65 David Harris in: The American Historical Review 54 (1949), H. 3, S. 597 f. 66 Communists: Of all the Virtues ..., in: Time vom 27. September 1948. 67 Philip E. Mosely in: Political Science Quarterly 64 (1949), H. 1, S. 131. 68 E. H. Carr: Russian and German Communism, in: Soviet Studies 1 (1950), H. 4, S. 347. 69 William Harvey Maehl in: The Journal of Modern History 22 (1949), H. 1, S. 172. 70 Siehe ihre Beiträge: Tito contra Stalin: Gegenwartsprobleme der Komintern-Strategie, in: Der Monat 1 (1949), H. 7, S. 444–457; Tito und Trotzki: Der Unabhängigkeitskampf der kommunistischen Parteien, in: Der Monat 2 (1950), H. 16, S. 398–409. 71 Zu Ruth Fischers Anteil an der Vorbereitung der Gründung des Kongresses für kulturelle Freiheit siehe Peter Coleman: The Liberal Conspiracy. The Congress for Cultural Freedom and the Struggle for the Mind of Postwar Europe, New York/London 1989, S. 15 f.; Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongress für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998, S. 219–221; Frances Stonor Saunders: Wer die Zeche zahlt ... Die CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin 2001, S. 76 f. 72 Die Entscheidung des Bonner Innenministeriums ist abgedruckt in: Hering/Schilde: Kampfname Ruth Fischer (Anm. 5), S. 289–293, Zitat S. 291 f. 73 Ruth Fischer: Von Lenin zu Mao. Kommunismus in der Bandung-Ära, Düsseldorf 1956, S. 9. 74 Siehe ebd., S. 218. 75 Ebd., S. 85. 76 Ebd., S. 86. 77 Siehe u. a. David Caute: The Great Fear. The Anti-Communist Purge under Truman and Eisenhower, New York 1978; Ellen Schrecker: Many are the Crimes. McCarthyism in America, Princeton 1998. 78 Ihrem Sohn gegenüber betonte sie in den Fünfzigerjahren, sie habe sich auch in ihrer Kritik an Stalin »trotz allem noch als Kommunistin« gefühlt. Siehe das Interview mit Gerhard Friedländer, abgedruckt in: Hering/Schilde: Kampfname Ruth Fischer (Anm. 5), S. 77–89, Zitat S. 87. 79 Ruth Fischer Papers (Anm. 5), Mappe 1273, Bl. 5: Brief an Georg Eisler vom 23. April 1958. 80 Ebd., Bl. 17: Brief an Georg Eisler vom 24. Mai 1960. 81 Ebd., Bl. 20: Brief an Georg Eisler vom 28. Juli 1960. 82 Siehe ebd., Mappe 216, Bl. 4: Brief Georg Eislers an Ruth Fischer vom 8. April 1958. 83 Ebd., Mappe Nr. 2, Bl. 1 und 8: Briefe Wolfgang Abendroths an Ruth Fischer vom 22. März 1953 und vom 30. August 1960.

JHK 2011

Der Antikommunismus in Griechenland

Andreas Stergiou

1Die Geschichte der kommunistischen Bewegung prägte die neugriechische Epoche wie kein anderes politisches und historisches Phänomen im 20. Jahrhundert. Die Kommunistische Partei Griechenlands (Kommounistikó Kómma Elládas, KKE) durchlief eine ungewöhnliche Entwicklung. Binnen dreißig Jahren wandelte sie sich seit 1918 von einer Sekte zu einer Massenpartei, nur um danach wieder zu einer Sekte zu degenerieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel sie den Sachzwängen der machtpolitischen Rivalität des Kalten Krieges zum Opfer, als Griechenland in die westliche Einflusssphäre eingebunden wurde. Dementsprechend ereilte die Kommunisten das Schicksal des »inneren Feindes«, der zusätzlich die Hypothek eines für die Kommunisten verlorenen Bürgerkrieges zu tragen hatte. Dies drückte sich in einer gnadenlosen Verfolgung der Kommunisten und einer gesellschaftlichen Degradierung aller unter der Kategorie »links« zu subsumierenden Bürger aus, was zur Folge hatte, dass diejenigen, die im Verdacht standen, Kommunisten zu sein, bis in die Siebzigerjahre hinein unter einem Bannstrahl lagen, als hätten sie allein die Verantwortung für die griechische Nachkriegsmisere zu tragen. Dieser Vorwurf war allerdings in mancher Hinsicht berechtigt. Es ist das Anliegen dieses Aufsatzes aufzuzeigen, inwiefern die innerstaatliche Feinderklärung auf eine reale Bedrohung zurückging, und welche Formen der Antikommunismus in Griechenland im Laufe der Zeit annahm. Die Entstehung des Kommunismus und Antikommunismus in Griechenland Die Gründung der KKE geht auf das Jahr 1918 zurück (damals unter dem Parteinamen Sosialistiko Ergatiko Komma Elladas (EKE, Sozialistische Arbeiterpartei Griechenlands)). In den Zwanzigerjahren erfolgte die Bolschewisierung der Partei nach den notorischen Richtlinien der Komintern. Dass die Bolschewisierung mit der Ausrichtung der KKE an der Komintern-Politik bezüglich der Mazedonischen Frage einherging, wirkte sich sehr negativ auf die Weiterentwicklung der griechischen kommunistischen Bewegung aus. Denn unter dem Druck der Mazedonien-Politik der Komintern proklamierte die KKE die These der autonomen, unabhängigen Republik Mazedoniens und Thrakiens innerhalb einer Balkanföderation. Es handelte sich um jene bekannte Politik der Komintern in den Zwanzigerjahren, die sich mehr oder weniger mit den nationalen Bestrebungen Bulgariens identifizierte. Die bulgarischen Kommunisten, die sich mit Georgi Dimitrov an der Spitze der Komintern eine Schlüsselrolle innerhalb der Organisation gesichert hatten, zwangen die griechischen Kommunisten auf dem V. Weltkongress der Komintern im Juni 1924, sich ihren Forderungen zu beugen. Da aber der griechische Teil Mazedoniens aufgrund der Verträge, die das Erbe des Ersten Weltkriegs regelten und einen Bevölkerungsaustausch zwischen den Balkanländern herbeigeführt hatten, überwiegend griechisch besiedelt war, stieß die Parole »Autonomes Mazedonien« in der griechischen Öffentlichkeit auf völlige Ablehnung. Die KKE geriet in den Verdacht des nationalen Verrats. In der Folge entstand in weiten Kreisen der Bevölkerung, bestärkt durch die Propaganda der Regierung, ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber den Kommunisten.2 Das Misstrauen schlug in unverhohlene Aggression gegen die Kommunisten um, als die Regierung im Juli 1929 trotz mancher Kritik ein Gesetz verabschiedete, das mit der Bezeichnung Idionymo (sui generis-Gesetz) in die neugriechische Geschichte einging. Gemäß den Gesetzesverordnungen konnte nun sowohl jegliche Aufforderung zum gewaltsamen Umsturz als auch die Agitation für die Abtretung von Teilen Griechenlands unter Strafe gestellt werden. Außerdem enthielt das Gesetz einige Bestimmungen, die das offizielle staatliche Verhalten gegenüber den Kommunisten allmählich strukturell prägen sollten. Es sah die Auflösung von kommunistischen Vereinigungen und Vereinen vor und untersagte allen Beamten, Lehrern und Militärs die Mitgliedschaft in kommunistischen Organisationen. Es ist also kaum verwunderlich, dass die KKE zwar einen Anstieg der Mitgliederzahl und etliche Wahlerfolge von den Dreißigerjahren bis zum Zweiten Weltkrieg verzeichnen konnte, über den Status einer politischen Sekte jedoch in jener Zeit nicht hinauskam.3 Dazu trug natürlich auch die Diktatur von General Metaxas (1936 bis 1940) bei, im Zuge derer der Staat die Kommunisten wegen ihres Einflusses auf die Gewerkschaftsbewegung zu Sündenböcken für jegliches sozioökonomisches Übel machte und brutal verfolgte. Das faschistische Regime des Mussolini-Verehrers Metaxas konzipierte und oktroyierte eine militante, primitive, orthodox-fundamentalistische Ideologie. In Übereinstimmung mit der faschistischen Strategie, die eine Homogenisierung der griechischen Gesellschaft von oben vorsah, wurde das kommunistische ideologische Gedankengut als eine im Grunde antihellenistische und wegen ihres klassenkämpferischen theoretischen Ansatzes auch als eine nationsspaltende Ideologie verleumdet. Das Regime vom 4. August, als das die Metaxas-Diktatur in die griechische Geschichte eingegangen ist, wurde gefürchtet wegen seiner Repressionsmaßnahmen und seines Terrors gegen jede oppositionelle Stimme, worunter in erster Linie die Kommunisten zu leiden hatten. Um die Säuberung der Gesellschaft von Kommunisten zu erreichen, errichtete das Regime Konzentrationslager, in die Professoren, Studenten, Journalisten, Beamte und Gewerkschafter wegen »kommunistischer Aktivitäten« eingewiesen wurden. Doch das Regime begnügte sich nicht damit, die Kommunisten einfach einzusperren, sondern unterzog sie einem Umerziehungsprogramm, damit sie sich von ihrer Gesinnung lossagen würden – ein Verfahren, das an die finstersten Praktiken der Inquisition erinnerte. Alle – zuvor meist gefolterten – Inhaftierten wurden aufgefordert, eine schriftliche Reueerklärung zu unterzeichnen, in der sie den Kommunismus und die Kommunistische Partei verdammten und den Diktator Metaxas als den rechtsmäßigen Führer Griechenlands anerkannten. In der Folge veröffentlichte das Regime die Reueerklärungen, um die vermeintlichen Renegaten als Ex-Kommunisten zu brandmarken.4 Wie in vielen anderen europäischen Ländern veränderte die Okkupation durch Nazi-Deutschland, Italien und Bulgarien die politischen Verhältnisse zugunsten der Kommunisten in Griechenland. Da die überwiegende Mehrheit der langjährigen Politiker die Bereitschaft des Volkes zum Widerstand ignorierte, kollaborierte oder ins Exil ging, übernahmen die Kommunisten zusammen mit wenigen jungen Intellektuellen und einer Anzahl demokratisch-republikanisch gesinnter Offiziere diese Aufgabe. Dies geschah allerdings erst nach dem Angriff der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion im Jahre 1941. Die 1941 ins Leben gerufene politische Organisation Nationale Befreiungsfront (Elliniko Apeleftherotiko Metopo, EAM) und die 1942 aus Partisanen aufgestellte Griechische Volksbefreiungsarmee (Ethnikos Laikos Apeleftherotikos Stratos, ELAS) wurden organisatorisch und politisch-ideologisch auf der Basis der Nationalfront-Ideologie konzipiert, sodass alle patriotisch gesinnten Griechen ihnen beitreten konnten. Ihre Mitglieder rekrutierten sich aus allen Klassen und Schichten der Gesellschaft. Erwartungsgemäß entwickelte sich die EAM-ELAS so von 1941 bis 1944 zu einer Massenbewegung, die breite Teile der Bevölkerung umfasste (bis zum Ende der Okkupation etwa 1,5 von insgesamt 7,5 Millionen Griechen). Allein die Mitgliederzahl der KKE stieg während der Widerstandszeit auf über 200 000. Militärische Erfolge und eine radikale politische und soziale Reorganisation der Gesellschaft in den befreiten Gebieten verschafften der EAM eine große Popularität. Diese heterogene politische und militärische Kraft konnte sich jedoch nach der Befreiung des Landes auf keine einheitliche Haltung bezüglich der Staatsform verständigen. Eine Reihe von Faktoren und Ereignissen polarisierte die politische Szene und machte einen gewaltfreien Übergang zu einem stabilen Nachkriegsgriechenland zunichte. Sowohl die griechische Linke als auch die Rechte begaben sich freiwillig unter den Schutz jener fremden Mächte, die von einem Sieg der jeweiligen Seite profitieren würden. Die vorhandenen Gegensätze, geschürt von der traditionellen Schutzmacht Griechenlands, den Briten, schlugen schnell in tiefe Feindschaft um. Nach einer ersten militärischen Auseinandersetzung im Dezember/Januar 1944/45, in der die Briten massive militärische Kräfte zum Einsatz brachten, um die Schaffung eines Fait accompli zugunsten der Kommunisten zu vereiteln, während sich die Sowjets an das Prozent-Abkommen von 1944 zwischen Stalin und Churchill hielten,5 bereiteten sich alle Seiten auf einen Showdown in der Machtfrage vor. 6 Diese sollte in einem blutigen, drei Jahre währenden und verlustreichen Bürgerkrieg (1946 bis 1949) mit mehr als 150 000 Toten entschieden werden, der die Spaltung der griechischen Gesellschaft in Kommunisten und Nichtkommunisten zur Folge hatte. Erst nach einem »Säuberungsfeldzug« der Regierungstruppen vom Süden des Landes aus nach Norden, der im April 1948 begonnen hatte, wurden weite Teile des kommunistischen Heeres Ende August 1949 in der Schlacht im Grammos-Gebirge vernichtet. Die überlebenden Kämpfer der kommunistischen Guerilla-Armee und ihre Familien, insgesamt ungefähr 100 000 Menschen, suchten in Albanien und Bulgarien Zuflucht.7 Einige von ihnen gelangten auf ihrer Flüchtlingsodyssee in Länder, die tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt lagen. Die Stadt Taschkent, Hauptstadt der damaligen sowjetischen Republik Usbekistan in Zentralasien, wurde dabei zum Sammelbecken der angeschlagenen griechischen Kommunisten. Viele von ihnen sollten ihre Heimat nie wiedersehen. Am 9. Oktober 1949 beschloss das Zentralkomitee der KKE die vorübergehende Einstellung des Kampfes, der von nun an lediglich durch kleine Partisanengruppen als Druckmittel fortgesetzt werden sollte.8 Der Ausgang des Bürgerkriegs war jedoch längst entschieden. Im Zuge der Containment-Policy, die die Ausweitung der sowjetischen Machtsphäre verhindern sollte, hatten die USA den Ländern Europas und damit auch Griechenland und der Türkei im März bzw. Juni 1947 im Rahmen des Marshallplans und der Truman-Doktrin umfangreiche finanzielle und militärische Hilfe in Aussicht gestellt. Vor allem der Marshallplan, der als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht war, bildete ein wichtiges Instrument, um aus dem angeschlagenen Griechenland wieder einen lebensfähigen Staat zu machen. Die Rede war von alternativen Lebensweisen und der Bedrohung der legitimen politischen Ordnung durch Minderheiten sowie vom Kampf gegen Unterdrückung und den Entzug persönlicher Freiheiten.9 Seine Leistungen umfassten die Lieferung von Waren, insbesondere Lebensmitteln und Rohstoffen, aber auch die Vergabe von Krediten, die Weitergabe von Know-how und andere Maßnahmen. Bis Ende 1952 wurden dafür insgesamt etwa 14 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. Die Truman-Doktrin revolutionierte die US-Außenpolitik, indem sie den traditionellen amerikanischen Isolationismus in den Hintergrund treten ließ und die Vereinigten Staaten zum Kern des sogenannten westlichen Machtblocks machte. Die Entscheidung Washingtons, als Beschützer Griechenlands und der Türkei aufzutreten, prägte maßgeblich die Nachkriegsgeschichte beider Länder. Sie stellte die Weichen für die Modernisierung Griechenlands nach westlichem Vorbild und seine intensiven Beziehungen mit dem Westen in den folgenden Jahrzehnten. Obwohl die sogenannte Domino-Theorie erst viel später im Pentagon ausgearbeitet wurde, spielten damals ähnliche Sicherheitsüberlegungen bei der amerikanischen Griechenland-Politik eine herausragende Rolle. Daran ließ die Hilfe, die die griechischen Rebellen aus dem Norden, von Rückzugs- und Trainingsmöglichkeiten auf jugoslawischem Boden bis hin zu Waffenlieferungen und Operationsbasen jenseits der griechischen Grenze erhielten, keinen Zweifel.10 Diejenigen Länder des Balkans, die nicht den resoluten Schutz der USA genossen, gerieten nun erstmals in die sowjetische Einflusssphäre und erfuhren im Großen und Ganzen das gleiche Schicksal wie die übrigen kommunistischen Staaten Osteuropas. Die Traumata der Jahre zwischen 1941 und 1949 warfen einen permanenten Schatten auf die Entwicklung des Kommunismus in Griechenland. Sowohl während der Okkupation, der glorreichen Periode der griechischen Linken, als auch im Laufe des Bürgerkriegs, verübten die Kommunisten Taten, die ihrem Ruf in bestimmten Teilen der griechischen Gesellschaft massiv schadeten. Dabei machte es keinen Unterschied, dass diesen Verbrechen mehrmals ähnliche Aktionen seitens der Rechten vorausgingen bzw. davon begleitet wurden. So schalteten sie z. B. alle nicht-kommunistisch gesinnten Widerstandsorganisationen aus oder nahmen Tausende unschuldiger Menschen als Geiseln. Die teils gewaltsame Deportation, teils freiwillige Verbringung von Kindern in die Länder des Ostblocks trug ebenfalls nicht dazu bei, den Kommunisten Popularität zu verschaffen.11 Eine der heikelsten Fragen des Bürgerkriegs betraf die Hilfe, die die Ostblockstaaten den linken Partisanen zukommen ließen. Zu den Unterstützern zählten hauptsächlich Jugoslawien und Bulgarien aber auch Albanien und die DDR.12 Das Paktieren der griechischen Kommunisten mit ihren Genossen in den Nachbarländern brachte ihnen weit weniger militärischen Nutzen als politischen Schaden, denn viele Griechen erinnerte es daran, dass die slawischen Nachbarn immer wieder Ansprüche auf nordgriechische Gebiete erhoben hatten. Dies wiederum machte die griechischen Kommunisten bei den griechischen Patrioten zum Trojanischen Pferd der slawischen Aggressoren.13 Während des Bürgerkriegs stand die griechische Frage mehrmals auf der Tagesordnung der UNO. Zu Beginn war es die Sowjetunion, die eine Beschwerde hinsichtlich der Einmischung der Briten in die griechischen Angelegenheiten einlegte, später tat es ihr die griechische Regierung gleich, die die sozialistischen Länder der Rückendeckung der Partisanen bezichtigte. Alle betroffenen Länder wiesen die jeweils erhobenen Vorwürfe zurück und die Vollversammlung nahm den Bericht des UN-Sonderausschusses für den Balkan (United Nations Special Comitee on the Balkans, UNSCOB) an. Dieser Sonderausschuss war ein Jahr zuvor, am 21. Oktober 1947, aufgrund der Resolution 109 (II) von einer stark pro-westlichen Koalition in der UNO eingesetzt worden, um in den Streitigkeiten zwischen Griechenland und seinen Nachbarn zu vermitteln.14 Antikommunistische Ressentiments in der griechischen Bevölkerung verursachten eine weitere Aktion der Partisanen im Bürgerkrieg:15 In der Dezemberausgabe 1948 der Monatszeitschrift der Partisanenarmee wurde überraschend verkündet, dass die slawophonen Mazedonier nach einem Sieg auf eine staatliche Autonomie im Norden Griechenlands hoffen dürften. Dieses Wagnis, das im Einklang mit der Politik des Informationsbüros stand, zielte ebenfalls darauf, die Mobilisierung von Slawophonen zu forcieren und ihre Kampfmotivation zu steigern. Das kurz darauf folgende fünfte Plenum der KKE verdeutlichte diesen Kurs und unterstützte den Anspruch »des mazedonischen Volkes auf seine nationale Wiederherstellung«.16 Die Regierung in Athen verfügte daraufhin, fortan gegen jedes eingeschriebene Mitglied der KKE Anklage wegen Hochverrats zu erheben.17 Hilfe erhielt die griechische kommunistische Partei auch vom Kominform. Im Januar 1948 wurde innerhalb des Kominforms beschlossen, ein Sendezentrum zu errichten, das die geheime gegenseitige Verbindung zwischen allen an den Tagungen teilnehmenden kommunistischen Parteien und der Kommunistischen Partei Russlands sowie die Rundfunkpropaganda für die Staaten Westeuropas gewährleisten sollte. Aus demselben Grund wurde die in Moskau im Juli 1947 und damit noch vor dem Kominform gegründete Rundfunkstation »Freies Griechenland« Anfang 1949 nach Bukarest, ins Sendezentrum des Kominforms verlegt. Der Rundfunk erfüllte seine Funktion auch nach dem Ende des Bürgerkriegs. Seine Hauptaufgabe bestand nun darin, die Umstellung der KKE auf die neue illegale Taktik in Griechenland voranzutreiben.18 Dies bereitete zusammen mit anderen Handlungen der Kommunistischen Partei Griechenlands im Exil den Nährboden für das innerstaatliche Feindbild und den völligen Ausschluss der Kommunisten vom politischen und wirtschaftlichen Geschehen. Dazu gehörten Spionageaktivitäten gegen den griechischen Staat19 oder die illegale politische, propagandistische Arbeit der Kader, welche über die DDR und Frankreich nach Griechenland geschickt wurden.20 Die Institutionalisierung des Antikommunismus und die schwere Hypothek des Bürgerkriegs Das Ende des Bürgerkriegs im Herbst 1949 markierte in Griechenland den Anfang eines Prozesses, der politologisch als der Aufbau eines repressiven Staats gegen die Verlierer des Kriegs bezeichnet werden kann. Das politische Leben war völlig vergiftet. Die Jagd nicht nur auf die Kommunisten, sondern auch auf diejenigen Liberalen, die das Wort Demokratie ernst nahmen, wurde zur Staatsdoktrin erhoben. Auf dem Land beherrschten die nationalen Sicherheitsbrigaden (Tagmata Ethnikis Asfaleia), d. h. die aus dem Bürgerkrieg übrig gebliebenen bewaffneten Zivilmilizen, das Feld. Sie unterdrückten jede Opposition und indoktrinierten die bäuerliche Bevölkerung im Sinne eines primitiven Antikommunismus. In den Städten bildeten sich in Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden die sogenannten parastaatlichen Organisationen (parakratikes organosis), Terrorgruppen, die besonders bei Wahlkämpfen zum Einsatz kamen. Die Kommunisten und alle, die als Kommunisten oder »getarnte Kommunisten« (Kryptokommounistes) abgestempelt worden waren oder immer noch wurden, degradierte man zu Bürgern zweiter Klasse. Die Kommunistische Partei trug zur »Legitimierung« dieser Situation erheblich bei, konservierte sie doch die Bürgerkriegsatmosphäre vom Ausland aus, indem sie mit Parolen wie »Gewehr bei Fuß« willkommene propagandistische und ideologische Munition lieferte.21 Die Rückkehr der alten politischen Elite an die Macht wurde vom Versuch begleitet, den noch vorhandenen linken Einfluss in den Gewerkschaften und in den sozialen Brennpunkten einzudämmen. Dieses Gewaltmonopol wurde durch die willkürliche Umdeutung der Begriffe Nation und Demokratie legitimiert und rechtlich durch die administrative Verfolgung der »verdächtigen Bürger« institutionalisiert, bzw. durch die Einführung einer »Nebenverfassung«, die dem Machtmissbrauch gegen Andersdenkende Tür und Tor öffnete. Eine Reihe antikommunistischer Handlungsanweisungen nahm juristische Gestalt an: Mit dem Notgesetz 375 von 1952 wurde ein gesetzliches Arsenal ergänzt, das bereits während des Bürgerkriegs entwickelt worden war und ebenfalls den Dritten Beschluss von 1946 und das Notgesetz 509 vom Dezember 1947 beinhaltete. Aufgrund dieser drei Gesetze wurden alle kommunistischen oder kommunistisch gesinnten Organisationen für illegal erklärt, die von der offiziellen nationalen Rhetorik als »antinational« gebrandmarkte kommunistische Tätigkeit kriminalisiert und die Mitglieder der Kommunistischen Partei zu Spionen im Dienste der Volksdemokratien erklärt.22 Zur Legitimierung dieses demokratiewidrigen Vorgehens des Staates gegen den Kommunismus wurde ein neuer staatlicher Diskurs eingeführt, der zur Teilung der Gesellschaft in zwei Lager, Kommunisten und Patrioten, genutzt wurde. Hauptkomponente des neuen von den Justiz-, Bildungs- und Armeeinstitutionen vollständig kontrollierten politischen Diskurses stellte die nicht immer realitätsferne Theorie dar, der innere Feind, die Kommunisten, bereite sich auf eine neue Kriegsrunde vor, versuche die staatlichen Institutionen von Innen zu infiltrieren, um die Verteidigungspläne des griechischen Staates zu ergründen, sodass zum Zeitpunkt der nächsten Machtergreifung kein Widerstand geleistet werden könnte. Jeglicher Kunst- oder intellektuellen Ausdrucksform, die auf ein positives Bild des griechischen oder des Weltkommunismus hindeutete, wurde die Absicht unterstellt, die Naivität des Volkes mit falschen Versprechungen auszunutzen, es damit der Kommunistischen Partei als Anhänger zuzuführen und die Realisierung der umstürzlerischen Pläne der Kommunistischen Partei zu unterstützen.23 Zu den strukturellen Komponenten der offiziellen politischen Linie gehörte ein neu konzipierter Begriff, die sogenannte Ethnikophrosyni (die nationale Denkweise und die Hinwendung zur Nation). Anhänger des Kommunismus entzogen sich nach der nationalen Rhetorik von vornherein den von der Ethnikophrosyni abgeleiteten Tugenden, denn sie seien Handlanger der Sowjetunion und der benachbarten Volksdemokratien gewesen, eine Armee von Verschwörern, bereit, Teile des nationalen Bodens an diese Länder zu veräußern. Die nationalistische Rhetorik ging so weit, die griechische Variante des Kommunismus als einen ideologisch verkleideten Expansionismus der slawischen Nachbarländer zu deuten. Diesbezüglich spielte allerdings der Umstand, dass bulgarische Truppen im Zweiten Weltkrieg weite Teile Griechenlands besetzt hatten, eine wesentliche Rolle. Damit erreichten die Macht-eliten eine politisch gewollte Synonymisierung und Dämonisierung der Begriffe Slawentum, Bulgarentum und Kommunismus.24 Dienstausschüsse, die schnell zu einer Art Loyalitätsausschuss degenerierten, übernahmen die Umsetzung dieser ideologischen Prinzipien im öffentlichen Dienst, der von national verdächtigen Staatsdienern gesäubert wurde. Ad hoc erstellte Polizeiakten zu diesen Bürgern gewährleisteten den permanenten Ausschluss aus dem Staatsapparat und betraf auch deren Nachkommen und Verwandte.25 Die Effektivität des antikommunistischen Feldzugs garantierten drei signifikante Machtpole der griechischen Nachkriegsgesellschaft. Der erste war das Königshaus. Der griechische König war gemäß der Verfassung von 1952 mit weitreichenden legislativen und exekutiven Machtbefugnissen ausgestattet. Das Königshaus sah sich seit dem Bürgerkrieg dazu berufen, den inneren Feind bzw. die kommunistische Gefahr aufzuspüren und im Keim zu ersticken. Dabei misstraute es sämtlichen Maßnahmen, die den antikommunistischen Charakter des Regimes infrage stellten.26 Der zweite Machtfaktor war das sogenannte Parakratos, jener neben dem Staat existierende, mit ihm konkurrierende, aber auch mit ihm verfilzte Machtapparat, der im Untergrund die Verfolgung unerwünschter Personen jenseits der Legalität fortführte. Der dritte und vielleicht wichtigste Faktor aber war die US-Botschaft in Athen, die durch ihre Einmischung in die griechische Innenpolitik die Bindung Griechenlands an die »freie Welt« sicherte.27 Im Dreieck Hof-Regierung-Armee herrschte, unter der Ägide Washingtons, das sich 1953 in Griechenland durch ein Abkommen Militärstützpunkte sicherte, weitgehend Konsens. Selbst die amerikanische Botschaft verwendete den Terminus »Heilige Dreifaltigkeit«, um den eigentlichen Regulator des griechischen politischen Lebens präzise zu definieren. Diese Dreifaltigkeit bestand aus dem König, dem amerikanischen Botschafter und dem jeweiligen Politiker, der gestützt auf die Hilfe der anderen zwei an die Macht zu kommen versuchte.28 Die Entwicklung der griechischen Linken in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ist durch die Bildung von zwei Machtzentren gekennzeichnet: Im Exil, in Bukarest, residierte die Exilführung der KKE, die sich immer mehr von den politischen Entwicklungen in Griechenland entfremdete. Das zweite Machtzentrum befand sich in Griechenland und bestand aus den Kommunisten, die aus dem Untergrund heraus agierten. Sie fanden größtenteils politische Zuflucht in der Partei der Vereinigten Demokratischen Linken (Eniea Dimokratiki Aristera, EDA). Die EDA war ein von gemäßigten Sozialisten gegründetes lockeres Wahlbündnis, das sich rasch zu einer Sammelbewegung aller linken und progressiven Kräfte entwickelte. Die EDA, die ebenfalls Beziehungen zum Ostblock unterhielt, bildete ein Gegengewicht zur antikommunistischen Politik der Nachkriegsregierungen und zu allen Auswüchsen des Kalten Krieges wie dem Parakratos, wurde jedoch schnell zum Vehikel der Exilführung der KKE, die dadurch ihre illegale Aktivität in Griechenland allmählich zu legalisieren suchte.29 Dies wiederum sollte sich später als große Schwäche erweisen: Einerseits erhob die Exilführung dadurch ihren Hegemonieanspruch über die gesamte Organisation der EDA, andererseits konnte aber die antikommunistische Rhetorik der Regierung gegen die EDA aktiv werden. Angesichts des Umstands, dass die EDA eine Reaktion auf das ganze politische System der neugriechischen Gesellschaft war, bemühten sich die Staatsbehörden immer wieder, Anknüpfungspunkte zu finden, um die Verbindung der legalen EDA mit der verbotenen KKE zu entlarven.30 Dennoch erlebte die EDA einen rasanten Zuwachs an Mitgliedern und vor allem an Wählern. Bereits 1951, bei ihrer ersten Teilnahme an Wahlen, errang sie rund zehn Prozent der abgegebenen Stimmen und damit zehn Parlamentssitze. Bei den Wahlen von 1952 hielt sie zwar ihren Prozentanteil, erlangte jedoch wegen des Mehrheitswahlsystems keinen Sitz. 1956 gelang es der EDA politisch »salonfähig« zu werden, indem sie sich an einem Wahlbündnis der Opposition mit der Volkspartei und einigen Parteien des Zentrums beteiligte, wodurch sie 18 von 300 Parlamentssitzen errang. Die EDA hatte es fünf Jahre nach ihrer Gründung geschafft, ihre Isolierung zu durchbrechen und zu einer maßgeblichen politischen Kraft zu werden. Darüber hinaus vermochte diese linke Partei, die lediglich auf sieben Jahre politische Erfahrung zurückblicken konnte, 1958, kaum neun Jahre nach der Niederlage der Kommunisten im Bürgerkrieg, einen neuen Machtkampf in Griechenland zu eröffnen. Aus den Wahlen dieses Jahres ging die EDA aufgrund eines halbproportionalen Wahlsystems mit 25 Prozent der Stimmen und damit 79 Abgeordneten als stärkste Oppositionspartei Griechenlands hervor. Dieser Erfolg erschütterte das politische Establishment der damaligen Zeit, da eine kommunistische Übernahme der Macht in Griechenland diesmal auf demokratisch legitimierte Weise drohte. Der Königshof, die Armee, die griechische Regierung und die CIA wurden durch dieses Wahlergebnis in Alarmstimmung versetzt und fingen eifrig an, Pläne zur Eindämmung der kommunistischen Bedrohung zu schmieden. 31 Der Antikommunismus als außenpolitisches Druckmittel Die innerstaatliche Feinderklärung diente jedoch nicht nur der politischen Selbstbehauptung der bürgerlichen politischen Elite, sondern bestimmten außenpolitischen Zwecken, die wiederum mit der Bekämpfung des inneren Feindes assoziiert waren. Der mühsam errungene Sieg über die Kommunisten schützte Griechenland zwar vor einem totalitären Regime oder vor einer Abspaltung des griechischen Nordens vom griechischen Territorium, befreite das bürgerliche Lager aber nicht von den existenziellen Bedrohungsgefühlen vor einem sich anbahnenden Angriff der kommunistischen Nachbarstaaten, zumal die Exilregierung der KKE keine Gelegenheit ausließ, ihre Bereitschaft für einen neuerlichen Bürgerkrieg kundzutun. Aus diesem Grund kühlten sich die Beziehungen Griechenlands nach dem Zweiten Weltkrieg zu allen kommunistischen Staaten ab. Eine Ausnahme bildete das Moskau-abtrünnige Jugoslawien, mit dem es 1950 zu einer Wiederannäherung kam. Vor diesem Hintergrund konzentrierte sich die Sicherheits- und Außenpolitik Griechenlands auf ein einziges Ziel: einem westlichen Verteidigungsbündnis beizutreten, das die territoriale Integrität des Staates gewährleisten könnte. Alle Nachkriegsregierungen Griechenlands verfolgten fortan das ehrgeizige Unterfangen, sämtliche westlichen Staaten davon zu überzeugen, Griechenland im Rahmen der Ost-West-Konfrontation als den Vorposten der westlichen Zivilisation und Demokratie gegen die kommunistische Barbarei und Aggression zu betrachten.32 Griechische Diplomaten sowie der griechische Außenminister selbst absolvierten von 1948 bis 1951 mehrere Hundert offizielle und inoffizielle Besuche in den meisten europäischen Ländern, bei denen sie die militärische Verwundbarkeit des griechischen Staates gegenüber den kommunistischen Nachbarn aber auch der Sowjetunion versuchten zu veranschaulichen. Gemeinsam mit den anderen Ländern des sogenannten Northern Tier, d. h. insbesondere mit der Türkei, Pakistan und dem Iran, die, nach der Terminologie des Pentagons dem sowjetischen Expansionismus ausgesetzt waren, bemühten sie sich mit Nachdruck entweder Sicherheitsgarantien oder eine Verpflichtung seitens der anderen westlichen Staaten zu erreichen, Mitglieder eines Militärpaktes zu werden.33 Da nach dem Zweiten Weltkrieg etliche Militärbündnisse in Europa geschmiedet wurden, galt das Interesse Athens jedes Mal einem anderen Pakt, vorausgesetzt dieser hatte einen bipolaren Charakter und richtete sich gegen einen eventuellen Angriff der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten. Anfänglich strebte Athen einen Eintritt in die Westunion an. Da sich dies aber sehr schnell als illusorisch erwies, unternahm es den Versuch, die westeuropäischen und die Mittelmeerländer dazu zu bewegen, einen Mittelmeerpakt ins Leben zu rufen, der Griechenland einschloss. Nachdem auch dieser Versuch fehlgeschlagen war, wendete man sich in Athen verzweifelt den NATO-Gründungsmitgliedern zu mit dem Ziel, ihre Zustimmung für einen Beitritt Griechenlands in den Nordatlantischen Pakt zu erhalten.34 Doch weder ein westeuropäisches Land noch die Vereinigten Staaten waren gewillt, die amerikanische Militärhilfe und den für Westeuropa gedachten Verteidigungsschutz so weit nach Süden zu erweitern. Die Eingliederung Griechenlands sowie der Türkei barg ferner die Gefahr, dass die Sowjets diesen Akt als eine Provokation und einen Umkreisungsversuch des Westens gegen die Sowjetunion betrachten würden.35 In diesem Zusammenhang entfaltete sich in Griechenland, der Türkei und im Iran eine Strategie, die vorhandene kommunistische Bedrohung dem Westen gegenüber stärker deutlich zu machen. Aus den vorhandenen Archivalien lässt sich erkennen, dass sowohl die Regierung Griechenlands als auch der Türkei und des Iran in Teilen die real existierende kommunistische Bedrohung überbewerteten. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass sie davon überzeugt waren, dass dies der einzige Weg zur Erfüllung ihrer außenpolitischen Zwecke war.36 Mit der Zuspitzung des Kalten Krieges und infolge des militärischen Konflikts in Ostasien kehrten sich diese Verhältnisse um. Nun rückten in der amerikanischen Außenpolitik zusehends Sicherheitsüberlegungen in den Vordergrund, im Rahmen derer die geostrategische Position Griechenlands aufgewertet wurde. Die durch Moskau unterstützte Intervention Chinas in den Koreakrieg, weckte Befürchtungen im State Department, das Stalin im Falle einer angestrebten militärischen Konfrontation in Europa, wahrscheinlich im am wenigsten geschützten Balkanraum, eine zweite Front gegen die westliche Allianz eröffnen würde. Dann könnten die Griechen bestimmte Aufgaben innerhalb des Nordatlantikpaktes übernehmen. Dazu zählten vor allem die Verteidigung der Nordgrenze, die Wahrung des strategischen Zusammenhalts zwischen Italien, Griechenland und der Türkei, die Verhinderung einer Isolierung der ebenfalls von den Sowjets bedrohten Türkei sowie die Überwachung und Kontrolle des östlichen Mittelmeers. 37 Im Lichte dieser Entwicklungen erhielt die Frage des Beitritts Griechenlands und der Türkei zur NATO neue Dringlichkeit. Die Truman-Administration, die bislang keine konkreten Pläne für die sicherheitspolitische Konsolidierung des Northern Tier ausgearbeitet hatte, konzentrierte sich jetzt auf die Integration Griechenlands und der Türkei in das Sicherheitssystem Westeuropas.38 Trotz erheblichen Widerstands seitens der meisten westeuropäischen Länder gelang es den USA auf der Sitzung des Atlantikrates der NATO im Oktober 1951 in Ottawa, die Aufnahme Griechenlands und der Türkei in die Allianz durchzusetzen. Damit Dänemark, Norwegen, Island und Portugal der Aufnahme zustimmen konnten, wurde ihnen zugesichert, dass die Regelung, wonach der Angriff eines Feindes auf einen NATO-Staat automatisch den Kriegsfall für alle anderen auslösen sollte, im Falle Griechenlands und der Türkei einen aktiven Beistand bedeuten würde.39 Trotz des positiven Ausgangs dieser für das bürgerliche Lager existenziellen Frage, unterließ es die politische Elite des Landes nicht, den Westen auf die interne und externe kommunistische Bedrohung aufmerksam zu machen, um sich in erster Linie noch mehr Hilfe und weitere Zugeständnisse von den NATO-Partnern zu sichern.40 Darüber hinaus zielte dieses Vorgehen darauf ab, die militärischen US-Missionen in Griechenland dazu zu bewegen, sich an der Bewältigung der »Roten Gefahr aus dem Norden«, d. h. der Sicherung der nördlichen Grenze Griechenlands zu beteiligen. Im Rahmen der NATO-Planungen herrschte die Ansicht vor, dass die etwa 1215 Kilometer lange griechische Grenze zu Albanien, Jugoslawien und Bulgarien nicht durch die griechischen Streitkräfte zu verteidigen sei. Deshalb wollte man die Bildung einer dazu geeigneten Armee vorantreiben, die einen eventuellen Angriff aus dem Norden aufhalten sollte, bevor stärkere Einheiten zum Einsatz bereit wären. Dies setzte jedoch das permanente und rege Interesse Washingtons an innergriechischen Angelegenheiten voraus.41 Die Nebenwirkungen des Antikommunismus Was den Nachteil des Antikommunismus der Fünfzigerjahre ausmachte, der den Ausbau einer echten pluralistischen Demokratie unter strenger Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien verhindert hatte, sollte sich im darauf folgenden Jahrzehnt zum Vorteil wenden. In den Sechzigerjahren wurde die griechische Politik von tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen erschüttert. Der aufsehenerregende Wahlerfolg der EDA im Jahre 1958 hatte, wie bereits erwähnt, die »national gesinnten« Politiker in Alarmstimmung versetzt. Ihre Reaktion offenbarte sich schließlich bei den Wahlen von 1961, die offensichtlich zugunsten der konservativen regierenden Partei und zulasten sowohl der kryptokommunistischen EDA als auch der gemäßigten politischen Kräfte manipuliert wurden. Die Beschwörung der kommunistischen Gefahr richtete sich nicht nur gegen die EDA, sondern erfasste auch die neue Zentrumsunion-Partei (Enosis Kendrou), eine Gruppierung, deren Spektrum von rechten Dissidenten bis zu früheren Anhängern der EDA und der KKE reichte. Nach einem geheimen Plan mit dem Codenamen Periklis sollen massive Eingriffe der Armee, des Parakratos und der Polizei das Wahlergebnis erheblich verfälscht haben. Die EDA büßte zehn Prozent der Stimmen ein und errang lediglich 24 Parlamentssitze. Die damals besonders populäre Zentrumsunion kam nur auf ein Drittel der insgesamt abgegebenen Stimmen und 100 Parlamentssitze.42 Die Opposition konnte sich nicht nur auf den sich nach den Wahlen immer weiter erhärtenden Verdacht der Fälschung, sondern auf eine sich zunehmend politisierende neue Generation stützen. Sofort nach den Wahlen organisierte die gesamte Opposition eine massive und breit angelegte Antiregierungskampagne. Mit Streiks und Massendemonstrationen sollte die seit 1955 amtierende Regierung zum Rücktritt gezwungen werden. Dies erwies sich schnell als wirkungsvolle Taktik: Gestützt auf eine beeindruckende Volksbewegung vermochte die Zentrumsunion in den nächsten drei Jahren die immanenten Schwächen des politischen Systems auszunutzen und die Partei als eine Alternative zwischen den Linken und den Rechten zu etablieren. Nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Wahlen gelang es dieser breiten, heterogenen politischen Allianz 1964 mit stillschweigender Unterstützung der EDA an die Macht zu kommen. Die Ermordung eines EDA-Abgeordneten, des Arztes Grigoris Lambrakis, im Jahr 1963 in Thessaloniki durch eine parastaatliche Organisation, die zum Rücktritt des Ministerpräsidenten Konstantin Kramanlis führte, bereitete den Boden für eine Erneuerung des politischen Personals.43 Die neue Regierung läutete tatsächlich einen Demokratisierungsprozess im Lande ein. Sie entließ einige politische Gefangene, die immer noch wegen ihrer Aktivität während des Bürgerkriegs inhaftiert waren, sie modernisierte das Schulsystem und ermöglichte eine begrenzte Repratriierung politischer Emigranten, darunter auch einiger in der Zeit des Bürgerkriegs in den Ostblock ausgesiedelter Kinder. Auf außenpolitischem Gebiet beanspruchte die Zentrumsunion unter dem Druck ihres linken Flügels eine aktivere Rolle innerhalb der NATO und ein eher auf der Basis der Gleichberechtigung zu führendes Verhältnis zu den USA. Im Einklang mit der außenpolitischen Doktrin des neuen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou intensivierte die Zentrumsunion die bestehenden Kontakte zum Osten. Es gelang ihr in Ansätzen, das Eis in den Beziehungen zu den Ostblockstaaten zu brechen. In diesen Reformbestrebungen sah aber das damalige Establishment, d. h. Königshaus und amerikanische Botschaft, eine Art Trojanisches Pferd, das die Fundamente der Gesellschaft erschüttern und der größten nationalen Bedrohung, den Kommunisten, das Tor zur Macht öffnen würde. Dies allein genügte ihm, um der Ära der neuen Regierung ein Ende zu setzen. Eine Kontroverse zwischen der Regierung und dem neuen, unerfahrenen König Konstantin II. über die traditionell dem Hof zustehende Kontrolle der Armee im Jahr 1965 lieferte den Anlass für einen provozierten Verfassungsbruch seitens der Krone. Unterstützt durch die amerikanische Botschaft, die geschickt die zentrifugalen Tendenzen der Zentrumsunion auszunutzen wusste, brachte das Königshaus die Regierungsarbeit auf schnöde Weise zum Erliegen. Am 15. Juli 1965 musste der legitime Ministerpräsident Griechenlands, Papandreou, zurücktreten.44 Damit hatte der königliche Hof sein Ziel erreicht, was sich jedoch schon bald als fataler Fehler erweisen sollte. Die durch Intrigen und Machenschaften der Krone gebildeten Regierungen, die sich aus Konservativen und Abtrünnigen der Zentrumsunion zusammensetzten, konnten zwar nach wiederholten Bemühungen das Vertrauensvotum im Parlament erhalten, entpuppten sich aber ansonsten als unfähig, die mit dem Rücktritt der gewählten Regierung ausgelöste politische Krise zu bewältigen. Bestimmte Cliquen der Armee, die sich als Hüter nationaler Werte gegenüber der nunmehr schwindenden inneren und äußeren kommunistischen Gefahr betrachteten,45 sahen im häufigen Regierungswechsel den Anfang eines Werteverfalls und erachteten die Systemkrise als Ergebnis einer kommunistischen Verschwörung.46 In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1967 riss eine aus Obristen bestehende Gruppe von Verschwörern durch einen gut geplanten und effektiv durchgeführten Staatsstreich die Macht an sich. Damit begann in Griechenland eine siebenjährige Militärdiktatur. Durch die institutionalisierte Kommunismusbekämpfung in den zwei Jahrzehnten zuvor war es zwar gelungen, den griechischen Staat vor einer kommunistischen Machtübernahme zu schützen, ihn in das freie, westliche Bündnis einzugliedern und seine Sicherheit auf Jahre hinaus zu gewährleisten. Gleichzeitig war dabei aber auch die Macht jener politischen Kräften gewachsen, die eine politische Ordnung anstrebten, die keine Art von Heterodoxie und politischem Pluralismus duldete.47 Das »rechtsstaatliche« Vakuum in der neugriechischen politischen Kultur hatte das Überdauern von autoritären, obrigkeitsstaatlichen Prinzipien als imperatives Gebot staatlicher Organe ermöglicht. Die Tatsache, dass rechtsstaatliche Normen und Strukturen im politischen Alltagsleben in Griechenland fehlten, rächte sich nun. Weder waren staatliche Herrschaft noch die demokratischen Prinzipien in einer Form erfahrbar gewesen, in der Toleranzkriterien benannt und »Leidensschwellen« etabliert werden konnten, hinter die das staatliche Handeln nicht zurückfallen durfte.48 Die Militärgeneräle hatten ihre militärische Laufbahn im Bürgerkrieg begonnen und waren gefürchtet, weil sie Kommunisten auf die Deportationsinsel Makronissos verbannt hatten, eine Praxis, der sie erneut und beharrlich bis 1974 nachgingen. Der Weg zur nationalen Versöhnung Der Sturz der Militärjunta im Jahre 1974 zog die Legalisierung der kommunistischen Parteien nach sich. Die linken Parteien etablierten sich in der griechischen Parteienlandschaft, akzeptierten die bestehende demokratische Ordnung, distanzierten sich allmählich von den konspirativen Praktiken der Vergangenheit und wurden sukzessive zu einem integralen Teil des griechischen politischen Establishments. Eine Reihe von Umformungen auf der kulturellen und intellektuellen Ebene ermöglichte und beschleunigte diese Entwicklung.49 Die Wiederherstellung der Demokratie zog auch die Rückkehr vieler linker Künstler und Intellektueller, wie z. B. Melina Merkouri und Mikis Theodorakis nach sich.50 Da sie während der Junta hauptsächlich im Ausland einen erfolgreichen Widerstand gegen das Athener Regime angeführt hatten, wurden sie zu Symbolfiguren der neugriechischen Kultur. Dies verhalf dem kommunistischen Gedankengut wiederum zu einem mächtigen Imagegewinn. Schrittweise erlangten kulturelle Manifestationen linker Färbung in Griechenland hegemoniale Züge, da sie mit dem Widerstand in Verbindung gebracht wurden, während die traditionellen Kulturformen, die in der Zeit der Junta weiter gepflegt worden waren, als rückständig und reaktionär galten.51 Zur Verbreitung des kommunistischen Gedankenguts trugen wesentlich die antiamerikanischen Ressentiments bei, die sich nach 1974 in das kollektive Gedächtnis der Griechen einprägten. Die Unterstützung oder zumindest die Duldung des Regimes der Obristen durch die USA sowie ihr Stillhalten bei der türkischen Invasion Zyperns im Sommer 1974 förderten den Antiamerikanismus auch in der letzten Bastion proamerikanischer Haltung in Griechenland, im bürgerlichen Lager. Viele politische Formationen, abgesehen von den Kommunisten, die traditionell antiokzidental eingestellt waren, fingen nach 1974 an, antiwestliche Ressentiments parteipolitisch aufzugreifen und sie programmatisch zu verarbeiten. Zur herrschenden politischen Kultur wurde der Antiamerikanismus indessen erst mit dem politischen Aufstieg der Sozialisten unter Andreas Papandreou, die ebenfalls ethnozentrische Reflexe gegen die Amerikaner und den Westen ideologisch konzeptualisierten und zum Zweck parteitaktischer Manöver in zynischer Weise instrumentalisierten.52 1982 setzte die Regierung Papandreou, die die erste sozialistische Regierung Griechenlands war, die rechtliche Anerkennung des nationalen Widerstands der Linken gegen die Nazis durch, wodurch viele Linke Anspruch auf Ehrenrenten erhielten. Ferner konnten die meisten der noch im Exil in Osteuropa lebenden griechischen Kommunisten nach Griechenland zurückkehren. Die geschichtsträchtigen Jahre 1989/90 prägten sich auch in das kollektive griechische Gedächtnis ein, da sie von der Bildung einer ungewöhnlichen Regierungskoalition aus Rechten und Linken gekennzeichnet waren. Aus den Parlamentswahlen vom Juni 1989 ging die konservative Partei Griechenlands Neue Demokratie (Nea Dimokratia) als klarer Sieger hervor. Wegen des neuen, größtenteils proportionalen Wahlsystems verfehlte sie jedoch die absolute Mehrheit der Sitze. Zum Regulator der politischen Entwicklungen rückte die Allianz der Linken und des Fortschritts (Synaspismos tis Aristeras kai tis Proodou) auf. Dieses Wahlbündnis sämtlicher linker Kräfte war das Produkt eines Umdenkungsprozesses, der anlässlich der Perestroika-Polititik Gorbačëvs und der Demoralisierung der PASOK-Partei und -Regierung bereits einige Jahre zuvor eingesetzt hatte. Dieser Regierungseintritt der Linken vierzig Jahre nach dem Bürgerkrieg symbolisierte das Ende der innergriechischen Fehde und die volle Rehabilitierung der Linken. Beide Regierungsparteien nahmen das Postulat der nationalen Versöhnung in ihr Programm auf, wodurch die Wunden des Bürgerkriegs geheilt werden sollten. In der Nacht vom 8. auf den 9. Juli 1989 sprach das Parlament der Rechts-Links-Regierung das Vertrauen aus. Im Rahmen ihrer Versöhnungspolitik wurden die Begriffe »nationaldenkende« Bürger und »Banditen« aus der offiziellen Sprachregelung verbannt sowie den linken Kämpfern Pensionsansprüche und andere Rechte auch für die Zeit des Bürgerkriegs zuerkannt.53 Als anschließend auf Anordnung der Regierung alle Polizeiakten »staatsgefährdende Personen« betreffend verbrannt werden sollten und man 16 Millionen Dossiers zusammenzählte, wurde allen klar, welcher Methoden sich der »Staat der Sieger« 45 Jahre lang bedient hatte, um die innere Sicherheit zu gewährleisten und die kommunistische Bedrohung einzudämmen, und wie überfällig damit diese Versöhnung war. 1 Der Verfasser ist den Gutachtern des Aufsatzes für ihre konstruktiven Kommentare zu Dank vepflichtet. 2 Siehe Spyridon Sfetas: I Diamorfosi tis Slavomakedonikis Taftotitas [Die Formierung der slavomaze-donischen Identität], Thessaloniki 2003, S. 113–131. 3 Siehe Pavlos Nefeloudis: Stis Piges tis Kakodaimonias. Ta vathitera aitia tis diaspasis tou KKE 1918–1968 [Die Wurzeln der fehlerhaften Entwicklung. Die internen Gründe für die Spaltung der KKE 1918–1968], Athen 1974, S. 53–69. 4 Siehe Heinz Richter: Megali Idea-Republik-Diktatur (= Griechenland im 20. Jahrhundert, Bd. 1), Köln 1990, S. 217 f. 5 Siehe Vladislav Zubok: A Failed Empire. The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev, North Carolina 2007, S. 20 f. 6 Siehe Hagen Fleischer: I Periodos tis Katochis [Die Besatzungszeit] (= I Istoria toy Ellinikou Ethnous [Die Geschichte der Griechischen Nation], Bd. 16), Athen 2000, S. 7–57. 7 Siehe Ethniko Idryma tis Ethnikis Amynis [Griechisches Nationales Verteidigungsinstitut] (Hg.): To Chroniko tou Symmoritopolemou [Der historische Abriss des Banditenkriegs], Athen 1978/79, S. 120–145. 8 ZK der Kommunistischen Partei Griechenlands – KKE (Hg.): Episima Keimena tou KKE [Die offiziellen Dokumente der KPGr], Athen 1995, S. 13–19. 9 Siehe Lawrence Wittner: American Intervention in Greece, 1943–49, New York 1982, S. 79–95 und Gordon Barrass: The Great Cold War, Stanford, California 2009, S. 51 f. 10 Siehe Christopher Woodhouse: The Struggle for Greece, London 1976, S. 187 f. 11 Siehe Andreas Stergiou: Im Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik. Die Beziehungen zwischen der DDR und Griechenland und das Verhältnis der SED zur KKE (= Monographien-Reihe Peleus, Bd. 13), Mannheim-Möhnesee 2001, S. 30–48. 12 Siehe die Archive des Generalstabs der griechischen Armee: Geniko Epiteleio Stratou – Diefthinsi Istorias Stratou [Nationaler Verteidigungsstab – Geschichtsabteilung der Armee] (Hg.): Archeia Emfiliou Polemou 1946–1949 [Archive des Griechischen Bürgerkriegs], Bd. 9, Athen 1998, S. 428–438 und 440–452; Bd. 12, S. 124 f.; Bd. 16, S. 155–159 und Stergiou: Im Spagat (Anm. 11), S. 30–39. 13 Siehe Despoina Papadimitriou: Apo to Lao ton Ethinokofronon sto ethnos ton Ethnikofronon [Vom Volk der national Gesinnten zur Nation der national Gesinnten], Athen 2006, S. 216–219. 14 Yearbook of the United Nations 1947–48, S. 298–352 und dass., 1948–1949, S. 238–256 sowie dass., 1950, S. 375–381. 15 Vasilis Gounaris: To Makedoniko Zitima apo ton 19o eos ton 20o aiona [Die Mazedonische Frage vom 19. bis zum 21. Jahrhundert], Athen 2010, S. 68, 81 f. 16 Episima Keimena tou KKE [Offizielle Dokumente der KKE], Bd. 6, Athen 1995, S. 337 f. 17 Aus diesem Grund ist etlichen slawophonen Partisanen, die sich zudem im Zweiten Weltkrieg den bulgarischen oder deutschen Besatzern angeschlossen hatten bzw. ihren heute noch in Osteuropa oder in der ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien lebenden Nachkommen die Rückkehr nicht erlaubt. Andere mussten bis vor Kurzem an der Grenze ein Formular ausfüllen, das nach der ethnischen Zugehörigkeit fragte, wenn sie die alte Heimat im griechischen Mazedonien besuchen wollten. Wer sich zu einer mazedonischen Identität bekannte, musste »draußen« bleiben. 18 Siehe Grant Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas, Frankfurt a. M. u. a. 2002, S. 269–271. 19 Die Auswertung kürzlich zugänglich gemachten Materials aus den Archiven des Ostblocks lässt auf eine konsequente Spionagepraxis der Ostblockstaaten in Bezug auf Griechenland während und nach dem griechischen Bürgerkrieg schließen. Siehe dazu Lukasz Kaminski u. a. (Hg.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, München 2009, S. 149–152; Oi Kokkinoi Kataskopoi [Die Roten Agenten], in: To Vima vom 6. September 2009, Veröffentlichung von Archivalien der Klement Gottwald-Sammlung in Prag. 20 Archeio Sychronis Koinonikis Istorias/Archiv für Moderne Sozialgeschichte in Athen: Archivbereich 127 (Korrespondenz zwischen KKE und SED), Mappe 7/14/1. 21 Siehe Ilias Giannakakis: Ta Opla para Poda. I Egkatastasi ton Prosfigon stis sosialistikes Chores [Gewehr bei Fuß. Die Ansiedlung der politischen Emigranten in den sozialistischen Ländern], in: Nikos Maratzidis: To Oplo para Poda [Gewehr bei Fuß], Thessaloniki 2005, S. 3–18. 22 Siehe Nikos Alivizatos: Oi politikoi Thesmoi se krisi 1922–1974 [Die politischen Institutionen in der Krise], 3. Aufl. Athen 1995, S. 495–554. 23 Siehe Theodoros Lagaris: Innerer Feind, Nation und Demokratie. Zum Legitimationsprozess in Griechenland nach dem Bürgerkrieg, Baden-Baden 2000, S. 250–260. 24 Siehe Ioannis Stefanidis: Stirring the Greek Nation. Political Culture, Irredentism and Anti-Americanism in Post-War Greece, 1945–1967, Hampshire 2007, S. 29–32. 25 Siehe Alivizatos: Oi politikoi Thesmoi (Anm. 22), S. 555–600. 26 Siehe Meletis Meletopoulos: I Ideologia tou dexiou Kratous 1949–67 [Die Ideologie des rechten Staates], Athen 1993, S. 55–83. 27 Dies räumen mittlerweile selbst amerikanische Diplomaten ein, wobei sie diesen Umstand auf die Rolle der CIA zurückführen. Siehe dazu Association for Diplomatic Studies and Training Foreign Affairs Oral History Program. Interviews with: Herbert Daniel Brewster: 1940–1942 Clerk, Athens, 1946 Election Observer, City Unspecified, Greece 1947–1952 ECA Officer, Athens 1961–1965 Political Counselor, Athens, 1966–1969 Greek Desk, Washington, DC and Archer K. Blood: 1947–1949 Consul, Thessaloniki, 1950–1952, Political Officer, Athens, 1968–1970 Political Officer, Athens, in: The Library of Congress, http://memory.loc.gov/ammem/collections/diplomacy/about.html, ges. am 18. Oktober 2010. 28 Siehe Alexis Papachelas: O Viasmos tis Ellinikis Dimokratias [Die Vergewaltigung der griechischen Republik], Athen 2000, S. 18. 29 Siehe Leonidas Kyrkos: Anatreptika [Unkonventionell], Athen 1995, S. 165 f. 30 Siehe Grigoris Farakos: Martyries kai Stochasmoi 1941–1991 [Aussagen und Überlegungen], Athen 1993, S. 106–108. 31 Siehe Papachelas: O Viasmos (Anm. 28), S. 60–66. 32 Siehe Istoriko Archeio tou Ypourgeiou Exoterikon: Kentriki Iperisia/Historisches Archiv des Griechischen Außenministeriums: Zentralverwaltung (im Folgenden: HAGA): Akte 84, Unterakte 1/4, (Streng geheim) »67., 68., 69. Sitzung des Komitees für externe Fragen, März 1949« und Akte 69, Unterakte 5/1, Bericht der griechischen Botschaft in London, Protokoll Nr. 24286 vom 28. Februar 1949. 33 Siehe HAGA: Akte 69, Unterakte 5/1, »Streng geheimer Bericht vom Militär-Attaché in der griechischen Botschaft in Washigton, Obristen Gika, 24. März 1948« und »Anweisungen des griechischen Ministeriums an die griechischen Botschaften in London, Paris, Rom, Den Haag, Ankara, Brüssel 29/7/1948« sowie Akte 84, Unterakte 1/4, »Tätigkeitsbericht über das Treffen von Tsaldaris mit dem Außenminister von Italien Graf Sforza, 14. März 1948« und Foreign Office, 371/78329, »Dispatch No. 66 from Canadian Embassy of Ankara to the Secretary of State for external Affairs in Ottawa«, 2–3–1949. (Top Secret). 34 Siehe HAGA: Akte 89, Unterakte 2, Bericht der griechischen Botschaft in Lissabon (ohne Datum); Akte 88, Unterakte 5/1, Telegramm des griechischen Ministeriums an griechische Botschaften im Ausland vom 18. April 1949; Akte 69, Unterakte 5/1, Telegramm der griechischen Botschaft in Paris vom 28. April 1949; Akte 69, Unterakte 5/1, Telegramm der griechischen Botschaft in den USA vom 8. November 1949; Akte 88, Unterakte 5/2; Akte 44, Unterakte 2, Telegramm der griechischen Botschaft in Ankara vom 4. Januar 1949 und 30. Dezember 1949. 35 Siehe Foreign Office Archive in Public Record Office/The National Archives, London: 371/78329, (Southern General), Report to Sir Gladwyn Jebb vom 11. März 1949. 36 Siehe HAGA: Akte 88, Unterakte 5/1, Telegramm der griechischen Botschaft im Iran vom 11. April 1949. Es wird ausführlich über eine Unterredung zwischen hochrangigen Diplomaten berichtet. 37 Siehe Carolyn Eisenberg: The Cold War in Europe, in: Jean-Christophe Agnew/Roy Rosenzweig (Hg.): A Companion to Post-1945 America, Malden-Oxford 2006, S. 406–425. 38 Siehe Konstantina Botsiou: Griechenlands Weg nach Europa. Von der Truman-Doktrin bis zur Assoziierung mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1947–1961, Frankfurt a. M. u. a. 1999. 39 Siehe Foreign Office Archive in Public Record Office/The National Archives, London: 371/96551: »Telegrams of the British Deputy on the NATO from Ottawa to Foreign Office 18 September 1951« und 371/96551: »Telegram of the British Deputy on the NATO from Ottawa to Foreign Office 19 September 1951» und 371/96552: »Telegrams from the British Embassy in Washington to Foreign Office 20 and 26 September 1951«. 40 Siehe Archives of Dwight Eisenhower Library: Lauris Norstad (SACEUR der NATO) Papers, Box 49: Telegrams, Athens to Paris for Stoessel re military assistance for Greece (May and June 1962). 41 Siehe Evanthis Hatzivasiliou: Sta Synora ton Dyo Kosmon. I Ellada kai o Psichros Polemos 1952–1967 [Zwischen beiden Welten. Griechenland und der Kalte Krieg 1952–1967], Athen 2008, S. 212–225. 42 Ilias Nikolakopoulos: Kommata kai Vouleftikes Ekloges stin Ellada 1946–1964 [Parteien und Parlamentswahlen in Griechenland], Athen 1985, S. 255–281. 43 Siehe David Close: l klironomia [Das Erbe], in: ders. (Hg.): O ellinikos emfylios polemos, 1943–1950. Meletes gia tin polosi [Der griechische Bürgerkrieg. Studien zur Polarisierung], 3. Aufl. Athen 2000, S. 280 f. 44 Siehe Mogens Pelt: O rolos tou Vasilia apo tin kirixi tou anendotou eos to praxikopima ton sintagmatarchon [Die Rolle des Königs vom nachgiebigen Kampf bis zum Coup d’ Etat der Obristen], in: Manolis Vasilakis (Hg.): Apo ton Anendoto sti Diktatoria [Vom nachgiebigen Kampf zur Diktatur], Athen 2009, S. 110–128. 45 Dies bestätigte der damalige Ministerpräsident Griechenlands, Panagiotis Kanellopoulos, bei seiner Aussage im Prozess gegen die Obristen nach dem Sturz der Militärjunta im Jahre 1975. Siehe Oi dikes tis Hountas [Die Prozesseakten über die Militärjunta], hg. von der Zeitung Elefterotypia, April 2010, S. 20. 46 Siehe Papadimitriou: Apo to lao (Anm. 13), S. 285–293. 47 Es ist charakteristisch, dass selbst diejenigen Armeeoffiziere, die sich gegen die Putschisten sträubten, in ihren Berichten an den NATO-Zentralstab den Obristen attestierten, die ehrliche Absicht zu haben, eine real existierende kommunistische äußere und innere Gefahr bekämpfen zu wollen. Siehe dazu Archives of Dwight Eisenhower Library: Lauris Norstad (SACEUR der NATO) Papers, Box 129: Vidalis ’s Personal and Confidential Report for General Norstad (13. Dezember 1968). 48 Siehe Nikolaus Wenturis: Griechenland und die EG. Die sozialpolitischen Rahmenbedingungen griechischer Europapolitiken, Tübingen 1990, S. 28. 49 Siehe Stathis Kalyvas/Nikos Marantzidis: Greek Communism 1968–2001, in: East European Politics and Societies 16 (2002), H. 3, S. 670–674. 50 Siehe Hansgeorg Hermann: Mikis Theodorakis. Der Rhythmus der Freiheit, Berlin 2008, S. 214–235. 51 Siehe Nikos Marantzidis/Giorgos Antoniou: The Axis Occupation and Civil War: Changing Trends in Greek Historiography 1941–2002, in: Journal of Peace Research 41 (2004), S. 223–231 und Nikos Maratzidis: Dimokratikos Stratos Elladas 1946–1949 [Demokratische Armee Griechenlands 1946–1949], Athen 2010, S. 15–28. 52 Siehe Soti Triantafyllou: Simeioma gia ton Antiamerikanismo stin Ellada [Notizen über den Antiamerikanismus in Griechenland], in: Antiamerikanismos. Odigies Chriseos [Antiamerikanismus. Gebrauchsanleitung], Athen 2002, S. 9–22. 53 Siehe Peter Siani-Davies/Stefanos Katsikas: National Reconciliation After Civil War: The Case of Greece, in: Journal of Peace Research 46 (2009), H. 4, S. 570–572.

JHK 2011

Erscheinungsformen des »Antikommunismus«. Zur Problematik eines vieldeutigen Begriffs

Bernd Faulenbach

I. »Antikommunismus« als Streitfrage Darüber, was man unter »Antikommunismus« versteht, gehen die Meinungen in den politisch-wissenschaftlichen Diskussionen bis heute erheblich auseinander. Ist »Antikommunismus« für die einen eine zutiefst berechtigte Haltung, die 1989/1990 in Deutschland und Europa einen großen Sieg über den »Kommunismus« errungen hat, so ist der Begriff »Antikommunismus« für die anderen – keineswegs nur für Parteigänger des Kommunismus – vielfach negativ konnotiert. Sie sehen »Antikommunismus« – wie Thomas Mann1 – als »Grundtorheit« des 20. Jahrhunderts. Folglich handelt es sich bei der Beurteilung des »Antikommunismus« offensichtlich nicht nur um ein Wertungsproblem, vielmehr wird der Begriff »Antikommunismus« auch sehr unterschiedlich gefasst. Geht man vom Wort aus, ist »Antikommunismus« eine Position, Haltung oder Ideologie, die gegen den »Kommunismus« gerichtet ist, d. h. der Begriff ist davon abhängig, was unter »Kommunismus« verstanden wird. »Kommunismus« meint dabei in der Regel die kommunistische Weltbewegung, die ihr Zentrum lange Zeit – von der Russischen Revolution 1917 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 – in Moskau hatte. Seit dem Schisma 1959/1960 erhielt diese mit dem chinesischen Kommunismus in Peking allerdings Konkurrenz. Abgesehen davon, ordneten sich nicht alle kommunistischen Bewegungen – etwa der jugoslawische Kommunismus seit 1948 – Moskau dauerhaft unter. In diesem Kontext würde sich »Antikommunismus« konkret gegen den sowjetischen Kommunismus richten, gegen seine Ideologie des Marxismus-Leninismus, gegen den Kommunismus als Bewegung und gegen den Kommunismus als Herrschaftssystem. Allerdings ist fraglich, ob der Begriff »Antikommunismus« allein durch die Abgrenzung zum »Kommunismus« erklärt werden kann, da wie jeder »-ismus« auch dieser einen umfassenden Anspruch erkennen lässt. »Antikommunismus« lässt sich in Abgrenzung zum »Kommunismus« auch nur insofern definieren, als der »Kommunismus« doch sehr unterschiedliche Erscheinungsformen aufweist – man denke nur an so unterschiedliche Repräsentanten wie Vladimir Il’ič Lenin, Josef Stalin, Josip Broz Tito und Fidel Castro, Pol Pot, Erich Honecker oder Ernesto Berlinguer, die sich alle als Kommunisten verstanden, sich aber auch richtungspolitische Auseinandersetzungen lieferten und dementsprechend unterschiedliche Kommunismusbilder vermittelten.2 Es stellt sich insofern die Frage, ob der Kommunismus insgesamt durch Terror und Verbrechen zu charakterisieren ist, wie die Autoren des Schwarzbuchs des Kommunismus meinen,3 und ob dies auch den »Antikommunismus« konstituiert oder ob man manche kommunistische Bewegungen davon abgrenzen kann, was im Hinblick auf die Definition des »Antikommunismus« ebenfalls Folgen hätte. Von vielleicht noch gravierenderem Einfluss auf die Definition des Begriffs »Antikommunismus«, ist die Tatsache, dass dieser in erheblichem Maße durch den Standort seiner Verfechter geprägt ist. So hat Joachim Gauck jüngst die Meinung vertreten, der Antikommunismus »von außen«, d. h. im Westen, sei etwas anderes gewesen als die kommunismuskritische Haltung der Menschen, die unter kommunistischen Regimen lebten.4 Wie es scheint, differiert »Antikommunismus« zudem in Bezug auf die unterschiedlichen politischen Lager erheblich. Es kann zwischen Varianten eines konservativen, sozialdemokratischen und liberalen »Antikommunismus« unterschieden werden. »Antikommunismus« hat sich zudem in der Zwischenkriegszeit mit faschistischen Bewegungen verbunden und bildete eine Komponente ihrer Ideologie. Unterschiede des »Antikommunismus« resultieren auch aus der Verbindung mit verschiedenen gesellschaftlichen Interessen. Nicht selten ist etwa seine Verschmelzung mit bestimmten Besitzinteressen, was den Tatbestand spiegelt, dass die Eigentumsfrage in der kommunistischen Ideologie eine besondere Rolle spielt. »Antikommunismus« kann sich aber auch vorrangig auf die kommunistischen Formen des Kampfes oder im Hinblick auf kommunistische Regime auf die terroristische oder totalitäre Herrschaftsausübung beziehen. Diese Variante steht im Vordergrund des »Antistalinismus«, den man als eine Unterform des »Antikommunismus« bezeichnen kann. Deshalb wird der Begriff von vielen bevorzugt, weil sie ihm im Gegensatz zum »Antikommunismus« keine Konnotationen zuschreiben. »Antikommunismus« wird von seinen Kritikern vielfach als eine Haltung gesehen, die vorurteilsbehaftet und deshalb irrational ist. Demnach konstituiert sich diese durch ein Feindbild, das die Realität verwischt und hinter dem sich allerlei Vorbehalte gegen eine gesellschaftsverändernde Politik verbergen. Intellektuelle Anspruchslosigkeit und Emotionen werden dabei mit »Antikommunismus« in Verbindung gebracht, was dem Begriff nicht selten eine antiintellektuelle Komponente verleiht. Dies steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu der Tatsache, dass »Antikommunismus« selbst teilweise ideologische Züge besitzt bzw. sich mit anspruchsvollen politisch-weltanschaulichen Positionen wie dem politischen Katholizismus der Fünfzigerjahre verbinden konnte. Offensichtlich wird – so ist bereits deutlich – unter »Antikommunismus« derart Unterschiedliches verstanden, dass es sinnvoll erscheint, die als »Antikommunismus« charakterisierten Phänomene in ihren jeweiligen historischen Kontexten näher zu betrachten. Unübersehbar ist, dass der »Antikommunismus« als Gegensatz zum »Kommunismus« definiert wird und diesen dadurch in der Regel als ein bedeutendes Phänomen hervorhebt. Es stellt sich sogar die Frage, ob der »Antikommunismus« durch die Fixierung auf den »Kommunismus« diesem in der Negation nicht so weit dialektisch verbunden ist, dass er gewisse Affinitäten zu ihm aufweist bzw. sich in den Formen des Kampfes von ihm beeinflussen lässt. Vertreter des »Kommunismus« haben ihrerseits den »Antikommunismus« zu allen Zeiten heftig attackiert, wobei die Neigung, den »Antikommunismus« pauschal zu diffamieren oder zu denunzieren, unübersehbar ist.5 Einiges spricht andererseits dafür, dass der »Antikommunismus« in manchen Konstellationen zur Stabilisierung kommunistischer Gruppen beigetragen hat.6 II. Antikommunismus, Antibolschewismus und Antimarxismus in der Zwischenkriegszeit Sieht man in der Russischen Revolution 1917 die – durch die bolschewistische Bewegung herbeigeführte – Geburtsstunde des Kommunismus als System, so wird man die Entstehung des »Antikommunismus« im gleichen zeitlichen Kontext verorten.7 Im russischen Bürgerkrieg waren die Gegner der Bolschewisten unzweifelhaft Antibolschewisten, die diesen Bolschewismus bekämpften, der als Erscheinungsform des »Kommunismus« gesehen wurde. Einerseits setzte die russische Oktoberrevolution in Teilen der europäischen Arbeiterbewegung Fantasie frei,8 stand die Sowjetunion doch bald stellvertretend für das »Vaterland der Werktätigen«, andererseits aber galt sie nicht nur für das Bürgertum als Schreckbild. Auch für die Sozialdemokratie in Deutschland (und in anderen Ländern) symbolisierte sie ein negatives Leitbild, was durch die weitere Entwicklung in der Sowjetunion offensichtlich bestätigt wurde.9 Schon gleich nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich – meist gegen den »Bolschewismus« gerichtete – antikommunistische Haltungen heraus, die jedoch sehr unterschiedlich waren und sich lediglich in ihrer Ablehnung der bolschewistischen Revolution glichen. Die deutsche Sozialdemokratie sah den Gegensatz zur kommunistischen Bewegung vorrangig in der Demokratie-Diktatur-Frage, nicht in der Friedensfrage, die von den Vertretern der kommunistischen Seite manchmal akzentuiert wird. Die Sozialdemokraten wollten 1918/1919 Demokratie realisieren und verwarfen den Diktatur-Gedanken durch Einberufung der verfassunggebenden Nationalversammlung, die in Weimar zusammentrat. Die SPD hielt an der Rechtsförmigkeit des eigenen Vorgehens fest und in ihrer Politik wurde – wie Richard Löwenthal formuliert hat10 – ein »Anti-Chaos-Reflex« sichtbar, der auch von vielen Arbeitern geteilt wurde. Es war weniger ein prinzipieller Unterschied in der Frage der Überwindung des Kapitalismus, bei der freilich die Mehrheits-Sozialdemokratie nach 1918 zögerlich agierte, als vielmehr die Demokratie-Frage, die künftig die beiden Flügel der Arbeiterbewegung scharf trennte. Die Grundsätze der Kommunistischen Internationale waren nicht nur inkompatibel mit den Grundsätzen der Sozialdemokratie. Seit Mitte der Zwanzigerjahre avancierte die Sozialdemokratie sogar zum Hauptfeind Stalins und der Komintern. Dies förderte den »Antikommunismus« der Sozialdemokratie,11 der zudem von konkreten Erfahrungen in Georgien, Russland und Deutschland beeinflusst wurde.12 Der »Antikommunismus« der bürgerlichen Parteien war anderer Art. Eine wichtige Rolle spielte hier die kommunistische Weltanschauung mit ihrer Ablehnung der Religion, die in einem militanten Atheismus zum Ausdruck gebracht und nur vom Streben nach einer gänzlich anderen Gesellschaftsordnung auf der Basis einer neuen Eigentumsordnung übertroffen wurde. Auch eine Amalgamierung dieses »Antikommunismus« mit dem Antisemitismus ist teilweise erkennbar. Einzig die Ablehnung des kommunistischen Putschismus verband die bürgerlichen Parteien mit den Sozialdemokraten. Der bürgerliche »Antikommunismus« war verwandt mit dem Antimarxismus, der den Klassenkampfgedanken scharf ablehnte und sich politisch nicht nur gegen die Kommunisten, sondern auch gegen die Sozialdemokraten wandte. Der »Antimarxismus« richtete sich tendenziell gegen die gesamte Linke, der auch Sozialdemokratie und Gewerkschaften zugeordnet wurden. Das Beispiel Spanischer Bürgerkrieg lässt zudem erkennen, dass der Gegensatz zwischen linkem und rechtem Lager sich zu einer mit großer Erbitterung geführten gewaltsamen Auseinandersetzung zuspitzen konnte, in die freilich Spezifika der spanischen weltanschaulichen sowie klassenpolitischen Gegensätze und Formen des Konfliktes eingingen. Auch die NSDAP in Deutschland und die faschistischen Bewegungen in Europa wiesen durchweg eine starke antibolschewistische bzw. eine antikommunistische Komponente auf.13 Im Gegensatz zu den bürgerlichen Parteien war diese durch noch militantere Züge gekennzeichnet und machte – zumal in der Ausdehnung zu einem konsequenten Antimarxismus – die NSDAP und die faschistischen Bewegungen für das Bürgertum interessant. Charakteristisch für die meisten autoritären Regime im übrigen Europa, die in der Zwischenkriegszeit nach wenigen Jahren in Ostmitteleuropa wie auf der iberischen Halbinsel an die Stelle von Demokratien traten, war ein mehr oder weniger ausgeprägter, von den konservativen gesellschaftlichen Eliten gestützter »Antikommunismus«, der im Einzelnen noch zu erforschen und in einer vergleichenden Perspektive zu bewerten ist. Dass der »Antikommunismus« in bestimmten Konstellationen nicht bedeutete, dass die Zusammenarbeit zwischen faschistischen und kommunistischen Systemen ausgeschlossen war, zeigte besonders eindrucksvoll der Hitler-Stalin-Pakt mit dem geheimen Zusatzabkommen im August 1939 und die dann folgende Zusammenarbeit zwischen NS-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion. Nach dem Angriff von NS-Deutschland auf die Sowjetunion 1941 gab es umgekehrt im Westen keine Bedenken, Hitler-Deutschland zusammen mit Stalin zu bekämpfen. Der große Terror Stalins fand keine Beachtung – der »Antikommunismus« spielte in diesem Fall verglichen mit der Bedrohung durch NS-Deutschland eine untergeordnete Rolle. »Antikommunismus« war auch nicht das Hauptmotiv des deutschen Vernichtungs- und Eroberungskrieges im Osten; dieser Krieg war für Hitler vor allem ein Rassenkrieg, wenn auch während des Krieges zunehmend die bolschewistische Gefahr beschworen wurde. »Antikommunismus« war einerseits ideologisch mit dem Rassismus verwoben, andererseits ein Propagandamittel der NS-Politik zur Stärkung des Durchhaltewillens in der deutschen Bevölkerung. Während Nationalsozialismus und Faschismus im Zweiten Weltkrieg untergingen, behauptete sich die Sowjetunion, die zu den Siegern des Zweiten Weltkrieges gehörte. Dies bescherte ihr einen deutlichen Prestigegewinn.14 Die Ausdehnung der kommunistischen Herrschaft auf ganz Osteuropa als Folge der Eroberung dieses Raumes durch die Rote Armee, vor allem die Installierung der als »Volksdemokratien« deklarierten kommunistischen Systeme, durchweg unter Einsatz von Mitteln des Zwangs und des Terrors, führte freilich sehr bald dazu, dass der Kommunismus als neue Bedrohung des Westens aufgefasst wurde, die durch den Sieg Maos in China und dann insbesondere durch den Koreakrieg weiter anwuchs. III. Erscheinungsformen des »Antikommunismus« im Zeichen des Kalten Krieges Der »Antikommunismus« bekam im Zeitalter des Systemkonfliktes während des Kalten Krieges eine neue Qualität, die einerseits Folge des scheinbar unaufhaltsamen Siegeszuges des Kommunismus war, andererseits aber dadurch geprägt war, dass die USA den »Antikommunismus« zu ihrer Sache und der der westlichen Welt machten. Der Kommunismus erschien jetzt vielen, nicht zuletzt in Westdeutschland, als Weltbewegung, deren Herrschaftsbereich immer weiter wuchs. Dabei entstand ein neues Bild der Bedrohung durch die Kommunisten. Sie »galten als eine Mischung aus Unter- und Übermenschen, fähig zu den schlimmsten Verbrechen wie zu den größten Leistungen, überlegene Techniker der Macht und Machteroberung, glänzend geschult in ihrer Ideologie und gänzlich fanatisiert durch sie, hingegeben allein der Weltrevolution. Lenins Ideal der Kerntruppe von Berufsrevolutionären wurde auf die Millionenmitgliedschaft der kommunistischen Parteien übertragen.«15 Für viele im Westen ging es in der Auseinandersetzung um die weltweite Entscheidung zwischen Christentum, Abendland, Freiheit und Demokratie auf der einen Seite und Gottlosigkeit, Menschenverachtung, asiatischer Despotie und totalitärer Diktatur auf der anderen Seite.16 Ein Propagandaapparat wurde geschaffen, der nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch die der osteuropäischen Länder erreichen wollte und zur Befreiung dieser Länder beitragen sollte.17 Dabei konnte der »Antikommunismus« mancherorts an den »Antikommunismus« der Zwischenkriegszeit und des Krieges anknüpfen. Es wurden sowohl – wie in Deutschland – tradierte Ideologeme und spezifische Erfahrungen des Krieges mit der Sowjetunion herangezogen, als auch das entsprechend »vorgebildete« Personal genutzt.18 (Dies war, nebenbei bemerkt, für die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit allerdings nicht unbedingt förderlich.) Zugleich aber entstand ein neuer militanter »Antikommunismus«, der nach dem Ende der Koalition der Alliierten angesichts der Etablierung kommunistischer Systeme in ganz Osteuropa in den USA seinen Durchbruch erlebte. Mit ihm gelang es, den »Antikommunismus« in West- und Mitteleuropa zusätzlich zu stimulieren und abzustützen. Auch hier ist angesichts der politisch-kulturellen Unterschiede mit manchen nationalen Spezifika des »Antikommunismus« zu rechnen. Die amerikanische Führung entwickelte in dieser Zeit nicht nur die Strategien des Containment und später des Roll-Back, sondern auch – amerikanische Missions- bzw. Kreuzzugs-ideen aufgreifend – eine Liberation Policy, die insbesondere während der Fünfzigerjahre den Anspruch erhob, den Einflussbereich des Kommunismus einzudämmen, zurückzudrängen und – falls möglich – die vom Kommunismus beherrschten Länder zu befreien. Diese Politik, die der Osten ernster nahm als der Westen, übte einen gewissen Einfluss auf die amerikanische Politik in der Eisenhower-Ära aus und bestand vorrangig im Aufbau und in der Unterhaltung eines Propagandaapparates, vor allem von Rundfunksendern, die die kommunistischen Länder, teilweise aber auch Westeuropa als Adressaten hatten. Neben ökonomischem Druck spielte selbstverständlich auch Spionage eine gewisse Rolle. Doch eine Politik zur Befreiung im engeren Sinne hat es in der Praxis allenfalls in Ansätzen gegeben.19 Eine besondere Rolle spielte der »Antikommunismus« im geteilten Deutschland, in dem der östliche Teil zum kommunistischen, von der Sowjetunion beherrschten Teil, der westliche zu der von den USA geführten freien Welt gehörte. So entstand ein »deutscher Sonderkonflikt« (Richard Löwenthal) im Rahmen des Ost-West-Gegensatzes.20 Der »Antikommunismus« verband sich in Westdeutschland – und auch in Teilen Westeuropas – mit der Abendlandideologie, die in besonderer Weise von der katholischen Kirche und ihrem Umfeld mitgetragen wurde. Die von Konrad Adenauer geführten Regierungen verfochten einen konsequenten »Antikommunismus«, der auf Immunisierung der eigenen Bevölkerung und auf Destabilisierung des kommunistischen Regimes in der DDR zielte. Dabei wurde der »Antikommunismus« erheblich durch die Entwicklungen in der SBZ/DDR und in den osteuropäischen Ländern gefördert, die durch Repression und Terror und durch elementare ökonomische Probleme gleichermaßen charakterisiert erschienen. Die Tatsache, dass Millionen Menschen Ostdeutschland und Ostmitteleuropa verließen und in den Westen flohen oder übersiedelten, die unübersehbare, brutale Verfolgung politischer Gegner im kommunistischen Herrschaftsbereich, die Aufstände am 17. Juni 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn und andere Ereignisse wie der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961, konnten nur als Bestätigung »antikommunistischer« Haltungen wirken. Konrad Adenauer handhabte den »Antikommunismus«, insbesondere in Wahlkämpfen, freilich in einer Weise, dass er ihn nicht nur gegen die Kommunisten, sondern auch gegen die Sozialdemokraten einsetzte, die sich aus seiner Sicht nicht mit Konsequenz und Härte gegen Moskau und die Kommunisten wenden würden, wobei er unterstellte, dass Kommunisten und Sozialdemokraten verwandt seien.21 Adenauer erzielte damit 1953, 1957 und 1961 beachtliche Wahlerfolge.22 Gleichzeitig waren diese Niederlagen für die Sozialdemokratie umso bitterer, als an dezidiertem sozialdemokratischem »Antikommunismus« kein Zweifel bestehen konnte.23 Der Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten aus der Weimarer Republik war in Exil und Widerstand gegen Hitler nur sehr bedingt überwunden worden. Ferner scheiterten Versuche eines Neubeginns nach Kriegsende nicht zuletzt an der Haltung der KPD. Die 1945/1946 von sowjetischer Seite unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Kommunisten mit Mitteln des Zwanges und der Täuschung durchgeführte Vereinigung von SPD und KPD vertiefte den Gegensatz erheblich und führte zusammen mit der Verfolgung von Tausenden von Sozialdemokraten in der SBZ und in der DDR zu nachhaltiger Verbitterung bei den Sozialdemokraten.24 Kurt Schumacher vermochte in der KPD nur eine Agentur der sowjetischen Politik zu erkennen. Wahrscheinlich waren die Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in Westdeutschland tiefer denn je. Im Kern war es die Frage von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, die die tiefe Kluft ausmachte. Die SPD unterhielt seit den Vierzigerjahren ein Ostbüro, das u. a. ein Netz von Informanten in der SBZ/DDR aufbaute und gegen das SED-Regime arbeitete.25 Nicht zuletzt trat Herbert Wehner, der frühere Kommunist, in der deutschen Öffentlichkeit seit der frühen Nachkriegszeit bis weit in die Sechzigerjahre hinein entschieden für antikommunistische Positionen ein. Die Sozialdemokraten teilten den antikommunistischen Konsens in der Bundesrepublik. »Antikommunismus« ließ sich durchaus auch mit positiven Zielen verbinden, wie der – keineswegs auf die Bundesrepublik beschränkte, sondern auf Westeuropa ausgerichtete – »Kongress für kulturelle Freiheit« zeigte.26 Der von amerikanischer Seite finanzierte, von Irving Brown und Arthur Koestler organisierte »Kongress für kulturelle Freiheit«, für den in der Bundesrepublik die Zeitschrift Der Monat, in Großbritannien der Encounter, in Frankreich die in Paris erscheinende Preuves Leitorgane waren, fand erstmals 1950 in Berlin statt. An ihm nahmen so bedeutende, schon vor dem Krieg bekannte Persönlichkeiten wie John Dewey, Bertrand Russell, Benedetto Croce und Karl Jaspers teil. Er verknüpfte die Vermittlung westlicher Werte mit einem moralischen Antitotalitarismus und einem dezidierten »Antikommunismus«. Dieser Kongress, in dessen Kontext es zur Herausbildung nationaler Sektionen in verschiedenen Ländern kam, trug in Westdeutschland und Westeuropa dazu bei, sozialdemokratische, linksliberale und unabhängige linke Politiker und Intellektuelle auf dezidiert westliche Positionen zu verpflichten. In der Tat handelte es sich bei den Teilnehmern des Kongresses aus amerikanischer Sicht um eine strategische Gruppe, so dass es sinnvoll war, sich um sie zu bemühen. Allerdings waren diese Leute in der Regel selbst längst auf dem Weg zu eigenständigen Positionen einer demokratischen Linken, die bewusst für den Westen optierte. Kontakt zum »Kongress für kulturelle Freiheit« hatten aus der SPD z. B. Carlo Schmid, Ernst Reuter und Willy Brandt, ebenso Theodor Heuss und Hildegard Hamm-Brücher von der FDP. Eine wichtige Rolle in dieser Bewegung spielten frühere Kommunisten, in kommunistischer Terminologie »Renegaten«, wie Margarete Buber-Neumann, Arthur Koestler und Manès Sperber, die es als ihre Aufgabe betrachteten, über den »Kommunismus« aufzuklären.27 Zweifellos war der »Kongress für kulturelle Freiheit« eine Bewegung, die einen Antikommunismus/Antistalinismus vertrat, der eine ideell fundierte Auseinandersetzung mit dem »Kommunismus« förderte. Sie unterschied sich deutlich von dem, was vielfach gleichzeitig als »Antikommunismus« vertreten wurde, der – wie gesagt – nicht selten auf Vorurteilen und Ressentiments aufzubauen schien, wie z. B. der McChartyismus in den USA28 oder auch manche Strömungen des Antikommunismus in Westdeutschland und Westeuropa. In einigen Ländern, wie in Frankreich und Italien, stand der »Antikommunismus« bei Intellektuellen, die nicht selten mit dem Kommunismus sympathisierten, allerdings im Verdacht, nicht frei von Sympathien für faschistische Ideen zu sein.29 Die Entwicklung war während der Fünfzigerjahre in verschiedenen Ländern ähnlich, doch nicht gleich. Im Westen waren die kommunistischen Parteien mehr oder weniger isoliert. Dennoch kann man für Westdeutschland von einem antikommunistischen Konsens sprechen, der hier stärker ausgeprägt war als in anderen westeuropäischen Ländern, in denen kommunistische Parteien nicht – wie seit 1956 in Westdeutschland der KPD, die schon vorher zur Splittergruppe geschrumpft war – verboten wurden. Auch war hier das Verhältnis zwischen demokratischen Sozialisten und Kommunisten teilweise weniger feindlich als in Deutschland. Von erheblicher Bedeutung für den »Antikommunismus« als internationales Phänomen war der XX. Parteitag der KPdSU 1956. Hier wurden einerseits die Verbrechen Stalins und des Stalinismus offen angesprochen, womit der »Antikommunismus« Bestätigung fand, andererseits aber Entstalinisierungsprozesse in Gang gesetzt, über deren Wirksamkeit, Stocken oder Scheitern in der westlichen Welt vielfach diskutiert wurde, was neue Voraussetzungen für den »Antikommunismus« schuf. Der Kommunismus schien sich zu verändern und zu differenzieren, was eine flexiblere Politik der nicht-kommunistischen Akteure im Westen nahelegte. Zwar war die Entwicklung im kommunistischen Herrschaftsbereich in der Folgezeit keineswegs durch kontinuierliche Reformprozesse gekennzeichnet: 1968 wurde der Prager Frühling, der reformkommunistische Ziele verfocht, durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten gewaltsam beendet. Der Gedanke von der Reformierbarkeit der kommunistischen Systeme war jedoch in der Welt. Er widersprach dem traditionellen »Antikommunismus«, der seinerseits allerdings durch die Niederschlagung von Reformbewegungen und Aufständen und nie überwundene polizeistaatliche Strukturen in den Ländern des »realen Sozialismus« immer wieder stimuliert wurde. IV. Kritik des »Antikommunismus« und Herausbildung eines »Anti-Antikommunismus« So dominant der »Antikommunismus« in manchen westlichen Gesellschaften wie der Bundesrepublik während der Fünfzigerjahre auch war: Er fand selbst in diesen Jahren einigen Widerspruch, wie hier am Beispiel Westdeutschlands angedeutet werden mag. Der schon eingangs erwähnte und auch in Westdeutschland geschätzte Thomas Mann sah im »Antikommunismus« eine »Torheit«, die dazu geführt habe, dass der Nationalsozialismus unterschätzt worden sei. Sein ganzes Bemühen war darauf gerichtet, »den Nationalsozialismus abzuwehren, ihn zu geißeln und schließlich seinen Wiederaufbau für alle Zeiten unmöglich zu machen«.30 Dabei verkannte Mann die Verhältnisse in der Sowjetunion. Bei seiner Haltung spielte außer der Fixierung auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sicherlich auch die Ablehnung der Kommunistenpsychose unter McCarthy in den USA zwischen 1950 und 1954 eine Rolle, die insbesondere Intellektuelle traf und die liberale Demokratie durch einen militanten Antiliberalismus gefährdete.31 Kritik am »Antikommunismus« bzw. an bestimmten Formen des »Antikommunismus« gab es in Westdeutschland bei manchen Intellektuellen und Schriftstellern, auch bei links-protestantischen Politikern wie Gustav Heinemann und Diether Posser, die 1957 zur SPD stießen. Zwar ließen sie keinen Zweifel daran, dass sie für die freiheitliche Rechtsordnung des Westens eintraten, doch hielten sie bestimmte Formen der Auseinandersetzung mit den Kommunisten (etwa Urteile in den Kommunistenprozessen) für rechtsstaatlich bedenklich; auch sahen sie die Ideologie des »Antikommunismus« als wesentliches Hindernis, um Fortschritte in der deutschen Frage zu erzielen.32 Zudem belastete aus ihrer Sicht der »Antikommunismus« die innenpolitische Auseinandersetzung. Noch in seiner Fernsehrede nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und den dadurch ausgelösten Osterunruhen 1968 interpretierte der damalige Justizminister und spätere Bundespräsident Heinemann das Geschehen als Folge des verhängnisvollen »Antikommunismus«, der das Klima geprägt habe, aus dem das Attentat erwachsen sei.33 Mit dem Wandel des politischen Klimas, das durch Veränderungstendenzen in der kommunistischen Welt, durch die lateinamerikanischen Erfahrungen mit Diktatur und Revolution sowie durch den Vietnamkrieg beeinflusst war, fand die Kritik am »Antikommunismus« in wachsenden Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit seit den Sechzigerjahren verstärkte Resonanz. Im akademischen Bereich wurde »Antikommunismus« in manchen Milieus, zumal nach den Jahren der Studentenbewegung, geradezu als ein Schimpfwort benutzt. Der Vorwurf, »antikommunistischem Denken« verhaftet zu sein, meinte seit den ausgehenden Sechzigerjahren, in ideologischen Positionen stecken geblieben zu sein, die längst überwunden waren. Vorherrschend wurde hier ein »Anti-Antikommunismus«, der selbst teilweise wieder undifferenziert argumentierte und dogmatische Züge annahm. Auch intellektuell anspruchsvolle Kommunismuskritik wurde in diesen Milieus als bloßer »Antikommunismus« oder als Ideologie abgetan.34 Allerdings behauptete sich in der Bundesrepublik daneben nach wie vor ein »Antikommunismus«, der gesamtgesellschaftlich nur noch bedingt konsensfähig war und an Verbindlichkeit einbüßte. Der »Antikommunismus« schrumpfte in den Siebzigerjahren teilweise zur Ideologie all derjenigen, die die Positionen der Ära Adenauer in der Deutschland- und Außenpolitik verteidigten, die Neue Ostpolitik aber prinzipiell ablehnten, da sie in ihr eine Unterwerfung unter den Willen der Sowjetunion zu sehen glaubten und linke Tendenzen in der Gesellschaft bekämpften, denen aus dieser Sicht die Regierung der sozial-liberalen Koalition nicht nur nicht hinreichend entgegentrat, sondern sie sogar förderte. Mit der Wahlparole »Freiheit statt/oder Sozialismus« versuchte die CDU/CSU bei den Bundestagswahlen 1976 und 1980 den traditionellen »Antikommunismus« zu mobilisieren, was immer noch in Teilen der Gesellschaft gelang, obgleich die Sozialdemokraten nach wie vor einen klaren Trennungsstrich zwischen sich und den kommunistischen Gruppen in der Bundesrepublik zogen und die Propagierung von Bündnissen mit kommunistischen Gruppen intern Parteiordnungsverfahren und Parteiausschlüsse zur Konsequenz hatte. Auch der ideologische Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Bundesrepublik (wohl auch in den meisten anderen westlichen Ländern) keineswegs überwunden. Begrenzt wurde der traditionelle sozialdemokratische »Antikommunismus« jedoch durch die Hoffnung auf Reformgruppen in den realsozialistischen Ländern.35 Diese kamen dann tatsächlich in verschiedenen Ländern, insbesondere in Ungarn, teilweise auch in Polen, vor allem aber mit Gorbaˇcëv in der Sowjetunion während der Achtzigerjahre zum Zuge. Sicherlich hat der differenziertere Umgang mit den kommunistischen Systemen, allen voran die pragmatische Entspannungspolitik, mehr zur Erosion der kommunistischen Systeme beigetragen als der traditionelle »Antikommunismus«. Andererseits haben manche Sozialdemokraten, unter dem Eindruck der Erfolge und der Gefährdung der Entspannungspolitik die Dissidenten und Oppositionsbewegungen im Osten in ihrer historischen Rolle zeitweilig unterschätzt. Insgesamt betrachtet schwächte sich der »Antikommunismus« seit den Sechzigerjahren in der westlichen Welt ab. In der Zeit des Vietnamkrieges erwies sich bei jungen Leuten in vielen Ländern die Empörung über die Formen des Krieges, den viele – unter Idealisierung Nordvietnams und des Vietcong – als Befreiungskrieg begreifen wollten, als wesentlich stärker als der »Antikommunismus«, der diesen Krieg als Kampf zwischen Kommunismus und freier Welt betrachtete. Zunehmend wurde in der Publizistik vom »Ende des ideologischen Zeitalters« gesprochen.36 Allerdings verliefen die Entwicklungen in den einzelnen westlichen Ländern unterschiedlich. In Frankreich führte etwa die Rezeption von Solschenizyns Archipel Gulag in den Siebziger- und Achtzigerjahren zu einer neuen, manchen schien es damals »verspäteten« Kommunismuskritik. Und auch in den USA können wir für die ausgehenden Siebzigerjahre in Jimmy Carters Menschenrechtskampagne eine »antikommunistische« Stoßrichtung erkennen. Für die Achtzigerjahre unter Ronald Reagan ist sogar eine gewisse Renaissance der Rhetorik der Befreiung gegenüber der kommunistischen Welt festzustellen. Generell verlor gleichwohl der Gegensatz der Ideologien an Gewicht, wozu auch die erkennbare Stagnation der kommunistischen Systeme beitrug, was freilich keineswegs überall zum Nachlassen politischer krimineller Energie führte, wie das Beispiel des kommunistischen Pol Pot-Regimes und seiner ungeheuerlichen Verbrechen in Kambodscha zeigte. Bemerkenswert ist, dass der »Antikommunismus« nach dem Ende der kommunistischen Systeme in Osteuropa einen gewissen Aufschwung erlebte. Unübersehbar hatte der Kommunismus in einer Sackgasse geendet. Die nun einsetzenden Aufarbeitungsprozesse der kommunistischen Systeme machten Repression und Verbrechen dieser Systeme verstärkt bewusst und bestätigten damit den »Antikommunismus«. V. »Antikommunismus« und die Kritik des Kommunismus Resümierend ist festzustellen: »Antikommunismus« bedarf einer ebenso sorgfältigen wie differenzierenden historiografischen Thematisierung wie der »Kommunismus«, dessen »Vielfalt« und »Uneindeutigkeit« in seiner »historisch und kulturell gebundenen Verschiedenheit zu beschreiben« ist.37 »Antikommunismus« ist offensichtlich der Oberbegriff für höchst verschiedene Phänomene: »Antikommunismus« im engeren Sinne ist zum einen eine Haltung, die eine wenig reflektierte Ablehnung von Kommunismus mit der Vertretung konservativer, teilweise auch rückwärtsgewandter Interessen verbunden hat. Zum anderen ist es aber eine Ideologie, die mit anderen weltanschaulichen Elementen und spezifischen politischen Zielen verschmolzen war. Vieles spricht jedoch dafür, von diesen Varianten des »Antikommunismus« eine sich mit dem Kommunismus auseinandersetzende Kritik zu unterscheiden, die an rationalen Maßstäben orientiert ist und auf der Basis demokratischer Prinzipien kommunistische Ideologie und Praxis begründeter Kritik unterworfen und deshalb den »Kommunismus« abgelehnt hat. Dieser »Antikommunismus« ist deutlich von dem vorher charakterisierten »Antikommunismus« zu unterscheiden. Vielleicht sollte man ihn als »Kommunismuskritik« bezeichnen. Das Begriffspaar »Kommunismus – Antikommunismus« legt eine manichäische Sicht nahe. Tatsächlich haben im 20. Jahrhundert viele Kommunisten eine derartige Sicht geteilt, jedenfalls solange die kommunistischen Parteien glaubten, mit der Geschichte im Bunde zu stehen. Auf militante »Antikommunisten« hat diese Haltung zeitweilig abgefärbt. Gleichwohl spricht viel dafür, diesen schlichten Manichäismus zugunsten einer differenzierten historiografischen Beschäftigung mit dem »Zeitalter der Extreme«38 aufzugeben. Dies nicht nur, um Selbstzuschreibungen von »Kommunisten« und »Antikommunisten« zu berücksichtigen, sondern auch, um die sehr unterschiedlichen Motive der Kommunisten wie der Gegner der Kommunisten und des Kommunismus zu bestimmen und nicht zuletzt, um die konkreten politisch-gesellschaftlich-kulturellen Kontexte auszuleuchten. Grundsätzlich sollte im heutigen öffentlichen Diskurs in Deutschland und andernorts die Denunziation jeder kritischen Auseinandersetzung mit kommunistischen Phänomenen als bloßer »Antikommunismus«39 ebenso ein Ende haben wie die pauschale Apologetik alles dessen, was unter dem Sammelbegriff »Antikommunismus« zusammengefasst wird und sich 1989 im Osten durchgesetzt haben soll. Zugespitzt formuliert: 1989 überwand nicht der »Antikommunismus«, sondern die Bürgerbewegung in verschiedenen Ländern Osteuropas, nicht zuletzt in der DDR, die kommunistischen Systeme, die offenkundig nicht mehr zukunftsfähig waren, sodass auch ihre späte Reform misslang.40 Auch der traditionelle »Antikommunismus« sollte sich damit überlebt haben, nicht aber begründete Kommunismuskritik. Angesichts großer Unkenntnis über den historischen Kommunismus und verstärkter Apologetik kommunistischer Ideen in jüngster Zeit ist eine Kritik sogar dringend geboten. 1 Siehe Kurt Sontheimer: Thomas Mann und die Deutschen, Frankfurt a. M. 1965, S. 131. 2 Siehe Jörg Baberowski: Was war Stalinismus? Anmerkungen zur Historisierung des Kommunismus, in: Deutschland Archiv 41 (2008), S. 1047–1056. 3 Siehe Stéphane Courtois/Nicolas Werth u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror, München/Zürich 1998. Jörg Baberowski (Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S. 8) hat das Vorwort des Schwarzbuches kritisiert: Der stalinistische Terror sei eine kommunistische Tat, doch nicht jede Form kommunistischer Herrschaft sei terroristisch gewesen. Zur Debatte über das Schwarzbuch siehe Horst Möller (Hg.): Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte über das »Schwarzbuch des Kommunismus«, München/Zürich 1999. Inzwischen erschienen: Stéphane Courtois u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie, München/Zürich 2004. Siehe auch Gerd Koenen: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998. 4 So Joachim Gauck in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 26 vom 24. Juni 2010, S. 2. 5 Siehe Kurt Marko: »Antikommunismus«, in: Claus Dieter Kernig (Hg.): Marxismus im Systemvergleich. Politik, Bd. 1., Frankfurt a. M./New York 1973, S. 49–58. 6 So die These von Eric Hobsbawm im Hinblick auf die Kommunisten in Großbritannien. Siehe dazu Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten, München/Wien 2003, S. 223 ff. 7 Allerdings kam es schon zu Zeiten der Entstehung des Kommunistischen Manifestes und in der kommunistischen Bewegungsphase zur Ablehnung des Kommunismus. 8 Siehe Uli Schöler: »Despotischer Sozialismus« oder »Staatssklaverei«? Die theoretische Verarbeitung der sowjetrussischen Entwicklung in der Sozialdemokratie Deutschlands und Österreichs (1917 bis 1929), Münster 1990. 9 Siehe Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzungen und außenpolitische Konzeptionen 1917–1933, München 1992. 10 Siehe Richard Löwenthal: Bonn und Weimar: Zwei deutsche Demokratien, in: Heinrich August Winkler (Hg.): Politische Weichenstellungen im Nachkriegsdeutschland 1945–1953, Göttingen 1979, S. 9–25, hier S. 10 ff. 11 Siehe Bernd Faulenbach: Zur Rolle von Totalitarismus- und Sozialfaschismus-»Theorien« im Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK), Berlin 2004. Überarbeitet abgedruckt in: Mike Schmeitzner (Hg.): Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007, S. 119–131. 12 Siehe Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell (Anm. 9), S. 126 ff.; ders.: Demokratie und Diktatur: Karl Kautskys Bolschewismuskritik und der Totalitarismus, in: Mike Schmeitzner (Hg.): Totalitarismuskritik von links (Anm. 11), S. 49–68. 13 Siehe Ernst Nolte: Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, München 1966; Arnd Bauerkämper: Der Faschismus in Europa 1918–1945, Stuttgart 2006. 14 Siehe François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München/Zürich 1995, S. 457 ff. 15 Peter Bender: Das Ende des ideologischen Zeitalters. Die Europäisierung Europas, Berlin 1981, S. 75 f. 16 Siehe z. B. Ludwig Dehio: Deutsche Politik an der Wegegabel, in: ders.: Deutschland und die Weltpolitik im 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1955, S. 127–137. 17 Siehe Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit. Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969, Düsseldorf 2008, S. 155 ff. 18 Siehe Bernd Stöver: Der Kalte Krieg, München 2003; ders.: Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1990, Köln u. a. 2002. 19 Siehe dazu ebd. 20 Siehe Richard Löwenthal: Vom Kalten Krieg zur Ostpolitik, in: ders./Hans-Peter Schwarz (Hg.): Die zweite Republik. 25 Jahre Bundesrepublik – eine Bilanz, Stuttgart 1974, S. 604–699. 21 Siehe Konrad Repgen: Finis Germaniae. Untergang Deutschlands durch einen SPD-Wahlsieg 1957?, in: Dieter Blumenwitz u. a. (Hg.): Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers, Bd. II, Stuttgart 1976, S. 294–315. 22 Berühmt ist das CDU-Wahlplakat »Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau«. Siehe dazu Edgar Wolfrum: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 67. 23 Zum sozialdemokratischen Antikommunismus siehe Gesine Schwan: Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945, Baden-Baden 1999, S. 35–41. 24 Siehe Beatrix Bouvier: Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945–53, Bonn 1996; Bernd Faulenbach/Heinrich Potthoff (Hg.): Sozialdemokraten und Kommunisten nach Nationalsozialismus und Krieg. Zur historischen Einordnung der Zwangsvereinigung, Essen 1998. 25 Siehe Wolfgang Buschfort: Das Ostbüro der SPD. Von der Gründung bis zur Berlin-Krise, München 1991; ders.: Parteien im Kalten Krieg. Die Ostbüros von SPD, CDU und FDP, Berlin 2000. 26 Siehe dazu Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongress für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998. Siehe ebenso den Beitrag von Daniela Muraca in diesem Band. 27 Siehe Michael Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten, Stuttgart 1991. 28 Die Distanz der amerikanischen Teilnehmer des Kongresses in Berlin hebt François Furet hervor. Siehe ders.: Das Ende der Illusion (Anm. 14), S. 540. 29 Siehe ebd. 30 Kurt Sontheimer: Thomas Mann (Anm. 1). 31 Siehe Peter Bender: Das Ende des ideologischen Zeitalters (Anm. 15), S. 75 ff.; François Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 14), S. 534 ff. 32 Siehe Diether Posser: Anwalt im Kalten Krieg. Ein Stück deutscher Geschichte in politischen Prozessen, 2. Aufl. München 1991; ders.: Gab es »politische Strafverfolgung« in der Bundesrepublik Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren und wie wurde diese Problematik von der SED instrumentalisiert?, in: Materialien der Enquetekommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«. Hg. vom Deutschen Bundestag, Bd. VIII, 3, S. 2205–2251. 33 Die Rede ist abgedruckt in Gustav W. Heinemann: Es gibt schwierige Vaterländer ... Aufsätze und Reden 1919–1969, München 1988, S. 334–336. Heinemann warf die Frage auf, »was wir selber in der Vergangenheit dazu beigetragen haben könnten, daß Antikommunismus sich bis zum Mordanschlag steigerte ...«. 34 Siehe Heinrich August Winkler: Deutsche Geschichte vom »Dritten Reich« bis zur Wiedervereinigung (= Der lange Weg nach Westen, Bd. 2), München 2000, S. 417. 35 Ein besonderes Verhältnis entwickelten die deutschen Sozialdemokraten seit den Siebzigerjahren zu den Exkommunisten Italiens, über die man Reformbestrebungen in der kommunistischen Welt zu fördern hoffte. 36 Peter Bender: Das Ende des ideologischen Zeitalters (Anm. 15). Inwieweit durch diese Veränderungen neue Wahrnehmungsmuster der kommunistischen Systeme im Westen entstanden, ist eine noch nicht beantwortete Frage. Siehe dazu Peter Steinbach: Verspielte hermeneutische Möglichkeiten. Zum Erscheinen des Schwarzbuchs des Kommunismus 2, in: JHK, Berlin 2005, S.316–323, hier S.322 f. 37 Jörg Baberowski: Was war Stalinismus? (Anm. 2), S. 1046. 38 Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995. 39 In Teilen der Linkspartei und der Öffentlichkeit ist die Tendenz unübersehbar, sich mit diesem Argument einer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus zu entziehen. 40 Es kann hier nicht erörtert werden, inwieweit der Reformkommunismus eine bewusste oder eine unbewusste systemüberwindende Komponente enthielt.

JHK 2011

Autobiografie als Kritik: Der 14. Dalai Lama und der chinesische Kommunismus (1959–1990)

Felix Wemheuer

Während des Kalten Krieges spielte das Genre der Autobiografie im Rahmen der Kritik des Westens am »real existierenden Sozialismus« eine wichtige Rolle. Besonderen Einfluss auf die Wahrnehmungen des Sozialismus übten weniger die Kampfschriften von konservativen Antikommunisten aus, vielmehr war es die Kritik von sozialistischen Dissidenten, Anhängern unterlegener Fraktionen oder von ehemaligen Funktionären, die in den Westen flohen, die entscheidende Wirkung zeigte. Der geflohene Dissident galt im Westen als Augenzeuge und Insider zugleich, der ein »wahres« Zeugnis über die wirklichen Zustände in der sozialistischen Welt ablegen konnte. Die Autobiografien der Dissidenten waren besonders attraktiv für die westliche Öffentlichkeit, da sie häufig erklärten, wie jemand Kommunist werden konnte, wie den Betroffenen in der Folge die Missstände des Systems klar wurden und er oder sie schließlich nach einer abenteuerlichen und gefährlichen Flucht im Westen ankam. Erfolgreiche antikommunistische Autobiografien, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in den USA veröffentlicht wurden, folgten diesem Schema.1 Auch in Westdeutschland galten die Erinnerungen des ehemaligen SED-Funktionärs Wolfgang Leonard, Die Revolution entlässt ihre Kinder,2 lange als Standardwerk zum Verständnis des Realsozialismus. Erinnerungen von Kommunisten, die als Anhänger unterlegener Fraktionen zu Opfern wurden, erreichten eine breite Leserschaft, wie z. B. Mein Leben von Leo Trockij (1879–1940)3 oder George Orwells (1903–1950) Erinnerungen an den Spanischen Bürgerkrieg. Orwell, der damals mit der trotzkistischen POUM sympathisierte, schuf mit Mein Katalonien ein Standardwerk der Kritik am »Stalinismus«.4 Der Vorzug solcher Autobiografien als Medium liegt darin, dass Konflikte personalisiert werden; damit werden sie für ein breiteres Publikum nachvollziehbar, und aus Sicht des Autors wird die eigene Position effektiv popularisiert. Diesen Weg geht auch der Dalai Lama mit seinen Autobiografien. In diesem Artikel soll genauer untersucht werden, welche Bedeutung ihnen zukommt, wenn es darum geht, den Konflikt zwischen einem theokratisch geprägten tibetanischen Nationalismus und dem chinesischen Kommunismus nachvollziehen zu können. My Land and My People erschien 1962, Freedom in Exile folgte 1990.5 Auch diese Autobiografien verfolgen das schon umrissene Schema (anfängliche Bewunderung für den Kommunismus, böses Erwachen, abenteuerliche Flucht in den Westen bzw. nach Indien, Leben und politische Aktivitäten in der »Freiheit«). Die Bücher richten sich in erster Linie an ein englischsprachiges Publikum. Für die Autobiografie von 1962 ließ der Dalai Lama aus dem Tibetischen übersetzen. 1990 erzählte er seine Geschichte direkt in englischer Sprache. Bis heute ist der 14. Dalai Lama der bekannteste und populärste Kritiker des chinesischen Kommunismus außerhalb Chinas. Mehrfach betonte er, dass er selbst ein halber Marxist sei und spricht davon, dass Buddhismus und Marxismus koexistieren könnten.6 Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) und vor allem deren Tibet-Politik kritisiert er jedoch radikal. In den Medien hat der Dalai Lama den Status eines Popstars und wird als moralische Autorität verehrt wie sonst nur Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Mutter Teresa.7 Seine Person und die Sache, für die er eintritt, der Kampf für ein unabhängiges bzw. autonomes Tibet, sind miteinander verschmolzen. Daher soll an dieser Stelle die Frage aufgeworfen werden, wie der Dalai Lama die Beschreibung seiner Lebensgeschichte mit der Kritik an der KPCh und seinen eigenen politischen Zielen verbindet. Dabei soll herausgearbeitet werden, wie sich seine Argumente zwischen 1962 und 1990 verändert haben. Nach einem kurzen Abriss seines Lebens von seiner Geburt bis 1990 sollen seine politische Agenda, sein Geschichtsbild sowie seine Bewertung der chinesischen Entwicklungspolitik in Tibet untersucht werden. Das master narrative, welches der Dalai Lama in den Autobiografien entwickelt, wird bis heute auf unzähligen Websites der exiltibetischen Bewegung reproduziert. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass eine Autobiografie nie eine Beschreibung der »Wahrheit« ist, sondern eine Konstruktion des eigenen Lebens im Nachhinein, die eine Auswahl des Erlebten darstellt und mit deren Hilfe eine Logik in die Lebensgeschichte gebracht wird, die natürlich vom jeweiligen Zeitgeist sowie den politischen Ansichten des Erinnernden nicht unbeeinflusst bleibt.8 In diesem Artikel steht nicht der Dalai Lama als spiritueller Führer im Vordergrund, sondern sein politisches Programm, das ich in erster Linie als einen modernen Nationalismus verstehe. Nationalismus wird in diesem Zusammenhang als eine »vorgestellte Gemeinschaft« von einer Nation definiert,9 die die Homogenisierung einer äußerst heterogenen Bevölkerung zu einem Staatsvolk anstrebt sowie Anspruch auf ein bestimmtes Territorium erhebt, der historisch und politisch begründet wird. Eine Nation ist nie eine natürliche Einheit, sondern muss erst geschaffen werden. Auch die offizielle chinesische Geschichtsschreibung erzeugt nationale Mythen, um Ansprüche auf Gebiete zu legitimieren. Minderheiten werden immer noch als »kleine Brüder und Schwestern« dargestellt, die sich mithilfe der Han-Mehrheit modernisieren sollen. Laut der letzten Volkszählung machen die Han ca. 91 Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Eine Dekonstruktion der chinesischen nationalistischen Geschichtsschreibung der KPCh kann in diesem Artikel aus Platzgründen indes nicht geleistet werden.10 Das Leben des Dalai Lamas: Ein kurzer Abriss 1935 wurde der 14. Dalai Lama als Lhamo Döndrub als Sohn eines Bauern im Dorf Taktser geboren. Das Gebiet, das von den Exil-Tibetern als Amdo bezeichnet wird, gehört zur chinesischen Provinz Qinghai. Im Alter von zwei Jahren wurde er von Mönchen als Wiedergeburt des verstorbenen 13. Dalai Lamas (1876–1933) erkannt und so im Alter von viereinhalb Jahren als 14. Dalai Lama in Lhasa inthronisiert. Damit stand er an der Spitze der Gelug-Sekte des tibetischen Buddhismus und wurde gleichzeitig auf die weltliche Herrschaft im theokratischen Regierungssystem vorbereitet. Seine Familie wurde in den Adelsstand erhoben und bekam Vermögen sowie Ländereien, die diesem Rang entsprachen.11 Die Klöster kontrollierten damals nicht nur das politische Leben, sondern faktisch auch große Teile der Ländereien. Sämtliche Modernisierungsversuche des 13. Dalai Lamas wurden durch den Widerstand der konservativen Kräfte in den Klöstern gestoppt. Im Alter von 15 Jahren wurde dem jungen Dalai Lama auch die weltliche Herrschaft übertragen. Aufgrund von Bürgerkriegen und der japanischen Invasion hatte China zwischen 1913 und 1951 die Kontrolle über Tibet verloren, das seit dem 13. Jahrhundert laut offizieller chinesischer Version Teil des chinesischen Kaiserreiches war. De facto war Tibet zwischen 1913 und 1951 nach Meinung von einem der führenden westlichen Tibet-Experten, Melvyn Goldstein, unabhängig, de jure wurde es aber völkerrechtlich von keinem Staat anerkannt.12 Im Mai 1951 unterzeichneten tibetische Regierungsvertreter mit der neuen chinesischen Regierung, die von der KPCh geführte wurde, das sogenannte 17-Punkte-Abkommen über die friedliche Befreiung Tibets.13 Dieses Abkommen gliederte Tibet wieder an das »chinesische Mutterland« an und erlaubte den Einmarsch der Volksbefreiungsarmee (VBA). Im Gegenzug blieb das theokratische System mit dem Dalai Lama an der Spitze bestehen und die chinesische Seite versprach, die Religion zu respektieren sowie Reformen erst durchzuführen, wenn die lokalen Bedingungen dafür reif seien. Nach seiner Flucht ins Exil 1959 erklärte der Dalai Lama das 17-Punkte-Abkommen für ungültig, da es unter militärischem Druck zustande gekommen sei und die chinesische Regierung es verletzt habe. Die KPCh feiert das Abkommen hingegen bis heute als »friedliche Befreiung Tibets«.14 Zunächst arbeitete der Dalai Lama zwischen 1951 und 1959 jedoch mit der chinesischen Regierung zusammen und wurde 1954 in Peking sogar zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden des ständigen Ausschusses des chinesischen Volkskongresses gewählt. Wie kein anderer Vertreter einer ethnischen Minderheit wurde der Dalai Lama von der KPCh hofiert. Persönliche Empfänge durch Mao Zedong beeindruckten ihn zunächst, und er glaubte, Tibet könne durch die Zusammenarbeit mit China reformiert werden.15 Das Bündnis zwischen der KPCh und der tibetischen Theokratie zerbrach jedoch durch den Volksaufstand vom März 1959, im Zuge dessen der Dalai Lama ins indische Exil floh. Danach setzte die KPCh in Tibet »demokratische Reformen« durch, innerhalb derer die Klöster und der Adel enteignet und die Ländereien an die Bauern übergeben wurden. Entsprechend ging die Zahl der Klöster und Mönche stark zurück.16 Der Dalai Lama baute unterdessen im indischen Dharamsala die tibetische Exilregierung auf, während die chinesische Regierung den Tibetern zunächst erklärte, der Dalai Lama sei von »reaktionären Kräften« entführt worden – Peking hoffte noch auf seine Rückkehr nach Tibet. Erst nach der Verkündung einer eigenen tibetischen Verfassung wurde der Dalai Lama 1963 von der chinesischen Regierung öffentlich angegriffen.17 Schon in My Land and My People betont er, dass er mit friedlichen Mitteln für die Unabhängigkeit Tibets kämpfe.18 Andere Tibeter führten jedoch bis in die Siebzigerjahre einen erbitterten Guerillakrieg gegen die VBA, der bis zur Annäherung zwischen den USA und China mit dem Nixon-Besuch von 1972 vom CIA durch Ausbildungslager und Lieferung von Waffen sowie Logistik unterstützt wurde.19 Nachdem während der »Kulturrevolution« zwischen 1966 und 1976 fast alle Klöster in Tibet zerstört worden waren, wurde die chinesische Tibet-Politik nach 1978 liberaler. Tausende Gefangene wurden aus den Gefängnissen entlassen, tibetische Bauern für einige Jahre von Steuern befreit. Ein großer Teil der Klöster wurde seitdem wieder aufgebaut und religiöses Leben zugelassen – natürlich alles unter der Kontrolle der KPCh. Exiltibetische Delegationen mit Vertretern des Dalai Lamas durften 1979 und 1980 nach Tibet reisen. Der Vorsitzende der KPCh Hu Yaobang bot dem Dalai Lama 1981 sogar an, nach China zurückzukehren. Er solle allerdings nicht in Tibet leben.20 In den folgenden Jahren wurden Geheimverhandlungen zwischen Peking und Dharamsala geführt, die jedoch in keine Übereinkunft mündeten. In den Achtzigerjahren gelang es dem Dalai Lama, die Tibet-Frage stärker zu internationalisieren und mehr Aufmerksamkeit im Westen zu erlangen. Seit dieser Zeit vertritt er offiziell die Doktrin des »Mittleren Weges«, laut derer er sich nach eigener Aussage mit friedlichen Mitteln für ein autonomes Tibet in einer Föderation mit der VR China einsetzt. 1989 wurde er mit dem Friedensnobelpreis in Oslo ausgezeichnet. Vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte sollen die beiden Autobiografien des Dalai Lamas eingeordnet werden. My Land and My People (1962) beschreibt sein Leben von seiner Geburt bis zur Flucht ins indische Exil. In Freedom in Exile (1990) wird auch dieser Teil des Lebens in gekürzter Form noch einmal erzählt, zusätzlich werden aber die Jahre zwischen 1962 und 1990 behandelt. Die Autobiografie von 1962 beginnt mit dem Argument, dass die tibetische Delegation das 17-Punkte-Abkommen nur unter Zwang unterzeichnet hätte. Diese Argumentation der völkerrechtswidrigen Annexion Tibets zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Im letzten Kapitel wird der Vorwurf des Genozids gegen die chinesische Regierung erhoben, die den tibetischen Buddhismus zerstören wolle.21 Auch in Freedom in Exile wird dieses Argument vorgebracht, doch stehen im Gegensatz zu 1962 die Menschenrechte sowie die Anstrengungen, im Exil eine neue, demokratischere und gerechtere tibetische Gesellschaft aufzubauen im Vordergrund. Das ist nicht weiter verwunderlich, da der Menschenrechtsdiskurs erst Mitte der Siebzigerjahre in der Weltpolitik zentrale Bedeutung erlangte. Da das politische System der tibetischen Exilregierung trotz Verfassung in den ersten Jahrzehnten wenig mit einer westlichen Demokratie gemein hatte,22 konnte eine Kritik an China auf dem Boden von Demokratie in den Sechzigerjahren leicht als unglaubwürdig kritisiert werden. Der Dalai Lama sprach in der Regel von Freiheit für Tibet, was in erster Linie als Freiheit von chinesischer Fremdherrschaft zu verstehen ist. Im Gegensatz zu Freedom in Exile wirkt die Autobiografie von 1962 eher trocken. Der Dalai Lama hatte seine humorvolle Selbstdarstellung damals noch nicht voll entwickelt. Die Autobiografie von 1990 beginnt hingegen mit der Einleitung, dass ihn manche als »Gott-König« bezeichnet haben. Er sei aber nur ein einfacher Mönch.23 Diese Aussage wiederholt der Dalai Lama fast in jedem Interview mit westlichen Medien. Verehrt und dämonisiert: Biografien über den 14. Dalai Lama Eine kritische Dekonstruktion der Autobiografien des Dalai Lamas ist vor dem Hintergrund der emotionalen Polarisierung des Konfliktes zwischen der tibetischen Exilregierung und der KPCh nicht einfach. John Powers hat darauf hingewiesen, dass die Geschichtsschreibung beider Seiten stark politisch gefärbt ist und instrumentalisiert wird.24 Differenzierte und unparteiische Auseinandersetzungen mit dem Tibet-Konflikt und der Politik des Dalai Lamas finden bisher fast ausschließlich im akademischen Rahmen im Westen statt.25 Bisher ist keine Biografie des Dalai Lamas veröffentlicht worden, die sich auf wissenschaftliche Forschung sowie tibetische und chinesische Quellen stützt. 1997 kam der Film Kundun des Hollywood-Regisseurs Martin Scorsese in die Kinos, der die Lebensgeschichte des Dalai Lamas basierend auf dessen Erinnerungen nacherzählt. Populäre Biografien, die sich an ein breites Publikum wenden, sind in der Regel von unkritischen Bewunderern des Dalai Lamas geschrieben.26 Die populärwissenschaftliche Anti-Dalai-Lama-Literatur ist jedoch nicht weniger einseitig.